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Keiner von uns sprach ein Wort, während wir durch das fuhren, was von Santa Cruz geblieben war. Nichts regte sich, und die Gebäude standen hier bereits weit genug auseinander, dass man zumindest halbwegs eine Chance hatte, Bewegungen rechtzeitig zu sehen. Als ich Richtung Süden auf die erste Ausfahrt zum Highway 1 einbog, entspannte ich mich langsam. Von dort aus konnten wir auf den Highway 152 rüber, der uns nach Watsonville bringen würde, wo wir den Sendewagen zurückgelassen hatten.

Watsonville ist eine weitere »verlorene Stadt« Nordkaliforniens. Nach dem Sommer 2014 hat man sie an die Infizierten verloren, aber trotzdem ist es dort sicherer als in Santa Cruz. Das liegt vor allem daran, dass sie in der Nähe von Gilroy liegt, einer ländlichen Gemeinde, die nach wie vor geschützt wird. Das bedeutet, dass zwar niemand in Watsonville leben will aus Angst, die Zombies könnten mitten in der Nacht von Santa Cruz aus rüberschlurfen , dass die braven Leute von Gilroy den Nachbarort aber auch nicht den Infizierten überlassen wollen. Also fahren sie dreimal im Jahr mit Flammenwerfern und Maschinengewehren in die Stadt und machen sauber. So bleibt Watsonville verlassen, und die kalifornischen Farmer haben ihre Ruhe und können die Bevölkerung ernähren.

Ich fuhr kurz vor den Ruinen einer Kleinstadt namens Aptos an den Straßenrand, nicht weit von der Auffahrt zum Highway 1. Das Gelände um uns herum war weit und eben, womit wir ausreichend Sicht auf alles hatten, was sich vielleicht auf der Suche nach einem kleinen Imbiss befand. Mein Motorrad lief so schwergängig, dass ich es mir lieber noch mal genauer ansehen wollte, und aufzutanken würde auch nicht schaden. Geländemotorräder haben kleine Tanks, und wir waren bereits ein gutes Stück gefahren.

Shaun drehte sich beim Absteigen zu mir um. Er grinste von einem Ohr zum andern. Der Wind hatte seine Haare zu einem Gestrüpp aus unregelmäßigen Stacheln aufgepeitscht, sodass er aussah wie von einem bösen Geist besessen. »Das war das Coolste, was du jemals gemacht hast«, sagte er mit beinahe religiösem Eifer. »Genau genommen war das vielleicht sogar das Coolste, was du jemals tun wirst. Dein ganzes Leben hat auf einen glanzvollen Moment zugesteuert, George, und zwar auf den Moment, in dem du dir gedacht hast: ›He, wie wär’s, wenn ich einfach über die Zombies wegfliege?‹« Er machte eine dramatische Pause. »Wahrscheinlich bist du cooler als Gott.«

»Und wieder eine Gelegenheit versaut, dich loszuwerden.« Ich stieg vom Motorrad und setzte den Helm ab, um erst einmal die offensichtlichsten Macken zu begutachten. Es sah nicht weiter schlimm aus, aber ich hatte trotzdem vor, es sobald wie möglich durchchecken zu lassen. Gewisse Schäden konnte ich mit meinen zugegebenermaßen begrenzten mechanischen Fähigkeiten nicht beheben, und die meisten davon hatte ich mit einiger Sicherheit verursacht.

»Du wirst ein neues kriegen.«

»Das ist die Hoffnung, die mich antreibt.« Ich lehnte meinen Helm an die Windschutzscheibe, öffnete die rechte Satteltasche, zog den Benzinkanister heraus, stellte ihn ab und holte dann den Erste-Hilfe-Kasten hervor. »Zeit für den Bluttest.«

»George «

»Du kennst die Regeln. Wir waren im Feld, und wir kehren erst zur Basis zurück, wenn wir unsere Virenzahl überprüft haben.« Ich nahm zwei kleine Testeinheiten aus dem Kasten und hielt sie ihm hin. »Kein Test, kein Wagen. Kein Wagen, kein Kaffee. Kein Kaffee, kein Spaß. Willst du Spaß, Shaun, oder willst du lieber hier draußen rumstehen und dich mit mir darüber streiten, ob du mir eine Blutprobe gibst?«

»Du büßt hier im Sekundentakt Coolness ein«, knurrte er und nahm die Einheit entgegen.

»Habe ich kein Problem mit«, sagte ich. »Also schauen wir nach, ob ich’s überleben werde.«

Mit eingespielter Routine, die von langer Übung herrührte, rissen wir beide gleichzeitig die luftdichten Versiegelungen auf und öffneten die Plastikdeckel unserer Testeinheiten, sodass die sterilen, metallenen Druckpads zum Vorschein kamen. Die einfachen Feldeinheiten können nur einmal benutzt werden, aber sie sind billig und unverzichtbar. Man muss wissen, ob bei jemandem gerade die Virenvermehrung einsetzt möglichst, bevor dieser Jemand anfängt, einem das leckere Fleisch von den Knochen zu kauen.

Ich löste den Verschluss von meinem rechten Handschuh, zog ihn ab und steckte ihn mir in die Tasche. »Auf drei?«

»Auf drei«, stimmte Shaun zu.

»Eins.«

»Zwei.«

Wir streckten gleichzeitig den Arm aus und steckten den Zeigefinger in die Einheit, die der jeweils andere in der Hand hielt. Man könnte es eine Marotte nennen. Oder ein Frühwarnsystem. Wenn irgendwann einmal einer von uns auf die Drei wartet, dann stimmt etwas ganz und gar nicht.

Das Metall an meinem Finger fühlte sich kühl an, als ich auf das Pad drückte, doch auf das angenehme Gefühl folgte ein stechender Schmerz, als die integrierte Nadel meine Haut durchstieß. Diabetes-Tests tun nicht weh. Man soll sie schließlich ständig durchführen, und das macht man eher, wenn die Sache nicht allzu unangenehm ist. Kellis-Amberlee-Bluttesteinheiten dagegen sollen Schmerzen verursachen. Ein Mangel an Schmerzempfinden ist ein frühes Anzeichen für eine Virenaktivierung.

Die Leuchtanzeigen auf dem Gehäuse erwachten zum Leben, eine rot, eine grün, und blinkten abwechselnd. Das Blinken wurde langsamer und hörte schließlich ganz auf, sodass nur noch das grüne Licht zu sehen war. Nach wie vor sauber. Ich warf einen Blick auf die Testeinheit in meiner Hand und atmete langsam auf, als ich sah, dass auch Shauns Wert sich im grünen Bereich eingependelt hatte.

»Dann kann ich dein Zimmer wohl noch nicht ausräumen«, sagte ich.

»Vielleicht beim nächsten Mal«, erwiderte er. Ich reichte ihm seinen Test zurück und ließ ihn die Sachen wegpacken, während ich auftankte. Shaun erledigte seine Aufgabe mit bewundernswerter Effizienz. Er ließ die Plastikdeckel an den Testeinheiten zuschnappen und löste die eingebauten Desinfektionsspender aus, um anschließend einen Sondermüllbeutel aus dem Erste-Hilfe-Kasten hervorzuholen und die Einheiten hineinzuwerfen. Die Oberkante des Beutels verfärbte sich rot, als er ihn versiegelte und das Plastik verschmolz. Der Beutel war dreifach verstärkt, und es würde eine wahrhaft herkulische Anstrengung erfordern, ihn jetzt noch zu öffnen. Trotzdem vergewisserte er sich, dass der Beutel richtig versiegelt war und die Nähte dicht, bevor er ihn im Sondermüllfach der Satteltasche verstaute.

Während er mit diesen Vorsichtsmaßnahmen beschäftigt war, kippte ich den restlichen Inhalt des Benzinkanisters in den Tank. Der war schon so weit geleert, dass ich nun den gesamten Kanister hineinkippen konnte, und das war ziemlich erschreckend. Wenn uns während der Verfolgungsjagd der Sprit ausgegangen wäre

Am besten gar nicht darüber nachdenken. Ich schraubte den Tank zu und steckte den leeren Kanister in die Satteltasche zurück. Shaun stieg hinten auf. Ich drehte mich zu ihm um und hob warnend einen Finger. »Was vergessen wir gerade?«

Er hielt inne. »Äh zurück nach Santa Cruz zu fahren, um Postkarten zu besorgen?«

»Helm.«

»Wir sind auf einem flachen Straßenstück mitten im Nirgendwo. Wir werden keinen Unfall bauen.«

»Helm.«

»Vorhin hast du mich nicht gezwungen, einen Helm zu tragen.«

»Vorhin sind wir auch von Zombies gejagt worden. Da derzeit keine Zombies zu sehen sind, wirst du einen Helm tragen. Oder du läufst den restlichen Weg bis Watsonville.«

Shaun verdrehte die Augen, löste seinen Helm von der linken Satteltasche und quetschte seinen Kopf hinein. »Zufrieden?«, fragte er mit vom Visier gedämpfter Stimme.

»Hin und weg.« Ich setzte ebenfalls meinen Helm auf. »Fahren wir.«

Auf dem restlichen Weg nach Watsonville waren die Straßen frei. Wir sahen keine anderen Fahrzeuge, was mich nicht überraschte. Wichtiger war, dass wir keine Infizierten sahen. Nennt mich eine Langweilerin, aber ich hatte für heute genug von Zombies.

Unser Sendewagen stand am Stadtrand, mit gut dreißig Meter Abstand zu den nächsten Gebäuden. Das entsprach den üblichen Vorsichtsmaßnahmen: Wenn es keine Deckung gibt, dann kann sich nur schwer etwas an einen heranschleichen. Ich hielt vor dem Wagen. Shaun wartete nicht, bis das Motorrad stand. Er sprang ab, rannte zur Tür, riss sich den Helm vom Kopf und rief: »Buffy! Wie sind die Aufnahmen geworden?«

Ach, der Überschwang der Jugend. Nicht, dass ich viel älter wäre als er keiner von uns hat bei unserer Adoption eine Originalgeburtsurkunde gehabt, aber die Ärzte schätzten, dass ich ihm mindestens drei Wochen voraushatte. So, wie er sich manchmal aufführt, könnte man meinen, dass es sich eher um Jahre handeln würde und nicht bloß um einen kleinen, zufälligen Vorsprung bei der Geburt. Ich setzte meinen Helm und meine Handschuhe ab und hing beides über den Lenker, um ihm dann in gelassenerem Tempo zu folgen.

Im Inneren unseres Wagens kann man sehen, was man so alles mit viel Zeit, leidlich Geld und drei Jahren im Elektronikabendkurs hinbekommt. Und natürlich mit Hilfe aus dem Internet: Wir hätten die Verkabelung niemals hingekriegt, wenn nicht diverse Leute von Oregon bis Australien mitgeholfen hätten. Mom hat die Systemarchitektur für uns verstärkt und sich um die Sicherheitsupdates gekümmert, vorgeblich als Gefälligkeit, obwohl sie in Wirklichkeit nur Hintertürchen in unsere Computer einbauen wollte. Buffy hat all diese Schlupflöcher deaktiviert, kaum dass sie installiert waren. Das hat Mom nicht von weiteren Versuchen abgehalten.

Nach fünf Jahren Arbeit ist es uns gelungen, einen weitgehend ausgeschlachteten Übertragungswagen von Kanal 7 in ein hochmodernes fahrendes Blogging-Center umzuwandeln, mit Videoeinspeisung, einer eigenen Sendeantenne, autarkem Peilsender und so viel Speicherplatz für Sicherheitskopien, dass ich Kopfschmerzen kriege, wenn ich zu viel darüber nachdenke. Also denke ich überhaupt nicht darüber nach. Das ist Buffys Job, und nebenher ist sie auch noch das schnoddrigste, blondeste und nach außen hin unzuverlässigste Teammitglied. Alle vier Aspekte ihrer Arbeit erledigt sie ganz hervorragend.

Buffy saß im Schneidersitz in einem der drei Stühle, die auf den verbleibenden freien Platz gequetscht waren, und hielt sich mit nachdenklicher Miene ein Headset ans Ohr. Hinter ihr stand Shaun, der vor Aufregung von einem Bein aufs andere trat.

Sie schien meine Anwesenheit nicht mal zur Kenntnis zu nehmen, als ich den Wagen betrat, doch sobald ich die Tür hinter mir zugemacht hatte, sagte sie in verträumtem, abwesendem Tonfall: »He, Georgia.«

»He, Buffy.« Ich ging an den Minikühlschrank und holte mir eine Dose Cola. Shaun nimmt sein Koffein heiß zu sich und ich kalt. Man könnte sagen, dass wir auf diese Art gegen unsere Ähnlichkeit aufbegehrten. »Wie sieht’s aus?«

Buffy, die einen Moment lang tatsächlich in Bewegung geriet, hob kurz den Daumen. »Sieht gut aus.«

»Das hört man gerne«, sagte ich.

Buffys echter Name lautet Georgette Meissonier. Genau wie Shaun und ich ist sie auf die Welt gekommen, als die Zombies bereits eine Lebensrealität waren, damals, als Georgia, Georgette und Barbara die drei meistverbreiteten Mädchennamen in Amerika wurden. Wir sind die Jennifers unserer Generation. Die meisten haben sich damit abgefunden. Schließlich gilt George Romero tatsächlich als einer der unverhofften Retter der menschlichen Spezies, weshalb es durchaus cool ist, nach ihm benannt zu sein. Es ist bloß einfach ein ziemlich gewöhnlicher Name. Und Buffy war noch nie gewillt, gewöhnlich zu sein, wenn sie etwas dagegen machen kann.

Sie war ganz der kühle Profi gewesen, als Shaun und ich sie bei einer Online-Jobausschreibung entdeckt hatten. Als wir sie dann persönlich trafen, hielt dieser Eindruck etwa fünf Minuten. Sie stellte sich vor, grinste und sagte: »Ich bin süß, blond und lebe in einer Welt voller Zombies. Was meint ihr, wie ich mich nennen sollte?«

Wir starrten sie verständnislos an. Sie brummte irgendwas von einer Fernsehsendung, die es vor dem Erwachen gegeben hatte, und ließ das Thema dann fallen. Nicht, dass es eine Rolle gespielt hätte. Von mir aus kann sie sich verdammt noch mal nennen, wie sie will, solange sie unsere Technik in Schuss hält. Außerdem gibt sie unserem Team eine exotische Note: Sie ist in Alaska geboren, dem verlorenen Land der letzten großen Abenteuer. Ihre Familie ist dort weggezogen, nachdem die Regierung den Bundesstaat für nicht zu befrieden erklärt und den Infizierten überlassen hat.

»Geschafft«, verkündete sie, stöpselte das Headset aus und beugte sich vor, um den nächstbesten Feedbackmonitor einzuschalten. Flackernd erschien das Bild von Shaun, der seinen verwesenden Kumpel mit dem Hockeyschläger auf Abstand hielt. Kein Ton kam aus den Lautsprecherboxen. Ein einziges Stöhnen kann Zombies über Kilometer hinweg herbeilocken, wenn man Pech mit der Akustik hat, und im Feld ist Lärmdämmung nicht sicher. Sie funktioniert nämlich in beide Richtungen, und Zombies neigen dazu, Fahrzeuge und Gebäude zu umzingeln, auf die unwahrscheinliche Möglichkeit hin, dass sich etwas zu essen oder zum Infizieren darin befindet. Die Vorstellung, die Wagentüren zu öffnen und sich plötzlich einem Rudel gegenüberzusehen, das man nicht gehört hat, sagte keinem von uns zu.

»Das Bild ist ein bisschen unscharf, aber ich habe die meisten visuellen Störsignale rausgefiltert, und ich kriege es noch sauberer, sobald ich die Quelldateien habe. Georgia, danke, dass du daran gedacht hast, den Helm aufzusetzen, bevor du losgefahren bist. Die vordere Kamera hat ganz zauberhaft funktioniert.«

Um ehrlich zu sein, hatte ich überhaupt nicht an die Kamera gedacht. Ich war viel zu sehr darauf konzentriert gewesen, mir nicht den Schädel zu brechen. Trotzdem nickte ich zustimmend und nahm einen großen Schluck Cola, bevor ich sagte: »Kein Ding. Wie viele Kameras haben während der Verfolgungsjagd weitergesendet?«

»Drei von vier. Shauns Helm ist erst angesprungen, als ihr schon fast hier gewesen seid.«

»Shaun hatte keine Zeit, seinen Helm aufzusetzen, sonst wäre ihm der Kopf abhandengekommen«, protestierte Shaun.

»Shaun sollte damit aufhören, in der dritten Person von sich zu sprechen«, sagte Buffy und tippte etwas auf ihrer Tastatur an. Das Bild wurde von einer Nahaufnahme der blinkenden Lichter unserer Bluttests ersetzt. »Davon möchte ich einen Screenshot für die Hauptseite machen. Was meint ihr?«

»Wenn du es sagst«, antwortete ich. Der Monitor, auf dem das Signal unserer Hauptüberwachungskamera zu sehen war, zeigte eine verlassene, unbewegte Landschaft. Nichts regte sich in Watsonville. »Du weißt, dass mir die Grafik egal ist.«

»Und deshalb hast du auch keine höheren Quoten, George«, sagte Shaun. »Mir gefallen die Lichter. Nimm sie auch gleich als langsamen Fadein für den Teaser heute Abend zusammen mit irgendwelchen Sprüchen in der Art von, ich weiß nicht, wie knapp ist zu knapp, das ganze alte Gequatsche.«

»›Unheimliche Begegnung am Rande des Grabs‹«, brummte ich und bewegte mich auf den Monitor zu. Da draußen war es ein bisschen zu still. Vielleicht litt ich unter Verfolgungswahn, aber ich hatte gelernt, auf meine Instinkte zu achten. Gott weiß, dass Buffy und Shaun auf überhaupt nichts achteten außer den morgigen Schlagzeilen.

Shaun grinste. »Mir gefällt’s. Mach das Bild in Schwarz-Weiß, außer den Lichtern.«

»Schon dabei.« Buffy tippte eine knappe Notiz ein und schaltete dann den Monitor ab. »Haben wir irgendwelche weiteren großen Pläne für heute Nachmittag, Leute?«

»Hier verschwinden«, sagte ich und drehte mich zu den anderen um. »Ich nehme das Motorrad. Wir vergessen die Sache nicht, aber erst mal müssen wir zurück in die Zivilisation.«

Buffy blinzelte mich verblüfft an. Sie ist eine Fiktive: Der Stil ihrer Blogs ist völlig selbstbezogen, und das Feld sieht sie nur, wenn ich und Shaun sie mit rausschleppen, damit sie an unserer Technik rumbastelt. Selbst dabei verlässt sie kaum jemals den Sendewagen. Es gehört nicht zu ihrem Job, auf irgendetwas außerhalb ihres Computerbildschirms zu achten.

Shaun hingegen ernüchterte sofort. »Warum?«

»Da draußen bewegt sich nichts.« Ich öffnete die Hintertür und schaute mich genauer um. Ich hatte ein paar Minuten gebraucht, um festzustellen, was hier nicht stimmte, aber jetzt, wo es mir vielleicht zu spät aufgefallen war, war es nicht zu übersehen.

In einer Stadt von der Größe Watsonvilles sollte sich eigentlich immer etwas bewegen. Verwilderte Katzen, Kaninchen, sogar Rotwild auf der Suche nach den überwucherten Überresten früherer Gärten. Wir haben schon alle möglichen Tiere gesehen, die in und von den Resten der alten Städte leben, von Ziegen bis zu einem entlaufenen Shetlandpony. Wo waren diese Tiere also? Nicht mal ein Eichhörnchen war zu sehen.

Shaun verzog das Gesicht. »Kacke.«

»Kacke«, pflichtete ich ihm bei. »Buffy, pack deine Sachen.«

»Ich fahre«, sagte Shaun und setzte sich Richtung Fahrerkabine in Bewegung.

Buffy schaute mit verwirrt aufgerissenen Augen zwischen uns hin und her. »Na schön, möchte mir jemand den Grund für die Evakuierung mitteilen?«

»Hier sind keine Tiere«, sagte Shaun und kletterte in den Fahrersitz.

Ich zog meine Handschuhe an, und dann erbarmte ich mich Buffys und antwortete: »Nichts macht der Tierwelt so gründlich den Garaus wie die Infizierten. Wir müssen von hier verschwinden, bevor wir «

Wie aufs Stichwort drang, vom Wind getragen, ein tiefes, entferntes Stöhnen durch die Hintertür des Wagens. Ich verzog das Gesicht.

»… Gesellschaft kriegen«, beendeten Shaun und ich gleichzeitig den Satz.

»Wer zuerst zu Hause ist«, rief ich und sprang zur Tür hinaus. Buffy knallte sie hinter mir zu, und ich hörte drei Riegel zuschnappen. Selbst wenn ich laut geschrien hätte, hätten sie mich nicht wieder reingelassen. So lautet das Protokoll im Feld. Ganz egal, wie laut du brüllst, du wirst nicht reingelassen.

Zumindest nicht, wenn den Leuten drinnen ihr Leben lieb ist.

Es waren keine Zombies in Sicht, aber das Stöhnen von Norden und Osten wurde lauter. Ich zog die Riemen meiner Handschuhe fest, krallte mir meinen Helm und schwang das Bein über den noch warmen Motorradsattel. Ich wusste, dass Buffy im Innern des Sendewagens die Kameras durchcheckte, sich anschnallte und versuchte, rauszufinden, warum wir so negativ auf Zombies reagierten, die wahrscheinlich noch nicht mal in Reichweite waren. Wenn es wirklich einen Gott gibt, wird sie die Antwort darauf nie erfahren.

Der Wagen fuhr ruckelnd und holpernd auf den Freeway. Ich ließ den Motor aufheulen und folgte, setzte mich erst neben den Wagen und fuhr dann etwa fünfzehn Meter vor, sodass Shaun mich sehen konnte und wir beide auf der Straße nach Hindernissen Ausschau halten konnten. Es ist eine ganz einfache und sichere Formation, die in den letzten zwanzig Jahren einem Haufen Menschen den Hintern gerettet hat. So fuhren wir also, getrennt von einem dünnen Streifen aufgeplatzten Asphalts, aus dem Tal heraus, durch die South Bay und in die kühle, willkommene Luft von Berkeley, Kalifornien.

Es ist doch nirgendwo so schön wie in einem zombiefreien Zuhause.

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Als er mit seiner Hand ihre Wange berührte, spürte Marie, wie sein Fleisch von innen heraus verbrannte und sich verwandelte. Das schlafende Virus erwachte in ihrem Geliebten. Blinzelnd hielt sie die Tränen zurück und befeuchtete sich die plötzlich trockenen Lippen für ein Flüstern: »Es tut mir so leid, Vincent. Ich hatte nie damit gerechnet, dass es so enden würde.«

»Für dich muss es nicht so enden«, antwortete er lächelnd. Schmerz sprach aus seinen noch immer leuchtenden Augen. »Mach zum Teufel noch mal, dass du hier wegkommst, Marie. In diesem Niemandsland gibt es nichts als die Toten. Geh nach Hause. Lebe und sei glücklich.«

»Dafür ist es zu spät. Zu spät für mich.« Sie hielt den Bluttest hoch und sah ihn die Augen aufreißen, als er die Bedeutung des roten Lichts erfasste. »Seit dem Angriff ist es zu spät.« Ihr eigenes Lächeln war so schwach wie das seine. »Du hast mich Hyazinthenmädchen genannt. Ich schätze, ich gehöre ins Niemandsland.«

»Wenigstens sind wir gemeinsam verdammt«, sagte er und küsste sie.

Aus Die Liebe als Metapher, Erstveröffentlichung in Die Stimmen der See, dem Blog von Buffy Meissonier, 3. August 2039

Shaun und ich haben den biologischen Sohn unserer Eltern nie kennengelernt. Beim Erwachen war er noch ein Vorschüler, und die erste Welle hat er dank unserer Eltern überlebt, die ihn von der Schule genommen haben, sobald das Datenmaterial vermuten ließ, dass öffentliche Schulen zu den Initiationspunkten der Virenvermehrung gehören würden. Sie taten alles in ihrer Macht Stehende, um ihn vor der drohenden Ansteckung zu schützen. Alle gingen davon aus, dass er Glück haben würde.

Die Nachbarn hatten zwei Golden Retriever, die jeweils knapp zwanzig Kilo wogen, womit sie in dem Bereich lagen, in dem eine Virenvermehrung möglich war. Einer wurde gebissen man fand nie heraus, wovon und fing an, sich zu verändern. Niemand sah es kommen, weil es noch nie zuvor passiert war. Phillip Anthony Mason war der erste bestätigte Fall einer menschlichen Kellis-Amberlee-Umwandlung, die von einem Tier verursacht wurde.

Diese Ehre lässt meine Eltern nachts auch nicht besser schlafen.

Ich bin mir darüber im Klaren, dass meine Meinung zum Thema Tierhaltung unpopulär ist. Die Leute lieben Hunde, sie lieben Pferde, und sie wollen sie weiterhin in ihren Privathäusern und auf ihren Grundstücken halten. Das ist mir bewusst. Mir ist auch bewusst, dass Tiere in Freiheit leben wollen und dass kranke Tiere mit umso größerer Wahrscheinlichkeit ihre Fesseln abstreifen und sich auf die Suche nach Erleichterung machen. Irgendwann wird aus »Erleichterung« dann »etwas zu beißen«. Ich unterstütze die Beschränkungen für den Besitz großer biologischer Haustiere, genau wie meine Eltern. Wäre mein Bruder noch am Leben, würde er die Dinge vielleicht anders sehen. Aber das ist er nicht.

Aus Unschöne Bilder, dem Blog von Georgia Mason,
3. November 2039