Tess McGowan stopfte eine Kopie des Vertragsabschlusses in ihre lederne Aktentasche, ohne die abgewetzte Oberfläche und den gebrochenen Griff zu beachten. Noch einige Verkäufe, und sie konnte sich vielleicht eine neue Aktentasche leisten, anstatt dieser aus zweiter Hand, die sie in einem Secondhandladen erstanden hatte.
Sie machte eine Notiz auf ihrem Block. „Joyce und Bill Saunders: Kekse mit Schokostücken.“ Die Kinder der Saunders’ würden sich riesig freuen, und Joyce war schokoladensüchtig. Dann schrieb sie: „Maggie O’Dell, ein Blumenbouquet.“ Und strich es sofort wieder durch. Nein, das war zu simpel. Ihre Dankeschön-Geschenke sollten zu ihren Kunden passen. Das war ihr Markenzeichen geworden, das sich durch Mundpropaganda auszahlte. Was würde O’Dell mögen? Selbst FBI-Agentinnen mochten Blumen, und Maggie O’Dell war von ihrem großen Garten begeistert gewesen. Trotzdem schien ein Bouquet nicht das Richtige zu sein. Nein, das Richtige für Maggie O’Dell wäre vermutlich ein Killer-Dobermann. Lächelnd notierte Tess stattdessen „eine Topfazalee“.
Zufrieden schaltete sie den Computer aus und zog ihre Jacke über. Die anderen Büros waren schon seit Stunden leer. Sie war die einzige Verrückte, die noch so spät arbeitete. Aber das machte nichts. Daniel blieb bis acht oder neun im Büro, und ehe er an sie dachte, vergingen sowieso noch weitere Stunden. Aber sie wollte sich nicht über seine Unaufmerksamkeit beklagen. Wenn es anders wäre, wenn er sie ständig anriefe, sie in ihren Freiheiten beschränkte oder gar auf eine engere Bindung drängte, würde sie weglaufen. Nein, sie mochte es so, wie es war, sicher und unkompliziert, mit sehr geringer emotionaler Investition. Es war die ideale Beziehung für eine Frau, die keine echte Bindung eingehen konnte.
Sie näherte sich dem Kopierraum und blieb stehen, als sie ein Scharren hörte. Ihr Blick flog zur Eingangstür am Ende des Flures, um sich zu vergewissern, dass sie im Falle einer notwendigen Flucht ungehindert wegrennen konnte. Gegen die Wand gelehnt, blickte sie vorsichtig um die Ecke der Tür in den Raum, in dem der Kopierer summte.
„Mädchen, ich dachte, Sie wären schon vor Stunden nach Hause gegangen.“ Die Stimme erschreckte Tess, als Delores Heston sich hinter dem Kopierer aufrichtete und einen Stapel Papier in die Maschine legte. Sie sah Tess besorgt an. „Du liebe Güte, tut mir Leid, Tess. Ich wollte Sie nicht erschrecken. Alles okay?“
Tess spürte ihren angstvollen Pulsschlag und schämte sich ihrer Nervosität. Die Paranoia war eine Nachwirkung ihres früheren Lebens. An den Türrahmen gelehnt, lächelte sie Delores an und wartete, dass sich ihr Puls beruhigte.
„Mir geht es gut. Ich dachte, alle anderen wären schon fort. Was tun Sie noch hier? Wollten Sie nicht die Greeleys zum Dinner ausführen?“
Delores drückte einige Knöpfe, und die Maschine erwachte mit sanftem, fast beruhigendem Summen zum Leben. Die Hände auf die üppigen Hüften gestemmt, sah Delores sie an.
„Sie mussten den Termin verlegen, deshalb arbeite ich einige Unterlagen auf. Aber bitte sagen Sie es Verna nicht. Sie schreit mich sonst an, dass ich ihr wertvolles Baby durcheinander gebracht habe.“ Wie auf Kommando piepste die Maschine. „Heiliger Strohsack, was habe ich jetzt wieder falsch gemacht?“
Tess lachte. In Wahrheit gehörte Delores die Maschine, so wie jeder Sessel und jede Büroklammer hier. Seit der Gründung von Heston Immobilien vor zehn Jahren hatte sich Delores in Newburgh Heights und Umgebung einen guten Namen gemacht. Keine üble Leistung für eine in Armut aufgewachsene Farbige. Tess bewunderte ihre Mentorin, die um sechs am Abend nach einem arbeitsreichen Tag in ihrem maßgeschneiderten burgunderroten Kostüm immer noch tadellos aussah. Ihr seidiges schwarzes Haar war zu einem festen Knoten geschlungen, dem sich nicht eine Strähne entwand. Nur der Umstand, dass sie auf Strümpfen ging, wies darauf hin, dass sie eigentlich Feierabend hatte.
Tess hingegen sah, dass ihre Kleidung vom vielen Sitzen verknittert war. Ihr dichtes welliges Haar kräuselte sich von der Feuchtigkeit, und etliche Strähnen lösten sich aus der Spange, mit der sie es zusammenhielt. Wahrscheinlich war sie die einzige Frau auf der Welt, die ihr naturblondes Haar zu einem undefinierbaren Braun färbte, um respektabler zu wirken und erotische Annäherungsversuche zu unterbinden. Sogar die Brille, die sie an einer Designerkordel um den Hals trug, war Tarnung. Sie trug Kontaktlinsen. Aber wirkten junge, attraktive Frauen nicht immer intelligenter, wenn sie eine Brille trugen?
Die Maschine hörte endlich auf zu piepsen und begann Kopien auszuspucken. Delores wandte sich Tess zu und verdrehte die Augen. „Verna hat ganz Recht, mich nicht an dieses Ding zu lassen.“
„Sieht aber so aus, als hätten Sie es unter Kontrolle.“
„Also, Mädchen, was tun Sie noch so spät hier? Haben Sie an einem Freitagabend nicht einen hübschen jungen Mann zum Knuddeln?“
„Ich wollte nur die Unterlagen zum Verkauf des Saunders-Hauses noch fertig machen.“
„Ja, richtig. Ich hatte vergessen, dass Sie den Verkauf diese Woche abgeschlossen haben. Ausgezeichnete Arbeit übrigens. Ich weiß, dass die Saunders’ es besonders eilig hatten mit dem Verkauf. Mussten wir einen Verlust hinnehmen?“
„Eigentlich hat sich die Sache für alle gelohnt. Außerdem haben wir ihren gesetzten Termin unterboten. Zu unserer üblichen Provision bekommen wir also auch noch den ausgesetzten Verkaufsbonus.“
„Das höre ich gern. Es gibt keine bessere Werbung, als die Erwartungen des Kunden zu überbieten. Aber der Verkaufsbonus gehört ganz Ihnen, meine Liebe.“
Tess war nicht sicher, ob sie ihre Chefin richtig verstanden hatte.
„Wie bitte?“
„Sie haben es gehört. Sie behalten den Verkaufsbonus für sich. Sie haben ihn verdient.“
Tess wusste im Moment nicht, was sie sagen sollte. Der Bonus betrug fast zehntausend Dollar. Als sie noch hinter der Bar gestanden hatte, war das der Lohn eines halben Jahres gewesen. Ihre überraschte Miene erheiterte Delores.
„Mädchen, Sie müssten Ihr Gesicht sehen.“
Tess wartete schwach lächelnd ab und traute sich vor Verlegenheit nicht zu fragen, ob ihre Chefin scherzte. Es wäre ein grausamer Scherz und leider nicht das erste Mal, dass man sich auf ihre Kosten amüsierte. Doch sie nahm es hin und erwartete Gemeinheit fast eher als Freundlichkeit.
Delores sah sie wieder besorgt an.
„Tess, das ist mein Ernst. Ich möchte, dass Sie den Verkaufsbonus behalten. Sie haben sich so abgestrampelt in den letzten zwei Wochen. Ich weiß, dass das Haus schön und eigentlich ein Schnäppchen war, aber der Verkauf hat viel Arbeit und lange Verhandlungen gekostet. In der gegenwärtigen Lage etwas so schnell und besonders in der Preisklasse an den Mann zu bringen, grenzt an ein Wunder.“
„Nun ja, aber der Bonus, das ist eine Menge Geld. Sind Sie sicher, dass Sie ...“
„Absolut. Ich weiß genau, was ich tue, meine Liebe. Ich investiere in Sie, weil ich möchte, dass Sie bei mir bleiben. Es fehlte mir gerade noch, dass Sie sich selbstständig machen und meine Konkurrentin werden. Außerdem mache ich einen schönen Schnitt dabei. So, und jetzt gehen Sie heim und feiern mit Ihrem hübschen jungen Mann.“
Auf dem Heimweg zweifelte Tess, ob eine Feier möglich war. Daniel war letzte Woche sehr zornig auf sie gewesen, weil sie sich geweigert hatte, bei ihm einzuziehen. Sie konnte es ihm nicht mal verübeln. Warum nur stieß sie jeden Mann zurück, sobald sie das Gefühl hatte, er kam ihr zu nahe?
Herrgott, sie war doch kein Kind mehr. In wenigen Wochen wurde sie fünfunddreißig. Sie war dabei, eine erfolgreiche und respektierte Geschäftsfrau zu werden. Warum bekam sie dann ihr Privatleben nicht in den Griff? War sie dazu verdammt, in jeder normalen Beziehung zu scheitern? Gleichgültig, was sie tat, ihre Vergangenheit schien sie wieder in die alten, bequemen, aber zerstörerischen Bahnen zu lenken.
Die letzten fünf Jahre waren ein ständiger Kampf gewesen, und nun machte sie endlich Fortschritte. Dieser letzte Verkauf hatte bewiesen, dass sie gut war in ihrem Job. Sie konnte ihren Lebensunterhalt verdienen, ohne zu betrügen. Sogar Daniel mit seinen fein geschnittenen Zügen, seiner Bildung und Kultiviertheit war eine Art Trophäe geworden. Er war intellektuell und ehrgeizig und vollkommen anders als die Männer, mit denen sie bisher zusammen gewesen war. Was machte es da schon, dass er ein wenig arrogant war oder sie nur wenig gemeinsam hatten? Er tat ihr gut. Bei dem Gedanken zuckte sie zusammen. Das klang, als sei Daniel Lebertran.
Tess ertappte sich dabei, dass sie ihren geleasten Miata auf dem Parkplatz hinter Louies Bar und Grill abstellte. Sie würde sich eine Flasche Wein kaufen. Dann würde sie Daniel anrufen, sich für letzte Woche entschuldigen und ihn zu einem späten Dinner einladen, um zu feiern. Bestimmt würde er sich über ihren Erfolg freuen. Angeblich mochte er ihre Unabhängigkeit und Entschlossenheit, und Daniel war geizig mit Komplimenten, sogar mit halbherzigen.
Sie lehnte sich im Ledersitz zurück und fragte sich, warum sie sich schon wieder bei ihm entschuldigen wollte. Egal. Hauptsache, sie legten den Streit bei und schauten nach vorn. Sie wurde langsam gut darin, Vergangenes hinter sich zu lassen. Aber wenn das stimmte, was tat sie dann hier hinter Louies Bar? Sheps Spirituosenladen lag nur drei Blocks entfernt an der Straße und genau auf ihrem Heimweg. Was in aller Welt wollte sie hier beweisen? Vor allem sich selbst?
Sie griff nach dem Schlüssel im Zündschloss und wollte den Wagen wieder anlassen, als die aufschwingende Hintertür sie erschreckte. Ein stämmiger Mann mittleren Alters kam heraus, mehrere Abfalltüten in den Händen, die Schürze schmutzig und der kahl werdende Schädel glänzend vor Schweiß. Eine Zigarette hing ihm aus dem Mundwinkel. Ohne sie herauszunehmen, hievte er die Tüten in den Abfallcontainer und wischte sich mit dem Hemdsärmel den Schweiß von der Stirn. Als er sich umwandte, um zurückzugehen, entdeckte er sie, und es war zu spät.
Er griff nach der Zigarette, machte einen letzten Zug und warf sie zu Boden. In breitbeinigem Gang, mit dem er die von ihm bewunderten Profiringer imitierte, schlenderte er auf ihren Wagen zu. Er hielt das für cool. In Wahrheit sah er nur wie ein bemitleidenswerter, übergewichtiger, fast kahler Mann mittleren Alters aus. Trotz allem fand sie ihn nett. Er war fast so etwas wie ein alter Freund.
„Tessy“, sagte er. „Was zum Teufel tust du denn hier?“
Sie bemerkte, dass er lächeln wollte, doch er blieb ernst und rieb sich stattdessen sein Stoppelkinn.
„Hallo, Louie.“ Sie stieg aus.
„Verdammt schicker Schlitten, Tessy“, schwärmte er und betrachtete den glänzenden schwarzen Miata.
Sie ließ ihn den Wagen begutachten und bewundern und verschwieg, dass es ein Firmenfahrzeug war und nicht ihr eigenes. Eines von Delores’ Mottos lautete: Um Erfolg zu haben, musst du erst mal erfolgreich aussehen.
Schließlich musterte Louie ihr Designeroutfit, und sein anerkennender Pfiff ließ sie erröten. Sie hätte stolz sein sollen. Stattdessen vermittelte ihr seine Bewunderung zum zweiten Mal an diesem Tag das Gefühl, eine Betrügerin zu sein.
„Also, was machst du hier? Vergnügungstour durch die Slums?“
Ihre Wangen brannten. „Natürlich nicht“, wehrte sie sich entrüstet.
„He, ich mach nur’n Jux, Tessy.“
„Ich weiß.“ Sie lächelte und hoffte, überzeugend zu wirken. Sie wandte sich dem Wagen zu, um die Tür abzuschließen, obwohl die Fernbedienung das aus zehn Schritt Entfernung schaffte. „Ich muss nur eine Flasche Wein mitnehmen und dachte mir, ich gönne dir das Geschäft anstelle von Sheps.“
„Ach wirklich?“ Er sah sie mit hochgezogenen Brauen an, lächelte dann aber. „Nun, da bin ich dir dankbar. Aber du brauchst keine Entschuldigung, um uns zu besuchen, Tessy. Du weißt, du bist uns immer willkommen.“
„Danke, Louie.“
Plötzlich kam sie sich wieder wie die rast- und orientierungslose Bardame vor, die sie vor fünf Jahren gewesen war. Würde sie ihre Vergangenheit je abschütteln?
„Komm schon“, sagte Louie und legte ihr einen muskulösen Arm um die Schultern.
Auf hohen Absätzen war Tess um einiges größer als er, so dass sich die Drachentätowierung auf seinem Arm strecken musste.
Die Mischung aus Körper- und Frittengeruch schlug ihr auf den Magen, allerdings nicht vor Ekel, sondern vor Heimweh. Dann dachte sie an Daniel. Er würde später den Zigarettenrauch und die fettigen Burger riechen. Damit wäre ihre Feier beendet.
„Ach, Louie, mir ist gerade eingefallen, dass ich etwas im Büro vergessen habe.“ Sie drehte sich um und schlüpfte unter seinem Arm hindurch.
„Und das kann nicht ein paar Minuten warten?“
„Nein, tut mir Leid. Mein Boss knüpft mich auf, wenn ich mich nicht gleich um die Sache kümmere.“ Sie öffnete die Tür mit der Fernbedienung und stieg ein, ehe Louie Gelegenheit zu weiteren Einwänden hatte. „Ich komme später vorbei“, rief sie durch das halb offene Fenster und wusste genau, dass sie das nicht tun würde.
Sie legte den Gang ein, rollte langsam die schmale Gasse entlang und beobachtete Louie im Rückspiegel. Er wirkte eher verwirrt als sauer. Das war gut. Sie wollte nicht, dass Louie sauer auf sie war, und wunderte sich, dass es ihr so viel ausmachte.
Sie bog auf die Hauptstraße ein und trat das Gaspedal durch, sobald sie außer Sichtweite war. Dennoch dauerte es einige Meilen, ehe sie wieder ruhig atmen konnte und das Radio hörte, anstatt des eigenen Pulsschlags. Dann fiel ihr ein, dass sie an Sheps Spirituosenladen vorbeigefahren war. Egal. Sie hatte nicht mehr das Gefühl, eine Feier zu verdienen. Deshalb versuchte sie an ihren Erfolg zu denken und nicht an ihre Vergangenheit. Vor lauter Konzentration beachtete sie die dunkle Limousine nicht, die ihr folgte.