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Rick passte in mehr als einer Beziehung gut zu unserem Team: Er hatte einen eigenen fahrbaren Untersatz, und er verließ das Haus nicht ohne ihn. Ich hatte bereits von gepanzerten VW Käfern gehört – sie tauchen immer wieder in Moms Artikeln über Antizombie-Feldausrüstung auf, die sie gerne überall im Haus rumliegen lässt –, aber ich hatte noch nie zuvor einen gesehen. Das Gefährt sah aus wie eine seltsame Kreuzung zwischen Gürteltier und Pillendreher.
Wie ein blaues Elektro-Gürteltier. Mit Scheinwerfern.
Er hatte vor den Toren der Ranch gehalten, lehnte an seinem Auto und tippte etwas in seine faltbare Organizer-Tastatur. Als wir vorfuhren, hob er den Kopf, klappte die Tastatur zusammen und verstaute das Gerät in seiner Tasche.
Shaun war aus dem Wagen raus, noch bevor wir zum Stehen gekommen waren, und zeigte auf Rick. »Wenn wir im Feld sind, schaust du nicht auf deine Tastatur!«, blaffte er. »Du lässt dich nicht ablenken, du beschäftigst dich nicht mit deiner Ausrüstung, und insbesondere tust du all das nicht dort, wo wir uns treffen!« Rick blinzelte. In erster Linie wirkte er verwirrt.
Die meisten Leute würden nicht glauben, wie leicht mein Bruder die Beherrschung verliert. Sie scheinen zu denken, dass ich unsere Gesamtdosis Launenhaftigkeit abgekriegt hätte und Shaun infolgedessen unentwegt gut aufgelegt und einsatzbereit wäre, während ich hinter meiner Sonnenbrille die Leute finster anstarre und den Untergang des Abendlands plane. Das ist ein Irrtum. Shaun verliert leichter die Beherrschung als ich. Er spart sich seine Wutanfälle bloß für wichtige Anlässe auf, wenn beispielsweise einer aus dem Team sich in der Nähe eines noch nicht lange zurückliegenden Ausbruchs idiotisch benimmt.
Rick wurde langsam klar, dass er ein Problem hatte. Er hob beschwichtigend die Hände und sagte: »Der Bereich wurde gesäubert und vollständig desinfiziert. Das habe ich alles nachgesehen, bevor ich hergekommen bin.«
»Hat man alle Säugetiere, deren Gewicht jenseits der KA-Aktivierungsgrenze liegt, alle bekannten Opfer, alle ermittelten Überlebenden und alle potenziellen Eintrittsvektoren abgeglichen?«, wollte Shaun wissen. Er wusste, dass man das nicht getan hatte, weil der Nguyen-Morrison-Aufbau niemals hundertprozentige Ergebnisse lieferte, nicht einmal unter strengen Laborbedingungen. Es besteht immer die Möglichkeit, dass ein Virenüberträger davonkommt, ob er die Erreger nun im eigenen Blutkreislauf hat oder ob er Blut oder Gewebe einer anderen Person mit sich schleppt.
»Nein«, gab Rick zu.
»Nein, weil das nämlich nicht geht. Was sagt das über dich? Dass du hier im Prinzip nackt auf der Straße rumstehst, mit den Armen wedelst und rufst: ›Kommt mich holen, ihr Toten, ich möchte euer nächster Snack sein!‹« Er warf Rick seine Tasche mit Feldausrüstung gegen die Brust. Rick fing sie auf und blieb blinzelnd stehen, während Shaun auf dem Absatz kehrtmachte und Richtung Tor stolzierte. Ich ließ ihn gehen. Jemand musste damit anfangen, den Wachhabenden unsere Papiere vorzulegen, und dabei würde er wieder runterkommen. Bürokratische Vorgänge haben im Allgemeinen eine beruhigende Wirkung auf ihn.
Rick starrte Shaun hinterher. Er wirkte nach wie vor schockiert.
»Er hat recht, weißt du«, sagte ich und musterte ihn mit zusammengekniffenen Augen durch meine Sonnenbrille. Das Licht draußen war so grell, dass ich wünschte, man könnte im Feld bedenkenlos Schmerzmittel schlucken. Doch das geht nicht: Es ist eine ganz schlechte Idee, etwas zu sich zu nehmen, was die Aufmerksamkeit für den eigenen Körper trübt. »Warum bist du ausgestiegen?«
»Ich dachte, hier wäre es sicher«, stammelte Rick.
Ich schüttelte den Kopf. »Sicher ist es nirgends. Zieh deinen Rucksack auf und schalte die Kameras ein, dann gehen wir los.« In Shauns Fußstapfen folgte ich Richtung Tor. Auszusteigen war ein Anfängerfehler gewesen, aber Rick war laut seiner Akte auch noch nicht viel im Feld gewesen. Seine Beiträge waren gut, und er hatte genug Verstand, um sich wenn nötig an die erfahreneren Profis zu halten. Wenn er lange genug überlebte, würde er auch den Rest lernen.
Wenn es ein Anfängerfehler gewesen war auszusteigen, dann war es pure Dummheit, zu Fuß die Ranch zu betreten – doch uns blieb keine Wahl. Nicht nur wären wir mit unseren Fahrzeugen in keine der noch stehenden Gebäude gekommen, wir wären auch in Schlaglöchern und in den tiefen Furchen stecken geblieben, die die Säuberungsmaschinen der Regierung hinterlassen hatten. Besser zu Fuß gehen und aufmerksam sein, als sich in einem falschen Gefühl von Sicherheit zu wiegen und sich dann von der schlechten Straße das Genick brechen zu lassen.
Shaun stand draußen vor der Wachstation, wo zwei erschöpfte, glatt rasierte Männer durch dicke Sicherheitsglasscheiben herausschauten. Beide trugen einfache Armeeoveralls. Ihren Mienen nach zu schließen handelte es sich um ihren ersten Einsatz bei einem KA-Ausbruch, und wir entsprachen nicht ihren Vorstellungen von Leuten, die eine abgeriegelte Gefahrenzone betreten wollten – nicht einmal, wenn es sich um eine Gefahrenzone handelte, die innerhalb der nächsten zweiundsiebzig Stunden freigegeben werden sollte und die ein vollständiges Nguyen-Morrison-Verfahren hinter sich hatte, einschließlich Desinfektionsbomben und zerstäubter Dekontaminationsmittel. Wäre dies hier keine Pferderanch, sondern eine Getreidefarm gewesen, dann hätte man den Laden für mindestens fünf Jahre dichtmachen müssen. Erst dann würde der Boden wieder frei von Chemikalien sein. In diesem Fall mussten allerdings bloß achtzehn Monate lang Futter und Wasser angeliefert werden, bis das Grundwasser wieder sauber war.
Es ist wirklich erstaunlich, was wir alles tun, um uns nicht dem aktiven Virus auszusetzen.
»Probleme?«, fragte ich, während ich neben Shaun stehen blieb und den Jungs von der Armee ein dünnes Lächeln zuwarf. »Liebe Güte, die sehen ja wirklich froh aus, dass wir hier sind.«
»Bevor ich ihnen gezeigt habe, dass wir Senator Rymans Erlaubnis für unsere Anwesenheit hier und die nötigen Freigaben haben, um das Grundstück zu betreten, sahen sie fröhlicher aus. Obwohl ich glaube, dass sie ein bisschen erleichtert waren, als ihnen klar wurde, dass sie uns aufgrund unserer Freigabestufe nicht begleiten müssen.« Shaun grinste boshaft, während er mir und Rick die Metallplaketten reichte, die als Eintrittskarten für die Gefahrenzone dienten. Alle Sicherheitsversiegelungen würden auf die Identifikationschips der Plaketten reagieren und sich für uns öffnen. »Irgendwie glaube ich nicht, dass diese Jungs jemals persönlich einen aktiv Infizierten treffen möchten. Ein Wunder, dass sie die Grundausbildung überstanden haben.«
»Zieh sie nicht auf«, sagte ich und drückte die Plakette an den Gurt meiner Umhängetasche. Sie haftete praktisch unablöslich am Stoff, aktivierte sich und begann, in beruhigendem Grün zu blinken. »Wie lange dürfen wir uns frei bewegen?«
»Wir haben eine Standardgenehmigung für zwölf Stunden. Falls wir uns innerhalb des Gebiets befinden, wenn unsere Plaketten ablaufen, müssen wir um Hilfe rufen und hoffen, dass welche kommt.« Shaun drückte sich die Plakette an den Kragen seines Kettenhemds.
»Gab es in letzter Zeit irgendwelche Anzeichen von Bewegung innerhalb der Zone oder um sie herum?«, fragte Rick. Seine Plakette war an seinem Telefon befestigt, wo sich das grüne Licht mit dem gelben Blinken der LED-Anzeige abwechselte.
»Kein einziges.« Shaun deutete mit einer Kopfbewegung zu den Wachtposten. »Sollen wir weiter, bevor sie uns eine Strafe aufbrummen, weil wir vor einer Gefahrenzone rumlungern?«
»Können sie das?«, fragte Rick.
»Wir sind hier weniger als hundert Meter von der Stelle entfernt, wo erst vor kurzem ein Ausbruch stattgefunden hat«, sagte ich. »Sie können so ziemlich alles machen, was sie wollen.« Ich ging zum Tor. Die Plakette an meiner Tasche blinkte auf, als es aufschwang und den Weg aufs Gelände freigab. Auf dieser Seite der Gefahrenzone gab es keine Bluttests. Im schlimmsten Fall würde ich meine Umwandlung innerhalb eines bereits abgesperrten Bezirks abschließen. Darin würden die meisten Leute keinen großen Verlust sehen.
Hinter mir schloss sich das Tor, nur um sich erneut zu öffnen, als Shaun sich näherte, und einmal mehr für Rick. Es durfte immer nur eine Person auf einmal passieren. Wenn man die Standardprozedur befolgt hätte, dann hätte das Tor zusätzlich noch unter Strom gestanden, dessen Spannung sich sofort vervielfacht hätte, sobald etwas länger danach grabschte. Damit konnte man zwar keine fest entschlossene Zombiehorde aufhalten, aber es war besser als nichts.
»Setze die erste Festkamera ab, eingestellt auf Kanal acht, und aktiviere die Kreischer«, sagte Shaun, während er ein kleines Stativ aufstellte. Das fuhr eine Antenne aus, die gelb blinkte, als sie das lokale Netz suchte. Die Kamera würde alles aufnehmen, was wir sahen, und es an die Rechner im Sendewagen übermitteln. Wir würden kein brauchbares Material kriegen, es sei denn, es kam zu einem Ausbruch, während wir uns auf dem Gelände aufhielten, aber es kann nicht schaden, auf alles vorbereitet zu sein. Noch wichtiger war, dass die Kamera Alarm auslösen würde, falls sie eine Bewegung aufspürte, die keinem der Identifikationssender des Teams zugeordnet werden konnte. »George, haben wir eine Karte?«
»Wir haben eine Karte«, bestätigte ich, zog meinen Organizer hervor und faltete den Bildschirm zu voller Größe auf. »Buffy hat sie runtergeladen, bevor sie los ist.« Gott segne Buffy. Kein Team ist vollständig ohne eine gute Technikerin, und die korrekte Bezeichnung für ein unvollständiges Team lautet normalerweise »Todesfall«.
»Kommt her, Jungs.«
Die Familienranch der Rymans war so angelegt, wie es vor dem Erwachen üblich gewesen war. Man hatte nur an einigen wenigen Punkten sicherheitstechnische Zugeständnisse gemacht, die der politischen Laufbahn des Senators und der Möglichkeit eines Überfalls rasender Untoter geschuldet waren. Die meisten Gebäude waren nicht miteinander verbunden, und es gab vier getrennte Pferdeställe – einen zum Abfohlen, einen für die Jährlinge, einen für ältere Pferde und den letzten, der von den anderen abgesondert und unter Berücksichtigung moderner Quarantänevorschriften erbaut worden war, für Krankheitsfälle. Das Hauptgebäude hatte mehr Fenster, als einem vernünftigem Menschen lieb sein konnte, aber die Rymans hatten es offenbar nicht anders gewollt.
Shaun betrachtete die Karte und fragte: »Haben wir eine Übersicht über den Verlauf des Ausbruchs?«
»Durchaus.« Ich fing an zu tippen. »Möchte irgendwer von euch Jungs eine Wette darauf abschließen, wo es losgegangen ist?«
»Auf der Isolierstation«, sagte Rick.
»Im Stall fürs Abfohlen«, sagte Shaun.
»Falsch.« Ich drückte Enter. Ein Netz kreuz und quer verlaufender roter Linien erschien auf der Karte. Der größte rote Bereich war um den Jährlingsstall herum, umfasste das gesamte Gebäude und breitete sich von dort in alle Richtungen aus. »Zum ersten Ausbruch kam es im Jährlingsstall. Wo die stärksten, gesündesten, widerstandsfähigsten Pferde untergebracht waren.«
Shaun runzelte die Stirn. »Ich weiß nicht viel über Pferde, aber das kommt mir ein bisschen komisch vor. Stimmt das auch wirklich mit dem Initialfall überein?«
»Siebenundneunzig Prozent Gewissheit beim Nguyen-Morrison-Test«, sagte ich und rief das Bild eines blassgoldenen Pferds mit einem weißen Streifen auf der Nase auf. »Der Name des Pferdes war Goldrauschwetter. Männlicher Jährling, nicht kastriert, von Geburt an alle drei Monate sauberes Tierarztzeugnis und ein sauberer Bluttest jede Woche zur gleichen Zeit. Keine Vorgeschichte erhöhter Virenwerte. Wenn man das epidemiologisch gesehen sauberste Pferd auf dem Planeten gesucht hätte, hätte man mit diesem schwerlich falschliegen können.«
»Und das ist unser Initialfall?«, fragte Rick. »Das ist doch abstrus. Vielleicht hat ihn etwas gebissen.«
»Sie haben alle Bewegungen dieser Pferde aufgezeichnet, täglich und rund um die Uhr.« Ich schloss die Dateien, klappte den Organzier zu und steckte ihn in meine Umhängetasche zurück. »Der Goldjunge wurde am Abend vor dem Ausbruch ausgeritten, abgerieben und für sauber befunden, und er hatte keine Wunden oder Kratzer. Er hat die Scheune nicht wieder verlassen, bis alles den Bach runterging.«
»Keines der anderen Pferde hatte hohe Nguyen-Morrison-Werte?« Shaun griff in seine Tasche und zog einen Teleskopschlagstock hervor, den er ausfuhr, während wir drei uns in stiller Übereinkunft auf den Weg zu dem Teil der Ranch machten, wo die Ställe standen. Wenn es Hinweise zu finden gab, dann dort.
»Am nächsten dran ist das Pferd in der Nachbarbox, Rymans Roter Morgenhimmel, der bei einundneunzig lag und sichtbare Bissspuren aufwies. Aber die sechs Prozent Unterschied lassen ziemlich eindeutig darauf schließen, dass Goldjunge unser Initialfall ist.«
»Das kann nur durch eine spontane Vermehrung passiert sein«, sagte Shaun stirnrunzelnd. Er fuhr das letzte Stück Teleskopstab aus und drückte einen Knopf am Griff, wodurch das Metall elektrisch aufgeladen wurde. »Besteht nicht die Möglichkeit eines Herzanfalls oder eines anderen natürlichen Todes?«
»Nicht an einem Ort wie diesem«, sagte Rick. Wir drehten uns beide zu ihm um. Kopfschüttelnd fuhr er fort: »Ich habe vor ein paar Jahren eine Reportage über moderne Pferdezucht gemacht. Diese Tiere werden so genau überwacht, dass sofort jemand Bescheid weiß, falls eines stirbt – einen Herzstillstand erleidet, an einem Stück Futter erstickt oder was auch immer.«
»Du meinst, dass jemand zur Stelle gewesen wäre, bevor das Pferd aufstehen und andere Pferde hätte beißen können«, sagte ich nachdenklich. »Warum ist das dann nicht so passiert?«
»Weil die Lebenszeichen bei einer Verwandlung, anders als bei einer Wiederauferstehung, nicht abreißen«, sagte Shaun. Langsam klang er leicht aufgeregt. »Gerade geht es einem noch gut, und im nächsten Moment, peng, ist man eine schlurfende Virenschleuder aus Fleisch und Blut. Die Überwachungsgeräte würden eine spontane Verwandlung nicht bemerken, weil eine Maschine überhaupt nicht erkennen würde, dass etwas nicht stimmt.«
»Und da sagen die Leute, dass die moderne Technik uns nicht ausreichend schützt«, erwiderte ich trocken. »Na schön, wenn die Pferde also beim Abreiben um sieben Uhr abends sauber waren und mitten in der Nacht spontan eine Vermehrung eingesetzt hätte, wäre das den Überwachungsgeräten wohl entgangen. Damit wissen wir aber immer noch nicht, wie es dazu gekommen ist.«
Spontane Vermehrungen gibt es tatsächlich. Manchmal beschließt das schlafende Virus, dass es Zeit zum Aufwachen ist, und dann kann niemand es aufhalten. Etwa zwei Prozent der registrierten Ausbrüche während des Erwachens konnten auf spontane Überflutungen zurückgeführt werden. Normalerweise trifft es nur die besonders Jungen und die sehr Alten, da das Virus auf rasche Gewichtsänderungen reagiert. Ich habe noch nie gehört, dass es bei Nutztieren zu spontanen Vermehrungen gekommen wäre, aber es gibt auch keinen Beweis dafür, dass so etwas unmöglich wäre … trotzdem kam mir diese Antwort zu bequem vor. Der erste Fall einer spontanen Virenüberflutung bei einem Pferd ereignet sich ausgerechnet auf Senator Rymans Ranch, am Tag seiner Bestätigung als Präsidentschaftskandidat der Republikaner? Solche Zufälle gibt es außerhalb von Dickens-Tragödien nicht. Ganz sicher passieren sie nicht einfach mal so in der wirklichen Welt.
»Das kann ich mir nicht vorstellen«, sprach Rick meine Gedanken aus. »Das ist zu simpel. Wir haben ein Pferd, ein gesundes Pferd, und dann ist das Pferd ein Zombie, ein Haufen Leute sterben – so ein Unglück aber auch. Etwas in der Art würde ich mir ausdenken, wenn ich eine Titelgeschichte mit vielen Emotionen verfassen sollte, die sich niemals wirklich so ereignen würde.«
»Warum bohrt dann niemand nach?« Shaun blieb auf dem Hof zwischen den vier Ställen stehen und schaute erst zu Rick und dann zu mir. »Ich will ja nicht unhöflich sein, aber Rick, du bist neu bei diesem Tanz, und George, du bist sozusagen von Berufs wegen paranoid. Warum stochert niemand sonst in der Scheiße?«
»Weil keiner sich einen Ausbruch genauer ansieht«, antwortete ich. »Erinnerst du dich daran, wie sauer du warst, als wir in der sechsten Klasse all das Zeug übers Erwachen lesen mussten? Ich dachte, dass wir wegen dir beide von der Schule fliegen würden. Du meintest, dass das Ganze überhaupt nur deshalb so schlimm werden konnte, weil die Leute sich offenbar an die erstbeste einfache Antwort geklammert haben, anstatt etwas derart Kompliziertes zu tun wie ernsthaft nachzudenken.«
»Und du hast damals gesagt, das läge in der menschlichen Natur und ich sollte froh sein, dass wir heute schlauer wären«, meinte Shaun. »Und dann hast du mich gehauen.«
»Und das ist nach wie vor die Antwort: die menschliche Natur.«
»Gib den Menschen etwas, woran sie glauben können, zum Beispiel eine persönliche Tragödie, bei der sich ein Teenagermädchen heldenhaft opfert, um seine Familie zu retten, dann glauben sie es nicht nur, sie wollen es sogar glauben.« Rick schüttelte den Kopf. »Das sind gewissermaßen gute Nachrichten. Die Menschen glauben gerne an gute Nachrichten.«
Ich schaute Shaun an. »Wo fangen wir an?«
Im Schneideraum und im Büro habe ich das Kommando. Im Feld sehen die Dinge anders aus. Dort gibt Shaun die Befehle, es sei denn, ich verlange, dass wir sofort evakuieren. Wir sind beide schlau genug, zu wissen, wo unsere Stärken liegen. Seine haben damit zu tun, Tote mit Stöcken anzustupsen und hinterher noch darüber bloggen zu können.
»Sind alle bewaffnet?«, fragte er – mehr an Rick gewandt als an mich. Er weiß genau, dass ich eher zum Spaß einem Zombie die Hand in den Mund stecken würde, als unbewaffnet ins Feld zu gehen.
»Alles klar«, sagte ich und zog meine 40mm hervor.
»Ja«, sagte Rick. Seine Pistole war größer als meine, aber aus seinem lockeren Umgang mit der Waffe schloss ich, dass es sich einfach um eine persönliche Vorliebe und nicht um Machogehabe handelte. Er steckte die Pistole in sein Jackenhalfter zurück und fügte hinzu: »Ich würde ja anbieten, eine Schießprüfung abzulegen, aber das hier scheint mir nicht der geeignete Ort zu sein.«
»Später«, sagte Shaun. Rick wirkte belustigt, und ich unterdrückte ein schnaubendes Lachen. Wahrscheinlich dachte der arme Kerl, dass mein Bruder scherzte. »Gut, dann teilen wir uns auf. George, du gehst in den Stall, in dem die Fohlen kamen. Rick, du gehst dorthin, wo die erwachsenen Pferde untergebracht waren. Ich übernehme das Krankenquartier, und dann treffen wir uns hier wieder und schauen uns zusammen den Jährlingsstall an. Ständiger Funkkontakt. Wenn ihr etwas seht, schreit, so laut ihr könnt.«
»Damit wir alle zu Hilfe kommen?«, fragte Rick.
»Damit die andern Zeit haben, sich davonzumachen«, sagte ich. »Kameras an, Leute, und macht einen lebendigen Eindruck. Das hier ist keine Übung. Das sind die Nachrichten.«
Sich aufzuteilen war das Sinnvollste. Alle vier Ställe hatten mit dem Ausbruch zu tun gehabt, aber angefangen hatte es an einem bestimmten Ort. Wir würden die anderen Bereiche jeder für sich untersuchen, ein paar atmosphärische Hintergrundbilder aufnehmen und uns dann dort wieder versammeln, wo es möglicherweise wirklich etwas zu entdecken gab. Diese Überlegungen hielten mein Herz jedoch nicht davon ab, wild zu pochen, als ich die Tür zur Futterkammer öffnete und eintrat. Drinnen war es dunkel. Ich setzte meine Brille ab, und fast sofort hörte das Brennen in meinen Augen auf, meine Pupillen gaben ihre vergeblichen Versuche auf, sich zu verengen, und öffneten sich entspannt, während ich in den Stall hinüberging. Das gleichmäßige Zwielicht war eine Wohltat. Ich nahm die Welt so wahr, wie die Infizierten sie sehen, und wie die Infizierten sah ich alles.
Bei der Ranch hatte es sich eindeutig um ein hochmodernes Unternehmen gehandelt, das in Sachen Tierhaltung auf dem neuesten Stand gewesen war. Die Boxen waren geräumig und so gestaltet, dass sie für alle Beteiligten möglichst viel Annehmlichkeiten boten. Man konnte die staatlich vorgeschriebenen Schutzanzüge, die an einer Wand hingen, und die gelbroten Sondermülltonnen in den vier Ecken des Stalls beinahe übersehen.
Es war allerdings schwerer, den Geruch nach Desinfektionsmitteln nicht zu bemerken, und sobald er mir in aller Deutlichkeit in die Nase stieg, erschien auch der Rest in einem anderen Licht. Die Flecken an den Wänden stammten nicht von Farbe oder verspritztem Futter. Das Stroh in den Boxen war mit einer zähen, klebrigen Flüssigkeit zusammengepappt. Hier drin waren sie noch nicht mit dem Aufräumen fertig. Das entsprach durchaus der Standardprozedur. Erst entfernt man alle zurückgebliebenen infizierten Leichen und … Einzelteile. Dann versiegelt man das Gebäude bestmöglich und pumpt die Luft mit Bleichmitteln voll. Schließlich lässt man die zerstäubten Desinfektionsmittel und die Formalinbomben los. Formalin ist eine auf Formaldehyd basierende Verbindung, die so ziemlich alles tötet, einschließlich noch beweglicher Infizierter, und die Standarddekontaminationsprozedur verlangt fünf Schübe von dem Zeug, wobei jeweils eine weitere Ladung losgelassen wird, sobald die vorangegangene durch das umliegende organische Reaktionsmaterial aufgebraucht worden ist. Erst wenn alles, was lebt, mehr oder weniger gegrillt ist, und wenn alle Flüssigkeiten so weit abgetrocknet sind, dass sie nicht mehr spritzen können, gilt es als sicher, potenziell infiziertes Material zu entfernen und zu verbrennen, wie zum Beispiel das Stroh in den Ställen.
Meine Schulterkamera lief bereits. Ich aktivierte drei weitere Kameras, von denen sich eine an meiner Tasche, eine an meiner Hüfte und eine dritte verborgen in meiner Haarspange befand. Dann machte ich einen ersten, langsamen Schwenk und schaute mich im Stall um.
Unterm Heuboden lag ein Haufen toter Katzen, deren vielfarbige Leiber von den grausamen inneren Blutungen verkrümmt waren, die sie getötet hatten. Sie hatten den Ausbruch und das anschließende Chaos überlebt, aber dem Formalin hatten sie nicht entkommen können. Ich verbrachte mehrere Sekunden damit, dazustehen und sie zu betrachten. Sie sahen so klein und harmlos aus … und das waren sie auch. Katzen liegen unterhalb der Mason-Grenze. Sie wiegen unter fünfundzwanzig Kilo. Kellis-Amberlee interessiert sich nicht für sie, weshalb sie nicht wiederauferstehen. Für Katzen ist tot immer noch tot.
Ich schaffte es beinahe bis zur Wand, bevor ich mich übergab.
Es war leichter, nachdem die erste Welle des Ekels aus mir raus war. Meine erste Untersuchung förderte nichts zutage. Es gab keine Anzeichen dafür, dass sich etwas Ungewöhnliches ereignet hatte. Es handelte sich schlicht und einfach um den Schauplatz eines Ausbruchs, tragisch und grausig, aber in keiner Weise besonders. Dort war die Stelle, an der eines der infizierten Pferde sich einen Weg nach drinnen gebahnt und dabei die Schiebetür am Stall aus der Führung getreten hatte. Wahrscheinlich hatte es die Muttertiere in den ersten drei Boxen dicht aufeinander erwischt, und die hier arbeitenden Menschen hatten wohl kaum Waffen zur Hand gehabt. Niemand hatte geahnt, dass etwas nicht stimmte, bis es zu spät gewesen war. Mit etwas Glück waren sie schnell gestorben, entweder verblutet oder in Fetzen gerissen, bevor das Virus Gelegenheit gehabt hatte, sich festzusetzen, seinen Wirt umzuprogrammieren und den ewigen Zyklus aufs Neue zu starten. Das war allerdings leider unwahrscheinlich. Ein frischer Mob will infizieren und nicht verschlingen.
Vermutlich hatten die infizierten Pferde hier gewütet und alles in Sichtweite gebissen, um sogleich weiterzustürmen und noch mehr Opfer anzufallen. Eine albtraumhafte Vorstellung: Auf diese Art haben wir zu Beginn des Jahrhunderts beinahe die ganze Welt verloren. Und ziemlich wahrscheinlich war es auch hier so abgelaufen. Man weiß, wie solche Ausbrüche vonstattengehen, obwohl man sich wünscht, es nicht zu wissen. Das Virus ist verlässlich, nicht kreativ.
Ich brauchte zwanzig Minuten, um die Scheune abzusuchen. Als ich fertig war, hatte ich es so eilig, rauszukommen, dass ich vergaß, meine Sonnenbrille aufzusetzen, bevor ich wieder ins Sonnenlicht trat. Die plötzliche Grellheit war mehr, als ich vertrug. Taumelnd hielt ich mich am Stalltor fest und kniff die Augen zu.
»Daran sieht man, dass sie sich nicht verwandelt hat«, bemerkte Shaun zu meiner Linken. »Echte Zombies werden nicht vom Sonnenlicht geblendet, wenn sie ihre Sonnenbrille vergessen.«
»Fick dich doch selber«, brummte ich, während Shaun den Arm um mich legte und mich vom Stall wegführte.
»Küsst du deine Mutter mit diesem Mund?«
»Unsere Mutter und dich auch, Arschgesicht. Gib mir meine Sonnenbrille.«
»Und wo ist die?«
»In der linken Hemdtasche.«
»Hab sie.« Das war Ricks Stimme, und es war Rick, der mir die Brille in die Hand drückte.
»Danke.« Ich stützte mich weiter auf Shaun, während ich sie aufsetzte. Die Kameras der beiden nahmen alles auf, doch das war mir eigentlich egal. »Hat wer von euch was gefunden?«
»Ich nicht«, sagte Shaun. Aus irgendeinem Grund klang es, als ob er … lachte? Seine Scheune konnte kaum besser ausgesehen haben als meine. Wenn überhaupt musste sie sich in einem noch schlimmeren Zustand befinden, da der Großteil der Tierärzte wahrscheinlich Nachtdienst gehabt hatte. »Aber ganz offensichtlich hat Rick mehr Glück gehabt als wir.«
»Ich konnte schon immer gut mit Frauen«, sagte Rick. Im Gegensatz zum offensichtlich belustigten Shaun klang er beinahe peinlich berührt.
Ganz offensichtlich musste ich mir selbst ansehen, was los war, wenn ich etwas verstehen wollte. Vorsichtig öffnete ich erst ein Auge und dann das andere. Da war Shaun, der den Arm noch immer um mich gelegt hielt und mich, so gut es ging, aufrecht hielt. Meine Augen sind einer der Hauptgründe dafür, dass ich mich so widerwillig ins Feld begebe, und niemand versteht das besser als er. Und dann war da Rick, der mit einer Mischung aus Sorge und Verwirrung im Gesicht ein paar Meter weiter stand.
Ricks Schultertasche bewegte sich.
Ich fuhr hoch, »Was ist das?«
»Das ist Ricks neue Freundin«, sagte Shaun kichernd. »Er ist einfach unwiderstehlich, George. Du hättest ihn sehen sollen. Sie konnte gar nicht von ihm lassen, als er aus dem Stall gekommen ist. Ich habe ja schon früher anhängliche Freundinnen gesehen, aber die da ist ein ganz anderes Kaliber.«
Ich beäugte das neueste Mitglied meines Reporterteams misstrauisch. »Rick?«
»Er hat recht. Sie hat sich an mich drangehängt, sobald ich den Stall betreten habe und sie festgestellt hat, dass ich nicht mit einer Desinfektionspistole auf ihr Gesicht ziele und nicht vorhabe, ihr wehzutun.« Rick öffnete den Verschluss seiner Schultertasche. Ein schmaler, orange-weißer Kopf lugte heraus, und gelbe Augen musterten mich misstrauisch. Ich blinzelte. Der Kopf verschwand in der Tasche.
»Eine Katze.«
»Alle anderen waren tot«, sagte Rick und machte die Tasche wieder zu. »Irgendwie hat sie sich wohl tiefer ins Heu gegraben als der Rest. Oder vielleicht war sie draußen, als der Säuberungstrupp reingegangen ist, und ist später irgendwie eingesperrt worden.«
»Eine Katze.«
»Laut Testergebnis ist sie sauber, George«, sagte Shaun.
Säugetiere unter fünfundzwanzig Kilo können nicht umgewandelt werden – irgendwie fehlt ihnen das entscheidende Verhältnis von Körper- und Gehirnmasse –, aber manchmal übertragen sie das aktive Virus, zumindest so lange, bis es sie tötet. Das kommt selten vor. Meistens schütteln sie es einfach ab und leben nicht infiziert weiter. Aber im Feld verlässt man sich nicht darauf, dass etwas »selten« vorkommt.
»Wie viele Bluttests?«, fragte ich Shaun.
»Vier. Einen pro Pfote.« Er hob die Hand, als er meine nächste Frage vorausahnte. »Nein, sie hat mich nicht gekratzt, und ja, ich bin mir sicher, dass das Miezekätzchen sauber ist.«
»Und er hat mich bereits angeschrien, weil ich sie auf den Arm genommen habe, bevor ich mir da sicher war«, sagte Rick.
»Glaub bloß nicht, dass ich dich deshalb nicht auch noch anschreien werde.« Ich machte mich von Shaun los. »Ich warte bloß damit, bis wir wieder drinnen sind. Wir haben drei saubere Ställe und eine lebende Katze, meine Herren. Können wir fortfahren?«
»Ich habe heute Nachmittag nichts Besseres vor«, sagte Shaun, noch immer frohgemut. Wir befanden uns auf Irwin-Gebiet. Kaum etwas macht ihn glücklicher. »Sind die Kameras an?«
»Laufen.« Ich schaute auf die Uhr. »Wir haben gute Sendequalität und mehr als genug Speicherplatz. Willst du ein bisschen angeben?«
»Das will ich doch immer.« Shaun trat zurück, bis er im richtigen Winkel vor dem verbleibenden Stall stand und die Nachmittagssonne ihn von hinten anleuchtete. Ich konnte nicht anders, als seinen Sinn für Theatralik zu bewundern. Wir würden zwei Berichte über den Tag machen – einen für seinen Teil der Website, in dem die Gefahren auf dem Gebiet des Ausbruchs hochgespielt werden würden, und einen für meinen Teil, in dem es um die menschlichen Aspekte der Tragödie gehen würde. Mein Einleitungsgeschwafel würde ich später aufnehmen, wenn ich eine bessere Vorstellung davon hatte, was vorgefallen war. Irwins verkaufen Spannung. Newsies verkaufen Nachrichten.
»Was macht er da?«, fragte Rick mit gehobenen Brauen.
»Kennst du die Videoclips von Irwins, in denen sie von den schlimmen Gefahren und den grausigen, hinterhältigen Monstern erzählen?«
»Ja.«
»Das macht er. Du kannst loslegen, Shaun!«
Darauf hatte er nur gewartet. Mit einem Mal wurde Shaun völlig locker und hatte das Lächeln im Gesicht, mit dem man Tausende T-Shirts verkaufen konnte, wischte sich das verschwitzte Haar mit einer behandschuhten Hand aus den Augen und sagte: »He, Leute. Hier war es in letzter Zeit ziemlich öde, mit all der Politik und dem Hinterzimmerzeug, für das sich nur die Hardcore-Newsfreaks interessieren. Aber heute? Heute gibt’s einen Leckerbissen. Weil wir heute nämlich das einzige Nachrichtenteam sind, das die Ryman-Ranch vor Abschluss der Dekontamination betreten darf. Ihr werdet die Flecken sehen. Ihr werdet alles mitkriegen, bis auf den Geschmack von Formalin in der Luft …« Jetzt war er voll im Fluss.
Ich gebe zu, dass ich nicht mehr hinhörte, als er in sein übliches Gelaber verfiel. Lieber schaute ich zu. Shaun hat es zu einer Wissenschaft entwickelt, sein Publikum rasend zu machen. Wenn er mit den Leuten fertig ist, dann finden sie sogar die geheimnisvolle Entdeckung einiger Kleiderflusen aufregend. Diese Fähigkeit ist durchaus beeindruckend, aber ich sehe lieber zu, wie er sich bewegt. Es ist etwas Wunderbares an der Art und Weise, wie er abgeht und sich in ein Bündel gespannter Energie verwandelt, während er beschreibt, was sein Publikum erwartet. Vielleicht ist es für ein Mädchen in meinem Alter peinlich zuzugeben, dass sie ihren Bruder nach wie vor liebt. Das ist mir egal. Ich liebe ihn, und eines Tages werde ich ihn zu Grabe tragen, und bis dahin werde ich dankbar dafür sein, dass ich ihm beim Reden zusehen darf.
»… also kommt. Wir wollen sehen, was hier wirklich an diesem kühlen Märznachmittag passiert ist.« Shaun grinste erneut, blinzelte in die Kamera und wandte sich dem Stalltor zu. Als er es erreichte, rief er: »Schnitt!«, und drehte sich zu uns um. Seine Leutseligkeit war wie weggeblasen. »Sind wir so weit?«
»Bereit«, sagte ich.
Jetzt, wo wir keine Möglichkeit mehr hatten, würdevoll umzukehren und zu sagen: »Wisst ihr was? Das hier ist ein Fall für die Behörden – die Leute, die wir dafür bezahlen, dass sie ihr Leben für Informationen aufs Spiel setzen«, folgten Rick und ich Shaun durch die Futterkammer und in den letzten der vier Ställe der Rymans.
Als Erstes schlug uns der Gestank entgegen. Der Gestank, der am Ort eines Ausbruchs herrscht, ist mit nichts anderem vergleichbar. Wissenschaftler versuchen seit Jahren herauszufinden, warum wir die Infektion noch riechen können, selbst wenn die Viren für tot und ungefährlich erklärt worden sind. Die Fakten lassen leider keinen anderen Schluss zu, als dass es sich um dieselbe Form der Wahrnehmung handelt, durch welche die Zombies sich gegenseitig erkennen können, wenn auch in abgeschwächter Form. Zombies versuchen nicht, andere Zombies zu töten, es sei denn, sie haben seit Wochen nichts gegessen, und die Lebenden nehmen wahr, wo es zu einem Ausbruch gekommen ist. Das ist wahrscheinlich eine weitere praktische Auswirkung des Umstands, dass das Virus in unseren Körpern schlummert – nicht, dass sich da jemand sicher wäre. Niemandem ist es jemals gelungen, den Geruch in Worte zu fassen, jedenfalls nicht so richtig. Es riecht nach Tod. Alles in einem will die Flucht ergreifen. Und wie die letzten Volltrottel taten wir genau das nicht.
Sobald wir die Tür zur Futterkammer geschlossen hatten, war der Stall in dasselbe Dämmerlicht getaucht, das ich schon zuvor kennengelernt hatte. »George, Rick, Licht«, rief Shaun. Ich hatte Zeit genug, den Arm zu heben und meine Augen abzuschirmen, ehe die Deckenlichter angingen. Rick gab ein leises, würgendes Geräusch von sich, und ich hörte, wie er sich irgendwo hinter mir übergab. Keine große Überraschung. Bei solchen Ausflügen packt jeder irgendwann sein Frühstück wieder aus – das Gleiche hatte ich schließlich eben auch getan.
Als meine Augen sich halbwegs an das Licht gewöhnt hatten, senkte ich den Arm. Was ich sah, war das reine Chaos. Der Stall für die Fohlen war mir auf den ersten Blick schlimm vorgekommen, aber da war eigentlich nichts außer einem Fleck hier und da und ein paar toten Katzen gewesen. Hier gab es auch tote Katzen, die wie alte Lumpen auf dem Boden verstreut lagen. Was den Rest betraf …
Mein erster Gedanke war, dass man den ganzen Stall mit Blut durchtränkt hatte. Nicht nur vollgespritzt, sondern buchstäblich durchtränkt, als hätte jemand sich einen Eimer geschnappt und die Wände damit angepinselt. Dieser Eindruck ließ nach, als mir klar wurde, dass der Großteil des Bluts auf zwei Bereiche verteilt war: Zum einen war etwa einen Meter überm Boden ein breiter Streifen an den Wänden entlanggeschmiert, zum anderen war der Boden mit Blut vollgesogen, das die unterschiedlichsten Braun- und Schwarztöne angenommen hatte, da die Mischung aus Desinfektionsmitteln, Blut und Fäkalien zu einer ungleichmäßigen Kruste getrocknet war. Ich starrte, ohne zu blinzeln, auf den Boden, bis der Brechreiz sich legte. Einmal war in Ordnung. Zweimal nicht, insbesondere, wenn die zweite Runde vor den Augen anderer stattfand.
»Hier stehen die Namen von den Pferden dran«, rief Shaun. Er befand sich am anderen Ende des Stalls und schaute sich eine der Boxen an. »Das hier hieß Dienstagstief. Was soll denn das für ein Pferdename sein?«
»Sie mochten Wetternamen. Such nach Goldrauschwetter und Roter Morgenhimmel. Wenn hier etwas Verdächtiges vorgefallen ist, dann finden wir vielleicht Hinweise in ihren Boxen.«
»Unter den tausend Litern Blut und Eingeweide«, brummte Rick.
»Hoffentlich hast du eine Schaufel mitgebracht!«, rief Shaun grausig fröhlich.
Rick starrte ihn an. »Dein Bruder ist ein Wesen von einem anderen Stern.«
»Ja, aber ein niedliches«, sagte ich. »Fang an, die Boxen zu untersuchen.«
Als ich zur Hälfte mit meinen Boxen durch war – zwischen »Dorothys Bö« und »Sturmwarnung« –, rief Rick: »Hier drüben.« Shaun und ich schauten zu ihm. Er zeigte auf eine Box in der Ecke. »Ich habe den Goldjungen gefunden.«
»Toll«, sagte Shaun, und wir schauten zu ihm. »Hast du etwas angefasst?«
»Nein«, antwortete Rick. »Ich wollte auf euch warten.«
»Gut.«
Das Boxengatter hing schief in den Angeln. Es war von innen aufgebrochen worden, und das Holz war teilweise gesplittert und wies halbmondförmige Abdrücke von Pferdehufen auf. Shaun stieß ein leises Pfeifen aus. »Goldjunge hatte es verdammt eilig, rauszukommen.«
»Ich kann es ihm nicht verdenken«, sagte ich und beugte mich vor, um das gesplitterte Holz zu begutachten. »Shaun, du hast Handschuhe an. Kannst du aufmachen?«
»Für dich tue ich doch alles. Beziehungsweise öffne ich zumindest ein Gatter an einer wirklich ekligen Pferdebox.« Shaun schwang das Gatter auf und befestigte es mit einem kleinen Haken. Ich beugte mich vor und fing jeden Zentimeter mit meiner Kamera ein, während Shaun an uns vorbei in die Box trat.
Etwas knirschte unter seinen Füßen.
Rick und ich fuhren herum und schauten ihn an. Meine Schultern verkrampften sich vor Anspannung schmerzhaft. Knirschende Geräusche verheißen im Feld praktisch nie etwas Gutes. Im besten Fall bedeuten sie, dass man gerade noch mal Glück gehabt hat. Im schlimmsten …
»Shaun? Bericht.«
Mit blasser Miene hob Shaun erst einen Fuß und dann den anderen. Ein scharfkantiges Plastikstück steckte in der Sohle seines linken Stiefels. »Nur ein Stück Müll«, sagte er, und seine Erleichterung zeigte sich dabei deutlich auf seinem Gesicht. »Keine große Sache.« Er streckte die Hand aus, um es aus seinem Schuh zu ziehen.
»Warte!«
Shaun erstarrte. Ich drehte mich zu Rick um. »Was ist?«
»Es ist scharfkantig.« Rick schaute mit aufgerissenen Augen zwischen uns hin und her. »Es ist scharfkantig und liegt in einem Pferdestall, auf einem Gestüt. Seht ihr hier irgendwo ein zerbrochenes Fenster? Kaputte Geräte? Ich auch nicht. Warum liegt da etwas Scharfes in der Box? Pferde haben harte Hufe, aber innen drin sind ihre Ballen weich, und sie verletzen sich sehr leicht. Ein kompetenter Tierpfleger würde niemals zulassen, dass in einer Box etwas Scharfkantiges herumliegt.«
Shaun senkte den Fuß und achtete dabei darauf, sein Gewicht auf den Zehen zu balancieren. »Dreimal verfluchte …«
»Shaun, komm da raus. Rick, such mir einen Rechen oder so was. Wir müssen das Stroh umschichten.«
»Alles klar.« Rick drehte sich um und ging in die hinterste Ecke des Stalls, wo er wahrscheinlich Putzwerkzeug gesehen hatte. Der noch immer bleiche Shaun verließ humpelnd die Box.
Ich schlug ihm mit der rechten Handkante auf die Schulter, sobald er in Reichweite war. »Arschloch«, sagte ich anklagend.
»Wahrscheinlich«, pflichtete er mir nun wieder etwas ruhiger bei. Wenn ich ihn beschimpfte, konnte die Lage nicht so übel sein. »Glaubst du, dass wir da etwas entdeckt haben?«
»Sieht danach aus, aber das ist im Moment nicht deine Sorge. Hol dir eine Zange, zieh das gottverdammte Ding aus deinem Schuh und tüte es ein. Wenn du es anfasst, bring ich dich um.«
»Kapiert.«
Rick kam mit dem Rechen in der Hand zurückgetrottet. Ich nahm ihm den Rechen ab und begann, im Stroh herumzustochern. »Rick, behalt meinen bescheuerten Bruder im Auge.«
»Ja, Ma’am.«
Als ich das Stroh umschichtete, kamen dort, wo Shaun hingetreten war, mehrere weitere Plastikstückchen zum Vorschein, sowie ein längliches, verbogenes Stück abgebrochenen Kunststoffs, dessen Form mir bekannt vorkam. Hinter mir holte Shaun zischend Luft. »George …«
»Ich sehe es.« Ich stocherte weiter im Stroh herum.
»Das ist eine Nadel.«
»Ich weiß.«
»Wenn es schon keinen Grund gibt, warum dort drin Plastik sein sollte, warum ist da dann eine Nadel?«
»Aus überhaupt keinem guten Grund«, sagte Rick. »Georgia, versuch’s ein bisschen weiter rechts.«
Ich warf ihm einen Blick zu. »Warum?«
»Weil das Heu dort weniger zertrampelt ist. Wenn es noch etwas zu finden gibt, dann ist es mit größerer Wahrscheinlichkeit unbeschädigt, falls es dort drüben liegt.«
»Gute Idee.« Ich wandte meine Aufmerksamkeit der rechten Hälfte der Box zu. Bei den ersten drei Versuchen entdeckte ich nichts. Ich hatte bereits beschlossen, dass der vierte Versuch der letzte in diesem Bereich sein würde, da zog ich mit dem Rechen eine intakte Spritze ans Licht. Sie war nicht nur unbeschädigt, sondern auch noch voll. Der Kolben war nicht ganz reingedrückt, und ein kleiner Rest milchiger Flüssigkeit war durch das matschverschmierte Glas zu sehen. Wir drei starrten die Spritze an.
Schließlich sagte Shaun etwas. »George?«
»Ja?«
»Ich halte dich jetzt nicht mehr für eine paranoide Spinnerin.«
»Gut.« Mit dem Rechen zog ich die Spritze vorsichtig näher heran. »Sieh bei der Abfalltonne für scharfe Gegenstände nach, ob noch Isoliertaschen übrig sind. Wir müssen das Ding vakuumversiegeln, bevor wir es hier mit rausnehmen, und unseren Sondermüllbeuteln traue ich nicht.«
»Wieso nicht?«, fragte Rick. »Man hat hier den Nguyen-Morrison-Test durchgeführt.«
»Weil mir nur eine Sache einfällt, die jemand einem rundum gesunden Tier injiziert haben könnte, das sofort anschließend zum Initialfall eines Ausbruchs wurde.« Mir wurde schon übel, wenn ich die Spritze nur ansah. Shaun hätte da drauftreten können. Er hätte den Fuß falsch aufsetzen können und …
Denk an was anderes, Georgia. Denk an was anderes.
»Spritzen sind wasserdicht«, sagte Shaun, während er zur Abfalltonne ging. »Da ist kein Desinfektionsmittel reingekommen.«
»Du meinst …«
»Wenn ich mich nicht irre, haben wir da genug Kellis-Amberlee für die gesamte Bevölkerung Wisconsins vor uns.« Ich lächelte freudlos. »Was haltet ihr von dieser Schlagzeile:
Rebecca Ryman wurde ermordet.«
Das Kellis-Amberlee-Virus kann in einem geeigneten Wirt auf unbegrenzte Zeit überleben, was in diesem Fall heißt: in einem Säugetier. Man hat bislang kein Heilmittel entdeckt, und obwohl sich kleine Mengen Blut von den Viren reinigen lassen, kann man es nicht aus dem Bindegewebe, aus dem Knochenmark, der Rückenmarksflüssigkeit und dem Gehirn entfernen. Dank der menschlichen Genialität, die es erschaffen hat, ist es vom Moment der Empfängnis bis zu dem Tag, an dem wir sterben, unser täglicher Begleiter.
Im Laufe unseres Lebens erleiden wir mehrere »Infektionen« mit dem ursprünglichen Kellis-Erreger. Er erwacht zum Leben, um das Immunsystem beim Kampf gegen die gewöhnlichen Rhinoviren zu unterstützen. Bei manchen von uns wird auch Marburg-Amberlee aufflackern – dann, wenn ein Krebsgeschwür ausgemerzt werden muss. Der Zusammenschluss dieser beiden völlig unterschiedlichen Viren hat nichts an ihrem ursprünglichen Sinn und Zweck geändert, und das ist immerhin ein Glück im Unglück. Wenn wir schon mit dem Umstand leben müssen, dass Tote sich erheben und versuchen, die Lebenden aufzufressen, können zumindest ein paar Vorteile dabei herausspringen.
Probleme kriegen wir erst dann, wenn die Kombination der beiden Viren in den aktiven Zustand übergeht. Zehn Mikrometer aktiven Kellis-Amberlees genügen, um eine Kettenreaktion auszulösen, an der der Wirt unweigerlich in praktisch jeder Hinsicht stirbt. Sobald das Virus erwacht ist, ist man nicht mehr man selbst. Stattdessen wird man zu einem lebenden Virenreservoir, ein Werkzeug des ewig hungrigen Erregers. Der Zombie ist ein Geschöpf mit zwei Zielen: Er will das Virus in seinem Innern füttern, und er will es verbreiten.
Dieselbe Menge Kellis-Amberlee genügt, um einen Elefanten oder einen Menschen zu infizieren. Zehn Mikrometer. Man kann buchstäblich mehr Virenmikronen auf den Punkt am Ende dieses Satzes packen. Dem Pferd, das Rebecca Ryman das Leben gekostet hat, hat man schätzungsweise neunhundert Millionen Mikrometer Kellis-Amberlee injiziert.
Jetzt schaut mir in die Augen und erzählt mir, dass das kein Terrorismus war.
Aus Unschöne Bilder, dem Blog von
Georgia Mason,
25. März 2040