20. KAPITEL

Tully versuchte sich die Erschöpfung aus den Augen zu reiben und griff dazu unter seine Brille. Als sei sie schuld, dass es nicht gelang, legte er sie auf einen der vielen Aktenstapel auf seinem Schreibtisch.

Seit dem dreiundvierzigsten Geburtstag schienen seine Körperteile nach und nach den Dienst zu quittieren. Letztes Jahr hatte eine Operation am Knie ihn zwei Wochen außer Gefecht gesetzt. Und es munterte ihn nicht gerade auf, wenn seine vierzehnjährige Tochter ihm ständig vorhielt, wie altmodisch er sei. In Emmas Augen konnte er einfach nichts mehr richtig machen.

Heute war sie wütend gewesen, weil sie wieder einen Abend nebenan bei Mrs. Lopez verbringen musste. Vielleicht fuhr er nicht nach Hause, um sich das strafende Schweigen seiner Tochter zu ersparen. Ironischerweise hatte er darum gekämpft, sie bei sich zu haben.

Ein harter Kampf war es allerdings nicht gewesen, da Caroline erkannt hatte, wie viele Freiheiten sie ohne die Verantwortung für einen Teenager gewann. Dieselbe Frau hatte es noch vor sechs oder sieben Jahren nicht ertragen, von Mann oder Kind getrennt zu sein. Damals hatte sie als Chefbuchhalterin bei einer internationalen Werbeagentur angefangen. Doch je mehr hochkarätige Kunden angerollt waren und je höher sie durch Beförderungen in der Hierarchie stieg, desto leichter fielen ihr die teuren Reisen nach New York City, London oder Tokio. In den letzten Jahren ihrer Ehe war die schöne, kultivierte, ehrgeizige Frau eine völlig Fremde für ihn geworden.

Tully lehnte sich in seinem Sessel zurück und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. Wie sehr er Veränderungen hasste! Er sah sich in dem kleinen, nur von Neonröhren beleuchteten Raum um. Ihm fehlte sein Büro mit Fenstern. Wenn er nur daran dachte, dass er sich zwanzig Meter unter der Erde befand, bekam er Platzangst. Er hatte ernsthaft erwogen, die Stellung in Quantico abzulehnen, weil er wusste, dass die Unterstützende Ermittlungseinheit immer noch im Bauch des Trainingsgebäudes untergebracht war.

Er rieb sich wieder die Augen, als es an seine Tür klopfte.

„Agent Tully, Sie sind so spät noch hier?“

Direktor Cunningham war zwar in Hemdsärmeln, Kragen und Manschetten waren jedoch zugeknöpft. Tully hatte die Ärmel salopp hochgeschoben. Cunningham trug die Krawatte noch fest um den Hals. Tullys Kragen stand offen, und seine Krawatte lag irgendwo zerknittert auf einem Aktenschrank.

„Ich warte auf einen Anruf vom Gerichtsmediziner“, erklärte Tully. „Von Dr. Holmes.“

„Und?“

Cunningham lehnte sich gegen den Türrahmen, und Tully überlegte, ob er ihm einen Sessel freiräumen sollte. Im Gegensatz zum ordentlich aufgeräumten Büro seines Chefs sah seines aus wie ein überfüllter Lagerraum - stapelweise Unterlagen, verstreute Akten und überquellende Bücherregale. Er suchte in einem Stapel nach den entsprechenden Telefonnotizen, da er sich um diese Nachtzeit nicht auf sein Gedächtnis verlassen wollte, das abgeschaltet hatte wie ein überhitzter Computer.

„Das Mädchen ... die junge Frau hatte einen Einschnitt von knapp zehn Zentimetern in der linken Seite, der sich in den Rücken zog. Dr. Holmes sagte, der Schnitt sei präzise ausgeführt gewesen wie bei einem chirurgischen Eingriff.“

„Klingt nach unserem Mann.“

„Er hat ihr die Milz entfernt.“

„Eine Milz ist nicht sehr groß, oder? Es sah aus, als sei in dem Pizzakarton sehr viel mehr gewesen.“

Tully griff nach Gray’s Anatomy, die er sich aus der Bibliothek geliehen hatte. Er blätterte zur markierten Seite und setzte seine Brille auf.

„Die Milz ist etwa dreizehn Zentimeter lang, sieben Zentimeter breit und etwa drei Zentimeter dick“, las er laut, klappte das Buch zu und stellte es beiseite. „Laut diesem Buch wiegt sie etwa zweihundert Gramm, abhängig davon, in welchem Stadium der Verdauung man sich befindet. Viel größer wird sie im Normalfall nicht, nur bei Krankheit. Unser Opfer hatte an dem Tag nicht viel gegessen, deshalb war die Milz relativ klein. Dr. Holmes sagte, dass auch etwas Bauchspeicheldrüse daran hing.“

„Hat man Fingerabdrücke am Fundort entdeckt?“

„Ja, zwei ziemlich gute. Einen Daumen und einen Zeigefinger. Beide gehören nicht Stucky. Vielleicht wurden sie versehentlich von jemand am Tatort hinterlassen, allerdings sieht es eher so aus, als wären sie absichtlich hinterlassen worden. Der gesamte Rand des Abfallcontainers war abgewischt. Und dann sind diese beiden Abdrücke plötzlich - klatsch - in der Mitte.“

Cunningham zog die Stirn kraus, als erinnere ihn das an etwas. „Prüfen Sie noch mal Stuckys frühe Akten. Vergewissern Sie sich, dass die Abdrücke nicht verändert oder vertauscht wurden, oder dass es gar ein Computerfehler war. Wenn ich mich recht entsinne, hat Agentin O’Dell ihn seinerzeit anhand eines hinterlassenen Fingerabdrucks überführt. Auch damals hat er ihn absichtlich zurückgelassen. Auch damals brauchten wir eine Weile, ihn zu identifizieren, weil sich jemand in das Computersystem des County eingeklinkt und die Abdrücke vertauscht hatte.“

„Ich überprüfe das, Sir. Aber wir haben es hier nicht mit dem Computersystem eines Bezirkssheriffs zu tun. Wir gleichen die Abdrücke mit denen ab, die AFIS direkt von Stucky genommen hat. Und bei allem Respekt, ich glaube kaum, dass man so einfach in das Computersystem des FBI kommt.“ AFIS, das Automatische Fingerabdruck-Identifikationssystem war die Haupt-Datenbank des FBI. Obwohl ' Regierungsstellen zusammenarbeitete, waren Dutzende Vorsichtsmaßnahmen gegen Hacker eingebaut.

Cunningham kratzte sich seufzend das Kinn. „Sie haben wahrscheinlich Recht“, räumte er ein, und Tully bemerkte, wie müde er wirkte.

„Vielleicht stammen die Abdrücke von einem Polizei-Neuling“, erwiderte er, als könnte er damit Cunninghams Erschöpfung mildern. „Wenn ja, dann wissen wir das in den nächsten vierundzwanzig Stunden. Gehören sie keinem Beamten, suche ich allgemein weiter.“

Tully ließ die Brille aufgesetzt, weil er sich damit wacher und kompetenter vorkam. „Sir, ich habe nirgendwo einen Hinweis gefunden, dass Stucky durch das Entnehmen der Organe irgendeine Botschaft verkünden will. Entgeht mir da etwas?“

„Nein, Ihnen entgeht nichts. Stucky macht das, um zu schockieren, und weil er es kann“, sagte Cunningham und kam weiter in Tullys Büro, blieb aber stehen.

„Hat er mal Medizin studiert?“ Tully blätterte eine Akte durch, die Agentin O’Dell über Stuckys Vergangenheit zusammengestellt hatte. In vieler Hinsicht klang sein Lebenslauf wie der eines erfolgreichen Geschäftsmannes.

„Sein Vater war Arzt.“ Cunningham rieb sich das Kinn. Tully hatte bemerkt, dass sein Boss diese Geste stets machte, wenn er erschöpft war und in seinem Gedächtnis eine Information abzurufen versuchte. Er nutzte die Gelegenheit, das Gesicht seines Chefs zu studieren, das im Neonlicht schmaler wirkte, mit eingefallenen Wangen und dunklen Rändern unter den Augen. Trotz Erschöpfung war seine Haltung straff aufrecht. Keine hängenden Schultern, als er sich jetzt gegen das Bücherregal lehnte. Alles an ihm verströmte ruhige Würde.

Schließlich fuhr er fort: „Wenn ich mich recht entsinne, gründeten Stucky und sein Partner eine der ersten Aktienhandelsfirmen im Internet, verdienten Millionen und parkten sie auf Konten im Ausland.“

„Wenn wir ein paar von diesen Konten finden könnten, finden wir vielleicht auch ihn.“

„Das Problem ist nur, wir konnten nie feststellen, wie viele Konten er betreibt und unter welchen Namen. Stucky ist klug, Agent Tully. Er ist gerissen, sehr intelligent und fast immer Herr des Geschehens. Er ist nicht annähernd mit anderen Tätern zu vergleichen. Er tötet nicht aus Zwang oder weil er eine Mission erfüllen muss oder den Drang dazu verspürt oder weil er etwa innere Stimmen hört. Er tötet aus dem einzigen Grund, weil es ihm Spaß macht. Es ist ein Spiel für ihn, zu manipulieren, den menschlichen Geist zu brechen und mit seinen Taten zu schockieren. Und er will vor allem uns, die wir ihn fangen wollen, eine Nase drehen.“

„Sicher macht sogar Albert Stucky Fehler.“

„Wir wollen es hoffen. Haben Sie eine Ahnung, wo er das Opfer aufgegriffen hat?“

Wieder holte Tully Notizen aus einem Stapel, um sich nicht auf sein müdes Hirn zu verlassen. Das machte ihn zugleich verlegen, weil er auf alles gekritzelt hatte, angefangen von einer Serviette bis zu einem grauen Papierhandtuch von der Herrentoilette.

„Wir wissen, dass sie erwischt wurde, ehe sie ihre Runde beenden konnte. Einige Kunden beschwerten sich beim Pizzadienst, dass sie nicht beliefert wurden. Der Manager macht mir eine Liste mit Anschriften, die sie anfahren sollte.“

„Warum dauert das so lange?“

„Wenn der Auftrag eingeht, schreiben sie die Adresse auf. Der Auslieferer nimmt dann den Zettel mit.“

„Sie machen Witze.“ Cunningham seufzte, und zum ersten Mal glaubte Tully zu erkennen, wie viel Mühe es ihn kostete, seine Enttäuschung zu verbergen. „Scheint mir nicht sehr effizient zu sein.“

„Wahrscheinlich war das bis jetzt nie ein Problem. Das Labor versucht die Anschriften aus den Abdrücken auf dem Notizblock darunter abzunehmen. Die beste Chance hätten wir natürlich, wenn wir das Auto des Opfers finden würden. Vielleicht liegt die Liste noch darin.“

„Wurde der Wagen entdeckt?“

„Noch nicht. Ich habe Beschreibung, Modell und Kennzeichen von der Behörde. Detective Rosen hat eine Suchmeldung rausgegeben. Bisher ohne Erfolg.“

„Veranlassen Sie, dass die Langzeitparkplätze an den Flughäfen Reagan National und Dulles überprüft werden.“

„Gute Idee.“ Tully kritzelte wieder eine Notiz nieder und benutzte diesmal den Kassenbon von seinem Lunch. Warum zum Teufel hatte er keine Notizblocks wie der Rest der Welt?

„Er musste sie irgendwo hinbringen“, sagte Cunningham und blickte gedankenverloren über Tullys Kopf hinweg. „Irgendwohin, wo er Zeit mit ihr hatte und nicht Gefahr lief, gestört zu werden. Der Ort liegt vermutlich nicht weit von dort entfernt, wo er sie geschnappt hat. Wenn wir die Liste hätten, könnten wir ein paar Möglichkeiten einkreisen.“

„Sir, ich habe einen Radius von etwa zehn Meilen um den Fundort der Leiche abgefahren. Das ganze Gebiet gehört zu dieser Bilderbuchgemeinde. Da gibt es keine leeren Lagerhäuser oder verfallenen Gehöfte.“

„Man übersieht leicht das Offensichtliche, Agent Tully. Jede Wette, Stucky baut darauf, dass wir genau das tun. Was haben Sie sonst noch?“ fragte er rasch und stemmte sich vom Bücherregal ab, plötzlich in Eile.

„Wir haben ein Handy aus dem Abfallcontainer geholt. Es wurde vor einigen Tagen in einem örtlichen Einkaufscenter gestohlen. Ich hoffe, wenn wir die Auflistung der Anrufe bekommen, führt uns das weiter.“

„Gut. Sieht ja so aus, als hätten Sie alles unter Kontrolle.“ Cunningham wandte sich zum Gehen. „Lassen Sie es mich wissen, wenn Sie Hilfe brauchen. Leider kann ich Ihnen keine Sondereinheit zur Verfügung stellen, aber vielleicht kann ich ein paar Leute von anderen Fällen abziehen. Und jetzt gehen Sie nach Haus, Agent Tully. Verbringen Sie einige Zeit mit Ihrer Tochter.“

Er deutete zu dem Foto auf Tullys Schreibtischecke. Es war das einzige, das Tully mit seiner Familie zeigte, Arm in Arm in die Kamera lächelnd. Es war noch gar nicht so alt, und doch konnte er sich nicht erinnern, glücklich gewesen zu sein. Es war das erste Mal, dass sein Chef auf sein Privatleben einging, und es erstaunte ihn, dass der distanzierte Cunningham wusste, dass er ohne seine Frau hergekommen war.

„Sir?“

Cunningham blieb, halb im Flur, stehen.

Tully wusste nicht genau, wie er fragen sollte. „Soll ich Agentin O’Dell anrufen?“

„Nein.“ Die Antwort kam rasch und entschieden.

„Sie wollen warten, bis wir sicher sind, dass es Stucky ist?“

„Ich bin zu neunundneunzig Prozent sicher, dass er es ist.“

„Sollten wir Agentin O’Dell dann nicht wenigstens informieren?“

„Nein.“

„Aber Sir, sie könnte ...“

„Welchen Teil meiner Antwort haben Sie nicht verstanden, Agent Tully?“ Wieder war die Antwort entschieden, ohne dass er die Stimme hob. Dann wandte er sich ab und ging.