Kapitel 22

Das Versprechen

Eigentlich hätte Rahel schon längst Feierabend machen können, nachdem sie das Tagesgeschäft abgewickelt hatte und es heute Abend noch eine wichtige Probe ihrer Laienschauspielgruppe gab. Doch sie konnte sich einfach nicht dazu durchringen, sich ihre Jacke zu schnappen und die Galerie durch den Lieferanteneingang zu verlassen.

Nachdem dieser Junge, der Meta am Nachmittag einen Besuch abgestattet hatte, ihre letzten Zweifel hinsichtlich Davids Natur zerstreut hatte, war sie wie getrieben im Büro auf und ab gelaufen. Seit Meta ihr von diesem seltsamen Schemen erzählt hatte, der aus den Händen ihres geheimnisvollen Liebhabers hervorgetreten war, nahm sie sich stets aufs Neue vor, ihrer Freundin etwas über jene Menschen zu erzählen, deren Schatten ein Eigenleben führten. Aber dann hatte sie einen Grund nach dem anderen gefunden, warum es unsinnig war, Meta einzuweihen. Der wichtigste von ihnen bestand in der Tatsache, dass es sich nur um eine Vermutung handelte, ganz gleich, wie gut sie zum Rest der Geschichte passte. Immerhin war es dem Mann in dieser riesigen Stadt zweimal gelungen, ohne weitere Anhaltspunkte dieselbe Frau zu finden. Aber schließlich besteht das Leben aus den verrücktesten Zufällen, hatte Rahel sich erfolgreich beruhigt - bis heute.

Bei dem Gedanken an die blauen Augen, in die sie am Nachmittag einen Blick geworfen hatte, spürte sie sogleich  einen Druck an ihrer Kehle, als hätte sie jemand mit festem Griff gepackt. Doch mehr zu schaffen machten ihr die Tränen, die unwillkürlich aufstiegen und die sie auf keinen Fall fließen lassen konnte. Hastig wischte sie sich mit dem Pulliärmel über die Lider, doch diese Berührung verschlimmerte alles nur, denn auch sie war eine allzu vertraute Geste aus ihrer Kindheit. Nicht weinen, es nicht an sich herankommen lassen.Verfluchte Wölfe.

Nun hatte Rahel jedoch den notwendigen Beweis erhalten. Sie konnte sich nicht länger davor drücken, Meta die Augen zu öffnen, ganz gleich, ob die gerade erst entstandene Freundschaft dadurch zerstört werden würde. Denn daran, dass die ungewöhnliche Verbindung zwischen Meta und ihr gekappt werden würde, hegte Rahel keinen Zweifel. Sie wusste nur allzu gut, dass Menschen es einem übelnahmen, wenn man ihnen etwas offenbarte, das ihr Leben aus den Fugen geraten ließ. Genau diese Furcht hatte Rahel in Wirklichkeit überhaupt so lange zögern lassen, denn obwohl es ihr weder an Bekanntschaften noch an einer engen Familienanbindung mangelte, stellte ihre Freundschaft zu Meta etwas Besonderes dar.Ansonsten hätte sie keine solche Zurückhaltung walten lassen, die dazu geführt hatte, dass ihre Freundin nun jemanden bei sich beherbergte, der ihr nur Unglück bringen konnte.

Mit beiden Händen wischte sich Rahel über das Gesicht und stellte fest, dass doch einige Tränen einen Weg über ihre Wangen gefunden hatten. Sie schniefte durch die Nase und beschloss, schnell noch dem Waschraum einen Besuch abzustatten, bevor sie Meta gegenübertrat. Mit einem verquollenen Gesicht und bebender Stimme würde sie keinen besonders überzeugenden Eindruck machen.

Als sie schließlich wieder durch die Tür vom Waschraum schritt, hörte sie Metas helles Lachen. Ein ungewöhnlicher Klang in diesen Räumen. Außerdem gehörte Meta für gewöhnlich zu jenen Frauen, die ein Lachen nach Möglichkeit unterdrückten oder es wohlerzogen hinter der Hand versteckten. Doch jetzt erscholl es offen und mit einer verspielten Note. Obgleich sie das schlechte Gewissen packte, zog Rahel die Tür wieder ein Stück zu. Vorsichtig linste sie durch den Spalt.

Beim Tresen, der auf seiner spiegelglatten, schwarzen Marmoroberfläche lediglich einige Kataloge beheimatete, stand Meta. Zu ihr beugte sich gerade ein junger Mann herunter, um ihr etwas zu sagen, das sie erneut auflachen ließ. Sie schüttelte den Kopf, bis sich Haarsträhnen in ihren Wimpern verfingen. Der Mann nutzte die Chance und strich die Strähnen vorsichtig aus ihrem Gesicht, wobei seine Fingerspitzen zum Nacken wanderten und dort liegen blieben. Eine zärtliche Berührung, aus der Vertrautheit sprach.

Rahel musste nicht erst abwarten, dass der Mann den Blick hob und sie die Farbe seiner Iris erkannte. Sie wusste auch so, dass es David war, der mit Meta flirtete. Nur zu gern schien ihre Freundin auf das Spiel einzugehen. Gerade stellte sie sich auf die Zehenspitzen und flüsterte dem hochgewachsenen Mann etwas zu, woraufhin dieser mit vorgetäuschter Empörung zurückwich, ohne jedoch ihren Nacken freizugeben. Meta lachte siegessicher und hakte ihren Finger im Taschensaum seiner Jeans ein, um ihn erneut dicht an sich heranzuziehen. In diesem Augenblick dröhnte ein Handy los, und Meta nahm den Anruf mit einem äußerst ungeduldigen Gesichtsausdruck an, während David sie schmunzelnd in die Seite zwickte. Meta gab ihm einen Klaps auf die Finger, aber ihre Züge entspannten sich sichtlich ob dieser kleinen Neckerei.

»Hallo, Rinzo«, begann sie in den Hörer zu sprechen, um eine klare, geschäftsmäßige Stimme bemüht, was ihr in Davids Nähe offensichtlich alles andere als leichtfiel. »Natürlich habe ich vollstesVerständnis dafür, dass du schon wieder anrufst. Nett,  dass du fragst. Aber es ist, wie ich zuvor schon sagte: Ich finde es unseriös, einem Künstler gewisse Marktwerte zuzusagen, nur um ihn von der Konkurrenz abzuwerben - ganz gleich, ob er der neue Stern am Himmel ist oder nicht. Okay, sprechen wir unsere Argumente trotzdem noch einmal durch.«

Entgegen jeder Vernunft verließ Rahel ihr sicheres Versteck hinter der Tür und ging zu den beiden hinüber. Gegenüber Davids dunkler Erscheinung wirkte Meta fast wie ein Lichtreflex, doch auf seinen harten Gesichtszügen spiegelte sich eine anziehende Wärme, und dieser Widerspruch ließ ihn verwirrend attraktiv aussehen. Als Rahel näher kam, zuckte David zusammen, anscheinend überrascht von der Tatsache, dass er sie nicht schon vorher bemerkt hatte. Tja, dachte sich Rahel, wenn man dem Objekt seiner Begierde so nahe ist, können die Sinne noch so gut geschärft sein.

David hatte sich schnell wieder gefangen und warf ihr ein zögerliches Lächeln zu, das sie wider besseres Wissen erwiderte. Die strahlende Anziehungskraft des jungen Mannes überwog ihre Ängste, und Rahel wusste genau, woher sie stammte: David war bis über beide Ohren verliebt - dieses Gefühl wob seine eigene Art von Magie, der man sich nur schwer entziehen konnte. Ob ihn das nun gefährlicher machte oder vielleicht zähmte, vermochte Rahel allerdings nicht zu sagen.

Auch Meta hatte mittlerweile ihre Freundin bemerkt und winkte sie eifrig zu sich. »Rinzo, einen Moment bitte. Nein, Rinzo, warte einmal kurz, ja?« Doch Rinzo schien momentan außerstande, auch nur eine Sekunde innezuhalten - so war es schon den ganzen Nachmittag über gegangen, seitdem er Meta endlich einmal an den Apparat bekommen hatte.

Meta verdrehte die Augen, dann eilte sie auf Rahel zu und zog die erstarrte Freundin zum Tresen, wo sie mit der Hand auf den verlegen dreinblickenden Mann deutete. Zwischen einigen beruhigenden Brummgeräuschen, die für den aus  dem Apparat dröhnenden Rinzo bestimmt waren, formte Meta mit den Lippen lautlos die Namen von David und Rahel, wobei sie die Vorstellung mit der freien Hand untermalte.

Plötzlich spannte sich Metas Körper an wie ein Flitzebogen, und eine steile Falte grub sich über ihrer rechten Augenbraue ein. »Auf gar keinen Fall!«, rief sie in den Hörer, um ihn sogleich mit der Hand zuzuhalten. »Rahel, kümmerst du dich bitte einen Moment lang um David? Rinzo steht kurz vor einem geschäftlichen Kamikazeflug.« Kaum hatte Rahel zustimmend genickt, streichelte Meta ihrem Liebsten noch einmal über den Arm und entfernte sich dann, zu einem lautstarken Monolog ansetzend, in Richtung Büro.

Während Rahel noch mit grüblerischer Miene ihre Möglichkeiten abwog, bemühte David sich - sichtlich ungeübt - um eine Unterhaltung. »Meta hat mir erzählt, dass Sie in einem Laientheater mitspielen. Was für ein Stück proben Sie denn zurzeit?«

»Meta und der böse Wolf.« Die Worte waren heraus, bevor Rahel selbst recht verstand, was sie da von sich gab. Doch der Blick aus den blauen Augen hatte die alte Angst in ihr wachgerufen, auf die sie mit Kühnheit zu reagieren gelernt hatte. Zwar wohnte dieser Taktik ein gewisses Risiko inne, aber es war ihr lieber, bei einem Angriff zu scheitern, als in ihrer Furcht zu ertrinken.

David lachte kurz verstört auf, und Rahel konnte an dem Funkeln in seinen Augen erkennen, dass etwas in ihm bereits Witterung aufnahm. Bevor sie die Beherrschung verlor und zurückwich, sagte sie: »Ich weiß, was du bist. Und es sind nicht nur deine Augen, die dich verraten. Du wirst mir eine äußerst gute Begründung liefern müssen, damit ich nicht sofort zu Meta gehe und sie über deine wahre Natur aufkläre. Du solltest wissen, dass ich dir diese Chance nur deshalb gebe, weil  ich gesehen habe, wie ernst es euch beiden ist. Außerdem tust du ihr gut, so verrückt das klingen mag.Also, was kannst du zu deiner Verteidigung vorbringen?«

Eine Sekunde lang befürchtete Rahel, David könnte das Problem auf eine sehr grundsätzliche Art lösen, nachdem sie ihn dermaßen erbarmungslos in die Ecke gedrängt hatte. Der junge Mann blinzelte jedoch nur einige Male, während er das Gehörte allmählich begriff, dann lehnte er sich seitlich gegen den Tresen und verschränkte die Arme vor der Brust, das Gesicht angespannt, um den Mund einen mutlosen Zug.

»Was kannst du denn schon darüber wissen, was ich bin?«

Gern hätte Rahel ihm an den Kopf geworfen, eigentlich müsste jeder halbwegs normale Mensch bemerken, dass in ihm etwas hauste, das nicht da sein sollte. Diese unbeschreibliche Aura, die ihn umgab und jeden auf Distanz hielt. Das Gefühl, einem fremdartigen Geschöpf gegenüberzustehen, das nur vorgab, Mensch zu sein. Doch Rahel wusste es besser: David war ein Mensch - und er war auch etwas anderes. Obwohl sie ihn gern verletzt hätte, indem sie ihm sein Menschsein absprach, konnte sie es nicht über sich bringen. Sie wünschte sich, er würde sie angesichts ihres Wissens bedrohen oder wenigstens anknurren. Aber dass er sich einfach nur zurückzog und mutlos wirkte, machte es für sie unendlich viel schwieriger.

»Ich weiß genug über dich und deine Bagage, um abschätzen zu können, wie dieses kleine Tête-à-tête mit Meta enden wird«, sagte sie und verachtete sich für die Brüchigkeit in ihrer Stimme. Auch wenn David sich von ihrer Angst nicht herausgefordert fühlte, so wollte sie vor ihm nicht schwach erscheinen. »Das Rudel gewinnt immer, so ist das doch bei euch. Ich habe keine Ahnung, was du für einer bist, aber früher oder später wirst du Meta den Rücken zukehren. Du wirst ihr etwas antun, weil ihre Liebe dich von den anderen fernhält.«

»Das werde ich nicht tun!«

Davids Stimme war unerwartet laut geworden, worüber er mehr erschrak als Rahel, die hinter den Tresen zurückwich. Nicht, dass ihr dieser Quader Stein viel Schutz bieten konnte. David drehte sich in ihre Richtung und umklammerte die Kante des Tresens, bis seine Fingerknöchel weiß hervortraten.

»Natürlich wirst du das tun«, flüsterte Rahel, unfähig, einen Anflug von Mitleid zu verbergen. »Du bist ein erwachsener Mann, du weißt, welche Regeln dir die Wolfsnatur auferlegt.«

»Aber ich habe den Wolf unter Kontrolle«, erwiderte David, immer noch unfähig, Rahels Blick zu begegnen. »Ich möchte bei Meta sein und ein ganz gewöhnliches Leben führen. Und ich sehe nicht ein, warum ich darauf verzichten sollte, nur weil dieser verfluchte Dämon nach anderen Regeln spielen will.«

»Dämon? So nennst du das Wesen in dir?«, fragte Rahel ernsthaft irritiert. »Der Wolf ist doch ein Teil von dir - wie dein Schatten. Du kannst ihn nicht einfach bannen, wie stellst du dir das vor?«

Nun hob David den Blick, und Rahel zuckte zusammen, als sie den Zorn sah, der in ihm flackerte. Aber es war nur die Wut eines Mannes. »Da siehst du einmal, wie wenig du weißt. Glaubst du etwa, der Wolf sei etwas Natürliches, so wie eine psychische Krankheit oder ein seltener Erbfehler?«

»Nein, natürlich nicht. Aber diese Trennung, die du vornimmst, ist falsch. Ehrlich gesagt, kann ich mir vorstellen, dass dich das noch viel gefährlicher für Meta macht, als wenn du zu deiner Natur stehen würdest.«

David lachte höhnisch auf und lehnte sich über den Tresen, um Rahel eine passende Antwort zu geben. Dann hielt er plötzlich inne. »Warum weißt du so gut über uns Bescheid?« In seiner Frage schwang keinerlei Angriffslust mehr mit, sondern langsames Verstehen.

»Jemand aus meiner Familie war wie du.« Rahel umfasste ihre Oberarme, als könne sie sich damit gegen die Kälte wappnen, die nun von ihr Besitz ergriff. »Er konnte sich auch nur schwer dem Rudel verschreiben. Kam immer wieder zu uns zurück. Aber Mensch und Wolf müssen miteinander verschmelzen, so lautet die erste Regel des Rudels.Wer sich gegen sie auflehnt, wird gejagt.«

Einen Moment lang blickte David sie voller Entsetzen an, bevor sich Begreifen und Mitgefühl auf seinem Gesicht ausbreiteten. »Ich habe bislang nur davon gehört. In manchen Rudeln wird es so gehandhabt, nicht in allen«, sagte er ruhig, aber Rahel konnte spüren, wie sehr ihm diese Vorstellung zusetzte. »Und bei mir ist es anders: Mein Rudel ist so groß, dass mein Anführer mich kaum vermissen wird, und mein Wolf lässt sich einfach bezähmen. Außerdem scheint er Meta zu mögen. Er hat mich in den Tagen, seit ich bei ihr bin, jedenfalls nicht ein Mal gedrängt, zu unserem Rudel zurückzukehren.«

Es dauerte, bis Rahel seine Worte wirklich begriff. Ihre Hand fuhr in die Luft und sank sofort wieder herab. »Bist du dir sicher?«, fragte sie verblüfft.

»Ja.« David nickte. »Vielleicht liegt es daran, dass ich lange Zeit unter der Obhut eines Mannes gelebt habe, der seinen Wolf derart beherrschte, dass er ein Leben ohne Rudel führte. Er wusste, wie man den Dämon bezwingen kann, auch wenn es ihn nicht glücklich gemacht hat. Aber ich bin glücklich, wenn ich nur daran denke, dass es mir mit Meta gelingen könnte, ein normales Leben zu führen.«

»Du willst ihr also nichts von dem Wolf erzählen?« Rahel war immer noch nicht überzeugt.

Obwohl allein dieVorstellung ihm sichtlich Schmerzen bereitete, quälte David seine Mundwinkel zu einem Lächeln. »Warum sollte ich sie damit verunsichern, solange mein Wolf sich still verhält?«

Voller Anspannung registrierte Rahel, dass das leise Gemurmel von Metas Stimme verstummt war, während sie nach wie vor einen inneren Kampf mit sich ausfocht. Gleich würde ihre Freundin um die Ecke gestöckelt kommen.Auch David blickte über die Schulter zu den Büros am Ende des Flurs hinüber, dann wandte er sich wieder Rahel zu, die Kieferknochen hell unter der dunklen Haut hervortretend. »Ich würde ihr nie etwas zuleide tun.Wenn sie jemals von dem Wolf erfahren sollte, werde ich sofort gehen, das verspreche ich dir.«

In diesem Moment trat Meta aus ihrem Büro, die Wangen vom Kräftemessen mit Rinzo erhitzt, aber mit siegreicher Miene. Demonstrativ stellte sie ihr Handy aus und ließ es mit einem Lächeln in der Handtasche verschwinden, die ihr bereits ausgehfertig in der Armbeuge hing.

»Auch wenn Rinzo die nächsten Tage schmollen und sich endlos über seine stressbedingten Darmprobleme beklagen wird, das ist mir dieser Punktsieg wert gewesen! Wenn ich mir anhören muss, keine Ahnung von Kunst zu haben, dann muss er damit leben, ein mieser Geschäftsmann zu sein.«

Meta stellte sich neben David und legte ihm den Arm um die Hüfte, was ihr gut gelang, denn David hatte sich auf die Ellbogen gestützt und seine untere Gesichtshälfte in den Händen verborgen. Eine reine Vorsichtsmaßnahme, da er seine Mimik noch nicht wieder unter Kontrolle hatte. Sein Blick ruhte unverwandt auf Rahel, die sich ein Lächeln abrang, obwohl sie am liebsten schluchzend davongelaufen wäre. Hatten die Stunden auf der Theaterbühne also doch etwas gebracht.

»Worüber habt ihr zwei denn so angeregt gesprochen?« Ein wenig verunsichert blickte Meta von einem zum anderen, unschlüssig, was sie von der Situation halten sollte.

»Na, worüber rede ich denn zurzeit ununterbrochen? Über meine Theateraufführung natürlich.« Rahel schnitt eine Grimasse, als könne sie sich selbst nicht mehr ertragen.

Just verschwand die steile Falte über Metas Augenbraue. »Und, konntest du David für einen Job als Komparse begeistern, oder vielleicht als Beleuchter?«

»Nein, und den Türsteher wollte er auch nicht geben. Du solltest deinen Süßen wirklich besser erziehen, damit er auf das hört, was ältere Frauen ihm sagen.«

»Was meinst du mit ältere Frauen, Rahel? Willst du dich bei mir unbeliebt machen?«, erwiderte Meta gut gelaunt. »Ich finde, mein Sieg über Rinzo muss gefeiert werden: Ich lade euch zu diesem schicken neuen Thailänder ein, was sagt ihr dazu?«

Während David immer noch nicht in der Lage war, angemessen zu reagieren, winkte Rahel ab. »Macht ihr zwei Täubchen euch mal einen schönen Abend. Ich muss noch Hand am Kleid der Hauptdarstellerin anlegen - irgendwie bleiben diese Nebenjobs immer an mir hängen.« Rahel war selbst erstaunt, wie gut sie die Rolle der Freundin ausfüllte, die eben zum ersten Mal mit dem neuen Mann bekanntgemacht worden war.

»Wirklich nicht?« Meta wirkte ein wenig enttäuscht und bedachte den zurückhaltenden David mit einem fragenden Blick.

Vermutlich würde der junge Kerl erst einmal ein Kreuzverhör über sich ergehen lassen müssen, ob er auch höflich genug zu ihr gewesen war.

»Ihr zwei seht aus, als ob ihr ein wenig Zeit miteinander verbringen solltet. So ist das eben mit frischverliebten Paaren. Ich klinke mich dann ein, wenn der erste Zauber verflogen ist, okay?«

Meta winkte mit einem Lachen ab, gab Rahel einen Kuss auf die Wange, während David mit zitternden Händen den Karton mit seinen Habseligkeiten aufhob. Als Meta einfiel, dass sie ihren Ohrring beim Telefonieren abgenommen und auf dem Schreibtisch liegen gelassen hatte, nutzte Rahel die Chance, um noch einmal mit David zu sprechen.

»Du versprichst mir hoch und heilig, sofort das Weite zu suchen, wenn der Wolf anfängt, Probleme zu machen?« Wider ihren Instinkt packte Rahel den reglos dastehenden Mann fest am Oberarm und grub ihre Fingernägel in den Stoff seiner Jacke.

David sah sie ernst an. »Wenn auch nur der Verdacht besteht, dass ich Meta gefährden könnte, gehe ich.«

Rahel nickte, lockerte ihren Griff aber erst, als Meta fröhlich plappernd zu ihnen zurückkehrte. Noch lange Zeit, nachdem das Paar gegangen war, stand sie da, die Gedanken gefangen in der Vergangenheit, die ihr so viel Schmerz, aber auch Freude bereitet hatte. Obgleich sie es besser wusste, war es ihr unmöglich gewesen, diesen jungen Mann seiner Chance zu berauben. Dafür hatte sie einen anderen zu schrecklich scheitern sehen.