KAPITEL
59

 

 

Von weither sind sie gekommen, voller Freude über ihren Gott. Und von fernen Inseln hat der Herr sie hier versammelt. Er ebnete die Berge ein, um ihnen Land zu geben. Und die Hügel flohen, als sie ihrer ansichtig wurden.

Yerushalaim, zieh deine prächtigsten Gewänder an, und zeige dich von deiner heiligsten Seite.

Psalmen des Solomon

Codex Sinaiticus ca. 37 C. E. – Dokument aus den Septuaginta-Archiven auf Josephus 4.

 

Aktariel kniete auf dem Boden und nahm vorsichtig Rachels verwundeten Körper in die Arme. Sie war leicht wie eine Feder und zerbrechlich wie ein Grashalm.

In der sechseckigen Kontrollkammer war vollständige Dunkelheit eingetreten. Die unzähligen Computer und Bildschirme blinkten nicht mehr. Nur das goldene Leuchten des Engels im Verein mit dem blauen Licht des Mea verliehen allem einen grünlichen Hauch.

»Rachel, ich weiß, daß du mich jetzt hören kannst. Ich brauche dich für die Kulmination. Es wird sehr schwer werden.«

Er spürte, wie ihre Seele sich vor ihm zurückzog, und er hielt sie fester. »Wenn du es so haben möchtest, kann ich dich auch gehen lassen. Oder ich kann dich nach Yisroel geleiten, zu Sybil und Jeremiel. Die Entscheidung liegt ganz bei dir.«

Ihre Gedanken tasteten sich zu ihm vor, doch dann zog sie sich wieder furchtsam zurück. Der Engel wartete und sah sich um. Slothens zerfetzter Leib lag in einer Ecke. Im Tod hatte er die Arme zu seinen Engeln erhoben. Meister Mastema starrte ihn mit seinen toten Augen anklagend an.

Endlich brachte Rachel allen Mut auf und öffnete sich ihm. Er legte eine Hand auf ihre blutende Brust. Sein Geist umgab sie und zog sie in den Vortex, wo er die Wunden an ihrem sterblichen Fleisch behob.

»Bist du bereit, Rachel? Der Zeitpunkt ist gekommen.«

»Ja, ich … ich bin bereit.«

Er führte sie zur Kontrollkonsole und rief mit einer kurzen Handbewegung das Bild von Zohar auf einen der Schirme.

Rachel stand aufrecht neben ihm und schaute ihn bewundernd, aber auch mit einer Spur Sorge an. »Sind sie alle in Sicherheit, Aktariel?«

»Ja, sie sind alle angelangt. Genau so, wie du es gewollt hast. Ich weiß nicht, was bei deinen Aktionen herauskommen wird, aber darum können wir uns jetzt nicht kümmern.«

»Ich mußte es wenigstens versuchen«, sagte sie sehr leise.

»Das ist mir bewußt.«

Sie hielt ihn fest und legte den Kopf an seine Brust. Doch er löste sich von ihr.

»Tut mir sehr leid, Rachel, aber wir müssen uns beeilen.«

Auf dem Schirm blähte Zohar sich so weit auf, bis nichts anderes mehr zu erkennen war.

»Hörst du es?« fragte sie ihn.

»Ja, ich höre es.«

Seit einigen Momenten ertönte eine überirdische Musik. Das Lied des Lichts war von so betörender Schönheit, daß er sich wünschte, ihm nur noch zu lauschen und nie mehr etwas anderes tun zu müssen.

»Wir müssen in den Schlund«, drängte er nach einer Weile und zeigte auf den Wirbel. Sie traten hinein, blieben stehen und warteten.

Und endlich zerbrach Palaia, und ihre gewaltige Aufladung vereinigte sich mit der von Zohar.

Die Ereignishorizonte vergingen in solcher Helligkeit, daß Aktariel sich die Augen bedecken mußte, während Rachel ihr Gesicht an seiner Brust vergrub.

»Wie lange noch?« fragte sie.

»Ich weiß es nicht.«

Die Musik wurde dumpfer und verwandelte sich in ein langgezogenes Heulen. Trotz der Schutzhülle des Wirbels spürte Aktariel den Schrecken, der Epagael vorausging, während er die Station und mit ihm einige tausend Lebewesen verschlang.

In der allgegenwärtigen Schwärze tauchte ein Licht auf, das sich zu einem leuchtenden Speer ausweitete, der in Zohars Kehle fuhr.

»Jachin? Der Pfeiler des Lichts?« flüsterte Rachel.

»Ja. Epagael versucht, das Universum zu reinigen, bevor noch mehr von dem Gift in seinen Körper eindringen kann. Und das bedeutet, daß es Zeit für uns wird.«

Der Engel nahm sein Mea ab und bedeutete Rachel, es ihm gleichzutun. Dann schloß er die Finger um beide Kugeln und nahm Rachel in die Arme.

Er bemerkte ein Zittern in seinen Muskeln. Hast du Furcht? fragte er sich verwundert. Oder empfand er nur Trauer über all die kleinen Dinge, die er von nun an vermissen mußte?

»Bleib immer dicht bei mir«, ermahnte er sie, während er die Meas in die wirbelnde Dunkelheit warf.

Der Schlund verging in goldenem Strahlen, und Feuer in allen Farben des Regenbogens verschluckten sie, während sie fielen, und fielen und …

»Aktariel?« rief Rachel.

»Ich bin hier. Ich bin bei dir.«

 

und sie durchstießen die Schatzkammer des Lichts und verschmolzen wie Funken in ihrem ewiglichen Glanz.

Die Gamant-Chroniken 03 - Die Prophezeiung von Horeb
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