Tess geriet zunehmend in Panik, als das letzte Tageslicht alle Umrisse in Schatten verwandelte. Sie versuchte die innere Stimme zu ignorieren, die sie drängte, aus diesem Grab herauszuklettern und so weit zu laufen, wie sie es mit ihrem verletzten Knöchel schaffte. Gleichgültig, welche Richtung sie einschlug oder wohin sie gelangte, Hauptsache, sie war aus diesem Höllenloch mit seinen Knochen und verlorenen Seelen heraus.
Sie saß neben der Frau namens Rachel und hörte ihre stockende Atmung. Bald würde sie nichts mehr sehen können, aber sie hatte die Decke über Rachel gebreitet, damit sie keine weitere Nacht schutzlos den Elementen ausgesetzt war.
Tess konnte nicht sagen, warum sie zurückgekehrt und nicht längst abgehauen war. Natürlich würde sie Rachel am besten helfen, wenn sie Hilfe holte. Doch nachdem sie den Nachmittag die Wälder durchstreift hatte, wusste sie, dass es in der Nähe keine Hilfe gab. Sie hatte kaum den Rückweg gefunden, obwohl sie ihn mit Pinienzapfen markiert hatte. Inzwischen bezweifelte sie, ob es klug gewesen war zurückzukommen. Vielleicht hatte sie damit den eigenen Tod besiegelt? Doch sie brachte es nicht fertig, diese Frau allein zu lassen. Ob aus Verantwortungsgefühl oder purem Eigennutz konnte sie nicht mal entscheiden. Eine weitere Nacht allein hier draußen würde sie jedoch nicht ertragen.
Sie hatte in dem Lederpumps mit dem abgebrochenen Absatz sogar etwas Wasser mitgebracht. Rachel musste unglaublich durstig sein, doch sie trank nur wenig. Das meiste floss ihr aus den zerschnittenen, geschwollenen Lippen über das blutunterlaufene Kinn.
Seit sie ihren Namen gesagt hatte, sprach sie kaum noch. Manchmal beantwortete sie eine Frage mit einem schlichten Ja oder Nein. Die meiste Zeit schwieg sie, als erfordere das Atmen ihre ganze Kraft. Tess fiel auf, dass Rachels Atmung tatsächlich rauer und angestrengter geworden war. Sie hatte Fieber, und ihre Muskeln zuckten und verkrampften anfallsweise den ganzen Körper, gleichgültig, wie sehr sie ihr zu helfen versuchte.
Nach stundenlanger Erkundung der Grube, bei der sie jeden Erdvorsprung und jede kräftige Wurzel überprüft hatte, stellte sie resigniert fest, dass sie Rachel unmöglich hier herausziehen konnte.
Tess lehnte den Kopf gegen die Erdwand, ungeachtet der Bröckchen, die ihr in den Kragen und den Rücken hinabfielen. Sie schloss die Augen und versuchte, an etwas Schönes zu denken. Ein schwieriges Unterfangen, angesichts ihres Mangels an schönen Erfahrungen. Doch ohne große Mühe tauchte Will Finley vor ihrem inneren Auge auf. Gesicht, Körper, Hände, Stimme, alles hatte sich deutlich ihrem Gedächtnis eingeprägt. Er war trotz seines Verlangens und seiner unersättlichen Leidenschaft sanft und liebevoll zu ihr gewesen. Er schien mehr empfunden zu haben als nur körperliches Vergnügen, und ihre Gefühle schienen ihm ebenso wichtig gewesen zu sein wie die eigenen.
Bei ihren vielen Erlebnissen mit Männern und Sex wäre sie nie auf die Idee gekommen, Sex mit Liebe in Verbindung zu bringen. Natürlich wusste sie, dass beides zusammengehören sollte, doch das deckte sich nicht mit ihren Erfahrungen. Sogar mit Daniel empfand sie nichts, was sie auch nur entfernt als Liebe bezeichnet hätte. Aber das hatte sie auch nicht erwartet.
Wie war es dann möglich, dass sie für Will Finley, den sie gar nicht kannte, zärtliche Gefühle entwickelte? Er war ein Fremder gewesen, das typische flüchtige Abenteuer. Wieso war es bei ihm anders als bei den vielen Freiern, die sie bedient hatte? Sie konnte sich nichts vormachen, die gemeinsame Nacht mit Will Finley war etwas Besonderes gewesen. Sie wollte das nicht zu etwas Billigem herabwürdigen. Zumal ihre Gefühle für ihn Liebe so nahe kamen, wie sie das vielleicht nie mehr erlebte. Gerade jetzt brauchte sie diese Erinnerung. Also klammerte sie sich daran und dachte an sanfte Lippen, zart streichelnde Hände, an einen harten Körper, an Geflüster, an Intensität, an Wärme.
Es funktionierte eine Weile und ließ sie Gestank, Verwesung und Schlamm vergessen. Sie glaubte sogar, etwas schlafen zu können. Dann wurde ihr plötzlich bewusst, wie ruhig es war. Sie hielt den Atem an und lauschte. Die Erkenntnis war wie eine Injektion mit Eiswasser. Entsetzen drückte ihr das Herz ab. Sie atmete in kurzen, heftigen Stößen und begann unkontrolliert zu zittern. Die Arme um sich geschlungen, wiegte sie sich vor und zurück.
„Oh Lieber Gott, nein!“ flüsterte sie immer wieder wie eine Verrückte. Als sie sich zwingen konnte, einen Moment ruhig zu bleiben, lauschte sie erneut, um mehr als ihr lautes Herzklopfen zu hören. Sie strengte sich an und wollte nicht wahrhaben, was nicht mehr zu leugnen war. Es hatte keinen Sinn, die Stille war eindeutig. Rachel war tot.
Tess rollte sich in der Ecke zusammen und tat, was sie seit der Kindheit nicht getan hatte. Sie weinte herzzerreißend und ließ den jahrelang aufgestauten Kummer heraus, dass sich ihr Körper in hysterischen, unkontrollierbaren Zuckungen schüttelte. Die Schluchzer durchdrangen die dunkle Stille, und sie erkannte sie kaum als eigene Laute. Da sie nicht zu unterdrücken waren, überließ sie sich ganz ihrem Schmerz.