Tess kam schlitternd zum Stehen. Ihre nackten Füße waren mit Schlamm bedeckt. Sie konnte es riechen und merkte, dass auch Hände, Hose und abgestoßene Ellbogen schlammbedeckt waren. Sie erinnerte sich nicht, sich die Bluse zerrissen zu haben, doch beide Ellenbogen sahen hervor, zerkratzt, blutig und jetzt auch noch mit moderigem Schlamm bedeckt. Der Regen hatte aufgehört, ohne dass es ihr gleich aufgefallen war. Doch die Pause würde von kurzer Dauer sein. Die Wolken waren dunkler geworden, und der Nebel wurde dichter und strich um sie herum wie unruhige, aus dem Boden aufsteigende Geister. Herrgott, sie sollte nicht an solche Dinge denken. Sie sollte gar nicht denken, nur rennen.
An einen Baum gelehnt, versuchte sie zu Atem zu kommen. Sie war dem einzigen Weg gefolgt, den sie in dem dichten Wald finden konnte, und hoffte, er führte sie in die Freiheit. Sie war am Ende ihrer Nerven, Panik hatte sie fest im Griff. Sie erwartete, dass ihr Entführer jeden Moment hinter einem Busch hervortrat und sie packte.
Trockene und gebrochene Zweige durchstachen ihren Deckenumhang. Etliche Male war sie damit hängen geblieben und dann zurückgerissen worden, als packten Hände nach ihrem Hals. Die schmerzhaften Würgemale waren dabei eine unliebsame Erinnerung an seinen Angriff gewesen. Trotzdem ließ sie die Decke nicht fallen, da sie ihr wie ein schwacher Schutzschild vorkam. Von Regen und Schweiß war sie klatschnass. Feuchte Haare klebten ihr am Gesicht, und die Seidenbluse lag an wie eine zweite Haut.
Der dichte Nebel durchnässte sie weiter. In weniger als einer Stunde würde sich Dunkelheit über diese endlosen Wälder senken. Die Gewissheit machte ihr noch mehr Angst. Sie konnte durch den feuchten Dunst kaum noch etwas sehen. Zwei Mal war sie einen Abhang hinabgerutscht und fast in eine Wasserfläche gestürzt, die von oben nur wie dichter grauer Nebel ausgesehen hatte. Die Dunkelheit würde weiteres Vorankommen unmöglich machen.
Der Entführer hatte ihr aus offensichtlichen Gründen die Armbanduhr abgenommen. Den Saphirring und die Ohrringe hatte er ihr gelassen. Den Dreitausenddollarring hätte sie liebend gern für ihre Timex eingetauscht. Die Zeit nicht zu wissen war furchtbar. Welcher Tag war überhaupt? Konnte es noch Mittwoch sein? Nein. Sie erinnerte sich, dass es beim kurzen Erwachen im Auto dunkel gewesen war. Ja, Scheinwerfer waren ihnen entgegengekommen. Was bedeutete, dass sie den größten Teil des Donnerstags geschlafen hatte. Ihr wurde plötzlich klar, dass sie keinen Anhaltspunkt hatte, wie lange sie bewusstlos gewesen war. Vielleicht tagelang.
Die neue Angst machte das Atmen wieder beschwerlicher. Nur die Ruhe! Sie musste gelassen überlegen, wie sie die Nacht verbringen wollte, und es Schritt für Schritt planen und angehen. Zwar riet ihr der Instinkt weiterzurennen, doch sagte die Vernunft, dass es wichtiger war, einen Platz für die Nacht zu finden. Inzwischen fragte sie sich, ob sie nicht besser in dem Schuppen geblieben wäre. Hatte sie mit ihrer Flucht wirklich etwas erreicht? Im Schuppen war es wenigstens trocken gewesen, und die klumpige Pritsche kam ihr jetzt wunderbar behaglich vor. Sie hatte keine Ahnung, wo sie hier war, und es sah nicht danach aus, als sei sie ihrem Ziel, diesem Waldgefängnis zu entfliehen, trotz meilenweiten Laufens auch nur ein Stück näher gekommen.
Sie kauerte sich hin, den Rücken gegen die raue Holzrinde eines Baumstammes gelehnt. Sie musste die Beine ausruhen, aber wachsam und fluchtbereit bleiben. Schwarze Krähen stießen empört auf sie herab und erschreckten sie. Sie blieb still sitzen, zu müde und schwach, ihnen auszuweichen. Die Krähen sammelten sich für die Nacht in den Baumwipfeln. Hunderte kamen aus allen Richtungen angeflattert und taten mit rauen Schreien kund, dass sie ihren abendlichen Schlafplatz einnahmen.
Ihr kam plötzlich der Gedanke, dass die Vögel sich hier kaum niederlassen würden, wenn sie diesen Platz nicht für sicher hielten. Sollte es in der Nacht eine Störung oder gar Gefahr geben, warnten die Krähen sie vermutlich zuverlässiger als jede Alarmanlage.
Sie sah sich suchend nach einem sicheren Ruheplatz um. Hier lag ein Teppich aus abgefallenen Blättern und Piniennadeln vom letzten Herbst. Jedoch war alles von Regen und Nebel durchnässt. Der bloße Gedanke, sich auf den kalten Boden zu legen, ließ sie frösteln.
Das Krähengeschrei dauerte an. Sie blickte hinauf und prüfte die Äste. Seit ihrer Kindheit war sie nicht mehr auf einen Baum geklettert. Damals war das eine Überlebenstaktik gewesen, ein Versteck vor Onkel und Tante. Ihre schmerzenden Muskeln erinnerten sie allerdings, wie töricht es war, momentan irgendwo hinaufsteigen zu wollen. Töricht oder nicht, dort oben war sie sicher. Er würde nicht in den Baumkronen nach ihr suchen. Andere nächtliche Jäger ebenfalls nicht. Mein Gott, an Tiere hatte sie bisher noch gar nicht gedacht.
Der Baum neben ihr war im perfekten Y gegabelt, so dass sie in der Astgabel gut sitzen konnte. Sofort machte sie sich an die Arbeit, sammelte Äste und Zweige ein und häufte sie über Kreuz gelegt auf, um eine provisorische Leiter zu bekommen. Sobald sie die unteren Äste des Baumes erreichte, konnte sie sich hinaufschwingen in das Y.
Sie dachte nicht mehr an Müdigkeit oder das Brennen der zerschnittenen Füße. Mit jeder Ladung Zweige oder dem Heben eines Astes drängten ihre Muskeln sie, die Tätigkeiten sofort einzustellen. Doch von neuer Energie beflügelt, machte sie weiter, so dass ihr der Pulsschlag in den Ohren dröhnte.
Die Krähen über ihr schwiegen, als beobachteten sie ihre fieberhaften Bemühungen voller Interesse. Oder horchten die Tiere auf etwas? Sie hielt inne, die Arme voller Äste. Ihr Atem ging rasselnd, und sie hörte kaum mehr als das Hämmern des eigenen Herzens. Sie hielt die Luft an und lauschte. Stille ringsum, als hätte die hereinbrechende Dunkelheit jeden Laut und jede Bewegung geschluckt.
Dann hörte sie es.
Zuerst klang es nach einem verwundeten Tier, nach unterdrücktem Schreien oder hohem Greinen. Sie drehte sich langsam und blinzelte angestrengt in Nebel und Dunkelheit. Plötzlicher Wind schuf nächtliche Schatten. Aus schwingenden Zweigen wurden winkende Arme. Raschelnde Blätter klangen wie Schritte.
Tess ließ die Zweige fallen und sah sich ängstlich um. Konnte sie ohne die provisorische Leiter in den Baum gelangen? Ihre Finger krallten sich in die Baumrinde. Vorsichtig trat sie auf den Holzstapel und prüfte seine Haltbarkeit. Sie zog sich hoch und griff nach dem nächsten Ast. Er knarrte unter ihrem Gewicht, brach aber nicht. Sie hielt sich mit beiden Händen fest, obwohl lose Borke abbröckelte und ihr in die Augen fiel. Sie war so weit, die Beine in das Y zu schwingen, als aus dem unterdrückten Wimmern erkennbare Worte wurden.
„Hilfe! Bitte hilf mir jemand!“
Der Wind trug das Flehen klar und deutlich heran. Tess erstarrte geradezu. Sie hing am Ast, die Füße ein Stück über dem Holzhaufen baumelnd. Vielleicht bildete sie sich das ein? Vielleicht spielte ihre Wahrnehmung ihr vor Erschöpfung Streiche.
Ihre Arme schmerzten, die Finger wurden taub. Wenn sie es in den Baum schaffen wollte, musste sie jetzt gleich die letzten Reserven mobilisieren.
Wieder wehten die Worte heran wie Nebelschwaden.
„Bitte, hilf mir jemand!“
Das war eine Frauenstimme, und sie war nah.
Tess ließ sich zu Boden fallen. Inzwischen konnte sie in der zunehmenden Dunkelheit nur noch einen knappen Meter weit sehen. Sie ging langsam auf die Stimme zu. Die Arme vor sich ausgestreckt, folgte sie dem Weg und zählte im Stillen ihre Schritte. Zweige rissen ihr an den Haaren und zu spät erkannte Äste griffen nach ihr. Sie bewegte sich auf die Stimme zu, ohne zu rufen, um sich nicht zu verraten. Vorsichtig auftretend, zählte sie weiter, um sich notfalls umdrehen und zu ihrem sicheren Zufluchtsort zurücklaufen zu können.
Zweiundzwanzig, dreiundzwanzig. Dann plötzlich tat sich der Boden unter ihr auf. Tess fiel, und die Erde verschluckte sie.