Kapitel 20
Unerwartete Nähe
Unauffällig sah Jannik sich um. Die Straße war wie gewohnt verwaist, nur gelegentlich kam ein Passant, der den Kopf gesenkt hielt und zusah, dass er an dem nach einem Streuner aussehenden Jungen und dessen Hund vorbeikam. Trotzdem mochte Jannik sich nicht einfach auf den Bordstein setzen, bis er sich zu einer Entscheidung durchgerungen hatte. Burek blickte ihn mit herabhängenden Ohren an, wahrscheinlich konnte er sich auch einen besseren Ort vorstellen als diese breite Straße, auf der der Herbstwind bestenfalls ein paar Zeitungsseiten jagte.
»Noch einen Moment, du Nervensäge«, tröstete Jannik den Hund und griff nach seinem Tabakbeutel. Neben ihm auf dem Boden stand ein Karton mit ein paar von Davids Sachen. Es hatte ihn viel Mut gekostet, in die Wohnung einzubrechen und die Dinge herauszusuchen, von denen er wusste, dass sie seinem Freund wichtig waren. Hagens Garde schlich unentwegt durch die Gegend, aber bislang hatte ihn niemand zur Rede gestellt, was er in der Wohnung des Abtrünnigen zu suchen gehabt hatte. Jannik vermutete, dass Nathanel eine schützende Hand über ihn hielt. Ihm war das allerdings nicht recht. Schließlich war es die Schuld des alten Knaben gewesen, dass David überhaupt erst in diese Situation geraten war.
In den letzten Tagen war es fast unmöglich gewesen, den Gerüchten zu entgehen, die im Rudel die Runde machten. Dabei mieden die meisten Davids einzigen Kumpel nach Kräften, als ginge von ihm eine ansteckende Krankheit aus, die Krankheit namens Fahnenflucht.Wenn Nathanel nicht so scharf darauf gewesen wäre, den Wolf in David mit aller Macht zu stärken, dann wäre David bestimmt auch nicht durchgedreht und abgehauen. Zumindest redete Jannik sich das ein, genauso wie die Tatsache, dass es nur noch eine Frage der Zeit sei, bis David zurückkehrte. Keiner von ihnen schaffte es, allzu lange ohne die Verbindung zu den anderen zu überstehen. Es schmerzte den Wolf, als hielte man ihn in einer Grube gefangen, wo er von allem Lebenswerten abgeschnitten war.
Zwar war David durch die Zeit, die er mit Convinius verbracht hatte, zäher als der Rest des Rudels, aber auch er würde früher oder später dem Sehnen seines Wolfes nachgeben müssen, wenn er nicht den Verstand verlieren wollte. Es sei denn, David schließt sich einem neuen Rudel an, wisperte eine leise Stimme, die Jannik überhaupt nicht schätzte.
Sind zwei schon ein Rudel?
Verbissen sah Jannik zu der Galerie auf der anderen Seite der Straße hinüber, durch deren großes Schaufenster er die blonde Frau beobachtete. Sie hatte einen Arm um ihre Taille gelegt, den anderen auf die Hüfte gestützt. Gelegentlich gestikulierte sie mit der Hand, wenn sie eins von ihren Worten unterstreichen wollte. Je länger Jannik sie betrachtete, desto weniger verstand er, was David von dieser Frau wollte, deren ganzer Leib mit seinen Spuren bedeckt war. Ihre Bewegungen wirkten affektiert, ihre Mimik äußerst reduziert. Sie wirkte langweilig und war außerdem zu dürr. Der imposante Mann im Anzug, mit dem sie sich unablässig unterhielt, schien da anderer Meinung zu sein.Was immer er in dieser Frau sah, es gefiel ihm. Gut, er war ja auch der Typ Mann, den man an Metas Seite erwarten würde. Aber was, verdammt noch mal, wollte David bloß von ihr?
Mit einem Seufzen warf Jannik seine aufgerauchte Zigarette in den Rinnstein, woraufhin Burek ein hoffnungsfrohes Bellen hören ließ. »In Ordnung, wir beide starten jetzt durch«, sagte Jannik und klemmte sich den Karton unter den Arm. Ohne einen Blick nach links oder rechts zu werfen, ging er auf die Galerie zu und stieß mit der Schuhspitze die Eingangstür auf.
Leichtfüßig schoss Burek an ihm vorbei, um schwanzwedelnd auf die Frau zuzulaufen und seine Schnauze an ihrem blass schimmernden Kleid zu reiben. Diese Meta blieb stocksteif stehen, wie Jannik mit einiger Befriedigung feststellte. Doch dann beugte sie sich hinunter und tätschelte dem Hund den Kopf.
Jannik ließ geräuschvoll den Karton auf den Boden fallen und sagte: »Tut mir leid, dass Burek so aufdringlich ist, aber du riechst total nach David.« Augenblicklich kam Leben in dieses puppenhafte Gesicht. Meta lachte unsicher, und das Blut schoss ihr leuchtend rot in die Wangen. Sieht doch gar nicht verkehrt aus, gab Jannik widerwillig zu.
Meta streichelte den sich immer noch vor Vergnügen windenden Hund, dann richtete sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf den Herrn an ihrer Seite, der die Szenerie mit unverstelltem Interesse beobachtete. »Also, Herr Kandelanz, ich lasse dann zwei der Aquarelle an Ihre Privatadresse liefern, und Sie sehen, ob die Bilder sich tatsächlich, wie erhofft, in die Umgebung einfügen. Wissen Sie, es ist ein Unterschied, ob man Kunst kauft, die für öffentliche Orte wie Ihre Kanzlei bestimmt ist, oder solche, mit der man sich in seinen wenigen ruhigen Momenten umgeben möchte. Solche Werke sind ja auch keine Investitionsanlage, sondern gehören zu den Dingen, die man später einmal Menschen hinterlassen möchte, die einen wirklich gekannt haben und den Wert der Bilder verstehen.«
Der elegante Mann lachte leise und verabschiedete sich freundlich, wobei er auf dem Weg zum Ausgang Jannik noch einmal ansah. Zu dessen großer Überraschung fiel der Blick nicht herablassend aus, sondern bloß neugierig. Vermutlich glaubt er, dass ich das da drüben produziert habe, dachte Jannik grinsend und betrachtete eine Leinwand, die mit einer wilden Farbschmiererei bedeckt war.
»Wenn Sie zu David wollen, kann ich Ihnen auch gern sagen, wo Sie ihn finden können. Ich meine, Sie sind doch ein Freund von ihm, oder?« Metas Stimme klang bei den letzten Worten belegt, als käme ihr plötzlich in den Sinn, dass ihr Liebhaber sich nicht nur mit Freunden umgab. Jannik hätte nur allzu gern gewusst, was David ihr wohl für eine Lügengeschichte aufgetischt hatte, damit er bei ihr bleiben konnte. Währenddessen trat Meta auf ihn zu und betrachtete ihn eingehend. »Sind Sie mit David verwandt?«, fragte sie mit einem Mal überschwänglich.
»Nein, nicht direkt. Ich meine, wir sind nicht direkt … blutsverwandt oder so.« Die Entwicklung des Gesprächs gefiel Jannik überhaupt nicht. Eigentlich hatte er nur vorgehabt, in die Galerie hineinzuschneien, diese Frau in Verlegenheit zu bringen, weil er so wütend auf sie war, und sie dann samt Davids Sachen einfach stehen zu lassen. »Aber wir sind Freunde«, setzte er mit fester Stimme nach, um ja keine weiteren Fragen aufkommen zu lassen.
Doch Meta wirkte nicht überzeugt. »Sie haben exakt dieselbe Augenfarbe wie David, dieses tiefe Blau. Das kann doch kein Zufall sein.«
»Also, ich bin vorbeigekommen, um Davids Krempel abzugeben. Für den Fall, dass er auch mal dein Bett verlassen will, braucht er ja wohl etwas zum Anziehen.« Leider ging Meta auf den Seitenhieb nicht weiter ein, sondern musterte ihn ohne Unterlass. Unwillkürlich fing Jannik an, sich unter ihrem Blick zu winden. »Außerdem wäre es nett, wenn du ihm sagen würdest, dass er sich ruhig mal bei mir melden kann.« Er zögerte kurz und sah sich hilflos nach Burek um, der jedoch die weitläufigen Räume inspizierte. »Und vielleicht noch, dass ich das irgendwie verstehen kann, was da neulich passiert ist.Also, er soll sich einfach melden, ja?«
Meta nickte langsam, und während er so vor ihr stand, bemerkte Jannik plötzlich etwas Seltsames: Sein Wolf, dieses schwache, zurückgezogene Wesen, fühlte sich in der Gegenwart dieser Frau äußerst wohl. Er regte sich zwar nicht, fühlte jedoch auch keinen Zwang, sich in den letzten Winkel zu pressen und tot zu stellen. Das muss an Davids Spuren liegen, die diese Frau wie eine zweite Haut umgeben, dachte Jannik. Aber irgendwie fühlte sich die vernünftig klingende Begründung zu harmlos an, so als verkenne er etwas Essenzielles, obwohl es sich ihm unleugbar offenbarte.
»Ja«, sagte Meta. »Das will ich gerne tun …« Sie schaute ihn fragend an, und es dauerte einen Moment, bis er begriff, worauf sie hinauswollte.
»Jannik.« Sein eigener Name flog ihm regelrecht von den Lippen. Dann schickte er ein schüchternes Lächeln hinterher. »Hat er dir schon von mir erzählt?«
»Nein, bislang leider noch nicht. Aber das wird David bestimmt sofort nachholen, wenn wir es endlich einmal aus meinem Bett rausschaffen.« Zu Janniks Erleichterung wurde dieser Kommentar von einem Lächeln begleitet, das ihm bewies, dass diese kleine Retourkutsche nicht nachtragend gemeint war.
Eigentlich war nun der perfekte Moment gekommen, um sich umzudrehen und zu gehen, doch Jannik konnte sich von dieser Frau nicht losreißen. So unangenehm ihm das herrenlose Gebiet und erst recht die hellerleuchtete Galerie mit ihren kühlen Geschöpfen vorgekommen war, so wohl fühlte er sich jetzt. Am liebsten hätte er sich gemeinsam mit Meta gegen den Tresen gelehnt, eine Zigarette geraucht und noch ein wenig geplaudert.
Eine kräftige Frauenstimme riss ihn jäh aus seinen Träumereien.
»Meta, ich fände es wirklich klasse, wenn du Rinzo jetzt endlich zurückrufen würdest. Eve ist nämlich ausgeflogen, Sol treibt sich immer noch mit dieser Pressetante im Café herum, so dass der Telefondienst wieder einmal an mir hängenbleibt. Also wählst du jetzt entweder augenblicklich Rinzos Nummer, oder ich gehe nach Hause. Was ist dir lieber?« Eine süß aussehende Frau mit dunklen Locken, deren Alter Jannik allerdings nur schwer einschätzen konnte, hatte sich zu ihnen gesellt und die Hände angriffslustig in die Hüften gestemmt. »Außerdem hat mich dieser Köter beschnüffelt.«
Meta schlug sich mit dem Handrücken gegen die Stirn. »Mist, Rinzo habe ich vollkommen vergessen. Tut mir leid, Rahel.«
»Lass mich einmal raten, woran das wohl liegen könnte?«, fragte Rahel in einem deutlich milderen Ton. Sie sah Jannik an und lächelte ihm zu. Doch bevor er es erwidern konnte, verzog sich ihr Mund zu einem erschrockenen O, und sie wich zurück. Janniks Wolf hob kurz den Kopf, anscheinend unschlüssig, wie er auf diese plötzlich aufkommende Furcht reagieren sollte. Da die Frau jedoch ihre Angst schnell niederkämpfte, entschloss sich der Wolf zum Rückzug.
Unterdessen schien Meta von dem Stimmungswandel nichts mitzubekommen, da sie verlegen ihre Fingernägel betrachtete. »Das ist Jannik, ein Freund von David. Er hat einige von seinen Sachen vorbeigebracht. David wohnt vorübergehend bei mir, das habe ich dir vor lauter Hektik ja noch gar nicht erzählt.«
»Nein, das hast du nicht«, erwiderte Rahel heiser. Zwar weigerte sie sich, auch nur einen zweiten Blick auf Jannik zu verschwenden, aber sie schien noch weniger Lust zu verspüren, Meta anzuschauen. Einige Atemzüge lang stand sie reglos da, dann wandte sie sich zum Gehen. »Ruf Rinzo an, bevor du auch das vergisst.«
Mit einem verhaltenen Nicken verabschiedete sich Jannik von Meta, die sichtlich um Fassung rang. Offenbar hatte sie das kurze Gespräch mit dieser Frau ganz schön aus der Bahn geworfen, und als sie Jannik zum Abschied nachwinkte, glaubte er zu verstehen: Das Geheimnis um Davids Wolf zog Kreise, die sich auf Metas Leben auswirkten. Diese Rahel hatte irgendwie begriffen, dass der Geliebte ihrer Freundin mehr als nur ein junger Bursche war, der sich über seine Vergangenheit ausschwieg. Sie hatte die Gefahr erkannt, die der Wolf darstellte. Jannik wünschte sich inständig, sie hätte es nicht getan. Er bewegte sich selten außerhalb des Rudels, und die Angst in Rahels Augen hatte ihn verletzt.
Missmutig ließ Jannik das Geschäftsviertel hinter sich. Er überschritt die nur für ihn sichtbare Grenze zum Revier seines Rudels und verspürte einen fast körperlichen Widerwillen, als ihn Hagens Macht berührte. Er blieb abrupt stehen und schluckte einige Male kräftig, dann hatte er seinen Magen wieder unter Kontrolle. Burek schaute ihn fragend an, woraufhin er mit den Schultern zuckte. »Keine Ahnung, was los ist«, erklärte er seinem Hund. »Aber Nachhausekommen sollte sich eigentlich schöner anfühlen.« Er lachte kurz über seine eigenen Worte, fühlte sich jedoch kein bisschen besser.
Burek schien es ähnlich zu gehen, denn er duckte sich plötzlich und versuchte, hinter seinem Herrchen in Deckung zu gehen. Jannik blickte sich irritiert um und stieß einen Schrei aus, als wie aus dem Nichts Nathanel neben ihm auftauchte.
»Irgendwie ist es traurig, dass die Instinkte deines Hundes besser sind als deine eigenen.« Nathanels Stimme ließ nicht erkennen, ob in seinem Kommentar Verachtung lag. Obwohl der Körper des älteren Mannes seit seiner Krankheit mit einigen Gebrechen zu kämpfen hatte, vermutete Jannik, dass sein Wolf davon nicht betroffen war. Einige unterschätzten Nathanel, weil er sich stets in Zurückhaltung übte und in der Vergangenheit die Aufgabe des Anführers abgelehnt hatte. Doch Jannik traute Hagens rechter Hand eine Menge zu, zum Beispiel, dass er seine einigen Pläne verfolgte. Und einer davon betraf eindeutig David.
»Wir können ja nicht alle mordsdominant sein«, hielt Jannik dagegen, wobei er sehr viel mutiger klang, als er sich fühlte. »Ich mag meinen Wolf«, fügte er an, um ja keinen Zweifel aufkommen zu lassen.
»Ich auch«, erwiderte Nathanel abermals in diesem seltsam neutralen Ton, doch dann verzog sich sein schiefer Mund für einen Augenblick zu einem Lächeln. »Diese Frau, zu der David sich so hingezogen fühlt, riecht gut, nicht wahr? Wie hast du auf sie reagiert?«
Sofort erinnerte Jannik sich an das wohlige Gefühl, das ihn in Metas Nähe überkommen hatte. Aber wie sollte er es in Worte fassen, vor allem vor Hagens Vize? »Bestimmte Frauen riechen immer gut«, erklärte er deshalb mit einem bemüht blanken Gesichtsausdruck.
»Ja, das stimmt wohl.« Nathanel nickte bedächtig, während er seine großen, leicht verbogenen Hände anschaute. »Mich erinnert der Duft jedoch auch an etwas anderes. Daran, wie es ist, jemandem nahe zu sein, der nicht nach dem eigenem Stall riecht und der trotzdem zu einem gehört. Das ist eine seltene Gabe. Aber ich habe nicht nur auf dich gewartet, um mit dir die Vorzüge von Davids Geliebter zu besprechen.«
Obwohl Jannik plötzlich der Schweiß ausbrach und er gerne geflüchtet wäre, wagte er es nicht, sich auch nur einen Schritt von Nathanel zu entfernen. Er wusste nur zu gut, dass er vor diesem Mann, der das eine Bein nachzog, nicht davonlaufen konnte. Dazu brauchte er nicht einmal das hoffnungslose Winseln seines Wolfes zu hören.
»Nun«, sagte Nathanel, »ich möchte, dass du mich auf dem Laufenden hältst, was David betrifft. Die Frage ist, wirst du das freiwillig tun, oder soll ich mich in deinem Kopf einnisten?«