17
Wir verbrachten drei Wochen in Parrish, bevor es Zeit für die Wahlkampagne war, sich wieder auf den Weg zu machen. Die Wähler würden dem Senator eine Zeit der Trauer um seine Tochter nachsehen, aber wenn er nicht hinausging und dafür sorgte, dass man ihn als mehr im Gedächtnis behielt als das Opfer einer sinnlosen Tragödie, würde er nie den Boden wettmachen, den er bereits verloren hatte. Wähler sind wankelmütig, und Rebecca Rymans heldenhafter Tod war bereits ein alter Hut. Stattdessen sorgten Gouverneur Blackburns aufregende Ideen zur Gesundheitsreform für Schlagzeilen, ebenso ihre Vorschläge zur Verstärkung der Sicherheitsmaßnahmen an Schulen und ihre Änderungsvorschläge für das Gesetz zur Tierhaltung. In mancherlei Hinsicht setzte sie Rebeccas Tod im Wahlkampf ebenso ein wie der Senator, denn wenn sie striktere Beschränkungen für die Großtierhaltung forderte, war es Rebeccas Schicksal, das die Menschen vor Augen hatten. Der Senator musste wieder in die Gänge kommen, sonst würde sein Wahlkampf ins Leere laufen.
Unglücklicherweise war aufgrund unserer eiligen Abreise aus Oklahoma City der Konvoi von Geländewagen und Ausrüstungstrucks, mit dem wir durchs Land gereist waren, mehrere Bundesstaaten weit zurückgeblieben. Das wurde bei den Vorbereitungen zur Abreise von Wisconsin zum Problem, insbesondere, da unser nun gestraffter Terminplan uns keine Zeit ließ, zum Konvoi zurückzufahren. Wie sollten wir uns, den Senator, seinen Stab, seine Sicherheitsleute und die nötige Ausrüstung – und alles, was noch durch Gouverneur Tate hinzugekommen war – ans Ziel bringen, wenn wir keine geschützte Reisemöglichkeit hatten?
Die Antwort lautete schlicht, dass wir das nicht konnten. Stattdessen flogen der Senator, seine Frau, der Gouverneur, ihre jeweiligen Wahlkampfmanager und der Großteil ihres Stabs zu unserer nächsten Station in Houston, Texas, vor, wo sie sich mit dem Konvoi treffen und den Wahlkampf wieder ernsthaft in Angriff nehmen konnten. Dem Rest von uns blieb die spannende Aufgabe, uns selbst und die Ausrüstung, die wir nicht in Oklahoma zurückgelassen hatten, auf dem Landweg nach Texas zu bringen. Es gab keinen Zug von Parrish nach Houston, der groß genug war, um all die Zusatzausrüstung zu transportieren, aber da Shaun unsere Fahrzeuge ohnehin nicht zurücklassen wollte, passte das ganz gut. Wir würden also selbst fahren.
Erst planten wir, uns allein auf den Weg zu machen: Nur das Team von Nach dem Jüngsten Tag, das sich durch die guten alten Rituale der Reise wieder zusammenraufen sollte. Diese Idee wurde allerdings von allen Seiten unter Beschuss genommen, angefangen bei Senator Ryman bis hin zu Steve, der am unteren Ende der Befehlskette stand. Das Argument, dass wir ohne einen Haufen zusätzlicher Leute schneller sein würden, ließen sie nicht gelten, aber nachdem wir einander drei Tage lang angebrüllt hatten, fand sich ein Kompromiss. Wir würden ein Sicherheitsteam mitnehmen. Nach diesem Streit waren wir so erschöpft, dass wir das Ganze einfach Chuck überließen, der den Transport einiger empfindlicherer Geräte überwachen musste. Außerdem würde seine Anwesenheit Buffy vielleicht etwas beruhigen, und in dieser Beziehung brauchten wir jede Hilfe, die wir kriegen konnten.
Die Spannungen zwischen Buffy und uns anderen hatten sich seit unserem Treffen mit den Rymans und Gouverneur Tate stetig verschlimmert. Niemand von uns hätte erwartet, dass sie je fürs Aufgeben plädieren würde. Das war Verrat an allem, wofür wir gearbeitet hatten, aus heiterem Himmel. Rick verkraftete es am schlechtesten. Soweit ich wusste, hatte er seit unserer Rückkehr ins Hotel kein Wort mit Buffy gewechselt. Buffy schaute ihn wehmütig an, wie ein Hund, der weiß, dass er etwas Falsches getan hat, und wandte sich dann der Aufgabe zu, unsere Ausrüstung reisefertig zu machen. Als wir abfahrbereit waren, hatte sie jedes bisschen Kameratechnik, das wir besaßen, mindestens zweimal umgebaut, und außerdem unsere Computer auf den neuesten Stand gebracht und die Speicherchips in meinem Organizer ersetzt.
Shaun und ich hatten keine derart praktischen Aufgaben, mit denen wir uns beschäftigen konnten. Ich schaffte es, mich abzulenken, indem ich Ferninterviews mit allen Politikern führte, die ich in die Finger kriegte, mit Mahir zusammen unsere Vermarktungsstrategie durchging und die Foren aufräumte. Shaun dagegen hatte nichts, worauf er seine Energien verwenden konnte. Die Regierung hatte ihm verboten, auf die Ranch zurückzukehren, solange die Untersuchung noch nicht abgeschlossen war, und ansonsten gab es in Parrish kaum etwas, wonach man mit Stöcken stochern konnte. Er war ruhelos und unglücklich, und er machte mich wahnsinnig. Shaun kommt nicht gut mit Untätigkeit klar. Wenn man ihn zu lange zum Stillhalten zwingt, dann wird er verstockt und vor allem höllisch gereizt.
Neben all den anderen Faktoren war auch Shauns üble Laune ein Grund dafür, mit dem Auto zu fahren. Rick saß in seinem kleinen blauen VW Käfer, zusammen mit der Scheunenkatze, die er Lois genannt hatte, nachdem sie vom Familien-Tierarzt der Rymans für gesund erklärt worden war. Shaun saß in unserem Wagen, ließ Heavy Metal aus den Lautsprechern dröhnen und brütete vor sich hin, während Buffy mit Chuck im Gerätetruck ganz hinten fuhr.
Meine eigene Position in der Fahrtreihenfolge war ein wenig schwerer bestimmbar, da ich mich mit dem Motorrad nicht unbedingt an die Straße halten musste. Ich ließ die ganze Zeit die Kameras laufen und hoffte insgeheim, dass ich einen Schlurfer entdecken würde, mit dem Shaun sich vergnügen konnte. Mehr würde es nicht brauchen, um seine Laune zu heben. Wir waren jetzt seit zwei Tagen unterwegs und hatten noch zwei vor uns, und langsam setzte mir die Stille zu.
Der Lautsprecher in meinem Helm knackte. »Rangehen«, sagte ich, um eine Verbindung herzustellen, und dann: »Hier Georgia.«
»Hier spricht Rick. Wie wär’s mit Abendessen?«
»Die Sonne ist vor einer Stunde untergegangen, und Abendessen isst man traditionell am Abend, weshalb das wohl unsere nächste Station sein dürfte. Was liegt vor uns?«
»Laut GPS gibt es zwei Stunden weiter einen Truckstop mit einem halbwegs anständigen Restaurant.«
»Steht da irgendwas über deren Testpraktiken?« Wir waren bereits auf mehrere Truckstops gestoßen, in denen die Sicherheitsleute uns nicht hatten essen lassen wollen, weil die dortigen Bluttestgeräte nicht gut genug waren, um einen Ausbruch zwischen Kuchen und Kaffee auszuschließen. Ich war den ganzen Tag gefahren. Wenn wir haltmachten, dann bitte für mehr als ein fünfzehnminütiges Streitgespräch.
»Dieser ist von der Regierung zertifiziert. Alle Lizenzen sind aktuell, und die Inspektionsdaten sind angegeben.«
»Klingt gut. Ich versuche, Shaun zu erreichen und ihm zu sagen, was wir vorhaben. Du rufst Steve und die andern an. Gib ihnen die Adresse und sag ihnen, dass wir uns dort treffen.«
»Abgemacht.«
»Der Kaffee geht auf mich. Georgia Ende.«
»Rick Ende.«
»Wunderbar«, fügte ich hinzu, »Beenden und Shaun Mason anwählen.« Der Lautsprecher piepste zustimmend und klingelte meinen Bruder an.
Er nahm nicht ab. Dazu hatte er keine Gelegenheit.
Ich hörte die Schüsse erst, als ich mir die Aufzeichnungen später noch einmal ansah und den Ton laut genug drehte, um die Schalldämpfer auszugleichen. Acht Schüsse wurden abgegeben. Die ersten beiden Trucks, in denen sich die Wachleute und ein paar weniger wichtige Mitarbeiter befanden, kamen unbehelligt durch. Sie fuhren vorneweg und passierten ohne Zwischenfälle das seichte Tal. Die Waffe wurde erst abgefeuert, als Ricks Auto sich genau in der richtigen Position befand, auf halbem Weg durch die Senke.
Zwei Schüsse wurden auf Ricks kleinen blauen Käfer abgegeben, zwei weitere auf den Sendewagen und die beiden folgenden auf mein Motorrad. Die letzten beiden Schüsse galten dem Ausrüstungswagen am Ende des Konvois, der von Chuck gefahren wurde und in dem Buffy als Beifahrerin saß. Die Schüsse waren methodisch, einer folgte auf den anderen, so schnell die Fähigkeiten des Schützen es ihm ermöglichten. Ich wäre beeindruckt gewesen, wenn sie nicht mir und meinen Leute gegolten hätten.
Der erste Schuss, der auf mein Motorrad abgefeuert wurde, riss ein Loch in meinen Vorderreifen, sodass ich die Kontrolle verlor und ins Schlingern geriet. Ich schrie, fluchte und rang mit dem Lenker, um nicht als Klecks auf der Straße zu enden. Selbst mit meiner Körperpanzerung würde es mich umbringen, wenn ich falsch landete. Ich konzentrierte mich so sehr darauf, nicht umzukippen, dass meine Fahrtrichtung unvorhersehbar wurde, weshalb der zweite Schuss weit danebenging. Vielleicht dachte ich deshalb zunächst, dass mir nur ein Reifen geplatzt war, während ich über den Straßenrand hinausschoss und über den unebenen Boden holperte.
Ich schaffte es, mich auszurichten, wurde langsamer und brachte das Motorrad etwa zwanzig Meter weiter zum Stehen. Keuchend klappte ich den Ständer aus und öffnete den Helm, bevor ich mich umdrehte und das Massaker auf der Straße sah.
Ricks Auto war noch immer ganz vorne, aber nun lag es mit frei drehenden Rädern auf dem Dach. An der rechten Seite bestanden die Reifen nur noch aus in Fetzen hängendem Gummi über verbogenem Metall. Der Truck mit der Ausrüstung lag etwa fünfzig Meter weiter hinten auf der Seite, aus der zerschmetterten Fahrerkabine drang Rauch.
Vom Sendewagen fehlte jede Spur.
Mit einem Mal hektisch, holte ich meinen Ohrstecker aus der Tasche und rammte ihn mir so fest ins Ohr, dass es blutete, was mir allerdings erst später auffiel. »Shaun? Shaun? Geh verdammt noch mal ran, Shaun!«
»Georgia?« Wegen der schlechten Verbindung knisterte seine Stimme, aber seine Erleichterung war unüberhörbar. Er benutzte nie meinen vollen Namen, es sei denn, er war wütend, verängstigt oder beides. »Georgia, bist du in Ordnung? Wo bist du?«
»Zwanzig Meter links abseits der Straße, bei ein paar großen Felsbrocken. Zwischen dem Auto und dem Truck. Da ist Rauch, Shaun, hat sonst noch jemand versucht …«
»Versuch nicht, jemand von den andern zu erreichen. Ich weiß nicht, ob sie unsere Anrufe zurückverfolgen können. Bleib wo du bist, Georgia. Wage es verdammt noch mal nicht, dich von der Stelle zu rühren.« Die Verbindung wurde mit einem endgültigen Klicken unterbrochen. Weiter weg hörte ich Reifen quietschen.
Shaun hatte panisch geklungen. Rick und Buffy waren nicht zu erreichen, der Truck brannte, mein Motorrad war hinüber, und Shaun verfiel in Panik. Das konnte nur eines bedeuten: Es war Zeit, in Deckung zu gehen.
Ich setzte mir den Helm wieder auf, kauerte mich hinter mein Motorrad und ließ den Blick über die umliegenden Hügel schweifen. Abgesehen von einem Raketenwerfer hatten die meisten Waffen schlechte Chancen, mich umzubringen, solange ich meine Ganzkörperpanzerung trug. Ja, sie konnten mir wehtun, aber töten würde mich das nicht.
Es war nichts zu sehen. Kein Licht, keine Bewegung. Nichts.
»…ia? Kommen, Georgia?«
»Rick?« Ich machte eine Kopfbewegung nach rechts, um den Anruf anzunehmen. »Rick, bist du das? Geht es dir gut? Bist du verletzt?«
»Mir geht’s gut. Der Airbag hat dafür gesorgt, dass ich nicht durchs Dach geflogen bin.« Er hustete. »Hab ein bisschen was vor die Brust gekriegt, und Lois ist höllisch sauer, aber ansonsten geht es uns gut. Und dir?«
»Das Motorrad hat sich nicht langgemacht. Mir geht’s auch gut. Hast du was von Buffy gehört?«
Einen Moment lang herrschte Schweigen. Schließlich sagte er: »Nein. Ich hatte gehofft, dass sie sich bei dir gemeldet hätte.«
»Hast du sie angerufen?«
»Keine Antwort.«
»Verdammt. Rick, was ist passiert?«
»Du meinst, das weißt du nicht?« Er klang ehrlich überrascht. »Georgia, jemand hat mir die verdammten Reifen zerschossen.«
»Zerschossen? Was meinst du damit, zer…« Shaun kam durch die Kurve geheizt und verließ den Asphalt so schnell, dass unser hydraulisch gefederter Wagen sich beinahe auf zwei Räder stellte. »Shaun ist da. Wir sind gleich bei dir. Georgia Ende.«
»Alles klar.« Die Verbindung wurde unterbrochen.
Ich nahm meinen Helm wieder ab, rappelte mich auf und winkte. Shaun sah die Bewegung, fuhr auf mich zu und kam mit quietschenden Reifen neben mir zum Stehen. Die Fahrertür öffnete sich, und Shaun stürzte heraus. Schlitternd rannte er mir über den kiesbedeckten Boden entgegen und warf die Arme um mich. Ich ließ mich an seine Brust drücken und atmete tief durch.
»Alles in Ordnung?«, fragte er, ohne loszulassen.
»Du hast keinen Bluttest bei mir gemacht, bevor du hergekommen bist.«
»Brauch ich nicht. Wenn du infiziert gewesen wärst, hätte ich es gesehen«, sagte Shaun und ließ mich los. »Noch mal, alles in Ordnung?«
»Mir geht’s gut.« Ich stieg in den Wagen und rutschte auf den Beifahrersitz durch. Shaun stieg hinter mir ein. »Bei dir?«
»Schon besser«, sagte Shaun, ließ den Motor an und trat aufs Gas. Der Wagen machte einen Satz noch vorne und legte sich in eine weite Kurve, um auf Ricks Wagen zuzuhalten. »Hast du die Schüsse gehört?«
»Das Motorrad war zu laut. Wie viele?«
»Acht. Zwei für jeden.« Er warf mir einen Blick zu. Einen kurzen Moment lang sah ich die brennende Sorge in seinen Augen. »Wenn sie deine Reifen beide erwischt hätten …«
»Wäre ich tot.« Ich beugte mich vor, öffnete das Handschuhfach und holte die 45er raus, die ich dort aufbewahrte. Mit einem Mal kam es mir nicht mehr wie eine besonders gute Idee vor, mich ohne Waffe draußen rumzutreiben. »Wenn die Leute, die das getan haben, ihre Hausaufgaben gemacht hätten, dann wärst du jetzt auch tot, also lass uns nicht weiter darüber nachdenken. Hast du was von Buffy gehört?«
»Nein.«
»Großartig.« Ich schaute ins Magazin und vergewisserte mich, dass es voll war. »Und, ist das aufregend genug für dich?«
»Vielleicht sogar ein bisschen zu aufregend«, sagte er. Zum ersten Mal in seinem Leben klang es, als meinte er diese Worte ernst.
Und es stimmte. Wenn unsere Angreifer ihre Hausaufgaben gemacht hätten, hätte Shaun nicht am Steuer gesessen, sondern im Sterben gelegen. Normale Reifen platzen, wenn sie eine Kugel abkriegen. Dagegen hilft nicht mal ein gepanzerter Wagen. Aber manche Fahrzeuge sind zu kostbar, um sie zu verlieren, bloß weil man einen Reifen verliert, und die meisten Fahrzeuge dieser Klasse neigen dazu, das Feuer auf sich zu ziehen. Deshalb haben Wissenschaftler einen Reifen entwickelt, dem Pistolenkugeln nichts anhaben können. Man nennt diese Reifen Plattläufer: Wenn man eine Kugel hineinschießt, drehen sie sich einfach weiter. Ich hatte auf sie verzichtet – sie hätten das Motorradfahren unerträglich holperig gemacht – aber Shaun hatte auf welche bestanden. Er kaufte einmal im Jahr neue.
Zum ersten Mal, seit wir den Wagen hatten, kam mir das nicht mehr wie Geldverschwendung vor.
Shaun konzentrierte sich aufs Fahren, und ich konzentrierte mich auf den Versuch, Buffy und Chuck zu erreichen, wobei ich jede mögliche Frequenz und jedes verfügbare Kommunikationsgerät ausprobierte. Wir wussten, dass niemand unser Signal störte, weshalb zumindest ein paar meiner Anrufe hätten durchkommen sollen. Ich erhielt auf keinem Kanal Antwort. Ich war vor Entsetzen wie gelähmt, mein Körper fühlte sich allmählich wie taub an.
Shaun hielt neben Ricks Auto. »Meinst du, dass da draußen noch ein Schütze ist?«
»Ich bezweifle es.« Ich steckte die Pistole in die Tasche. »Das war eine gezielte Operation. Sie haben unsere Autos abgeschossen. Wenn sie hätten sichergehen wollen, dass wir tot sind, dann hättest du noch mehr Kugeln abgekriegt. Und ich habe ein verdammt gutes Ziel abgegeben, als ich mein Motorrad angehalten habe.«
»Hoffentlich hast du recht.« Shaun öffnete die Fahrertür.
Rick beobachtete durchs Seitenfenster, wie wir uns näherten, und winkte, damit wir sahen, dass er noch lebte. Der Airbag hatte ihn zur Hälfte eingeklemmt, und Blut tröpfelte ihm von einem kleinen Schnitt an der Stirn ins Haar, aber ansonsten schien es ihm gut zu gehen. Lois war in ihrer Box auf dem Platz daneben festgeschnallt. Ich wollte nicht diejenige sein, die sie rausließ.
Ich klopfte ans Glas und rief: »Rick? Kannst du die Tür aufmachen?« Inmitten dieses Schlamassels war ich unwillkürlich beeindruckt von der Widerstandskraft seines kleinen Autos. Es musste sich mindestens einmal überschlagen haben, bevor es auf dem Dach liegen geblieben war, trotzdem waren nur ein Kratzer und ein Sprung im Beifahrerfenster zu sehen. Die Leute bei VW verstanden ihr Handwerk.
»Ich glaube schon!«, rief er zurück. »Kannst du mich rausholen?«
Wenig hoffnungsvoll rief ich zurück: »Ich glaube schon!«
»Keine besonders ermutigende Antwort«, sagte er und wand sich in seinem Sitz, bis er gegen die Tür treten konnte. Anschnallgurt und Airbag schränkten seine Bewegungsfreiheit ein. Beim zweiten Tritt griff ich nach der Tür und zog. Ich musste mich nicht allzu sehr anstrengen: Obwohl das Auto auf dem Dach lag und einiges eingesteckt hatte, schwang sie leicht auf. Rick zog seinen baumelnden Fuß ins Auto zurück. »Und jetzt?«
»Jetzt kümmere ich mich um deinen Gurt, und du bereitest dich aufs Fallen vor.« Ich beugte mich ins Auto.
»Beeilung, George«, sagte Shaun. »Die Sache gefällt mir nicht.«
»Sie gefällt niemandem«, sagte ich und öffnete Ricks Gurt. Die Schwerkraft übernahm den Rest und ließ Rick ans Autodach plumpsen.
»Danke«, sagte er und beugte sich rüber, um Lois’ Box loszumachen, bevor er aus dem Auto kraxelte. Zischend und fauchend bekundete die Katze ihr Missfallen. Rick straffte sich und betrachtete sein Auto. »Wie sollen wir das wieder umgedreht kriegen?«
»Eins nach dem andern«, sagte ich. »Ab in den Wagen. Wir müssen nach Buffy sehen.«
Erbleichend nickte Rick und stieg ein. Shaun und ich folgten ihm dichtauf. Es wunderte mich nicht, dass Shaun ebenfalls eine Pistole dabeihatte, die sehr viel größer war als meine 45er, die nur für Notfälle gedacht war. Seine verfügte über spezielle, modifizierte Munition, die in menschlichem oder ehemals menschlichem Gewebe so viel Schaden anrichtete, dass man sie nur mit einer ganzen Reihe Genehmigungen tragen durfte, die Shaun allesamt vor seinem sechzehnten Lebensjahr erlangt hatte. Er verließ sich nicht auf meine leicht dahingesagten Behauptungen über unsere Sicherheit. Umso besser. Ich verließ mich auch nicht darauf.
Shaun war kaum überrascht, als ich mich ans Steuer setzte, und schnallte sich auch gar nicht erst an, als ich das Gaspedal durchtrat und mit dem Sendewagen über den harten Boden zwischen uns und dem Truck raste. Der Truck würde schon nicht in Flammen aufgehen – das passiert nur in Filmen, was fast schon ein Jammer ist, wenn man bedenkt, wie viele Zombies sich jedes Jahr von Autounfällen erheben. Wenn wir trödelten, konnten Buffy und Chuck an Rauchvergiftung sterben … vorausgesetzt, sie waren nicht bereits tot.
Rick hielt sich am Sitz fest. »Hat Buffy sich gemeldet?«
»Nicht, seit es den Truck erwischt hat«, sagte Shaun.
»Warum zum Teufel habt ihr sie nicht zuerst geholt?«
»Ganz einfach.« Ich fuhr über die Reste eines Truckreifens. »Wir wussten, dass du noch lebst, und vielleicht brauchen wir die Verstärkung.«
Danach sagte Rick nichts mehr, bis wir neben dem Truck hielten. Shaun griff zwischen die Sitze und holte eine doppelläufige Schrotflinte hervor, die er Rick reichte. »Was soll ich damit?«, wollte Rick wissen.
»Wenn du etwas siehst, das sich bewegt und das nicht wir, Chuck oder Buffy ist, dann schießt du«, sagte Shaun. »Mach dir nicht die Mühe, nachzusehen, ob es tot ist. Wenn du es triffst, ist es tot.«
»Und wenn ich einen Notarzt treffe?«
»Wir sind im Nirgendwo, und wir sind Opfer eines bösartigen Angriffs in einem Gebiet, das möglicherweise Zombieterritorium ist«, sagte ich, schaltete den Motor ab und öffnete die Tür. »Wenn du dich auf Johnston berufst, kriegst du eine Medaille anstelle einer Verurteilung wegen Totschlags.« Manuel Johnston war ein Truckfahrer, der mehrmals durch Trunkenheit am Steuer aufgefallen war, aber als er vor Birmingham, Alabama, ein Dutzend Zombies in Straßenpolizeiuniformen niederschoss, wurde er zum Nationalhelden. Seit Johnston ist es legal, Menschen für nichts weiter zu erschießen als dafür, dass sie sich in ländlichen Gefahrenzonen aufhalten. Normalerweise verfluchen wir seinen Namen, da der Präzedenzfall, den er geschaffen hat, für den Tod einer Menge guter Journalisten verantwortlich ist. Doch unter den gegebenen Umständen war er unser Retter. »Shaun und ich kümmern uns um den Truck. Du gibst uns Deckung.«
»Alles klar«, sagte Rick grimmig und stieg aus, während Shaun und ich uns dem noch rauchenden Truck näherten.
Ganz offensichtlich hatte es den Ausrüstungstruck am übelsten erwischt. Da er weder so wendig war wie mein Motorrad, noch so gut gepanzert wie Ricks Auto und auch nicht über die paranoiden Sicherungssysteme unseres Sendewagens verfügte, hatten zwei Kugeln in den linken Vorderreifen genügt, um ihn erledigen. Die halbe Fahrerkabine war eingedrückt worden, als der Truck sich überschlagen hatte. Der Rauch war inzwischen dünner, hatte sich aber nach wie vor nicht ganz verzogen, weshalb wir wenig sehen konnten, als wir uns der Kabine näherten.
»Buffy?«, rief ich. »Buffy, bist du da?«
Ein durchdringender Schrei war die einzige Antwort, gefolgt von einer Pause, einem zweiten Schrei und Stille. Zombies können schreien. Meistens tun sie es nur nicht.
»Buffy? Antworte!« Ich legte das restliche Stück Weg zum Truck rennend zurück, packte den Türgriff und zerrte mit aller Kraft daran. Ich merkte kaum, wie ich mir dabei eine Hautschicht abschürfte. Es half nichts. Die Tür war zusammengedrückt worden, als der Truck umgekippt war, und gab nicht nach. Ich versuchte es noch mal, zerrte kräftiger und spürte, wie sie in den Angeln erzitterte. »Shaun! Hilf mir mal hier!«
»George, wir müssen die Umgebung sichern, für den Fall dass …«
»Rick kann sich um die gottverdammte Deckung kümmern! Hilf mir, solange noch eine Chance besteht, dass sie am Leben ist!«
Shaun senkte die Pistole, steckte sie sich in die Hose und platzierte die Hände oberhalb von meinen. Gemeinsam zählten wir: »Eins, zwei, drei«, und zogen. Ich legte mich so ins Zeug, dass es sich schon so anfühlte, als würde ich mir gleich eine Schulter auskugeln. Die Tür schwang ächzend aus dem gebrochenen Rahmen. Buffy stürzte hustend auf den scherbenübersäten Asphalt.
Das Husten war beruhigend. Zombies atmen, aber sie husten nicht. Das Gewebe in ihrem Hals ist ohnehin schon so gereizt von der Infektion, dass sie Kleinigkeiten wie Rauch und chemische Verbrennungen gar nicht bemerken, solange sie den Körper nicht funktionsunfähig machen.
»Buffy!« Ich ging neben ihr auf die Knie und spürte, wie das Glas unter dem verstärkten Jeansstoff meiner Hose knirschte. Ich würde sie später auf Splitter überprüfen müssen. Ich legte Buffy die Hand auf den Rücken und versuchte, sie zu beruhigen. »Liebes, es ist in Ordnung, dir geht es gut. Atme einfach, Liebes, dann bringen wir dich hier weg. Komm schon, Liebes, atme.«
»Georgia …«
Shauns Stimme klang krank vor Anspannung. Ich schaute hoch, die Hand noch immer auf Buffys Rücken. »Was …«
Shaun bedeutete mir zu schweigen. Seine Aufmerksamkeit war auf das Innere der Fahrerkabine gerichtet. Seine Rechte bewegte sich ganz langsam zu der Pistole, die er sich in den Hosenbund geschoben hatte. Was es auch war, das er ansah, es befand sich außerhalb meines Sichtfelds, und so stand ich auf, ließ Buffy hustend am Boden zurück und nahm meine Sonnenbrille ab. Der Rauch würde meinen Augen dadurch auch nicht mehr schaden, und ohne sie würde ich besser sehen. Zuerst war im Innern der Fahrerkabine nichts als undeutliche Bewegung auszumachen. Langsam und unregelmäßig, wie von jemandem, der versucht, durch erstarrenden Zement zu schwimmen. Dann weiteten sich meine Pupillen um jene zusätzlichen zwei Millimeter, meine durch das Virus verstärkte Sehkraft kompensierte die plötzliche Veränderung der Lichtintensität, und mir wurde klar, was ich vor mir hatte.
»Oh«, sagte ich leise, »Kacke.«
»Ja«, pflichtete Shaun mir bei. »Kacke.«
Buffy war aus der Kabine gefallen, als wir die Tür geöffnet hatten, da sie nicht angeschnallt gewesen war. Buffy schnallte sich nie an. Sie fuhr gerne im Schneidersitz, was mit Anschnallgurt nicht ging. Chuck hingegen war ein gesetzestreuer Bürger, der sich an die Verkehrsregeln hielt. Er schnallte sich immer an, wenn er in ein Fahrzeug stieg. Er hatte sich angeschnallt, bevor der Konvoi heute Morgen losgefahren war. Und jetzt war er immer noch angeschnallt, obwohl er nicht mehr in der Lage war, den Verschluss zu betätigen und genau genommen nicht einmal mehr wusste, was ein Verschluss war. Seine Hände bewegten sich hilflos verkrallt durch die Luft, und sein Mund schmatzte dümmlich, angeregt durch das in der Nähe befindliche Frischfleisch.
Um seinen Mund herum war Blut. Blut um seinen Mund, Blut am Sicherheitsgurt und Blut auf dem Sitz, auf dem Buffy gesessen hatte.
»Todesursache?«, fragte ich so emotionslos wie möglich.
»Aufpralltrauma«, sagte Shaun. Das Geschöpf, das einmal Chuck gewesen war, fauchte ihn an und öffnete dann den Mund zu einem Stöhnen. Unbeeindruckt hob Shaun die Pistole und schoss. Die Kugel traf den Zombie mitten zwischen die Augen. Er hörte auf, die Arme nach uns auszustrecken, und wurde sofort schlaff, als die Nachricht von seinem zweiten, endgültigen Tod durch seinen Körper gesandt wurde. Shaun fuhr fort, als wäre er überhaupt nicht unterbrochen worden: »Er muss sofort gestorben sein. Chuck war ein kleiner Kerl. Die Vermehrung kann nur Minuten gedauert haben.«
»Woher kommt das Blut?«
Shaun schaute zu mir und dann wieder zu Buffy, die noch immer in den Glasscherben kniete, die Arme um den Leib geschlungen hielt und hustete. »Er hatte keine Zeit zum Bluten.«
Ich blieb einen scheinbar endlosen Moment lang wie angewurzelt stehen und starrte in die Fahrerkabine. Chuck lag zusammengesackt in seinem Sitz. Ich wollte irgendetwas finden, womit ich das Blut wegerklären konnte. Eine Kopfwunde vielleicht oder eine angeschlagene Nase, aus der es gelaufen war, bis Chuck wieder zum Leben erwacht war. Es war nichts zu sehen. Nur ein kleiner, bemitleidenswerter Junge und Blutflecken auf dem Beifahrersitz, die zu keiner sichtbaren Wunde passten.
Ich drehte mich zu Buffy um und nahm wie betäubt wahr, dass Shaun – natürlich – seine Pistole in der Hand behielt. Meine Füße knirschten auf dem Glas, als ich zu ihr rüberging. »Buffy? Hörst du mich?«
»Ich bin tot und nicht taub«, sagte sie und hob den Kopf. Tränen hatten Spuren im Ruß auf ihren Wangen hinterlassen. »Ich höre dich ganz genau. Hallo, Georgia. Geht es allen gut? Ist … ist Chuck …?«
»Chuck ruht sich aus«, sagte ich und hockte mich neben sie. »Shaun, funk Rick an. Sag ihm, dass er herkommen und eine Feldeinheit mitbringen soll.«
»George …«
»Mach schon.« Ich hielt den Blick auf Buffy gerichtet und spürte Shauns wütenden Blick, ohne ihn zu sehen. Ich stand zu nah an ihr dran. Ihr Körpergewicht war zu gering, und ich stand zu nah an ihr dran. Wenn die Vermehrung einsetzte, würde ich vielleicht nicht schnell genug zurückweichen können. Und es war mir egal. »Buffy, bist du irgendwie verletzt? Da ist Blut, das wir nicht zuordnen können. Wenn du verletzt bist, musst du es mir zeigen.«
Buffy lächelte. Es war ein kleines, ganz und gar schicksalsergebenes Lächeln, das ein bisschen ironisch wurde, als sie ihren engen Ärmel hochrollte und mir ihren Unterarm zeigte, aus dem ein großes Stück herausgebissen war. Man sah den Knochen, inmitten all des Bluts. »Du meinst so? Ich muss mir den Kopf am Dach angestoßen haben, als der Truck sich überschlagen hat, ich bin nämlich erst aufgewacht, als Chuck mich gebissen hat.«
Das Blut lief bereits langsamer aus der Wunde. Schnelle Gerinnung war eines der ersten, typischen Anzeichen für eine Kellis-Amberlee-Virenvermehrung. Ich sagte mit schwacher Stimme: »Das erklärt es wohl.«
»Ich habe die Schüsse gehört, weißt du. Wenn Chuck sich jetzt ›ausruht‹, wird er sich davon wohl nicht mehr erholen.« Buffy rollte ihren Ärmel sorgsam wieder herunter. »Ihr solltet mich jetzt gleich erschießen. Bringen wir es hinter uns, bevor es noch hässlicher wird.«
»Rick ist mit der Feldeinheit auf dem Weg«, sagte Shaun, der neben mich trat. Er hielt die ganze Zeit seine Waffe auf Buffy gerichtet. »Sie hat recht, weißt du.«
»Er hatte sich gerade erst verwandelt, als er sie gebissen hat. Es besteht die Chance, dass noch keine aktiven Viren in seinem Speichel waren«, sagte ich und warf ihm einen Blick über die Schulter zu. Ich log, und am meisten belog ich mich selbst, aber er würde es mir durchgehen lassen. Ein paar Minuten zumindest. »Wir warten den Test ab.«
»Ich war niemals besonders gut bei Prüfungen«, sagte Buffy. Sie zog die Knie an die Brust und nahm unbewusst eine kindliche Haltung ein. »In der Schule bin ich immer durchgefallen. Hi, Shaun. Das hier tut mir leid.«
»Ist nicht deine Schuld.« Shauns Tonfall war barsch. Wer ihn nicht so gut kannte wie ich, hätte wahrscheinlich nicht erkannt, wie schwer ihm die Sache zusetzte. »Du nimmst es ziemlich gut auf. In Anbetracht der Umstände, meine ich.«
»Jetzt können wir ja nicht mehr viel dagegen machen, nicht wahr?« Ihr Tonfall war locker, aber ihre Augen füllten sich mit Tränen. Eine löste sich und rann ihr über die Wangen. »Ich bin nicht glücklich darüber. Aber das werde ich nicht an euch auslassen. Ich vertraue darauf, dass Gott mich für meine Nachsicht belohnen wird.«
»Ich hoffe, dass du recht hast«, sagte ich leise. Die katholische Kirche hatte vor fünfzehn Jahren alle Opfer von Zombieattacken zu Märtyrern erklärt, um das hässliche kleine Problem der letzten Ölung zu lösen. Die lässt sich nämlich nur schwer durchführen, wenn der Tod schnell und unerwartet eintritt und viele Zähne hat.
»Ich habe die Feldeinheit!«, rief Rick, während er auf uns drei zulief. Er hatte sich die Schrotflinte unter den Arm geklemmt und hielt ein Standardtestgerät in der Linken. Als er Buffy sah, blieb er stehen und wurde blass. »Bitte, bitte sag mir, dass die nicht für dich ist, Buffy.«
»Tut mir leid«, sagte sie und hob die Hände. »Wirf sie rüber.«
Mit geweiteten Augen und blutleerem Gesicht warf er ihr das Gerät zu. Sie fing es ohne Probleme und steckte die rechte Hand hinein, die näher am Biss war als die Linke. Dann schloss sie die Augen und sah die Lichter nicht an, die von Grün auf Rot und wieder von Grün auf Rot sprangen.
»Ihr müsst meine Aufzeichnungen lesen«, sagte sie mit so kontrollierter Stimme, dass sie wie ein Ausbund an Vernunft und Gelassenheit wirkte. »Sie sind auf dem Server in meinem Privatverzeichnis abgelegt. Der Benutzername ist der gleiche wie der, den ich für meine Lyrik-Uploads verwende, und das Passwort lautet: ›Februar minus vier minus neunundzwanzig‹, mit großem F in ›Februar‹. Ich habe keine Zeit, alles zu erklären, also lest es einfach.«
Der 4. Februar 2029 war der Tag, an dem die US-Regierung endlich anerkannt hatte, dass Alaska den Bedürfnissen der Untoten einfach zu sehr entgegenkam und deshalb niemals eine Gefahrenzone unterhalb der Stufe 2 sein würde. Da damit niemand auch nur nach Alaska hineindurfte, der nicht über eine ganz bestimmte und schwer zu erlangende Genehmigung verfügte, ganz zu schweigen davon, dort zu leben, hatte man an jenem Tag die letzten Einwohner des Bundesstaats evakuiert. Einschließlich Buffys Familie. Wie viele dieser Entwurzelten hatte sie den Verlust Alaskas niemals verwunden.
»Du kommst in Ordnung«, sagte ich und beobachtete die Lichter. Sie blinkten noch immer, waren noch immer damit beschäftigt, den Virengehalt ihres Blutes zu messen, aber inzwischen leuchtete das rote Licht immer länger, bevor es wieder kurz grün blinkte. Das Testergebnis wurde verifiziert, und es würde nicht zu Buffys Gunsten ausfallen.
»Du hängst zu sehr an der Wahrheit, Georgia«, sagte sie. Ihr Tonfall war heiter. Sie hatte ihren Frieden gemacht. »Deshalb bist du eine verdammt schlechte Lügnerin.« Ihre Tränen liefen nun schneller. »Ich schwöre, dass ich keine Ahnung davon hatte, dass sie all das tun würden. Nicht die geringste. Wenn ich davon gewusst hätte, hätte ich mich niemals darauf eingelassen. Ihr müsst mir glauben, das hätte ich nie getan.«
Das Licht leuchtete nun durchgängig rot, was ein ebenso endgültiges Urteil war, wie irgendein Arzt es hätte fällen können. Die Virenmenge, die Buffy durch Chucks Speichel abgekriegt hatte, mochte gering gewesen sein, aber sie hatte genügt. Aber das war nicht das Einzige, was mich erschauern ließ. Ich erhob mich, trat zu Shaun zurück und zog die Pistole aus dem Gürtel. »Worauf hättest du dich nicht eingelassen?«
»Sie haben gesagt, dass unser Land den Glauben an Gott verliert. Sie haben gesagt, dass wir seine Wünsche nicht länger achten und dass die Dinge deshalb jetzt so sind, wie sie sind. Und ich habe ihnen geglaubt.«
»Wer ›sie‹, Buffy?«
»Ihre Namen haben sie mir nicht gesagt. Sie meinten nur, sie könnten dafür sorgen, dass alles wieder so wird, wie es sein soll. Sie würden tun, was nötig ist, damit unser Land seine alte Größe wiedererlangt. Ich musste ihnen nur Zugang zu unseren Datenbanken geben und die Ryman-Kampagne begleiten.«
Mit plötzlich kalter Stimme sagte Rick: »Wann ist dir klar geworden, wozu sie diese Informationen verwendet haben, Buffy? Vor oder nach Eakly?«
»Danach!«, sagte sie und schaute ihn flehend an. »Danach, ich schwöre, dass es danach war. Erst bei der Sache mit der Ranch ist mir klar geworden … mir ist klar geworden …«
Als ich begriff, was sie da sagte und was das bedeutete, begann meine Hand zu zittern, sodass ich sie nicht mehr im Visier behalten konnte. »O mein Gott. Wenn sie Zugriff auf unsere Datenbanken hatten, wussten sie die ganze Zeit genau, wo der Senator sich aufhielt, wie er geschützt war und für wann er welche Räumlichkeiten gebucht hat …«
»Es kommt noch schlimmer.« Shauns Tonfall war ausdruckslos. »Unsere Datenbanken enthielten auch den Zugang zu denen des Senators. Nicht wahr, Buffy?«
»Zu dem Zeitpunkt kam mir das praktischer vor, und Chuck meinte, dass es nicht schaden würde, solange wir die heikleren Bereiche meiden würden. Das hat uns vieles einfacher gemacht …«
»Sehr vieles«, sagte ich. »Zum Beispiel herauszufinden, an welchen Punkten die Ranch am verwundbarsten war. Du hast den Hahn zugedreht, oder? Du hast ihnen gesagt, dass du ihnen nichts weiter geben würdest?«
»Woher weißt du das?« Zitternd schloss sie die Augen.
»Weil das der einzige Grund ist, warum sie versuchen sollten, uns alle zu töten.« Ich blickte zu Rick und Shaun. »Wir sind ihnen nicht mehr von Nutzen. Also haben Buffys ›Freunde‹ versucht, uns auszuschalten.«
»Meine Aufzeichnungen«, sagte Buffy verzweifelt. Ihre Tränen versiegten langsam. Noch ein typisches Anzeichen. Das Virus verschwendet nicht gerne Feuchtigkeit. »Ihr müsst meine Aufzeichnungen lesen. Dann erfahrt ihr alles, was ich weiß. Ihre Namen kannte ich nicht, aber es gibt Zeitstempel, IP-Nummern, ihr könnt versuchen … ihr könnt …«
»Wie konntest du das tun, Buffy?«, wollte Shaun wissen. »Wie könntest du das dem Senator bloß antun? Und uns? Es gab Tote, um Himmels willen!«
»Und ich bin eine von ihnen. Es ist an der Zeit, mich zu erschießen. Bitte.«
»Buffy …«
»Das ist nicht mein Name«, sagte sie und öffnete die Augen. Ihre Pupillen hatten sich geweitet und waren nun so groß wie meine. Sie richtete den Blick ihrer unnatürlich dunklen Augen auf mich und schüttelte den Kopf. »Ich habe meinen Namen vergessen. Aber das ist er nicht.«
Shaun zielte. Ich gebot ihm mit erhobener Hand Einhalt. »Ich habe sie eingestellt«, sagte ich leise. »Es ist mein Job, sie zu feuern.«
Ich trat vor und legte die linke Hand auf die rechte, um sie ruhig zu halten. Buffy schaute weiter mit ruhiger Miene zu mir auf. »Tut mir leid«, sagte ich.
»Es ist nicht deine Schuld«, antwortete sie.
»Dein Name ist Georgette Marie Meissonier«, sagte ich und drückte ab.
Ohne einen Laut von sich zu geben, fiel sie. Shaun legte mir die Arme um die Schultern, und so standen wir erstarrt im Abenddunkel.
Nichts würde je wieder so sein wie zuvor.