Kapitel 34

Besitzansprüche

Nachdem Hagen sie verlassen hatte, war Meta vor Erschöpfung in einen traumlosen Schlaf gesunken.Trotz ihrer Abneigung gegen den Pelz auf dem Altar, der wie ein zurückgelassener Teil Hagens wirkte, hatte sie sich auf ihm niedergelassen. Der Raum bot keine andere Sitzgelegenheit, und sie konnte sich kaum noch auf den Beinen halten. Von dem Pelz ging zwar ein widerwärtiger Gestank aus, aber das Fell schmiegte sich trotz der vielen Schmutzflecke einladend an sie an.

Nun weckten sie Durst und Kälte. Mühsam kam sie auf die Beine, jede Bewegung eine Qual. Sie zitterte am ganzen Leib, ihr verletztes Ohr pfiff unentwegt, und die Schulter, bei der Karl sie brutal gepackt hatte, pochte dumpf. Noch immer konnte sie die erlebte Gewalt kaum begreifen. In ihrer Welt hatten Übergriffe bislang in gemeinen Kommentaren und Nichtbeachtung bestanden. Dass sie in den letzten Tagen so oft bedrängt und attackiert worden war, brachte etwas in ihr zum Wanken. Würde sie fortan eine dieser Frauen sein, in deren Blick stets eine Spur von Furcht zu erkennen war? Nein, dachte Meta entschlossen. Sie konnte sich wehren. Daran würde sie sich festhalten, auch wenn diese Gabe, wie Rahel es genannt hatte, sie verstörte.

Mit klammen Fingern raffte sie den Mantel vor ihrer Brust zusammen, und bei der Erinnerung, wie Hagen ihn Stück für Stück geöffnet hatte, wurde ihr speiübel. Reiß dich zusammen, stachelte sie sich an.Versuch dich lieber an die wenigen Sätze zu erinnern, die Hagen und dieser Anton ausgetauscht haben. Dabei lief sie im weitläufigen Saal auf und ab, bis die Wärme langsam wieder in ihre Glieder zurückkehrte. Was hatte Hagen gesagt? Ihr Kopf fühlte sich an, als sei er mit Watte gefüllt, doch das konnte eigentlich nicht sein, denn ihr Hirn knallte bei jedem Schritt schmerzhaft gegen die Stirn. Hagen hatte von David gesprochen … Bevor er gegangen war, hatte er gesagt, er würde nun David aufsuchen.

Abrupt blieb Meta stehen, als ihr klarwurde, was Hagen vorhatte: Er würde David mit Gewalt unterwerfen, wenn nicht sogar töten. Und David würde ihm unterlegen sein, das spürte sie mit schmerzlicher Klarheit. Sie kannte die Wölfe der beiden Männer, und Hagens war eindeutig stärker.

Mit schnellen Schritten lief Meta zur Tür und begann, an der Klinke zu reißen, doch sie war verschlossen. Trotzdem zerrte sie noch ein paarmal daran, weil sie nicht wusste, was sie sonst tun konnte. Als ihr Herzschlag nicht mehr ganz so dröhnend durch ihren Körper pulsierte, versuchte sie, sich zu sammeln.

Innerhalb von wenigen Tagen war ihr gesamtes Weltbild auf den Kopf gestellt worden, und ein paar Stunden in diesem Saal hatten ausgereicht, um die Sonntagsessen im Kreise der Familie wie Geschichten aus einer fernen Märchenwelt erscheinen zu lassen. Nun lebte sie unter Schatten, Schatten, die ihre Form verändern und zu gefährlichen Raubtieren werden konnten. Sie, die smarte Galeristin, deren Lebenslauf sich kaum von denen ihrer Freundinnen unterschied. Wie sollte sie bloß damit umgehen, um inmitten dieses Wahnsinns nicht zu zerbrechen? Dass sie die Antwort darauf bereits kannte, machte es nicht einfacher: Ein Teil ihrer selbst war mit dem Schattenwolf verbunden. Warum sonst wäre sie wohl in der Lage, ihn zu rufen und ihm Obhut zu gewähren? Ihm gar eine Form zu verleihen?

Vorsichtig näherte Meta sich der größten Verletzung, die sie hatte hinnehmen müssen: die Trennung von David. Allerdings sah sie nun die Geschehnisse in der Gasse in einem anderen Licht: Er war gegangen, weil er ihre Gabe nicht erkannt hatte. Deshalb war er sich so sicher gewesen, dass sie sich, nachdem sie seinen Wolf gesehen hatte, von ihm abwenden würde. Außerdem hatte er sie schützen wollen, denn mit ihm sollte auch die Gewalt wieder aus ihrem Leben verschwinden. Auf die Idee, dass die Wölfe bereits ihre Spur aufgenommen hatten, war er vermutlich gar nicht gekommen.Was hatte Rahel gesagt: Wolf und Rudel gehören zusammen. Wenn man versucht, sie voneinander zu trennen, endet es in einem Desaster. Die ganze Zeit über hatte sich bei David alles nur darum gedreht, den Wolf vor ihr zu verbergen. Dabei hatte er übersehen, dass sein Wolf Teil von etwas Größerem war und sie offensichtlich dazugehörte. Nun würden sie beide dafür zahlen müssen, dachte Meta mutlos.

Mit einem leisen Quietschen öffnete sich die Tür einen Spalt. Zuerst stolperte Meta vor Schrecken ein paar Schritte rückwärts, dann hielt sie verblüfft inne. Da stand eine Frau, noch halb verdeckt vom Schatten, und musterte sie neugierig. Meta legte den Kopf schief und versuchte zu begreifen, mit wem sie es zu tun hatte. Die Frau mochte ungefähr so alt wie sie sein, etwas größer und die Silhouette eindeutig weiblicher, wie die eng anliegende Kleidung verriet. Obwohl das Licht im Saal äußerst spärlich ausfiel, schimmerte ihr Gesicht in einem Bronzeton, der das Blau ihrer Augen unecht erstrahlen ließ.

Die Frau blinzelte Meta zu und schloss die Tür hinter sich. »Hagen hätte vorsichtiger mit deinem Gesicht umspringen sollen«, erklärte sie, während sie langsam auf Meta zuschritt.

Unwillkürlich betastete Meta ihre Wange, wo Hagens Schlag sie getroffen hatte. Obwohl die Frau lächelte und ihr eine  Wasserflasche hinhielt, verspürte sie einen ausgeprägten Widerwillen. Die Gesichtszüge verrieten Härte, und um den Mund lag ein Zug, als geriete dieses Lächeln auch angesichts von Abscheulichkeiten nicht ins Wanken. Mit einem tonlosen »Danke« nahm Meta die Flasche entgegen, öffnete sie jedoch nicht, obwohl ihr Rachen vor Durst schmerzte.

»Mein Name ist Amelia, und ich glaube, als Hagens Gefährtin muss ich mich für sein grobes Benehmen entschuldigen«, fuhr die Frau fort. »Manchmal vergisst er, dass man mit seinem Hab und Gut vorsichtig umgehen muss.«

Amelia war so dicht herangetreten, dass ihr Parfüm in Metas Nase stieg: ein Duft nach Lilien und Opium. Süß, beinahe klebrig verseuchte er die Atemluft. Meta musste den Kopf zur Seite drehen. Amelia verstand diese Geste falsch und gab ein beruhigendes Geräusch von sich. Sanft strich sie Meta eine Haarsträhne hinter das Ohr und ließ dann die Hand auf ihrer Schulter ruhen.

»Das, was zwischen dir und David passiert ist, hat mir gefallen«, erklärte Amelia flüsternd. »Da war so viel Leidenschaft zwischen euch … Es war das reinste Vergnügen, Zeuge eurer Vereinung zu werden.«

»Da hast du ja etwas, das dich mit Hagen verbindet. Der hat sich nämlich auch äußerst inspiriert gezeigt.« Obwohl es Meta gelang, Spott in ihre Stimme zu legen, fürchtete sie sich in Wahrheit vor dieser Frau. Etwas ging von ihr aus, etwas, das es ihr unmöglich machte, die Finger, die nun wieder über ihr Haar strichen, fortzuschieben. Feine Goldarmreife klirrten an Amelias Handgelenken.

»Weißt du, was ich mir wünsche?« Amelias Stimme klang verträumt, während sie ihre Stirn gegen Metas lehnte, sich zärtlich an sie drängte. »Dass Hagen deinen David nur unterwirft, aber nicht tötet. Dann würdet ihr beide uns gehören, wäre das nicht schön? Du hast etwas an dir … Ich kann es  nicht beschreiben. Aber ganz gleich, was es auch ist, das dich so besonders anziehend macht, ich will es behalten.«

»Solltest du dann nicht bei Hagen sein und ihn davon abhalten, David vor lauter Rachsucht umzubringen?«

Mit einer trägen Bewegung löste sich Amelia von Meta, woraufhin die sogleich die Chance nutzte und zurückwich. Amelia fasste ihr braunes Haar im Nacken zusammen, während sie ernsthaft über Metas Frage nachzudenken schien. Schließlich nahm sie eine einzelne Strähne und kitzelte sich damit unter der eigenen Nase, so dass Meta ihre Frage beinahe wiederholt hätte. Doch Amelia kam ihr zuvor: »In den letzten Wochen hat sich bei Hagen alles nur noch um David gedreht. Dieser untreue kleine Bastard hat meinen bösen Wolf fast in den Wahnsinn getrieben. Es hat Nathanel und mich viel Überredungskunst gekostet, damit er nicht einfach in Maggies Revier eindrang, um ihn sich zu holen. Doch so herum ist es besser, so gehen die Rudelregeln mit dem Vergnügen zusammen.«

Erneut lächelte Amelia, und Meta sah ihren Verdacht bestätigt: Diese Frau genoss die Macht, anderen Qualen zuzufügen. Ohne den Blick zu senken, schritt Meta langsam zurück, und mit jedem Schritt war ihr, als könne sie wieder freier atmen. Amelia ließ sie gewähren, auch wenn ihr lauernder Blick verriet, dass sie ihr nur einen begrenzten Spielraum zugestand.

»Wenn Hagen tatsächlich solch einen Zorn auf David hegt und das Recht, ihn anzugreifen, auf seiner Seite ist, dann verstehe ich nicht, warum du Hagen nicht begleitet hast, sondern hier bist.«

Amelia machte ein paar Schritte auf Meta zu, so dass diese über den seltsamen Tanz, den sie beide aufführten, fast gelacht hätte. »Das verstehst du nicht, weil du deine eigene Gabe nicht begreifst. Du bist der Schlüssel zu David, und zwar nicht nur, weil er sich zu dir hingezogen fühlt. Hagen wollte nach seinem … wie soll ich sagen … nicht nach Plan verlaufenen Rendezvous mit dir zwar nichts davon hören, aber ich habe es begriffen: Du kannst den Wolf rufen.«

Als Amelia diese Wahrheit ausgesprochen hatte, zuckte Meta zusammen, da sie sich an Rahels Sorge erinnerte. Sollte sie jemandem begegnen, der ihre gerade erst entdeckte Fähigkeit für seine eigenen Zwecke missbrauchen wollte - was würde dann geschehen?

Amelia beobachtete sie forschend. »Ich sehe, dass wir uns verstehen«, sagte sie voller Befriedigung. »Tillmann hat dir bloß den Schattenwolf vorführen wollen, um David zu entlarven. Dabei hatte er keine Ahnung, was er mit seinem lächerlichen Racheplan in dir wecken würde. Aber warum hat David dich verlassen? Hat er es wie Tillmann mit der Angst zu tun bekommen? Würde mich nicht überraschen, schließlich mag es David überhaupt nicht, wenn man ihn an die Kette legt. Er ist zu dominant, das macht ihn ja so wertvoll in meinen Augen. Soll ich dir meinen Plan verraten? Ich ziehe einen starken Wolf, den man kontrollieren kann, einem übermächtigen Rudelführer vor, zu dem Hagen zweifelsohne aufsteigen würde, wenn er David tötet. Wie du siehst, bist du mein Schlüssel, um sowohl David als auch Hagen mir zu Willen zu machen. Es ist in der Tat an der Zeit für einen Führungswechsel in unserem Rudel.«

Meta leckte sich über die Lippen. Wenn Amelia besser als sie selbst begriff, wozu sie in der Lage war, wie standen dann ihre Chancen, sich gegen diese Frau zu wehren? Nicht besonders gut, wenn man Amelias selbstgefällige Haltung bedachte. »Was willst du von mir?«, fragte sie deshalb geradeheraus.

Einen Augenblick erstarrte Amelia, als horche sie auf eine innere Stimme. Dann legte sie den Kopf schief, eine Geste, die Meta an einen Hund erinnerte, der einem für das menschliche Gehör viel zu hohen Pfiff lauschte.

»Wir haben nicht mehr viel Zeit, David ist bereits in Hagens Nähe«, bestätigte Amelia ihre Vermutung. »Dein Freund will die Herausforderung anscheinend annehmen. Wer hätte das gedacht? Nathanels Tod hat ihm wohl den Kopf verdreht.« Nachdenklich begann Amelia, wieder an ihrer vollen Unterlippe zu kauen, und zum ersten Mal glaubte Meta eine Spur von Unsicherheit zu entdecken. Es sah ganz danach aus, als ob sie nicht mehr vollends der Überzeugung war, dass Hagen diesen Kampf ohne viel Federlesens gewinnen könnte.

Während Meta plötzlich Hoffnung verspürte, fuhr Amelia fort, als habe es ihr Zögern gar nicht gegeben. »Ich will, dass du Davids Wolf zu dir rufst, wenn Hagen den Kampf eröffnet - deshalb bin ich hierher zurückgekehrt, anstatt mir das Spektakel anzusehen. Du kannst mir eins glauben, Schätzchen:Wenn David ohne seinen Wolf kämpft, wird Hagen ihm nichts antun. Und das ist es doch, was wir beide wollen, richtig?« Obwohl Amelias Stimme einem liebevollen Säuseln glich, entging Meta keinesfalls die mitschwingende Drohung - das war keine Frage gewesen, sondern eine Feststellung.

»Ich habe eine bessere Idee«, hielt Meta dagegen. »Lassen wir die beiden Männer ihren Kampf austragen, und du lässt mich zu dieser Tür hinausspazieren, weil ich ansonsten deinen Wolf rufe.«

Hatte Amelia sich eben noch angriffslustig vorgebeugt, so verharrte sie nun. Dann begann sie zu lachen. Ein leises, vergnügtes Lachen, als habe sie kaum noch mit dieser Wendung gerechnet. Sie holte ein Butterflymesser hervor und ließ es gekonnt aufschnappen. »Mein Wolf bleibt schön da, wo er ist: tief in seiner Höhle. Mit dir werde ich auch so fertig, denn ich glaube kaum, dass ein Prinzesschen wie du jemals gelernt hat, sich zur Wehr zu setzen. Und für Narben wirst du wohl kaum etwas übrighaben, oder?«

Während Meta noch die aufblitzende schmale Klinge anstarrte, sprang Amelia auf sie zu und hielt ihr das Messer an die Kehle. Instinktiv versuchte Meta, die Hand mit der Klinge wegzustoßen, aber Amelia entwand sich ihrem Griff und ließ den Stahl kurz über die ungeschützte Haut gleiten. Ein brennender Schmerz durchfuhr Metas Kehle. Sie schwankte leicht, trotzdem konzentrierte sie sich auf Amelias Gesicht, in der Hoffnung, den Schatten auftauchen zu sehen, damit sie ihn zu sich einladen konnte. Doch diese Chance gewährte ihr Amelia nicht. Stattdessen drängte sie Meta in eine Ecke.

»Davids Wolf«, zischte sie. »Ruf ihn.«

Erneut hatte Amelia sich so dicht vor Meta aufgebaut, dass der süßliche Duft ihres Parfüms ihr den Atem raubte. Der Geruch nach Leichen, dachte Meta, während die Messerspitze sich in die weiche Mulde ihres Halses bohrte.

»Ich werde dich ganz langsam aufschlitzen, wenn du nicht tust, was ich dir sage«, drohte Amelia und unterstrich ihre Entschlossenheit, indem sie die Klingenspitze tiefer ins Fleisch drehte. Dabei entstand ein schabendes Geräusch, bei dem Metas Knie nachzugeben drohten. Trotzdem weigerte sie sich, auch nur an einen Hilferuf zu denken. Diese Frau würde sie niemals dazu bringen,Verrat an David zu begehen.

Begreifen breitete sich in Amelias Augen aus, als sie einen Schritt zurücktrat, das blutige Messer anklagend auf Metas Brust gerichtet. »Das wird dir noch leidtun«, sagte sie leise.

Plötzlich erklang ein drohendes Knurren. Amelia wirbelte herum und stieß einen hohen Schrei aus, der sich jedoch sogleich in ein siegessicheres Lachen verwandelte. »Da haben wir ja unseren Freund«, sagte sie und wollte blindlings nach Meta greifen, um sie wieder in ihre Gewalt zu bringen. Dabei waren ihre Augen auf die flackernde Silhouette von Davids Schattenwolf gerichtet, so dass sie nicht bemerkte, wie Meta ihren Arm anhob und ihr die Wasserflasche gegen den Hinterkopf schlug. Mit einem Ächzen ging Amelia in die Knie, fing  sich aber erschreckend schnell, wie Meta feststellen musste, während sie sich hinter den Altar flüchtete.

Als Amelia mit zornesblassem Gesicht auf sie zuhielt, preschte der Wolf vor und versuchte, nach ihr zu schnappen, doch seine Reißzähne glitten durch Amelias Fleisch, ohne eine Spur zu hinterlassen. Er stieß ein verzweifeltes Heulen aus, das kaum mehr als ein fernes Hallen war - er verlor seine Umrisse, löste sich auf, drohte, nicht mehr zu sein, als ein von der Sonne ausgeblichener Schatten.

Hilflos starrte Meta ihn an. »Kehr zu David zurück«, forderte sie den Wolf auf, der Amelia hinterherlief. Doch er reagierte nicht.

»Er will dich beschützen, selbst wenn es bedeutet, dass er erlischt«, sagte Amelia. »Ich werde ihm das Gefühl geben, dass seine Heldentat nicht umsonst war.«

Mit einer geschmeidigen Bewegung sprang Amelia auf den Tisch, um ihrer wieder habhaft zu werden, doch da packte Meta entschlossen den Saum der Pelzdecke und zog mit aller Kraft daran. Amelia verlor das Gleichgewicht und stürzte zu Boden. Meta wollte sie schon bei der Schulter packen und herumreißen, damit sie ihr das Messer entwinden konnte, da bäumte sich Amelias ganzer Leib auf: Beim Fall hatte sie sich die Klinge in ihre eigene Brust gerammt. Als Amelia sie nun mit zitternden Fingern herauszog, sprang eine Fontäne aus Blut hervor. Amelia gab ein Krächzen von sich und sah Meta ungläubig an. Einen Augenblick lang zögerte Meta, dann machte sie kehrt und ließ sich vor dem fast verblassten Schattenwolf nieder. Hinter ihr schnappte Amelia noch ein paarmal nach Luft, dann wurde es still.

Der Schemen vor ihr war nicht mehr als eine verblasste Ahnung von einem Wolf. Meta verzweifelte schier.Vielleicht war sie in der Lage, den Wolf zu rufen, aber sie konnte ihn nicht wieder fortschicken.Tränen liefen ihr über die Wangen,  als sie ihre Hand ausstreckte und nichts als eine Art Nebel spürte. Also tat sie, was sie konnte, und rief ihn. Einen Moment später drang der Wolf in sie ein, nahm einen Platz in ihrem Inneren ein, der ihr Leben lang nur ihr allein gehört hatte. Meta spürte, wie sich Panik in ihr ausbreitete. Ein Druck baute sich auf, als zerreiße es sie jeden Moment. Bislang hatte sie nur zugelassen, dass der Dämon sie als Pforte benutzte, aber ihn in sich zu tragen, schien ihr unmöglich. Während sich ihre Finger in die Brust gruben, als könnten sie so Platz für den Wolf schaffen, schloss Meta schwer atmend die Augen. Dort, im Dunkeln hinter ihren Lidern bewegte sich etwas. Ein Schatten. Bevor sie begriff, dass es der Wolf war, folgte sie ihm bereits.

Als sie eintrat, drehte er sich um und lief einige Schritte auf sie zu. Eine stumme Aufforderung, ihm zu folgen. Hier in seinem Reich war sie nicht mehr als ein helles, warm scheinendes Licht. Doch Licht war etwas, das diese unendliche Finsternis nicht kannte. So, wie sie ihn zu sich eingeladen hatte, hatte er sie in seine Welt eingelassen. Nun würde er dafür sorgen, dass sie sich in diesem Reich nicht verlor, selbst wenn er deshalb den Wettlauf gegen die Zeit verlieren sollte.