Maggie spürte schmerzhaft ihren heftigen Herzschlag. Turner war um die Ecke in einer anderen Gasse verschwunden. Sie folgte ohne Zögern und ohne das Tempo zu verlangsamen. Auf halber Höhe blieb sie stehen. Die Gasse war ungewöhnlich schmal, kaum breit genug für ein normales Fahrzeug. Die hohen Backsteingebäude ließen kein Licht herein. Der Mond war nur eine schmale Sichel. Lediglich einige nackte Glühbirnen, viele zerbrochen, sorgten über klapperigen Hintertüren für schwache Beleuchtung.
Die Augen leicht verengt, schaute sie in die finsteren Winkel und versuchte mehr zu hören als das eigene Herzklopfen. Inzwischen atmete sie viel zu heftig für so einen kurzen Sprint. Ihre Haut war feucht. Jede Nervenfaser schien auf Alarm eingestellt zu sein. Ihre Muskeln waren angespannt. Wo waren die beiden abgeblieben? Sie war nur Sekunden hinter ihnen gewesen.
Hinter ihr rappelte etwas. Sie fuhr herum, die Smith & Wesson nah am Körper, und zielte, bereit, den leeren Becher von Burger King niederzustrecken. Sie sah, wie der Wind ihn erfasste und die Gasse hinuntertrieb, und versuchte, sich zu beruhigen. Konzentrier dich. Bleib gelassen.
Sie wandte sich ab, den Revolver fest in der Hand. Wieder lauschte sie angestrengt, um mehr zu hören als das Rauschen in den Ohren. Die kalte Nachtluft ließ sie abermals frösteln. Bewusst atmend, verhinderte sie ihr Japsen. Sie japste vor Angst, nicht vor Erschöpfung. Verdammt! Sie wollte sich nicht von ihm ins Bockshorn jagen lassen.
Vorsichtig ging sie in langsamen Schritten weiter. Das Kopfsteinpflaster war alt mit unebenen, teils gesprungenen Steinen. Die Gefahr, zu stolpern und angreifbar zu werden, war groß. Trotzdem sah sie nicht hinab, sondern ließ den Blick unablässig schweifen, obwohl es schwierig war, weiter als zehn, fünfzehn Meter zu sehen. Wurde es dunkler, oder bildete sie sich das bloß ein? Ihr prüfender Blick wanderte über Stapel von Kisten, schwarze Türeingänge, rostige Feuerleitern, über alles, was Stucky als Versteck und Zuflucht nutzen konnte. Diesmal legte er sie nicht herein.
Wo zum Henker steckte Turner? Sie hätte gern gerufen, doch das Risiko war zu groß. Hatten die beiden doch einen anderen Weg genommen? Nein, sie war sicher, dass sie um die Ecke in diese Gasse gebogen waren.
Weiter vorn sah sie eine freie Fläche, auf der zwei Autos parkten. Ein Müllcontainer verdeckte jedoch den Blick auf den gesamten Bereich. Hinter ihr waren in einiger Entfernung Schritte zu hören. Von der freien Fläche hörte sie gedämpfte Stimmen. An die schmutzige Backsteinwand gepresst, schlich sie langsam voran. Die Brust schmerzte ihr, die Handflächen waren feucht. Doch sie hielt die Waffe fest, den Lauf zu Boden gesenkt.
Sie erreichte das Ende des Gebäudes, kam nicht weiter und ging hinter dem Müllcontainer in die Hocke. Wo steckten bloß Delaney und Milhaven? Sie bemühte sich, durch die Dunkelheit das Ende der Gasse zu erkennen. Nichts. Die Stimmen vor ihr wurden deutlicher.
„Warten Sie eine Minute.“ Sie erkannte Turners Stimme. „Was zum Teufel haben Sie da?“
Sie wartete, doch es kam keine Antwort auf seine Frage. Falls Stucky ein Messer hatte, konnte sie die Gefahr nicht erkennen, bis es zu spät war. Sie lugte hervor und sah den Rücken der Lederjacke. Gut. Er blickte in die andere Richtung und würde sie nicht sehen. Aber wie nah stand er vor Turner?
Hinter ihr kamen laute Schritte über das Pflaster auf sie zu. Aus ihrem Versteck konnte sie die anderen nicht mit Handzeichen warnen. Verdammt! Jede Sekunde würde Stucky die Schritte auch hören, wenn es nicht schon zu spät war. Sie musste jetzt handeln, es war die einzige Chance.
In einer raschen Bewegung sprang sie hinter dem Container hervor, stellte sich breitbeinig hin, beide Arme vorgestreckt und zielte auf den Hinterkopf des Mannes. Erst als sie ihre Waffe entsicherte, sah sie Stucky zusammenzucken.
„Keine Bewegung, oder ich blase Ihnen den Kopf weg!“
„O’Dell“, hörte sie Turner sagen.
Endlich konnte sie ihn sehen. Er stand nah am Haus, ein Schatten verdeckte seinen Kopf. Da Stucky zwischen ihnen stand, konnte sie nicht erkennen, ob Turner seine Waffe gezogen hatte. Stattdessen konzentrierte sie sich auf ihr Ziel, keine drei Meter entfernt.
„O’Dell, es ist okay“, sagte Turner, bewegte sich aber immer noch nicht.
Zielte Stucky mit einer Waffe auf ihn?
„Lassen Sie alles fallen, und legen Sie die Hände hinter den Kopf. Sofort!“ schrie sie und erschrak, als ihre Stimme von den Steinwänden zurückhallte.
Die Schritte hinter ihr waren langsamer geworden. Ihr Echo ließ erkennen, dass es nur wenige Männer waren und keine ganze Kompanie. Sie drehte sich nicht um. Ihr Blick blieb auf Stucky geheftet. Der hatte sich nicht bewegt und war ihrer Aufforderung nicht nachgekommen.
„Ich sagte, Hände hoch, verdammt! Sofort!“
„O’Dell, es ist okay“, wiederholte Turner.
Wieder bewegte sich niemand, weder Stucky noch Turner oder die Männern, die in einigem Abstand hinter ihr stehen geblieben waren. Maggie ging langsam näher. Schweißtropfen liefen ihr den Rücken hinab. Eine Windböe wehte ihr feuchte Strähnen aus dem Gesicht und dafür andere hinein. Sie reagierte nicht darauf, hielt nur die Waffe fest im Griff, bereit, jederzeit abzudrücken. Ihr Körper war wie starr, in der Haltung erfroren, dass ihre Muskeln zu verkrampfen drohten.
„Zum letzten Mal: Lassen Sie alles fallen und legen Sie die Hände hinter den Kopf, oder ich blase Ihnen den Schädel weg!“ Sie presste das Ultimatum geradezu hervor. Ihr Kopf pochte, und die Hand tat ihr weh von der Anstrengung, nicht abzudrücken.
Schließlich hob er die Hände. Sofort landete etwas klatschend und knirschend auf dem Pflaster. Maggie fühlte den Inhalt des Plastikcontainers, den er gehalten hatte, über ihre Füße spritzen. Sie schaute bewusst nicht hinab, um nicht sehen zu müssen, welche Teile von Ritas Anatomie über dem Boden verteilt waren. Ihr Blick war starr auf den Zielpunkt der Waffe im dichten dunklen Haaransatz in Genickhöhe gerichtet. Auf diese kurze Entfernung würde die Kugel den Schädel durchdringen. Der Mann wäre tot, ehe er zu Boden stürzte.
„Beruhige dich, Maggie“, hörte sie Delaney sagen, der plötzlich neben ihr war.
Die anderen blieben zurück. Turner trat endlich hervor, und sie sah, dass er unverletzt war. Es war absolut still in der Gasse, als hielten alle den Atem an. Trotzdem hatte sie weder ihre Position verändert noch die Waffe gesenkt.
„Drehen Sie sich um!“ befahl sie.
„O’Dell, du kannst deine Waffe einstecken“, sagte Turner, doch sie sah ihn nicht an, sondern blieb wachsam.
„Verdammt, ich habe gesagt, umdrehen!“ Ihr Magen krampfte sich zusammen. Würde sie fähig sein, Stucky in die Augen zu sehen?
Er drehte sich langsam um. Ihr Finger legte sich enger um den Abzug. Sie musste den Zielpunkt nur geringfügig verändern. Im Sekundenbruchteil konnte sie neu zielen, genau zwischen seine Augen. Eine weitere Sekunde, um den Abzug zu drücken. Sie wollte, dass er die Kugel kommen sah. Dabei sollte er ihr in die Augen schauen und spüren, wie es war, wenn ein anderer Kontrolle über das eigene Leben hatte. Sie wollte, dass er Angst bekam, sie wollte diese Angst in seinem Blick lesen.
Der Mann mit dem schmalen, eingefallenen Gesicht starrte sie aus großen Augen ängstlich an. Die Hände zitterten ihm, und er schien jeden Moment vor Angst in Ohnmacht zu fallen. Das war genau die Reaktion, von der sie geträumt hatte, die ultimative Rache.
Doch der Mann war nicht Albert Stucky.