30. KAPITEL
Tess freute sich auf ihren morgendlichen Termin. Während sie die leeren Straßen entlangfuhr, fühlte sie sich jedoch ein wenig schuldig, weil sie aus Daniels Haus geschlichen war, ohne sich von ihm zu verabschieden. Sie hatte einfach nicht die Energie für einen weiteren Streit aufgebracht. Er würde mäkeln, weil sie so früh wegfuhr, um zu Hause zu duschen und sich umzuziehen, obwohl sie das doch bei ihm tun könnte. Der eigentliche Grund, warum er sie stets zum Bleiben drängte, war jedoch Sex, weil er morgens besser drauf war.
Er sagte dann Lächerlichkeiten wie: „Wir haben so wenig Zeit füreinander, wir brauchen die zusätzlichen Minuten am Morgen.“
Nach jeder Nacht bei ihm kam dasselbe Argument: „Wie sollen wir jemals feststellen, ob wir zusammenpassen, Tess, wenn wir nicht morgens im Bett zusammen die New York Times lesen oder frühstücken?“
Er hatte tatsächlich diese Beispiele gebracht. Wie konnte er so einen Blödsinn reden, wo er bei ihren gemeinsamen Essen doch kaum mit ihr sprach? Ob sie zusammenpassten, interessierte ihn nur dann, wenn sie für schnellen Sex bleiben sollte. Neunundneunzig Prozent der übrigen Zeit war ihm gleichgültig, was ihrer Beziehung gut tat. Nicht dass sie eine Ahnung gehabt hätte, was eine funktionierende Beziehung brauchte. Vielleicht gehörte dazu, gemeinsam die New York Times zu lesen und im Bett zu frühstücken. Woher sollte sie das wissen? Sie hatte noch keine funktionierende Beziehung gehabt und auch noch keinen Freund wie Daniel Kassenbaum.
Daniel war gebildet, intelligent und kultiviert. Herrgott, der Mann füllte das Kreuzworträtsel der New York Times mit Tinte aus! Aber im Gegensatz zu Daniel machte sie sich über ihre Beziehung keine Illusionen. Sie wusste, dass sie wenig gemeinsam hatten. Er betrachtete sie eindeutig nicht als ebenbürtig und wies oft auf ihre Defizite hin, als sei sie seine Eliza Doolittle. Erst neulich, als sie ihn gefragt hatte, ob sie ihren Verkaufsbonus investieren sollte, hatte sie sich nach seinem Hinweis, sie solle sich nicht in etwas stürzen, wovon sie nichts verstand, wie ein Dummchen gefühlt.
Haushoch überlegen war sie ihm allerdings beim Sex. Er hatte ihr oft - allerdings nur in der Hitze der Leidenschaft - gesagt, dass sie der „phänomenal beste Fick“ war, den er je gehabt habe. Aus irgendeinem Grund bereitete es ihr ein perverses Vergnügen, auf diese Weise Macht über ihn zu haben, die allerdings nur Kälte und Leere hinterließ. Sex mit Daniel, obwohl phänomenal für ihn, war weder erfreulich noch befriedigend für sie.
Sie hatte sich schon gefragt, ob sie überhaupt zu echter Leidenschaft fähig war - ob sie jemals das empfinden konnte, was sie Daniel ständig vorspielte. Dass ausgerechnet Will Finley, ein Fremder, Leidenschaft in ihr geweckt hatte, beruhigte sie keineswegs. Die noch frische Erinnerung an Will, der genau gewusst hatte, wie er sie mit Zärtlichkeiten berauschen konnte, führte ihr Daniels Unzulänglichkeiten umso krasser vor Augen. Fast wünschte sie, die Nacht mit Will zu vergessen, ausgelöscht von zu viel Tequila. Stattdessen dachte sie kaum an etwas anderes, die Erinnerungen waren jederzeit präsent.
Dabei hatte sie in jungen Jahren das Ausblenden von Erinnerungen fast zur Meisterschaft entwickelt, vornehmlich, indem sie sie in Tequila ertränkte. Damals hatte sie zu viel getrunken. Sie hatte getanzt, geflirtet und Sex mit so vielen Männern gehabt, wie sie wollte. Sie hatte mit Begeisterung Poolbillard gespielt und dabei für jeden, der sie ermutigte, eine erotische Show abgezogen. Sie hatte sich eingeredet, durch ein wildes, hektisches Leben die Schrecken der Kindheit zur vergessen, weil nichts schockierender, zerstörerischer und beängstigender sein konnte als ihre frühen Erlebnisse.
Doch das Resultat jener Zeit war ein leeres, zielloses Leben gewesen. Ironischerweise hatte es eines Wasserglases Wodka und einer Schachtel Schlaftabletten bedurft, um sie wachzurütteln. Das war sieben Jahre her. In den letzten fünf hatte sie hart daran gearbeitet, sich ein neues Leben zu schaffen und nicht nur ihre Kindheit hinter sich zu lassen, sondern auch die dunklen Jahre danach, in denen sie durch Vertuschung und falsche Strategien versucht hatte, sie zu bewältigen.
Dazu war sie aus dem Wahnsinnsgetriebe Washingtons mit seinen Versuchungen in Form von Drogen, Nachtclubs und Politikerbetten geflohen. Louies Bar war eine Art Übergangsheim für sie geworden. Sie hatte den Job an der Bar angenommen und ein kleines Apartment am Fluss gemietet. Als die Zeit reif war, hatte sie die Familienfarm in Blackwood, Virginia, verkauft - die Hölle ihrer Kindheit, die sie mit Tante und Onkel bewohnte. Beide waren bereits Jahre zuvor gestorben. Von ihrem Tod hatte sie durch die Erbschaftsanzeige eines Anwalts erfahren. Irgendwie hatte sie immer geglaubt, es automatisch zu wissen, wenn sie starben, weil die Welt dann erleichtert aufatmen würde. Das Aufatmen war ausgeblieben.
Tess betrachtete sich im Rückspiegel. Es wurmte sie, dass sie bei solchen Erinnerungen immer noch die Stirn runzelte und die Zähne zusammenpresste. Nach dem Tod von Onkel und Tante hatte sie die Farm erst mal leer stehen lassen, weil sie keinen Fuß darauf setzen mochte. Schließlich hatte sie den Mut aufgebracht, das Grundstück zu verkaufen, aber zunächst das Haus und alle verfallenen Gebäude planieren lassen. Vor allem den Sturmkeller - ihre persönliche Strafkammer. Er wurde von Bulldozern eingerissen und aufgefüllt. Erst danach hatte sie den Besitz guten Gewissens verkaufen können.
Sie erhielt einen anständigen Preis und genug Geld für einen Neuanfang. Was nur gerecht war, da man ihr das halbe Leben bereits geraubt hatte. Sie finanzierte ihre Ausbildung, um die Lizenz als Immobilienmaklerin zu erwerben, und behielt genügend übrig, um in einer ruhigen Stadt, in einem netten Viertel, wo niemand sie kannte, ein kleines Backsteincottage zu kaufen und zu möblieren.
Sobald sie den Job bei Heston Immobilien bekommen hatte, trat sie mehreren Vereinigungen bei. Delores schrieb sie im Skyview Countryclub ein, weil die Mitgliedschaft ihrer Ansicht nach wichtig war, um potenzielle Kunden kennen zu lernen. Trotzdem hatte Tess immer noch ein Problem damit, sich als Mitglied eines Countryclubs zu sehen. Im Club hatte sie dann Daniel Kassenbaum kennen gelernt. Das verbuchte sie als großen Sieg und als Beweis für den Erfolg ihres neuen Lebensstils. Sie konnte alles erreichen und sich überall blicken lassen, wenn sie jemand von solcher Herkunft, Bildung, Arroganz und Kultiviertheit wie Daniel für sich gewann.
Sie sagte sich immer wieder, dass Daniel gut für sie war. Er war solide, ehrgeizig, praktisch und vor allem, er wurde ernst genommen. Das nützte ihr, besser gesagt, sie brauchte ihn. So gesehen war es unbedeutend, ob er sie aus Gleichgültigkeit oder Unkenntnis nicht sexuell zu erregen verstand. Außerdem war sie ja nicht in ihn verliebt. Sie bevorzugte, keine Emotionen zu investieren. Liebe und Emotionen waren nicht die wichtigsten Zutaten für eine erfolgreiche Beziehung, eher für eine Katastrophe.
Tess hielt den Miata vor 5349 Archer Drive an, blickte die Sackgasse hinauf und hinab und fand bestätigt, dass sie zu früh war. Kein Hinweis auf den Mann, mit dem sie um zehn verabredet war. Es gab überhaupt keinen Hinweis auf Leben. Die Pendler, die hier wohnten, waren längst zu ihren langen Fahrten zur Arbeit aufgebrochen, und alle, die hier bleiben durften, lagen wahrscheinlich noch in den Betten.
Sie wollte die Zeit nutzen, um sich zu vergewissern, dass das zweistöckige Haus im Kolonialstil in tadellosem vorzeigbaren Zustand war.
Sie prüfte noch einmal ihr Äußeres im Spiegel. Seit wann waren die Linien um Augen und Mund so deutlich sichtbar? Zum ersten Mal sah sie so alt aus, wie sie war. Sie ermahnte sich, nicht zu vergessen, dass sie Jahre gebraucht hatte, beruflich so weit zu kommen, und Daniel ein wichtiger Teil des Puzzles war, aus dem sich ihre neue Persönlichkeit als berufstätige Frau zusammensetzte. Er verlieh ihr Glaubwürdigkeit. Das durfte sie jetzt nicht aufs Spiel setzen. Warum also dachte sie ständig an Will Finley im blauen Handtuch um die Hüften, schlank und attraktiv, der ungeahnte Gefühle in ihr weckte?
Kopfschüttelnd nahm sie ihre Aktentasche, stieg aus und schlug die Autotür so fest zu, dass das Echo durch das ruhige Viertel hallte. Als Entschädigung ging sie leise auf das Haus zu und vermied es, mit den hohen Absätzen zu klappern.
Das Haus wurde seit über acht Monaten angeboten, doch in den letzten drei hatte sich kaum jemand dafür interessiert. Die Verkäufer beharrten auf ihrer Preisvorstellung. Wie bei vielen Häusern am Rande von Newburgh Heights schien Geld für die Besitzer keine Rolle zu spielen. Was Verhandlungen schwierig machte.
Tess ging zur Metalltür, um das Sicherheitsschloss zu öffnen, doch der Schlüssel drehte sich zu leicht. Der Sicherheitsriegel klickte nicht. Die Tür war nicht abgeschlossen, und als sie das Foyer betrat, merkte sie, dass die Alarmanlage ausgeschaltet war.