James

Als wir das Gebäude verließen, bemerkte ich, dass die Zeit uns wieder einmal davongelaufen war. Die Morgendämmerung hing schon als schwaches Versprechen am Horizont hinter den Parkplätzen, obwohl der Himmel noch dunkel war. Die Nacht der Toten würde nur noch wenige Stunden dauern. Mein Blick huschte als Erstes zur Seward Hall, zu dem Herbstfeuer, in dem Nuala gestanden hatte.

Ihr Feuer kennzeichnete den Himmel. Ich konnte den Boden nicht sehen, aber die goldenen Flammen ganz oben, die so hoch in die Luft schlugen, dass die Wolken ihr Licht reflektierten. Und das Feuer sang.

Einen Moment lang aufgehoben …

Das goldene Licht, das über die Dächer der Wohnheime hinausschoss, leuchtete grell, und sein tanzendes Muster brannte sich mir ein.

Wunderschöner Missklang, Zucker auf den Lippen, tanzend bis zur Erschöpfung

Worte stoben wie Funken in die Luft. Ich wusste nicht, ob alle sie hören konnten oder nur ich. Ich verstand nicht, was sie bedeuteten, so wirr mischten sie sich mit der Musik.

Reißen meinen Körper in Stücke

Die Musik schien sich aus tausend Liedern auf einmal zusammenzusetzen, alle wunderschön und traurig, transzendent und golden wie das Licht am Himmel.

So sehr will ich alles

Ich ließ Dees Hand los. Ich hörte unser Lied – das Lied, das Nuala und ich im Kino gemeinsam geschrieben hatten. Und dann hörte ich ihr Lied. Das Stück, das ich für sie auf dem Klavier gespielt hatte.

Ich bin dem Anfang schon so fern

Ich falle, ich falle

Und ich vergesse, dass ich bin.

Alles, was Nuala ausmachte, schoss in den Himmel empor, ein gewaltiger, prachtvoller Vielklang aus Farbe, Worten und Musik. Es flog hinauf, immer schneller, immer strahlender, und ich rannte, so schnell ich konnte, und ließ Dee beim ersten Feuer zurück. Ich wusste nicht, was ich tun würde. Ich konnte nur daran denken, dass ich rechtzeitig dorthin musste, um zumindest ein wenig von ihr zu retten.

Ich drängte mich durch die Schüler – die doch nur Schüler waren, keine Feen, keine Zauberwesen – und hastete am Brunnen vorbei. Über dem Feuer konnte ich den Himmel nun nicht mehr sehen, denn das Wohnheim versperrte mir die Sicht. Ich rannte darum herum, kam keuchend und mit Seitenstechen um die Ecke und blieb abrupt stehen.

Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte. Nuala. Oder einen Leichnam. Oder sonst irgendetwas. Aber nicht … nichts.

Die Kohlen ganz in der Mitte des Herbstfeuers hinter der Seward Hall glühten noch, doch was eben gebrannt hatte, war zu trockener, grauer Asche zerfallen. Von der gewaltigen goldenen Explosion, die ich von der Brigid Hall aus gesehen hatte, war keine Spur mehr da.

Wo Nuala gestanden hatte, lag nur verkohlte Schlacke.

Der Wind erfasste die oberste Schicht, wirbelte sie hoch in die Luft, schleuderte sie mir ins Gesicht und zeichnete Muster in die Asche.

Da war nichts. Da war absolut nichts.

Mir stand ihr Gesicht vor Augen, als sie mich hatte gehen sehen. Sie musste geglaubt haben, dass ich mich gegen sie und für Dee entschieden hatte. Sie musste gedacht haben …

Langsam ließ ich mich auf die Knie in die Asche sinken und sah zu, wie sie sich an die Hosenbeine meiner Jeans heftete. Ich spürte, wie meine Zehen hinter mir darin versanken.

Auf der anderen Seite des Feuers, wabernd durch die Hitze, die immer noch von der schwelenden Glut aufstieg, entdeckte ich Paul. Er stand zwischen den Säulen der Seward Hall und beobachtete mich. Dee trat zu ihm, und sie wechselten ein paar Worte. Keiner von beiden wandte den Blick von mir ab.

Ich wusste, dass sie über mich sprachen. Es war mir gleich. Ich wusste, dass sie mich beobachteten. Auch das war mir egal.

Ich schlug die Hände vors Gesicht.

So kniete ich lange da.

Dann hörte ich Schritte, und jemand hockte sich vor mich hin.

»James«, meinte Paul. »Willst du wissen, was Cernunnos mir gesagt hat?«

Ich öffnete die Augen nicht, sondern seufzte nur.

»Er hat gesagt, Nuala würde in diesem Feuer verbrennen müssen.«

Ich ließ die Hände sinken. In der Morgendämmerung sah ich Pauls Gesicht vor mir. »Das hat er dir gesagt? Hat er auch erwähnt, dass ich es verbocken würde?«

Traurig lächelte Paul. »Ja. Er hat gesagt, dass du sie verlassen würdest, ganz gleich, wie sehr du bleiben wolltest – dass du die schmerzlichste Wahl treffen würdest. Und dann hat er erzählt, sobald sie ins Feuer gegangen wäre, müsste ich dableiben, was auch immer passieren würde. Und zuschauen. Also habe ich da auf der Veranda gestanden, und, Mann, um mich rum sind die unglaublichsten Sachen passiert, aber ich bin die ganze Zeit über geblieben. Und habe ihr zugesehen.«

Mit der Zunge fuhr ich mir über die Lippen. Sie schmeckten nach Asche. »Und?«

»Von Anfang bis Ende«, sagte Paul.

Ich starrte ihn an. Ich musste mich zwingen, die Worte halbwegs ruhig klingen zu lassen. »Aber da ist nichts.«

Paul blickte auf seine Füße hinab. »Er hat gesagt, ich soll graben.«

Dee erklärte: »Ich helfe euch.«

Ich hatte nicht einmal gemerkt, dass sie hinter Paul gestanden hatte. Ich sah ihr in die Augen und nickte, denn sagen konnte ich nichts.

Wir begannen zu graben. Wir scharrten die oberste Schicht weißer Asche beiseite, die trocken, kalt und tot war, und verbrannten uns die Finger an den immer noch glühenden Kohlen darunter. Wir gruben, bis Dee wegen der Hitze aufgeben musste. Und dann gruben wir weiter, bis auch Paul nicht mehr konnte. Und ich wühlte mich tiefer zum heißen Kern des Feuers unter all den Kohlen voran. Meine Haut brannte und warf Blasen, während ich zerfallende, rauchende Kohlen und Holzreste beiseiteschob.

Ich spürte Fingerspitzen. Und Finger, lang und anmutig, und dann griff ihre Hand nach meiner Hand. Paul packte meinen Arm und zog an mir, und Dee zerrte an ihm, und gemeinsam zogen wir sie heraus.

Und es war Nuala.

»Heilige Scheiße«, sagte Paul und wandte sich hastig ab, denn sie war mit Asche beschmiert und splitternackt.

Sie starrte mich nur an. Ich wollte nicht »Nuala« sagen, denn wenn sie nicht darauf antwortete, würde ich wissen, dass sie mich vergessen hatte. Es war besser, noch diesen Moment lang im Ungewissen zu sein, als Gewissheit zu haben.

Ich zog mir das Sweatshirt über den Kopf und hielt es ihr hin. »Es ist kalt«, meinte ich.

»Wie heldenhaft von dir«, entgegnete Nuala sarkastisch. Trotzdem nahm sie es und zog es über. Es reichte ihr bis zur Mitte der Oberschenkel. Der Rest ihrer Beine hatte eine Gänsehaut.

Ich merkte, dass sie Dee musterte, die neben Paul stand und uns beobachtete. Als Dee auffiel, dass ich sie anschaute, wandte sie sich ab und kehrte uns wie Paul den Rücken zu, als wollte sie uns nicht stören.

Nuala flüsterte: »Ich dachte, du hättest mich im Stich gelassen.«

»Es tut mir leid«, sagte ich. Ich rieb mir ein Auge, weil ich plötzlich gern geweint hätte und mir deswegen dumm vorkam. Ich brummte: »Mist, ich habe Asche ins Auge gekriegt.«

»Ich auch«, gab Nuala zurück, und wir schlangen die Arme umeinander.

Hinter uns hörte ich Dees Stimme – und dann hörte ich Paul, der zögerlich antwortete: »Das ist ein weiter Weg, aber der einzige, der uns bleibt, oder?«

Da hatte er recht.