61. KAPITEL

Tully sank in den Sessel und ließ den Kopf gegen die Kissen fallen. Er lauschte, wie O’Dell die Autotür zuschlug, mit durchgetretenem Gaspedal und quietschenden Reifen davonpreschte und ihre Wut am Pflaster seiner Zufahrt ausließ. Er verstand ihre Frustration. Zum Teufel, er war auch frustriert.

Er wollte diesen Stucky genauso dringend schnappen wie sie, aber er wusste auch, dass es ihr ein persönliches Anliegen war. Er konnte sich vorstellen, was in ihr vorging. Drei Frauen brutal ermordet, nur weil sie sie flüchtig gekannt hatte.

Als er aufblickte, stand Emma in der Tür zum Flur, lehnte sich an den Rahmen und beobachtete ihn. Sie hatte sich weder angezogen noch die Haare gekämmt. Plötzlich fühlte er sich zu müde, um sie zu ermahnen. Da sie ihn weiterhin nur ansah, erinnerte er sich, dass sie ja immer noch nicht mit ihm redete. Na gut, dann redete er auch nicht mit ihr. Er ließ den Kopf zurücksinken.

„War das deine neue Kollegin?“

Er warf ihr einen Blick zu, ohne seine bequeme Haltung aufzugeben, und behielt sein Erstaunen über ihr plötzliches Einlenken für sich.

„Ja.“

„Sie schien ganz schön sauer auf dich zu sein.“

„Ja, das ist sie wohl. Ich hab wirklich ‘nen Schlag bei Frauen, was?“

Überraschenderweise lächelte Emma. Er lächelte zurück, und plötzlich lachte sie. In zwei Schritten war sie bei ihm und kletterte ihm auf den Schoß, wie sie es als kleines Mädchen getan hatte. Er schlang die Arme um sie und drückte sie, ehe sie sich wieder entziehen konnte. Den Kopf unter sein Kinn geschoben, machte sie es sich bequem.

„Magst du sie?“

„Wen?“ Er hatte ganz vergessen, worüber sie gesprochen hatten. Es war ein zu schönes Gefühl, das kleine Mädchen wieder in den Armen zu haben.

„O’Dell, deine neue Partnerin.“

„Ja, ich glaube, ich mag sie. Sie ist eine kluge, zähe Lady.“

„Sie ist richtig hübsch.“

Er fragte sich, ob sie Sorge hatte, dass er sich, dem Beispiel ihrer Mutter folgend, mit Kollegen einließ - einer Kollegin in diesem Fall - und mit ihr durchbrannte.

„Maggie O’Dell und ich sind nur beruflich Partner, Emma. Weiter ist da nichts zwischen uns.“

Sie saß ruhig da, und er wünschte, sie würde ihm ihre Ängste anvertrauen.

„Sie war richtig sauer auf dich“, wiederholte sie kichernd.

„Sie kommt darüber hinweg. Ich mache mir mehr Gedanken um dich.“

„Um mich?“ Sie drehte sich etwas, um ihn anzusehen.

„Du schienst auch richtig sauer auf mich zu sein.“

„Ach das“, erwiderte sie und machte es sich wieder bequem. „Das habe ich überwunden.“

„Wirklich?“

„Ich dachte mir, wenn wir all das Geld sparen, das ich für den Ball ausgeben müsste, könnte ich mir dafür vielleicht einen echt coolen CD-Walkman kaufen.“

„Ach wirklich?“ Tully lächelte und war überzeugt, Frauen nie zu verstehen.

„Stell dich nicht an. Ich habe genug eigenes Geld gespart.“ Sie rutschte von seinem Schoß, baute sich mit verschränkten Armen vor ihm auf und sah ihn an. Jetzt wirkte sie wieder mehr wie der Teenager, den er kannte. „Können wir losziehen und einen besorgen?“

Mein Gott, was waren das nur für Erziehungsprinzipien, einer Heranwachsenden zu vermitteln, dass sie sich durch gutes Benehmen materielle Vorteile verschaffen konnte? Anstatt das weiter zu analysieren, erwiderte er schlicht: „Sicher, wir gehen heute Nachmittag.“

„Okay.“

Er sah, dass sie fast zu ihrem Zimmer hüpfte, während er zum Couchtisch hinüberging. Er zog einen Aktenordner aus dem Dokumentenberg, schlug ihn auf und ging die Unterlagen durch: ein Polizeibericht, eine Kopie vom DNS-Labor, ein Plastikbeutel mit metallisch gesprenkelter Erde an ein Beweisdokument geklippst, ein medizinischer Entlassungsbericht von Rileys Tierklinik.

Detective Manx hatte ihm gestern Abend die Akte Rachel Endicott gegeben. Nach Durchsicht der Beweise und dem Bericht des DNS-Labors hatte sich sogar der arrogante Dickschädel Manx vorstellen können, dass Mrs. Endicott in der Tat entführt worden war. Nachdem Tully miterlebt hatte, dass O’Dell kurz vorm Explodieren war, fragte er sich, ob er ihr die Akte zeigen durfte. Denn laut DNS-Test war Albert Stucky nicht nur in Rachel Endicotts Haus gewesen, er hatte sich auch ein Sandwich und mehrere Schokoriegel genehmigt. Für Tully stand fest, er hatte sich auch Rachel Endicott genehmigt.