48. KAPITEL

Der stellvertretende Direktor Cunningham hatte ihnen einen kleinen Konferenzraum im Erdgeschoss organisiert. Tully war so begeistert, Fenster zu haben - mit Blick zum Wald am Rande des Trainingsgeländes -, dass es ihm nichts ausmachte, Treppen zu steigen und zum anderen Ende des Gebäudes zu laufen, um Sachen aus seinem voll gestopften Büro zu holen.

Er breitete alles an Dokumenten aus, was sie in den letzten fünf Monaten gesammelt hatten, und O’Dell folgte ihm ins Zimmer. Sie beharrte darauf, die Unterlagen in ordentlichen Stapeln auf dem Konferenztisch aufzureihen, damit von links nach rechts eine chronologische Reihenfolge entstand. Das amüsierte ihn eher, als dass es ihn irritierte. Okay, fest stand, sie gingen ganz verschieden an Puzzles heran. Sie begann mit den Eckstücken und arbeitete sich zur Mitte des Bildes vor, er begutachtete alle Stücke und fischte sich heraus, was zusammenpasste. Kein Weg war richtig oder falsch. Es war schlicht eine Frage der Vorlieben. Allerdings bezweifelte er, dass O’Dell seiner Einschätzung zustimmen würde.

Sie hatten eine Karte der Vereinigten Staaten an die Wand gepinnt und die Morde in Newburgh Heights und Kansas City mit roten Nadeln gekennzeichnet. Blaue Nadeln markierten die anderen siebzehn Gebiete, in denen Stucky Opfer hinterlassen hatte, ehe er letzten August geschnappt worden war. Das waren nur die Opfer, von denen sie wussten. Die Frauen, die Stucky seiner Sammlung einverleibt hatte, waren oft in entlegenen Waldgebieten begraben worden. Man fürchtete, dass noch etwa ein Dutzend verborgene Leichen auf Entdeckung durch Wanderer, Angler oder Jäger warteten. Alle diese Verbrechen hatte Stucky in weniger als drei Jahren begangen. Tully mochte gar nicht daran denken, was dieser Verrückte in den letzten fünf Monaten angestellt hatte.

Er prüfte weiter die Landkarte und ließ O’Dell die Organisationsarbeit machen. Stucky war größtenteils im östlichen Teil der Staaten geblieben von Boston im Norden bis nach Florida im Süden. Die Küste Virginias schien ein fruchtbarer Boden für ihn zu sein. Kansas City war offenbar der einzige Ausrutscher gewesen. Falls Tess McGowan tatsächlich von ihm verschleppt worden war, bedeutete das, Stucky spielte wieder mit O’Dell und bezog sie als Komplizin in seine Verbrechen ein. Da er nur Frauen auswählte, mit denen sie flüchtig Kontakt hatte, nicht etwa Freunde oder Verwandte, war es praktisch unmöglich vorauszusehen, wann er wieder zuschlug.

Konnten sie überhaupt etwas tun? O’Dell einsperren, bis sie Stucky gefasst hatten? Cunningham ließ sie und ihr Haus von mehreren Agenten bewachen, und Tully war erstaunt, dass O’Dell noch nicht protestiert hatte.

Samstagmorgen, und sie stürzte sich in die Arbeit, als wäre ein normaler Arbeitstag. Nach der anstrengenden Woche, die sie hinter sich hatte, lägen andere noch im Bett. Allerdings bemerkte er, dass sie heute Morgen die dunklen Ringe und Schwellungen unter den Augen nicht mit Make-up kaschieren konnte. Heute trug sie zur verwaschenen Jeans alte Nike-Laufschuhe und ein Karohemd mit aufgekrempelten Ärmeln, das sie ordentlich in den Hosenbund gesteckt hatte. Obwohl sie sich in einem gesicherten Gebäude befanden, behielt sie das Schulterholster mit der 38er Smith & Wesson um. Verglichen mit O’Dell kam er sich fein gemacht vor, bis Cunningham vorbeischaute, so frisch, adrett und faltenfrei wie immer. Erst da bemerkte Tully die Kaffeeflecken auf seinem weißen Hemd und seine gelockerte, schief hängende Krawatte.

Tully sah auf seine Armbanduhr. Er hatte Emma einen gemeinsamen Lunch und ein umfassendes Gespräch über diesen Schulball versprochen. Sie mochte ihn engstirnig schimpfen, wenn sie wollte, doch er war überzeugt, dass sie noch nicht alt genug war, mit Jungen auszugehen. Vielleicht nächstes Jahr.

Er warf O’Dell einen Blick zu, die sich über die Berichte beugte, die sie von Keith Ganza erhalten hatten. Ohne zu ihm aufzusehen, fragte sie: „Hatten Sie Glück bei der Security am Flughafen?“

„Nein, aber da Delores Heston jetzt eine offizielle Vermisstenanzeige gemacht hat, können wir eine Suchmeldung nach dem Wagen rausgeben. Ein schwarzer Miata ist wohl kaum zu übersehen. Aber ich weiß nicht recht. Was, wenn diese McGowan sich nur ein paar Tage freigenommen hat?“

„Dann verderben wir ihr den Urlaub. Was ist mit dem Freund?“

„Der Typ hat ein Haus und ein Geschäft in Washington und ein weiteres Haus und ein Büro in Newburgh Heights. Ich habe Mr. Daniel Kassenbaum endlich gestern Abend in seinem Countryclub aufgestöbert. Er wirkte nicht sehr besorgt. Er sagte sogar, er habe vermutet, dass McGowan ihn betrügt. Dann fügte er rasch hinzu, dass ihre Beziehung aber keinerlei Verpflichtung beinhalte. So drückte er sich aus. Also, wenn seine Vermutung stimmt, ist sie vielleicht nur mit einem heimlichen Geliebten abgehauen.“

O’Dell sah zu ihm hin. „Wenn der Freund glaubt, sie betrügt ihn, dürfen wir dann davon ausgehen, dass er nichts mit ihrem Verschwinden zu tun hat?“

„Ich glaube wirklich, dass der Typ sich nicht viel darum schert, ob sie treu ist oder nicht, solange er kriegt, was er haben will.“ O’Dell sah ihn verblüfft an, und Tully spürte bei diesem heiklen Thema Emotionen in sich hochkochen. Kassenbaum erinnerte ihn zu sehr an den Mistkerl, für den Caroline ihn verlassen hatte. Trotzdem fügte er hinzu: „Er sagte mir, er habe Tess McGowan das letzte Mal Dienstagnacht gesehen, als sie bei ihm in Newburgh Heights geblieben war. Also, wenn dieser Typ glaubt, dass sie ihn betrügt, warum bittet er sie dann immer noch, über Nacht bei ihm zu bleiben?“

O’Dell zuckte die Achseln. „Keine Ahnung. Warum?“

Er wusste nicht, ob sie das ernst meinte oder sarkastisch. „Warum? Weil er ein arrogantes Arschloch ist, das sich nur für sich selbst interessiert. Solange seine Gelüste bedient werden, kümmert ihn gar nichts.“ Sie starrte ihn an. Er hätte wissen müssen, wann er den Mund halten sollte. „Was finden Frauen an solchen Typen?“

„Seine Gelüste bedienen? Nennt man das so in Ohio?“

Tully spürte, wie er rot anlief, und O’Dell lächelte. Sie widmete sich wieder den Berichten und ließ das Thema fallen, als bemerke sie nicht, wie sehr es ihn erhitzte. Daniel Kassenbaum hatte ihn gestern Abend wie einen Dienstboten abgefertigt, für den er keine Zeit hatte. Zudem hatte er sich über die Störung seines Dinners beschwert. Dachte der vielleicht einmal darüber nach, dass schließlich auch er auf sein Dinner verzichten musste, um seine Freundin zu suchen? Vielleicht war Tess ja wirklich mit einem heimlichen Liebhaber getürmt. Er konnte es ihr nicht verdenken.

Tully drehte sich wieder zur Landkarte. Sie hatten einige Regionen eingekreist, meist entlegene Waldgebiete. Um alle durchzukämmen, waren es zu viele. Der einzige Anhaltspunkt war der glitzernde Lehm, den sie in Jessica Beckwiths Auto und im Haus am Archer Drive gefunden hatten. Keith Ganza hatte die chemische Zusammensetzung der metallischen Substanz analysiert, doch auch damit ließ sich das Gebiet nicht eingrenzen. Tully fragte sich inzwischen, ob sie nicht an den falschen Orten suchten. Vielleicht sollten sie sich verlassene Industrieanlagen vornehmen, anstatt Waldgelände. Schließlich hatte Stucky auch in Miami ein verlassenes Lagerhaus benutzt, als O’Dell ihn fand.

„Wie wäre es mit einer Industrieanlage?“ machte er O’Dell mit seiner neuen Theorie vertraut.

Sie unterbrach ihre Tätigkeit, trat neben ihn und betrachtete die Landkarte.

„Sie denken an die Chemikalien, die Keith in dem Lehm gefunden hat?“

„Ich weiß, es entspricht nicht Stuckys Muster, aber das tat das Lagerhaus in Miami auch nicht.“ Als er das sagte, sah er sie rasch an, um festzustellen, ob die Erinnerung ihr immer noch zusetzte. Falls ja, ließ sie es sich nicht anmerken.

„Wo immer er sich versteckt, er kann nicht weit sein. Etwa eine Autostunde entfernt, vielleicht anderthalb.“ Sie beschrieb mit dem Zeigefinger einen Radius von fünfzig bis siebzig Meilen um ihr Haus in Newburgh Heights. „Weiter wird er kaum fahren, wenn er mich ständig unter Beobachtung halten will.“

Tully beobachtete aus den Augenwinkeln, ob sie nervös oder gar aufgelöst war wie neulich nachts. Es wunderte ihn nicht, dass sie ihre Emotionen verbarg. O’Dell wäre nicht der erste FBI-Agent, der seine Emotionen wie in Schubladen verstecken konnte. Bei ihr fiel ihm jedoch auf, dass es ihr Mühe machte. Er fragte sich, wie lange sie das durchhalten konnte, ohne zusammenzubrechen.

„Alte Industrieanlagen sind auf der Karte vielleicht nicht verzeichnet. Ich überprüfe das beim Innenministerium. Vielleicht haben die was.“

„Vergessen Sie nicht Maryland und D.C.“

Tully kritzelte eine Notiz auf die braune McDonalds-Tüte, in der sein Frühstück gesteckt hatte, ein Wurstbrötchen und Bratkartoffeln. Er versuchte sich flüchtig zu erinnern, wann er das letzte Mal eine Mahlzeit gegessen hatte, die nicht aus der Tüte kam. Vielleicht sollte er mal nett mit Emma Essen gehen. Keine Fast Food. Irgendwohin, wo es Tischtücher gab.

Als er sich umdrehte, stand O’Dell wieder am Tisch. Er sah über ihre Schulter auf die von ihr sortierten Tatortfotos. Ohne ihn anzusehen, sagte sie fast flüsternd: „Wir müssen sie finden, Agent Tully. Und zwar bald, oder es ist zu spät.“

Er brauchte nicht zu fragen, wen sie meinte. Natürlich diese McGowan und ihre Nachbarin Rachel Endicott. Er war immer noch nicht überzeugt, dass eine der Frauen entführt, geschweige denn von Stucky verschleppt worden war. Er behielt seine Zweifel jedoch für sich und verschwieg auch sein Gespräch mit Detective Manx in Newburgh Heights. Mit etwas Glück würde Manx, dieser einzelgängerische Sturkopf, ihnen mitteilen, welche Beweisstücke er im Endicott-Haus gesammelt hatte. Aber er versprach sich nicht viel davon. Detective Manx hatte ihm erzählt, bei dem Fall ginge es um nichts weiter, als dass eine gelangweilte Hausfrau mit dem Techniker vom Telefondienst durchgebrannt sei.

Dass Manx vielleicht sogar Recht hatte, wurmte Tully. Leicht kopfschüttelnd fragte er sich, was bloß mit den verheirateten Frauen heute los war? Er wollte nicht zum zweiten Mal an diesem Morgen an Caroline erinnert werden.

„Falls Sie mit Ihrer Vermutung über Tess McGowan und diese Endicott Recht haben“, sagte er, ohne seine Zweifel anzudeuten, „bedeutet das, Stucky hat in einer Woche zwei Frauen getötet und zwei weitere verschleppt. Sind Sie sicher, das er das durchziehen kann?“

„Das ist zwar schwierig, aber nicht unmöglich. Er müsste Rachel Endicott früh am letzten Freitag verschleppt haben. Dann ist er zurückgekommen, hat Jessica beim Pizza-Ausliefern beobachtet, hat sie in das Haus am Archer Drive gelockt und am späten Freitagabend oder frühen Samstagmorgen dort umgebracht.“

„Ist das nicht ein bisschen viel?“

„Ja“, räumte sie ein, „aber nicht für Stucky.“

„Dann findet er irgendwie heraus, dass Sie in Kansas City sind. Er stellt sogar fest, wo Sie wohnen, und beobachtet Sie, Delaney und Turner mit der Kellnerin ...“

„Rita.“

„Richtig, Rita. Das war wann? Sonntagnacht?“

„Gegen Mitternacht, genau gesagt am frühen Montagmorgen. Wenn Delores Heston sich nicht irrt, hat Tess das Haus am Archer Drive am Mittwoch gezeigt.“ Sie wich seinem Blick aus. „Ich weiß, das klingt, als wäre es zu viel, aber bedenken Sie, was er in der Vergangenheit schon alles angerichtet hat.“

Sie sah wieder die Fotos durch. „Er war nie leicht zu verfolgen. Viele seiner Opfer fanden wir erst lange, nachdem sie als vermisst gemeldet worden waren. Meist waren sie schon so stark verwest, dass wir die Todeszeit nur noch schätzen konnten. In dem Frühling, bevor wir ihn fingen, hat er vermutlich zwei Frauen getötet und fünf weitere für seine Sammlung verschleppt. Alles in einem Zeitraum von zwei bis drei Wochen. Jedenfalls ist das der Zeitraum, in dem die Frauen als vermisst gemeldet wurden. Wir entdeckten die fünf Leichen erst Monate später in einem Massengrab. Die Frauen waren gefoltert und in unterschiedlichen Intervallen getötet worden. Es gab Anzeichen, dass er einige regelrecht gejagt hatte. Wir fanden Beweise, dass er dazu Armbrust und Pfeile benutzte.“

Tully kannte die Fotos. O’Dell hatte eine Serie von Polaroidaufnahmen ausgelegt, die die Wunden des Opfers in Großaufnahmen zeigten. Wären sie nicht gekennzeichnet gewesen, hätte man nur schwer erkennen können, dass es sich um dieselbe Frau handelte. Sie war eines der fünf Opfer aus dem Massengrab gewesen. Diese Leiche gehörte zu den wenigen, die entdeckt wurden, ehe Verwesung oder wilde Tiere ihr Werk vollendet hatten.

„Das hier war Helen Kreski.“ O’Dell nannte den Namen ohne aufzublicken. „Stucky würgte sie mehrfach und stach auf sie ein. Ihre rechte Brustspitze war abgebissen. Rechter Arm und rechtes Handgelenk waren gebrochen, die linke Ferse durchbohrt, der intakte Pfeil steckte noch.“ O’Dell zählte das mit ruhiger, zu ruhiger Stimme auf, als versuche sie das Ganze völlig emotionslos zu sehen. „Wir fanden Erde in ihren Lungen. Sie hat noch gelebt, als er sie begrub.“

„Mein Gott, das ist ein absolut kranker Hurensohn.“

„Wir müssen ihn stoppen, Agent Tully. Bevor er abhaut, sich versteckt und mit seiner neuen Sammlung zu spielen beginnt.“

„Und das werden wir. Wir müssen nur sein verdammtes Versteck finden.“ Er bemerkte nebenbei, dass sie von stoppen gesprochen hatte, nicht von fangen.

Er entfernte sich und sah auf seine Armbanduhr. „Um elf muss ich gehen. Ich habe meiner Tochter einen gemeinsamen Lunch versprochen.“ O’Dell las wieder die Berichte von Keith Ganza und speziell die Analyse der Fingerabdrücke zum dritten Mal. Tully fragte sich, ob sie ihn überhaupt gehört hatte. „He, warum leisten Sie uns nicht Gesellschaft?“

Sie blickte auf, erstaunt über seine Einladung.

„Ich glaube immer noch, dass der Fingerabdruck von jemand hinterlassen wurde, der sich das Haus vorher angesehen hat“, sagte er mit Hinweis auf den Bericht und baute ihr eine Brücke, falls sie die Einladung nicht annehmen wollte.

„Er hat im Bad alles abgewischt und übersah zwei saubere, komplette Fingerabdrücke? Nein, er wollte, dass wir sie finden. Er hat das schon mal gemacht. Auf die Art haben wie ihn seinerzeit identifizieren können.“

Er sah, wie sie sich die Augen rieb, als bringe die Erinnerung neue Erschöpfung mit sich. „Damals kannten wir ihn nicht mit Namen und hatten keine Ahnung, wer der ,Sammler‘ war“, fuhr sie fort. „Stucky fand offenbar, wir brauchten zu lange, ihn ausfindig zu machen. Ich denke, er hat uns den Abdruck absichtlich hinterlassen. Er war so offensichtlich und sorglos angebracht, das kann kein Zufall gewesen sein.“

„Wenn er den absichtlich hinterlassen hat, warum hat er dann überhaupt sauber gemacht? Früher hat er das doch auch nicht getan.“

„Vielleicht hat er alles geputzt, weil er das Haus noch einmal benutzen wollte.“

„Für McGowan?“

„Ja.“

„Okay. Aber warum hat er uns einen Abdruck hinterlassen, der nicht mal ihm gehört? Genau wie auf dem Abfallcontainer hinter dem Pizzadienst und auf dem Regenschirm in Kansas City?“

O’Dell zögerte, schob die Papiere hin und her und sah ihn an, als überlege sie, ob sie ihm etwas erzählen sollte. „Keith hat keine vergleichbaren Abdrücke in der Datei gefunden, aber er ist fast sicher, dass alle ein und derselben Person gehören.“

„Sie machen Witze. Weiß er das bestimmt? Wenn das der Fall ist, gehen diese Morde vielleicht gar nicht auf Stuckys Konto.“

Er sah sie an und wartete auf ihre Reaktion. Miene und Stimme blieben ausdruckslos, als sie hinzufügte: „Die Morde an Jessica und Rita liegen zeitlich schrecklich nah beieinander. Ich weiß, ich sagte, Stucky könne das durchziehen, aber die Analpenetration bei Jessica entspricht nicht Stuckys Modus Operandi. Außerdem ist sie viel jünger als seine sonstigen Opfer.“

„Was wollen Sie damit sagen, O’Dell? Dass wir es hier mit einem Nachahmungstäter zu tun haben?“

„Oder einem Komplizen.“

„Was? Das ist doch verrückt!“

Sie vergrub sich wieder in die Akten. Er merkte, dass es auch ihr schwer fiel, an diese Theorie zu glauben. O’Dell war es gewöhnt, allein zu arbeiten und sich allein ihre Gedanken zu machen. Ihm wurde plötzlich bewusst, wie viel Vertrauen ihrerseits nötig war, ihn in ihre Gedankengänge einzuweihen.

„Ich weiß, dass Sie es ernst meinen. Aber warum sollte Stucky mit einem Komplizen arbeiten? Sie müssen zugeben, dass das für Serientäter völlig untypisch ist.“

Als Antwort zog sie einige Fotokopien von Berichten aus Magazinen und Zeitungen hervor und reichte sie ihm.

„Erinnern Sie sich, dass Cunningham den Namen Walker Harding, Stuckys alter Geschäftspartner, auf der Passagierliste fand?“

Tully nickte und blätterte die Artikel durch.

„Einige dieser Artikel sind bis zu zehn Jahre alt“, erklärte sie.

Die Artikel stammten aus Forbes, Wall Street Journal, PC World und einigen anderen Wirtschaftsund Fachzeitschriften. Der Forbes-Artikel enthielt auch ein Foto der beiden Männer. Obwohl die körnige Schwarzweißkopie die Gesichter undeutlich machte, hätten sie als Brüder durchgehen können. Beide dunkelhaarig, mit schmalen Gesichtern und scharfen Zügen. Tully erkannte Albert Stuckys stechende schwarze Augen. Der jüngere Mann lächelte, während Stuckys Miene stoisch und ernsthaft blieb.

„Ich schätze, das da ist sein Partner.“

„Ja. In einigen Artikeln wird erwähnt, wie viel beide Männer gemeinsam haben und wie sehr sie miteinander konkurrierten. Allerdings schienen sie ihre Partnerschaft in aller Freundschaft aufgelöst zu haben. Vielleicht sind sie immer noch Konkurrenten, aber in einem neuen Spiel.“

„Und warum gerade jetzt, nach all den Jahren? Wenn sie bei den Verbrechen gemeinsame Sache machen wollten, warum nicht gleich, als Stucky mit seinen abartigen Taten begann?“

O’Dell setzte sich und strich sich Haare hinter die Ohren. Sie wirkte erschöpft. Als lese sie seine Gedanken, nippte sie an ihrer dritten Diät-Cola, die offenbar ihr Kaffeeersatz war.

„Stucky war immer Einzelgänger“, erklärte sie. „Ich habe über Harding nur herausgefunden, was in diesen Artikeln stand. Dass Stucky überhaupt einen Partner in sein Geschäft genommen hat, ist extrem ungewöhnlich. Ich habe bisher nicht darüber nachgedacht, aber vielleicht hatten beide Männer eine engere als nur geschäftliche Verbindung, auf die Stucky sich erst kürzlich wieder besonnen hat. Vielleicht hat er auch aus einem anderen Grund auf seinen alten Freund zurückgegriffen.“

Tully schüttelte den Kopf. „Sie greifen nach Strohhalmen, O’Dell. Sie wissen so gut wie ich, dass Serienmörder laut Statistik nie mit Partnern oder Komplizen arbeiten.“

„Aber Stucky ist weit davon entfernt, in eine Statistik zu passen. Ich lasse Keith überprüfen, ob irgendwann die Fingerabdrücke von Harding genommen wurden. Dann werden wir ja sehen, ob sie zu den Abdrücken vom Tatort passen.“

Tully überflog die Artikel, bis ihm etwas auffiel.

„Sieht so aus, als gäb’s da ein kleines Problem mit Ihrer Theorie, O’Dell.“

„Und zwar?“

„Hier steht in einer Fußnote im Artikel des Wall Street Journal, Stucky und Harding beendeten die Partnerschaft, nachdem Harding ein gesundheitliches Problem bekam.“

„Richtig, das habe ich gelesen.“

„Aber haben Sie auch zu Ende gelesen? Dieser Teil ist durch das Kopieren verwischt. Falls Walker Harding nicht irgendeine Wunderkur gefunden hat, kann er nicht Stuckys Komplize sein. Hier steht, er wurde blind.“