9
Kurz nach Sonnenaufgang brach ich auf unserem Bett im örtlichen Vier-Sterne-Hotel zusammen, die brennenden Augen bereits fest geschlossen. Shaun war noch etwas sicherer auf den Beinen und vergewisserte sich erst einmal, dass die Jalousien runtergelassen waren. Ich gab einen leisen Laut der Zustimmung von mir und spürte einen Augenblick später, wie er mir die Sonnenbrille vom Gesicht nahm. Erfolglos wedelte ich mit der Hand vor meiner Nase herum.
»Aufhören. Gib die zurück.«
»Sie liegt auf dem Nachttisch«, sagte er. Die Federn in der Matratze quietschten, als er sich auf die Bettseite setzte, die näher beim Fenster war. Ich hörte, wie er sich die Schuhe auszog und sich zur Seite fallen ließ. Ich musste nicht die Augen öffnen, um zu wissen, was er machte. Wir haben uns bis zur Pubertät ein Zimmer geteilt, und seither ist nie mehr als eine geschlossene Tür zwischen uns gewesen. »Himmel, George. Das war ein Riesenscheiß.«
»Mhm«, antwortete ich und zog mir die Decke über den Kopf. Ich hatte immer noch meine Schuhe an. Die Angestellten wurden dafür bezahlt, die Laken nach jedem Gast zu waschen, und als wir endlich aus dem Feld gewesen waren, hatte ich mich im Verlauf der Dekontamination bereits so oft an- und wieder ausgezogen, dass ich am liebsten nie wieder meine Kleider ablegen wollte. Ich würde sie einfach so lange tragen, bis sie in ihre Einzelteile zerfielen, und dann denn Rest meines Lebens nackt verbringen.
»Wie zum Teufel ist es so nah beim Gemeindesaal zu einem Ausbruch gekommen? Die Vorwahlen stehen an. Gebraucht haben wir das nicht, obwohl es toll für die Quoten sein wird. Glaubst du, dass Buffy schon einen Rohschnitt hochgeladen hat? Ich weiß, dass du es verabscheust, wenn sie ohne deine Mitsprache Videomaterial veröffentlicht, aber die Aufräumarbeiten haben lange gedauert. Sie hat sicher nicht gewartet. Wenn wir warten, ist vielleicht jemand anders schneller.«
»Mmm.«
»Ich wette, das bringt uns einen weiteren halben Punkt höher. Mehr, wenn ich erst mal meinen Kram aus der Ich-Perspektive zusammengeschnitten kriege. Glaubst du, dass der Maschendraht beschädigt war? Vielleicht sind sie durchgebrochen. Steve hat nichts Eindeutiges darüber gesagt, wo die Attacke begonnen hat, und wir haben beide Wachtposten am Tor verloren.«
»Mmm.«
»Armer Tyrone. Wusstest du, dass er das gemacht hat, um seinem Sohn das College zu finanzieren? Der Junge will Molekularbiologe und Virologe werden …«
Mitten in Shauns Bericht über die Hoffnungen, Träume und Charakterschwächen des gefallenen Wachmanns verebbte seine Stimme und wurde durch leise, regelmäßige Atemgeräusche ersetzt. Ich seufzte, wälzte mich herum und folgte ihm in den Schlaf.
Irgendwann später waren die Vorhänge zurückgezogen und ließen Sonnenlicht ins Zimmer strömen, das mich abrupt hochfahren ließ. Fluchend tastete ich nach dem Nachttisch, den Shaun meinen vagen Erinnerungen zufolge im Zusammenhang mit meiner Sonnenbrille erwähnt hatte. Meine Hand ertastete die Bettkante, und ich kniff die Augen fester zu, um das Licht auszusperren.
Shaun hielt sich weniger zurück. »Kack-Fick-Dreck, Buffy, willst du, dass sie blind wird?« Jemand drückte mir meine Sonnenbrille in die Hand. Ich klappte die Bügel zurück, setzte sie mir auf und öffnete die Augen. Vor mir stand Shaun in seinen Boxershorts und starrte eine trotzige Buffy an. »Klopf beim nächsten Mal an.«
»Ich habe dreimal geklopft«, sagte sie. »Und ich habe es zweimal mit dem Zimmertelefon versucht. Siehst du?« Shaun und ich schauten zum Telefon. Das rote Anrufbeantworterlämpchen blinkte. »Als ihr nicht rangegangen seid, habe ich das Schloss umprogrammiert, sodass es dachte, euer Zimmer wäre mein Zimmer, und bin reingekommen.«
»Du hast uns also nicht bloß zum Spaß geweckt?«, brummte ich. Rasende Kopfschmerzen erfüllten die Leere, die mein unterbrochener REM-Schlaf hinterlassen hatte.
»Machst du Witze? Ihr beiden schlaft bewaffnet. Ich hänge an meinen vier Gliedmaßen und meinem Kopf.« Buffy, die die gereizte Atmosphäre im Zimmer überhaupt nicht zu bemerken schien, schaltete den Wandterminal ein und zog ihre ausklappbare Tastatur hervor. »Ich schätze, ihr habt die Früchte des gestrigen Tages noch nicht gesehen, was?«
»Wir haben nichts außer den Innenseiten unserer Augenlider gesehen«, sagte Shaun. Er machte keinen Hehl aus seiner Verärgerung, die durch Buffys Achtlosigkeit noch angestachelt wurde. »Wie spät ist es?«
»Beinahe Mittag«, sagte Buffy. Der Startbildschirm des Hotels erschien, und sie tippte eine Verbindung zu einem unserer eigenen Server-Relays ein. Das Logo von Nach dem Jüngsten Tag erfüllte den Monitor und wurde kurz darauf von dem schwarz-weißen Gitterwerk unserer geschützten Mitarbeiterseite ersetzt. »Ich habe euch um die sechs Stunden lang schlafen lassen, Leute.«
Stöhnend griff ich nach dem Telefon. »Ich ruf jetzt erst mal den Zimmerservice an, damit sie mir drei Liter Cola bringen, vorher kann ich nicht weiterreden.«
»Bestell gleich Kaffee mit«, sagte Shaun. »Eine ganze Kanne.«
»Für mich Tee«, sagte Buffy. Das Monitorbild veränderte sich erneut, als sie ein Fenster aufzog, das unseren Datenverkehr beim Internet-Quotendienst anzeigte. Dort misst man Servertraffic, Einzelzugriffe, die Zahl der verbundenen Benutzer und einen ganzen Haufen anderer Faktoren, die alle zusammen einen endgültigen und unantastbaren Wert ergeben: Unseren Marktanteil. Die Ansicht ist farbcodiert: grün, wenn man in den oberen fünfzig Prozent ist, weiß für neunundvierzig bis zehn, gelb für neun bis fünf und rot für vier und besser.
Die Zahl ganz oben im Bild, die in hellem, triumphierenden Rot leuchtete, lautete 2,3.
Mir fiel das Telefon aus der Hand.
Shaun gewann als Erster die Fassung wieder, vielleicht, weil er schon wacher war als ich. »Hat man uns gehackt?«
»Nein.« Buffy schüttelte den Kopf und grinste dabei bis über beide Ohren. »Was ihr da seht, ist die ungelogene, unveränderte, unzensierte Quotendienst-Einstufung unseres Traffics innerhalb der vergangenen zwölf Stunden. Wenn man Pornos, Musikdownloads und Filmwerbeseiten rausrechnet, sind wir in den Top Zwei.«
Diese drei Seitentypen machen den Hauptteil des Internet-Datenverkehrs aus – der Rest schwimmt sozusagen bloß mit. Ich erhob mich unsicher und trat an den Monitor, um ihn zu berühren. Die Zahl blieb gleich.
»Shaun …«
»Ja?«
»Du schuldest mir zwanzig Kröten.«
»Ja.«
Ich drehte mich zu Buffy um und fragte: »Wie?«
»Kriege ich eine Gehaltserhöhung, wenn ich sage, dass es an der Bildbearbeitung liegt?«
»Nein«, sagten Shaun und ich gleichzeitig.
»Hab ich auch nicht erwartet, aber man kann’s ja mal versuchen.« Immer noch strahlend setzte Buffy sich auf die Bettkante. »Ich habe während beider Attacken die ganze Zeit über saubere Bilder von einem halben Dutzend Kameras gekriegt. Kommentare dazu gab es nicht, weil sich jemand unbedingt freiwillig zum Aufräumen melden musste …«
»Nicht, dass ich Zeit zum Kommentieren gehabt hätte, wenn ich durch die Dekontamination gegangen wäre, ohne vorher zu helfen«, sagte ich trocken und wandte mich wieder dem Telefon zu. Ob wir nun unglaubliche Quoten hatten oder nicht, ich musste diese Kopfschmerzen zur Strecke bringen, bevor sie sich häuslich einrichteten, und das bedeutete, dass ich etwas mit Koffein brauchte, um die Schmerztabletten runterzuspülen. »Du weißt, dass ich danach immer völlig erledigt bin.«
»Kinkerlitzchen«, meinte Buffy. »Ich habe drei Handlungsstränge gebastelt – einer bleibt so dicht wie möglich beim Ausbruch am Tor, einer am Zaun, und einer findet bei euch beiden statt.«
Ich schaute sie an, während ich darauf wartete, dass der Zimmerservice ranging. »Wie viel von unseren Dialogen hast du empfangen?«
Buffy strahlte. »Alles.«
»Das erklärt einen Teil des Quotenanstiegs«, sagte Shaun trocken. »Wir kriegen immer eine kurze Spitze, wenn du in einem öffentlichen Beitrag sagst, dass du mich hasst.«
»Nur, weil es wahr ist«, sagte ich und unterdrückte ein Stöhnen. Ich war selbst schuld, dass ich Buffy mit dem unbearbeiteten Videomaterial alleingelassen hatte. Irgendetwas hatte sie ins Netz stellen müssen. Ein Nachrichtenloch steigert nicht die Spannung, es vergrätzt bloß Leser.
Shaun schnaubte. »Klar. Du hattest also drei Videospuren, und dann …«
»Habe ich sie im Rohzustand zusammengeschmissen, ein paar Beta-Newsies angehauen, damit sie einen Kommentar darübersprechen, mir vernünftige Lebensläufe von den bestätigten Verlusten geholt und ein Gedicht darüber geschrieben, wie schnell alles in sich zusammenstürzen kann.« Buffy warf einen besorgten Blick in meine Richtung, und ihr Lächeln wurde unsicher. »Hab ich das richtig gemacht?«
Der Zimmerservice bestätigte mir, dass die gewünschten Getränke sowie eine Scheibe trockenen weißen Toastbrots auf dem Weg waren. Ich legte auf. »Was für Betas?«
»Äh, Mahir fürs Tor, Alaric für den Zaun und Becks für den Angriff auf euch beide.«
»Aha.« Ich rückte meine Sonnenbrille zurecht. »Die Berichte will ich mir natürlich noch mal ansehen.« Es handelte sich um eine reine Formalität, und so, wie Buffy guckte, wusste sie das auch: Sie hatte sich für dieselben Betas entschieden, die auch ich ausgewählt hätte. Mahir sitzt in London und ist großartig darin, trocken und faktenorientiert zu berichten, ohne etwas zu beschönigen oder zu vereinfachen. Wenn jemand mich ersetzen könnte, dann Mahir. Alaric kann fast so gut Spannung aufbauen wie ein Irwin und fügt seine Kommentare und Beschreibungen exakt in die natürlichen Leerstellen des Videomaterials ein. Und Becks wäre Horrorfilmregisseurin geworden, wenn wir heutzutage nicht praktisch alle in einem Horrorfilm leben würden. Ihr Sinn für Timing ist perfekt, und am Schneidetisch ist sie unschlagbar. Von allen Betas, die wir uns zugelegt haben, betrachte ich meine Newsies als die besten. Sie sind gut. Sie sind ambitioniert, weil sie hoffen, dass sie auf der Welle unseres Erfolgs reiten und selbst zu Alphas werden können. Und Ambitionen sind in diesem Geschäft das so ziemlich Wichtigste, wichtiger sogar als Talent.
»Natürlich willst du das«, erwiderte Buffy, die eindeutig darauf wartete, dass ich einknickte und sagte, was sie hören wollte.
Ich lächelte leise und tat ihr den Gefallen: »Gut gemacht.«
Buffy boxte in die Luft. »Schuss und Treffer!«
»Werd bloß nicht selbstgefällig«, sagte ich. Es klopfte. Das Hotel hatte offenbar den schnellsten Zimmerservice im Mittleren Westen. »Denk dran, nur, weil du ein paar Entscheidungen erfolgreich allein getroffen hast, heißt das nicht, dass du bereit bist, um meinen …«
Ich öffnete die Tür und sah Steve und Carlos in makelloser Garderobe draußen stehen. Beim Anblick ihrer frisch gebügelten, gleich aussehenden schwarzen Anzüge wäre man nie darauf gekommen, dass sie vor nicht mal acht Stunden noch im Feld gewesen waren und die Leichen gefallener Kameraden verbrannt hatten. Ich stand in meinen schlafzerknitterten Kleidern und mit wild abstehenden Haaren da und starrte sie an.
»Ms Mason«, sagte Steve. Sein Tonfall war ausdruckslos und klang sogar noch förmlicher als bei unserer ersten Begegnung. Er steckte eine Hand in die Tasche und holte eine tragbare Bluttesteinheit hervor. »Wenn Sie und Ihre Mitarbeiter uns bitte begleiten würden, im Konferenzzimmer ist eine Nachbesprechung angesetzt.«
»Hättet ihr nicht vorher anrufen können?«, fragte ich.
Er hob die Brauen. »Das haben wir.«
Shaun und ich hatten wirklich wie die schlafenden Toten geknackt. Mit verkniffener Miene sagte ich: »Mein Bruder und ich sind erst seit ein paar Minuten wach. Dürfen wir uns vielleicht noch zurechtmachen?«
Steve schaute an mir vorbei ins Zimmer, wo Shaun – der immer noch nur mit Boxershorts bekleidet war – sarkastisch winkte. Dann wandte er sich wieder mir zu. Ich lächelte. »Es sei denn, wir sollen lieber so mitkommen, wie wir gerade sind?«
»Sie haben zehn Minuten«, sagte Steve und schloss die Tür.
»Guten Morgen, Georgia«, brummte ich. »Alles klar. Buffy, raus hier. Wir treffen uns im Konferenzzimmer. Shaun, zieh dir was an.« Ich fuhr mir mit der Hand durchs Haar. »Ich geh mich waschen.« Ein Gutes hatte es, wenn man direkt nach einer Aufräumoperation ins Bett ging: Selbst nach sechs Stunden verschwitztem Schlaf in Klamotten waren meine Sachen immer noch sauberer als beim Neukauf. Wenn etwas sieben Mal zur Beseitigung von Virenrückständen desinfiziert wird, dann hat gewöhnlicher Dreck keine großen Überlebenschancen.
»Georgia …«, setzte Buffy an.
Ich zeigte zur Tür. »Raus.« Ohne abzuwarten, ob sie gehorchte – vor allem, weil ich mir ziemlich sicher war, dass sie das nicht tun würde – schnappte ich mir meinen Kulturbeutel vom Boden am Fußende des Betts, ging ins Bad und machte die Tür hinter mir zu.
Wenn ich zu wenig Schlaf und zu viel Licht abbekomme, setzt sich bei mir leicht eine Migräne fest, und um das zu verhindern, gibt es nur eine Möglichkeit: Ich muss meine Kontaktlinsen einsetzen. Die bringen wiederum andere kleine Komplikationen mit sich, wie zum Beispiel, dass mir den ganzen Tag die Augen jucken, aber sie halten das Licht sehr viel besser ab als eine Sonnenbrille. Ich zog den Behälter hervor, öffnete ihn und nahm die erste Linse aus der Salzlösung.
Normale Kontaktlinsen dienen dazu, Sehschwächen des Trägers zu korrigieren. Ich habe gute Augen, abgesehen von der Lichtempfindlichkeit, die ich durch die Linsen kompensieren kann. Doch während normale Kontaktlinsen die Sicht im Randbereich verbessern, verdecken diese Exemplare leider einen Großteil meines Sichtfelds, indem sie eine dicke Farbschicht über die Iris und den Großteil der Pupille legen. Laut meiner Lizenz darf ich mit Kontaktlinsen nicht ins Feld gehen.
Ich legte den Kopf in den Nacken, setzte die erste Kontaktlinse ein und blinzelte, um sie festzudrücken. Das Gleiche wiederholte ich beim anderen Auge. Dann schaute ich in den Spiegel. Mein Gesicht erwiderte meinen Blick unbewegt, mit ganz normalen, kornblumenblauen Augen.
Das Blau hatte ich mir ausgesucht. Als ich ein Kind war, haben meine Eltern mir braune Linsen besorgt, die meiner natürlichen Augenfarbe entsprachen. Sobald ich alt genug war, um ein Wörtchen mitzureden, bin ich auf Blau umgestiegen. Die Farbe wirkt weniger natürlich, aber dafür habe ich mit ihnen nicht das Gefühl, dass ich meine Krankheit zu verbergen versuche. Meine Augen sind nicht normal. Sie werden es niemals sein. Wenn manche Leute sich damit unwohl fühlen, dann weiß ich inzwischen, wie ich das zu meinem Vorteil nutzen kann.
Ich strich meine Kleider glatt, steckte mir die Sonnenbrille in die Hemdtasche und fuhr mir mit der Bürste durchs Haar. So, vorzeigbarer würde ich heute nicht mehr werden. Wenn das dem Senator nicht passte, sollte er gefälligst in Zukunft keine nächtlichen Attacken mehr auf den Konvoi zulassen.
Als ich aus dem Bad kam, war Buffy weg. Shaun reichte mir naserümpfend eine Dose Cola und meinen MP3-Player. »Du weißt, dass ich deine Kontaktlinsen total gruselig finde, oder?«
»Das ist der Sinn der Sache.« Die Cola war so kalt, dass es mir an den Zähnen wehtat. Ich trank die Dose in großen Schlucken leer, warf sie in den Badezimmermülleimer und fragte: »Bereit?«
»Seit Stunden. Ihr Mädchen braucht immer ewig im Badezimmer.«
»Leck mich.«
»Nicht ohne Bluttest.«
Ich trat ihm gegen den Knöchel, nahm mir drei weitere Dosen Cola vom Essenswagen und verließ das Zimmer. Steve wartete mit der Testeinheit in der Hand auf dem Gang. Ich beäugte das Gerät.
»Ist das nicht ein bisschen übertrieben? Wir sind von den Aufräumarbeiten direkt ins Bett gegangen. Ich glaube kaum, dass sich ein Virenreservoir im Klo befand.«
»Ihre Hand«, antwortete Steve.
Seufzend nahm ich meine Getränke in die linke Hand, sodass ich ihm die rechte hinhalten konnte. Der Test bei mir und Shaun dauerte keine Minute. Wir beide waren erwartungsgemäß sauber.
Steve warf die gebrauchten Einheiten in eine Plastiktüte, versiegelte sie, drehte sich um und entfernte sich über den Korridor, offenbar in der Erwartung, dass wir ihm folgen würden. Shaun und ich schauten uns an, zuckten mit den Schultern und taten eben das.
Das Konferenzzimmer war drei Stockwerke weiter oben, in einer Etage, die man nur mit einer speziellen Schlüsselkarte betreten konnte. Der Teppichboden war so dick, dass er das Geräusch unserer Schritte vollständig verschluckte, als wir Steve durch den Korridor zur offen stehenden Konferenzzimmertür folgten. Buffy saß drinnen auf einer Tischplatte, tippte Informationen in ihren Organizer und bemühte sich, den Beratern des Senators nicht im Weg zu sein. Diese liefen hin und her, drückten einander Papiere in die Hand, schrieben an weißen Tafeln und erzeugten ganz allgemein jene Sorte hektischer Aktivität, die verrät, dass absolut nichts vorangeht.
Der Senator saß am Kopf des Tisches und hatte das Gesicht in den Händen vergraben. Er war eine Insel der Ruhe im Auge des Sturms. Carlos stand zu seiner Linken, und als wir durch die Tür traten, löste Steve sich von uns und ging quer durchs Zimmer, um rechts neben Senator Ryman Stellung zu beziehen. Irgendwie musste der Senator Steves Ankunft bemerkt haben, denn er hob den Kopf und schaute erst zu seinem Leibwächter und anschließend zu uns. Einer nach dem anderen verharrten die umherwuselnden Mitarbeiter des Senators und folgten seinem Blick.
Ich hob eine Coladose und öffnete sie.
Das Geräusch schien den Senator aus seinen Gedanken zu reißen. Mit einem Räuspern setzte er sich auf. »Shaun. Georgia. Wenn Sie bitte Platz nehmen würden, dann können wir anfangen.«
»Danke, dass Sie mit der Besprechung auf uns gewartet haben.« Ich ging zu einem der leeren Stühle und legte meinen MP3-Player auf den Tisch. »Tut mir leid, dass wir so lange gebraucht haben.«
»Keine Sorge«, sagte er abwinkend. »Ich weiß, wie lange Sie noch mit den Aufräumtrupps unterwegs waren. Ein bisschen Schlaf ist wohl das Mindeste, was man jemandem zubilligen sollte, der so sich so weit über jede Bürgerpflicht hinaus engagiert.«
»In dem Fall hätte ich gern ein paar Groupies«, sagte Shaun und setzte sich links von mir. Ich trat ihm gegen das Schienbein. Er quiekte, grinste aber ohne ein Zeichen von Reue.
»Mal sehen, was sich machen lässt.« Der Senator stand auf und klopfte auf den Tisch. Die letzten vereinzelten Gespräche im Raum verstummten, und alle Aufmerksamkeit richtete sich nun wieder auf ihn. Selbst Buffy hörte auf zu tippen, als der Senator sich vorbeugte, die Hände auf den Tisch stützte und sagte: »Jetzt, wo alle da sind … wie zum Teufel konnte das passieren?« Seine Stimme wurde lauter. »Wir haben letzte Nacht vier Wachleute verloren, drei davon am Haupttor. Was ist aus unserem Sicherheitskonzept geworden? Habe ich das Treffen verpasst, bei dem wir zu dem Schluss gekommen sind, dass wir uns wegen der Zombies keine Sorgen mehr machen müssen?«
Einer seiner Stabsmitglieder räusperte sich. »Nun ja, Sir, es sieht so aus, als hätte es einen Kurzschluss an der äußeren Sensoreinheit gegeben, was dazu geführt hat, dass die Tore sich nicht schnell genug geschlossen haben, um das Eindringen …«
»An diesem Tisch sprechen Sie Englisch, sonst feuere ich Sie so schnell, dass sie am Flughafen stehen und sich fragen, wie Sie ohne Hosen dorthin gelangt sind«, blaffte der Senator. Der Mitarbeiter erbleichte und ließ die Papiere fallen, die er in der Hand gehalten hatte. »Kann mir irgendjemand hier sagen, was passiert ist und wie es dazu gekommen ist, und zwar in klaren Worten mit maximal zwei Silben?«
»Ihr Kreischer hat nicht funktioniert«, sagte Buffy. Alle Gesichter im Raum wandten sich ihr zu. Sie zuckte mit den Schultern. »Jeder Sicherheitszaun hat einen eingebauten Kreischer. Ihrer ist nicht angesprungen.«
»Und ein Kreischer ist …?«, fragte einer der Sekretäre.
»Ein wärmeempfindlicher Bewegungsmelder«, sagte Chuck Wong. Er wirkte nervös – und aus gutem Grund. Sein Hauptjob ist die Einrichtung und Instandhaltung der automatisierten Verteidigungsanlagen des Konvois. Falls es einen technischen Fehler gegeben hatte, war das im Prinzip seine Schuld. »Sie tasten bewegte Objekte auf Wärme ab. Alles unterhalb einer bestimmten Temperatur löst einen Zombiealarm aus.«
»Ein sehr frisches Exemplar kann einen Kreischer täuschen, aber die Rudel von letzter Nacht waren zu durchmischt dafür. Sie hätten einen Alarm auslösen müssen, was sie nicht haben.« Buffy zuckte erneut mit den Schultern. »Das bedeutet, dass es eine Kreischerfehlfunktion gegeben hat.«
»Chuck? Können Sie uns sagen, wie es dazu gekommen ist?«
»Nein. Nicht, solange wir die Ausrüstung nicht vor Ort inspiziert haben.«
»Dann tun wir das jetzt. Carlos, begleiten Sie Chuck mit drei ihrer Leute auf eine Inspektionsrunde. Melden Sie sich, sobald Sie etwas finden.« Carlos nickte und ging Richtung Tür. Drei der übrigen Leibwächter verließen ihre Positionen an der Wand und folgten ihm ohne weitere Aufforderung.
»Ich brauche meine Geräte …«, wandte Chuck ein.
»Ihre Geräte dürften beim Konvoi sein, und da Sie sowieso dorthin gehen, müssen Sie ja wohl nichts weiter mitnehmen«, sagte der Senator. Sein Tonfall duldete keine Widerworte, was auch Chuck nicht entging. Er erhob sich, und seine dürren Hände zuckten nervös, während er Richtung Tür ging.
»Kann ich mitgehen?«, fragte Buffy. Die Anwesenden schauten erneut zu ihr, und sie ließ ihr gewinnendstes Lächeln aufblitzen. »Ich habe ein ziemlich gutes Auge dafür, warum Feldausrüstung plötzlich beschließt, durchzubrennen. Vielleicht kann ich mit einer zweiten Meinung dienen.«
Und vielleicht konnte sie uns ein bisschen Videomaterial für einen Hintergrundbericht verschaffen. Ich nickte und merkte, dass der Senator die Bewegung gesehen hatte. Er nickte ebenfalls. »Danke, dass Sie sich freiwillig melden, Ms Meissonier. Ich bin mir sicher, dass das Team Sie gerne mitnimmt.«
»Ich rufe dann an«, sagte Buffy, sprang vom Tisch und folgte Chuck und den Leibwächtern zur Tür hinaus.
»Da geht sie hin«, brummte Shaun.
»Neidisch?«, fragte ich.
»Technikgeeks, die herauszufinden versuchen, warum ein Kreischer kaputt ist? Also bitte. Neidisch werde ich, wenn sie zurückkommt und erzählt, dass es da Tote zum Spielen gegeben hat.«
»Klar.« Er war neidisch. Ich verschränkte die Arme und richtete meine Aufmerksamkeit wieder auf den Senator.
Offenbar war er nicht gerade in Bestform. Er saß vornübergebeugt und hielt die Hände fest vor sich auf den Tisch gestemmt, und man sah ihm an, dass er nicht mal ansatzweise so viel Schlaf gekriegt hatte wie Shaun und ich. Sein Haar war ungekämmt, sein Hemd zerknittert und sein Kragenknopf offen. Er wirkte wie ein Mann, der eine böse Überraschung erlebt hatte und sich nun, nach kurzem Überlegen, anschickte, loszuziehen und dieser Überraschung in den Hintern zu treten.
»Also, was auch immer die Katastrophe der letzten Nacht ausgelöst hat, dies sind die Fakten: Wir haben unmittelbar vor den ersten Vorwahlen vier gute Männer und drei potenzielle Unterstützer verloren. Das ist kein gutes Signal an die Bevölkerung. So etwas vermittelt nicht: ›Wählt Ryman, er wird euch beschützen.‹ Wenn überhaupt, vermittelt es: ›Wählt Ryman, wenn ihr gefressen werden wollt.‹ Das ist nicht unsere Botschaft, und ich bin nicht bereit, zuzulassen, dass es zu unserer Botschaft wird, auch wenn das zweifellos der Dreh ist, den meine Gegner der Sache geben werden. Wie sieht unser Plan aus?« Er schaute sich mit finsterer Miene um. »Nun?«
»Sir, die Blogger …«
»Werden dieser Unterredung beiwohnen. Wenn wir versuchen, die Sache zu vertuschen, werden sie sehr viel weniger wohlwollend darüber berichten, sobald sie das Ganze ans Licht gebracht haben. Also, können wir dann zur Sache kommen?«
Das schien das Stichwort zu sein, auf das die Anwesenden gewartet hatten. Die darauffolgenden vierzig Minuten rauschten in einem Sturm von Argumenten und Gegenargumenten vorbei, wobei die Berater des Senators die Feinheiten der Pressearbeit diskutierten, während seine Sicherheitsleute sich gegen alle Versuche verwahrten, ihre Arbeit bei der Kampagne als »lax« oder »unzureichend« zu bewerten. Shaun und ich saßen da und hörten zu. Wir waren als Beobachter und nicht als Teilnehmer hier, und als die Debatte erst mal Fahrt aufnahm, schienen die meisten unsere Anwesenheit völlig zu vergessen. Ein Lager war der Meinung, dass man die Berichterstattung über die Attacke minimieren und einfach wie üblich zu erhöhter Wachsamkeit aufrufen sollte, um anschließend weiterzumachen wie gehabt. Das andere Lager vertrat die Haltung, dass man einem Zwischenfall dieser Größenordnung nur mit absoluter Offenheit begegnen konnte, wenn man sich nicht für seine politischen Gegner angreifbar machen wollte. Beide Lager mussten zugeben, dass ihre Standpunkte von den Berichten gefärbt waren, die am Abend zuvor auf unserer Website erschienen waren, obwohl keiner sich bewusst zu sein schien, wie viele Zugriffe es auf sie gegeben hatte. Ich entschied mich dagegen, sie aufzuklären. Es kann erstaunlich unterhaltsam sein, politische Vorgänge zu beobachten, ohne in sie einzugreifen.
Einer der Berater des Senators setzte gerade zu einer Tirade über die Übel der modernen Medien an, als mein Ohrstecker piepte. Ich stand auf und ging ans andere Ende des Zimmers, bevor ich ranging. »Hier Georgia.«
»Georgia, hier ist Buffy. Kannst du mich auf Lautsprecher schalten?«
Ich hielt inne. Ihre Stimme klang gepresst. Mehr noch, sie klang unverhohlen nervös. Nicht verängstigt, was bedeutete, dass sie wahrscheinlich nicht von Zombies oder Bloggerrivalen bedrängt wurde, aber nervös. »Klar, Buffy. Gib mir eine Sekunde.« Ich ging zurück an den Tisch und griff über zwei streitende Stabsmitarbeiter hinweg nach dem Tischtelefon. Sie protestierten lautstark, aber ich beachtete sie nicht, nahm meinen Ohrring ab und steckte ihn in die Buchse.
»Ms Mason?«, fragte der Senator mit gehobenen Brauen.
»Entschuldigung, das hier ist wichtig.« Ich drückte auf den Eingabeknopf.
»Test, Test«, erklang Buffys Stimme leicht knisternd durch den Lautsprecher. »Bin ich auf Sendung?«
»Wir hören Sie, Ms Meissonier«, sagte der Senator. »Darf ich fragen, was so wichtig ist, dass Sie dafür unsere Sitzung unterbrechen mussten?«
Chuck Wong meldete sich zu Wort. Offenbar war nicht nur unser Teil des Gesprächs auf den Lautsprecher gelegt. »Wir befinden uns am Außenzaun, Sir, und es erschien uns wichtig, Sie so schnell wie möglich anzurufen.«
»Was geht da draußen vor, Chuck? Ich hoffe, es sind nicht noch mehr Zombies?«
»Nein, Sir – bislang nicht. Es ist der Kreischer.«
»Der, der versagt hat?«
»Ja, Sir. Der Grund für sein Versagen hat nichts mit der Arbeit meiner Leute zu tun.« Chuck machte keinen Hehl aus seiner Erleichterung, was man ihm schwerlich vorwerfen konnte. Nachlässigkeit kann als Kapitalverbrechen gewertet werden, wenn es um Antizombievorrichtungen geht. Bislang hat noch niemand mit Erfolg einen Sicherheitstechniker wegen Totschlags verklagt, aber fast jedes Jahr gibt es wieder einen Prozess. »Jemand hat die Kabel gekappt.«
Der Senator erstarrte. »Gekappt?«
»Der Kreischer zeigt an, dass er die Zombies letzte Nacht entdeckt hat. Der Kontakt, der den Alarm hätte auslösen sollen, wurde nicht hergestellt, weil jemand vorher die Kabel durchtrennt hat.«
»Wer auch immer es war, er hat verdammt gute Arbeit geleistet«, sagte Buffy. »Alle Schäden sind innerhalb des Gehäuses. Man kann sie nur sehen, wenn man es öffnet, und selbst dann muss man ganz schön rumwühlen, um die Bruchstellen zu finden.«
Erbleichend sackte der Senator gegen seine Rückenlehne. »Wollen Sie damit sagen, dass es Sabotage war?«
»Nun ja, Sir«, sagte Chuck, »keiner meiner Leute hätte die Drähte eines Kreischers durchgeschnitten, um den Konvoi, in dem Sie unterwegs sind, zu beschützen. Dazu gäbe es einfach keinen Grund.«
»Ich verstehe. Beenden Sie die Suche und melden Sie sich dann wieder, Chuck. Ms Meissonier, danke für Ihren Anruf. Bitte melden Sie sich, falls Sie noch etwas brauchen.«
»Roger. Georgia, wir sind auf Server vier.«
»Verstanden. Ich leg jetzt auf.« Ich beugte mich vor, unterbrach die Verbindung, zog meinen Ohrstecker aus der Buchse und hängte ihn mir wieder ans Ohr. Erst dann schaute ich zu Senator Ryman auf.
Der Senator sah aus, als hätte man ihm überraschend einen festen Schlag auf den Hinterkopf versetzt. Trotz meiner befremdlichen Kontaktlinsen erwiderte er meinen Blick und deutete ein kleines, exakt bemessenes Kopfschütteln an. Bitte, sagte die Geste, nicht jetzt.
Ich nickte und nahm Shauns Arm. »Senator, wenn es Ihnen nichts ausmacht, mein Bruder und ich sollten uns langsam an die Arbeit machen. Nach letzter Nacht hängen wir etwas hinterher.«
Shaun blinzelte mich an. »Wie bitte?«
»Natürlich.« Der Senator lächelte mit unverhohlener Erleichterung. »Ms Mason, Mr Mason, danke, dass Sie sich Zeit genommen haben. Ich lasse Sie rechtzeitig von jemandem benachrichtigen, wenn wir auschecken und weiterfahren.«
»Danke.« Ich zog den noch immer verwirrten Shaun mit mir aus dem Zimmer. Die Tür schlug hinter uns zu.
Shaun riss seinen Arm aus meinem Griff und bedachte mich mit einem durchdringenden Blick. »Willst du mir vielleicht sagen, was das sollte?«
»Der Mann hat soeben erfahren, dass man seinen Konvoi sabotiert hat«, sagte ich. »Solange sie in Panik sind, werden sie ohnehin keinen vernünftigen Gedanken fassen. Das wird Tage anhalten. Bis dahin haben wir Berichte zu schneiden und auf den neuesten Stand zu bringen, und Buffy packt gerade ihr Videomaterial auf Server vier. Das sollten wir uns ansehen.«
Shaun nickte. »Alles klar.«
»Komm.«
Als wir wieder in unserem Hotelzimmer waren, überließ ich Shaun den Hauptterminal, während ich mein tragbares Gerät an die Steckdose hängte und mich an die Arbeit machte. Wir konnten nicht beide gleichzeitig Tonspuren aufnehmen, aber wir konnten Filmschnipsel für unsere jeweiligen Bereiche auf der Website bearbeiten, und wir konnten so viel Text schreiben, wie wir brauchten. Ich überflog die Beiträge, die Buffy autorisiert hatte, während Shaun und ich mit den Aufräumarbeiten beschäftigt gewesen waren. Alle drei Betas hatten hervorragende Arbeit geleistet. Insbesondere Mahir hatte aus seinem relativ einfachen Videomaterial erstaunlich viel rausgeholt, und ich sah an den Server-Flags, das bereits drei größere Nachrichtenseiten Interesse sowohl an den Videos als auch an seiner Kommentarspur bekundet hatten. Ich tippte die Freigabe ein und genehmigte die Verwendung des Materials gemäß eines üblichen Gebührenvertrags, bei dem Mahir vierzig Prozent des Gewinns erhalten und als Urheber des Kommentars ausgewiesen werden würde. Sein erster Durchbruch als Reporter. Er würde so was von stolz sein. Ich überlegte kurz und fügte dann ein Glückwunschschreiben an seine private Adresse bei. Er und ich sind seit Jahren auch unabhängig von unserer Arbeit befreundet, und es kann nie schaden, seinen Freunden Mut zu machen.
»Wie läuft’s bei dir?«, fragte ich, während ich das Rohmaterial aufrief und die Aufnahmen der Attacken chronologisch auf meinem Monitor ablaufen ließ. Ich war mir nicht sicher, wonach ich suchte, aber ich hatte so eine Ahnung, und ich habe gelernt, meinen Ahnungen zu vertrauen. Buffy kennt sich mit Bildern und Optik aus, und Shaun ist Spezialist für Schockeffekte, aber ich? Ich weiß, wo man Nachrichten findet. Es hatte einen Sabotagefall gegeben. Warum? Wann? Und wie war es unserem Saboteur gelungen, die Kabel zu kappen, ohne Buffy vor die Kamera zu geraten?
»Ich nehme dir Becks weg«, sagte Shaun. Ich warf ihm einen Blick zu. Auf seinem Monitor war die Aufnahme von uns beiden am Zaun zu sehen, als wir uns gerade der letzten paar Zombies erwehrten. Die Tonspur ging direkt über seinen Kopfhörer ins linke Ohr. Seine Miene war ernst. »Sie will eine Irwin werden. Seit Wochen bettelt sie schon darum. Und dieser Bericht – das ist kein Newsie-Beitrag, George. Das weißt du.«
Ich zog eine finstere Miene, obwohl ich eigentlich nicht überrascht war. Gute Irwins sind nicht leicht zu kriegen, weil die Sterbequote in der Ausbildung so verdammt hoch ist. Man hat nicht viel Zeit für seine Lernkurve, wenn man mit den Infizierten rumspielt. »Was hat sie für Qualifikationen?«
»Du willst es nur hinauszögern.«
»Tu mir den Gefallen.« Das Material auf meinem Monitor wurde in Echtzeit abgespielt, was hieß, dass einige Videos zuweilen stoppten, damit die anderen aufholen konnten. Bei den Kameras vom Tor fehlten Teile der Geschichte, während die Attacke am Zaun fast vollständig aufgezeichnet war. Unwillkürlich zuckte ich zusammen, als ich sah, wie eine der Frauen von der Wahlveranstaltung, die eindeutig als Infizierte zu erkennen war, ins Bild wankte. Ich brauchte die Tonspur nicht, um zu wissen, was Tyrone sagte: Sie solle stehen bleiben und ihre Papiere vorzeigen. Aber sie lief einfach weiter.
»Rebecca Atherton, zweiundzwanzig, Bachelor in Film von der New York University, Bloglizenz der Klasse A-20, vor sechs Monaten von B-20 hochgestuft, als sie ihre letzte Schusswaffenprüfung bestanden hat. Nächsten Monat macht sie die A-18-Prüfung.«
Eine A-18-Lizenz würde bedeuten, dass sie Gefahrenzonen der Stufe 4 ohne Begleitung betreten durfte. »Wenn du sie übernimmst, erhält mein Teil der Seite ein Jahr lang sechs Prozent der Einnahmen aus ihren Berichten.« Die infizierte Frau grub die Zähne in Tyrones linken Unterarm. Er schrie lautlos und schoss dem Zombie in die Schläfe. Zu spät. Das Unglück war geschehen.
»Drei Prozent«, hielt Shaun dagegen.
»Abgemacht«, sagte ich, ohne den Blick vom Monitor zu wenden. »Schreib mir ein Angebot. Wenn sie einverstanden ist, gehört sie dir.« Tyrone taumelte im Kreis herum und presste sich den Arm an den Leib. Ich sah, wie Tracy Befehle brüllte. Carlos drehte sich um und rannte in Richtung Konvoi, wahrscheinlich, um Verstärkung zu holen. Deshalb hat er überlebt – weil er weggerannt ist. Wie kommt ein Mann wie er damit zurecht? Wahrscheinlich nicht besonders gut.
»George? Was ist los? Ich hätte nicht gedacht, dass du so schnell nachgibst.«
Anstelle einer Antwort zog ich das Kopfhörerkabel aus meinem Gerät, sodass der Ton im Zimmer erklang.
»O Gott, Tracy, ogottogott«, lallte Tyrone. Das Stöhnen im Hintergrund klang tief und gleichmäßig. Die Infizierten kamen, und das Zauntor stand offen.
»Halt die Klappe und hilf mir, das Ding zuzumachen«, knurrte Tracy und griff mit beiden Händen nach dem Tor. Nach kurzem Zögern kam Tyrone ihr zu Hilfe und fasste dabei ein gutes Stück von ihr entfernt an. Er ging gut mit der Sache um. Solange sie nicht mit dem aktiven Virus in Kontakt geriet, würde bei ihr auch keine Vermehrung einsetzen, und bei jemandem von Tyrones Masse würde die vollständige Verwandlung länger dauern als das Schließen eines Tores, selbst eines so schweren Tores. Sobald es zu war, konnte sie ihm auf sichere Entfernung eine Kugel in den Kopf jagen. Es würde nicht schön werden, aber das ist es selten, wenn man die Ausbreitung stoppen will.
Das Video machte einen Sprung. Tyrone lag in einer größer werdenden Blutlache am Boden, während Tracy sich schreiend gegen den Zombie wehrte, der an ihrer Halsseite nagte. Das Tor war zu, und trotzdem waren sechs Zombies im Bild zu sehen, von denen einer auf Tracy herumkaute, drei näher kamen und die anderen beiden Richtung Konvoi weiterschlurften.
Shaun runzelte die Stirn. »Halt das mal an.«
Ich tippte auf die Leertaste, und das Bild erstarrte.
»Geh noch mal dorthin, wo das Bild gesprungen ist.«
Ich drückte eine weitere Taste, und das Video lief zurück an die Stelle, wo etwas fehlte. Ich hielt es an, blickte zu Shaun und wartete auf weitere Anweisungen.
Er sah mich gar nicht an. »Jetzt lass es mit halber Geschwindigkeit laufen.«
»Was hast du …«
»Fahr es schon ab, George.«
Ich tippte auf die Tastatur. Das Bild fing wieder an, sich zu bewegen, nun allerdings langsamer. Shaun verzog das Gesicht und blaffte dann: »Stopp!«
Das Standbild zeigte die schreiende Tracy, die schlurfenden Zombies und den toten Tyrone am Boden. Shauns anklagender Finger zeigte auf das Hosenbein von Tracys Anzug. »Sie ist nicht weggerannt, weil sie es nicht konnte«, sagte er. »Jemand hat ihr die Kniescheibe weggeschossen.«
»Wie?« Ich schaute mit zusammengekniffenen Augen auf den Monitor. »Ich sehe nichts.«
»Dann nimm die verdammten Kontaktlinsen raus.«
Ich lehnte mich zurück, blinzelte, bis sich meine rechte Kontaktlinse löste, und nahm sie mir mit der Zeigefingerspitze aus dem Auge. Nachdem meine Sicht sich umgestellt hatte, schloss ich das linke Auge und betrachtete den Monitor erneut. Jetzt, wo mir das leiseste Restlicht genügte, war die Nässe an Tracys Hosenbein kaum zu übersehen, ebenso wenig wie der Umstand, dass das Blut fächerförmig um sie herum im Schnee verteilt war und nicht, wie man hätte erwarten sollen, gerade an ihr runtergelaufen war.
Ich setzte mich auf. »Man hat auf sie geschossen.«
»Und zwar während der Zeit, die auf dem Video fehlt«, fügte Shaun gepresst hinzu. Als ich mich zu ihm umblickte, wandte er sich ab und rieb sich mit der Hand über die Augen. »Himmel, George. Sie hat das nur gemacht, weil es gut in ihrem Lebenslauf ausgesehen hätte.«
»Ich weiß, Shaun. Ich weiß.« Ich legte ihm eine Hand auf die Schulter und betrachtete das Standbild, auf dem Tracy ihren bereits verlorenen Überlebenskampf focht. »Wir finden raus, was hier vorgeht.
Das verspreche ich.«
… sie strömen herbei, die unruhigen Toten,
die Leichentücher aus Worten gewebt,
und mit Posaunenhall künden uns Himmelsboten.
(Die Mauer, die unsere Hoffnung belebt
ist fast schon geschleift vom ewigen Frost
in dem unsere Unschuld welken muss.)
Doch die Verheißung ist kaum Entgelt
für unsere Angst, für unsern Verlust …
Aus Eakly, Oklahoma, Erstveröffentlichung auf Die Stimmen der See, dem Blog von Buffy Meissonier, 11. Februar 2040