8

Shaun zögerte nicht. Er stellte sein Bier auf die nächste Ablage, nahm eine Armbrust von der Wand und rannte zur Tür. Ich folgte ihm mit ein paar Schritten Abstand, meine Cola noch in der Hand. Im Gegensatz zu meinem bescheuerten Bruder habe ich nicht die Absicht, eine Fußnote an der Mauer zu werden, aber das heißt nicht, dass ich nicht aus sicherer Entfernung zuschauen kann.

»Georgia!« Buffys Stimme klang so panisch, dass ich mich umdrehte. Sie warf mir eine Handkamera zu. Ich fing sie und hob fragend eine Braue. »Bessere Bildqualität und sechzig Stunden Akkulaufzeit.«

Das Publikum liebt es, wenn man mit der Handkamera aufnimmt, solange man schnell genug wieder auf das glattere computergesteuerte Zeug umschaltet, bevor ihnen schlecht wird. »Alles klar«, sagte ich und folgte Shaun, wobei ich meine Cola öffnete.

Im Camp herrschte fieberhafte Aktivität. Wo ich mich auch hinwandte, liefen Wachleute mit schussbereiten Waffen umher. Ich konnte ihnen die Aufregung nicht verdenken. Jeder, der heutzutage in die Sicherheitsbranche geht, ist mit einiger Wahrscheinlichkeit ähnlich drauf wie Shaun, und der war aus Mangel an gefährlichen Situationen, die er provozieren konnte, bereits langsam am Durchdrehen gewesen.

Weitere Schüsse erklangen aus Richtung Süden. Ich drehte mich um, machte die Kamera an und tippte mit der Colaflasche zweimal gegen den Kontaktschalter an meinem Gürtel. Mein Ohrstecker piepte. Kurz darauf erklang Shauns leicht atemlose Stimme in meinem Ohr. »Bin ein bisschen beschäftigt, George. Was gibt’s?«

»Wenn ich Aufnahmen machen soll, brauche ich deine Position.« Entferntes Stöhnen wurde vom Wind herangetragen. Buffys Mikrofone sind ziemlich empfindlich. Wenn sie irgendein Audiosignal empfangen, kann sie es verstärken und doppelt so laut und zehnmal so gruselig als Hintergrundgeräusch abspielen.

»Wo bist du?«

»Direkt vor dem Wagen.«

»Nordwest. Ich bin am Zaun.«

Das war genau die entgegengesetzte Richtung von der, aus der die lautesten Kampfgeräusch kamen. »Bist du dir da sicher?«

»Beeil dich und komm her!«, blaffte er und schaltete ab. Schulterzuckend wandte ich mich Richtung Norden und verfiel in Laufschritt. Ich habe gelernt, nicht mit Shaun zu streiten, wenn es um Zombies geht. Er weiß mehr über ihr Verhalten als ich auch nur im Traum erfahren möchte, und wenn er sagt »Norden«, dann hat er wahrscheinlich recht. Weitere Schüsse erklangen, und das entfernte Stöhnen wurde langsam lauter.

Das Licht von den Scheinwerfern am Zaun blendete mich, weshalb ich Shaun hörte, bevor ich ihn sah. Er fluchte fröhlich vor sich hin und benutzte dabei Ausdrücke, die einen Hafenarbeiter hätten erröten lassen, während er die Infizierten näher an den Zaun lockte. Fünf von ihnen zerrten mit verkrampften Fingern am Zaun, allesamt noch so frisch, dass sie fast wie Menschen aussahen, wenn man ihre extrem geweiteten Pupillen und die benommenen, hungrigen Blicke, mit denen sie Shaun bedachten, außer Acht ließ. Sie waren innerhalb der letzten Stunden gestorben. Ich hob die Kamera und zoomte ihre Gesichter ran.

Shaun bemerkte meine Anwesenheit nicht mal, bis meine Colaflasche auf den Asphalt knallte. Er hörte auf, die Infizierten zu piesacken, trat vom Zaun zurück und schaute mich an. »George? Was ist los? Du siehst aus, als hättest du ein Gespenst gesehen.«

»Das habe ich auch.« Ich zeigte auf einen der Zombies. Ohne Vergrößerung war sie für mich nur eine dünne junge Frau gewesen, kaum kräftiger als Buffy. Die Wunde, die sie getötet hatte, hob sich grellrot von der noch rosigen Haut ihres Halses ab, und ihr hellgrauer University-of-Oklahoma-Pulli war blutbefleckt. »Erkennst du sie?«

»Sollte ich das?« Shaun beugte sich dichter an den Zaun. Die Zombiefrau bleckte fauchend die Zähne und rüttelte heftiger am Zaun. »Sie ist eindeutig keine Exfreundin von mir, George. Sie ist zwar süß, aber viel zu tot für meinen Geschmack.«

»Als ob du irgendwelche Exfreundinnen hättest.« Shaun hatte etwa so viele Dates wie ich, will sagen: überhaupt keine. Buffy hat normalerweise zu jedem gegebenen Zeitpunkt fünf bis sechs Liebhaber und Buhler, aber Shaun und ich haben uns nie die Mühe gemacht. Es ist bisher immer was anderes dazwischengekommen.

»Tja, wenn ich Exfreundinnen hätte, würden sie nicht wie sie aussehen. Also, was ist los?«

»Sie war diejenige, die beim Auftritt des Senators applaudiert hat wie bestellt.« Lebendig hatte sie sehr viel besser ausgesehen. Ich konnte mich nicht daran erinnern, sie nach der Fragerunde noch einmal gesehen zu haben. Wenn sie sofort gegangen war und es sie auf der Straße erwischt hatte in Anbetracht ihres Körpergewichts wäre genug Zeit für eine vollständige Virenaktivierung und anschließende Widerauferstehung gewesen. Man konnte sich die Sache leicht ausmalen. Eine junge Studentin geht allein zu einem riskanten Treffen an einem öffentlichen Ort und verlässt ihn auf demselben Weg wieder. Niemand da, um ihr zu helfen. Ein einziger Biss ist ein Todesurteil, und nicht jeder hat genug Mumm in den Knochen, um die Polizei anzurufen und sich eine Kugel in den Kopf jagen zu lassen, bevor es zu spät ist, um eine Wiederauferstehung zu verhindern.

Wer auch immer sie war, sie war allein gestorben, und auf eine blöde Art. Unwillkürlich hatte ich Mitleid mit ihr.

»Himmel auch, du hast recht.« Shaun beugte sich noch dichter heran und überschritt dabei deutlich das, was die meisten Menschen als vernünftigen Sicherheitsabstand betrachten. Alle fünf Zombies hatten sich nun am selben Stück Zaun versammelt und fauchten und knurrten ihn an. »Das ging schnell

»Das hier ist nicht das Hauptrudel. Die sind zu frisch.« Selbst der verwesteste dieser Zombies wäre in einer dunklen Straße noch immer als Mensch durchgegangen, vorausgesetzt, er würde sich zurückhalten und nicht versuchen, irgendwen aufzufressen. »Etwas muss sie gebissen haben.«

»Oder einer von ihnen hat einen Herzanfall gekriegt und ist tot umgefallen«, sagte Shaun. »Du hast recht. Die anderen sind im Süden und nerven die Wachleute.« Er bedachte den Zaun mit einem prüfenden Blick. »Ich würde sagen, der ist vielleicht vier Meter hoch, oder?«

»Shaun Phillip Mason, du denkst nicht das, wovon ich glaube, dass du es denkst.«

»Aber sicher denke ich das. Lenk sie ab, okay?« Er wartete meine Antwort nicht ab, sondern trat zurück, nahm Anlauf und warf sich gegen den Zaun. Seine Finger hakten sich ein gutes Stück über Griffweite des größten Zombies in die Maschen. Seinen Zehen erging es nicht ganz so gut, aber das spielte keine große Rolle Stahlkappenstiefel sind sogar für die Zähne der Infizierten zu hart zum Zernagen. Shaun lachte über das Gestöhne und fing an, sich hochzuziehen.

»Nach der Werbepause: mein Bruder beim Selbstmord«, brummte ich und hielt mit der Kamera auf ihn drauf, während ich einmal mehr an meinen Gürtel tippte, um Buffy anzurufen. »Fall nicht, Arschloch, sonst erzähle ich Mom, dass du es getan hast, weil du dich in das tote Mädchen verliebt hast.«

»Leck mich«, rief Shaun zurück. Er schwang das Bein über den Zaun und saß rittlings obenauf, an jeder Seite einen Fuß in die Maschen gehakt. Dann nahm er die Armbrust von seinem Gürtel und legte einen Bolzen ein.

»Nicht, solange ich lebe, mein teurer Bruder.«

»Hier Buffy«, sagte Buffys Stimme in meinem Ohr.

»Buffy, empfängst du die Bilder von hier? Ich möchte wissen, ob du irgendwelche unserer Freunde hier identifizieren kannst. Du kennst die in dem Pulli mit dem Videomaterial von der Rede «

»Bin dabei. Ihr Name war Dayna Baldwin, dreiundzwanzig Jahre alt, Politikwissenschaft im Hauptfach an der University of Oklahoma. Die andern vier jage ich gerade durch die Suchmaschine. Ich habe ein paar mögliche Treffer, aber noch nichts Bestätigtes.«

Shaun entsicherte seine Armbrust und zielte sorgfältig, fast liebevoll auf seinen nächststehenden Verehrer. Ich richtete die Handkamera auf den Mob, als der Bolzen mitten in der Stirn des vordersten Zombies erschien. Er fiel zu Boden, und zwei der übrigen vier waren mit einem Mal damit beschäftigt, sich an seinen Überresten gütlich zu tun, was noch zwei als Bedrohung für Shaun übrig ließ. Das Virus, das die Infizierten antreibt, interessiert sich nur für Fleisch. Normalerweise bevorzugen Zombies Lebende statt Tote, aber etwas, das sich nicht wehrt, ist immer noch besser als gar nichts.

»Such weiter«, sagte ich. Shaun lud mit ruhigen, gelassenen Handgriffen seine Armbrust nach. Eins muss ich meinem Bruder lassen: Er ist verdammt gut in dem, was er tut.

»Sicher doch.« Buffy klang beleidigt. Sie legte auf, wahrscheinlich, um sich auf ihre Kameras zu konzentrieren. Wir würden bessere Bilder vom Geschehen kriegen, sobald Shaun seinen Spaß gehabt hatte und wir zurück in den Wagen konnten. Wenn es einen Quadratzentimeter des Konvois gibt, den Buffy nicht filmen kann, fresse ich meine Sonnenbrille.

Shaun zielte gerade auf den dritten Zombie, als mir klar wurde, dass etwas am Klang des Stöhnens nicht stimmte. Es wurde lauter und kam gegen den Wind. Ich hörte den Knall vom Gehäuse der Kamera, als ich sie auf den Boden fallen ließ und mich umdrehte.

Der Anführer der Zombies ein weiteres bekanntes Gesicht, nämlich der eigensinnige Carl aus der Gesprächsrunde nach dem Auftritt des Senators war fünf Meter entfernt und näherte sich schnell. Er bewegte sich auf die schaurig abgehackte, halb rennende Art und Weise, die nur die frischesten Zombies lange durchhalten. Offenbar war seit seinem Tod noch weniger Zeit verstrichen als bei Dayna, denn vor nicht einmal einer Stunde hatte er sich noch bester Gesundheit erfreut. Das bedeutete, dass er von einer ganzen Gruppe attackiert und mehrfach gebissen worden war, möglicherweise von dem Rudel, das Shaun gerade abservierte.

Im Gefolge des unglückseligen Carl befanden sich sechs weitere Zombies, die sich mit Geschwindigkeiten zwischen Laufen und Schlurfen bewegten. Ich nahm meine Pistole vom Gürtel und schoss Carl zweimal in den Kopf, um die Waffe anschließend auf den Zombie dahinter zu richten. Ich hatte nicht genug Munition. Selbst, wenn ich eine so gute Schützin wie Shaun gewesen wäre, was ich nicht bin, hatte ich mit acht Kugeln und sieben Zombies praktisch keinen Spielraum für Fehler. Bereits jetzt lag meine Abschussquote unter eins zu eins, womit mein Überleben sehr viel unwahrscheinlicher wurde. Ich drückte ab, und der zweite Zombie ging zu Boden.

Die Schüsse erregten Shauns Aufmerksamkeit. Ich hörte, wie er zischend einatmete, als er sich umdrehte und meine Angreifer sah. »Heilige «

»Halt keine Reden, tu was!«, knurrte ich und schoss erneut. Die Kugel ging ins Leere. Vier Schuss, und ich hatte erst zwei Zombies erledigt. Die Chancen standen schlecht für mich. »Buffy!«

Buffy schickt niemals eine Kamera ohne Zwei-Wege-Mikro ins Feld. Sie behauptet, dass wir zu blöd wären, selbst die Lautstärke zu regulieren, aber in Wirklichkeit glaube ich, dass sie uns einfach gerne belauscht, ohne dafür den Wagen zu verlassen. Ihre Stimme drang einen Augenblick, nachdem ich sie gerufen hatte, knisternd und verzerrt aus dem Lautsprecher. »Tut mir leid wegen der Verzögerung war abgelenkt. Sie sind am Südzaun durchgebrochen. Eins der Tore ist niedergerissen, und anscheinend gibt es Verluste. Wie läuft’s bei euch beiden?«

»Sagen wir einfach, wenn du ein paar schwer bewaffneten Kerlen, die nichts zu tun haben, eine Nachricht zukommen lassen kannst, wäre jetzt ein toller Zeitpunkt dafür.« Ich schoss noch zweimal. Die zweite Kugel fand ihr Ziel. Sechs Kugeln weg und drei Zombies erledigt, während die übrigen vier sich weiter näherten. Ich schoss auf den neuen Rädelsführer und verfehlte ihn. Ein Armbrustbolzen sauste an meiner Schulter vorbei, und der Zombie kippte um. Der Schaft des Bolzens ragte ihm aus der Stirn. Drei Zombies. »Ich bin hier nicht mit der Erwartung hergekommen, tatsächlich gegen etwas zu kämpfen ich habe bloß eine Pistole dabei, und mir gehen gleich die Kugeln aus. Shaun?«

»Noch drei Bolzen«, rief er. »Glaubst du, dass du es auf den Zaun hier schaffst?«

»Nein.« Ich bin eine gute Sprinterin, und ich kann ein Motorrad in weniger als zehn Sekunden von null auf selbstmörderisch hochjagen, aber klettern kann ich nicht. Bei der Musterung für meine Lizenzprüfung bin ich zweimal fast durchgefallen, weil ich zu wenig Kraft in den Armen habe. Mit viel Glück konnte ich mich vielleicht so lange am Zaun festhalten, bis die Zombies mich an den Knöcheln runterzerrten und auffraßen. Andernfalls würde ich einfach so abstürzen.

Es knackte im Lautsprecher. »Ein Wachtrupp ist auf dem Weg«, sagte Buffy. »Sie haben ein bisschen Schwierigkeiten, aber sie meinten, dass sie so schnell wie möglich kommen.«

»Hoffentlich ist das schnell genug«, sagte ich. Langsam zog ich mich in Richtung Shaun und Zaun zurück. Mein Vater hat mir zum Thema Zombies und Munition stets einen Ratschlag eingebläut, so lange, bis er schließlich hängen geblieben ist: Wenn du noch eine Kugel hast und keinen erkennbaren Weg aus der Scheiße, heb sie für dich selbst auf. Das ist besser als die Alternative.

Zwei weitere Armbrustbolzen sausten an mir vorbei, und zwei weitere Zombies fielen, womit nur noch ein einziger übrig war, der nach wie vor stöhnend auf uns zuschlurfte. Eine Antwort darauf war aus keiner Richtung zu hören. Shauns Rudel war erledigt, und weitere Verstärkung war nicht in Sicht.

»Schieß, wenn du so weit bist, Shaun«, sagte ich angespannt.

»Nicht, solange ich nicht weiß, ob noch mehr kommen.«

Ich wich weiter zurück, bis ich schließlich mit dem Rücken an den Zaun stieß, und hielt dabei meine Waffe auf den Schlurfer vor mir gerichtet. Zusammen hatten wir genug Munition, um ihn zu erledigen vorausgesetzt, er war der letzte. »War ja klar«, sagte ich.

»Was war klar?«

»Endlich schaffen wir es in die weltweit besten fünf Prozent, und natürlich werden wir noch am gleichen Abend von Zombies gefressen.«

Shauns Lachen klang zugleich verbittert und belustigt. »Bist du irgendwann mal nicht pessimistisch?«

»Manchmal. Aber dann wache ich immer auf.« Der Zombie kam weiterhin stöhnend näher. Seine Rufe blieben unbeantwortet. »Ich glaube, er ist allein.«

»Schieß halt, du Genie, dann sehen wir’s ja.«

»Spricht nichts dagegen.« Ich unterdrückte das Zittern meiner Hände und richtete die Mündung auf die Stirn des Zombies. »Wenn er mich frisst, bist du hoffentlich der Nächste.«

»Du musst immer zuerst dran sein, was?«

»Du kennst mich doch.« Ich schoss.

Die Kugel sauste an dem Zombie vorbei und stanzte ein kaum sichtbares Loch in den nächsten Wohnwagen. Nach wie vor stöhnend hob der Zombie die Hände zur klassischen »Umarmungsgeste«. Er wurde nun etwas schneller. Niemand hat jemals herausgefunden, woran die Zombies merken, ob ihre Opfer bewaffnet sind, aber irgendwie kriegen sie es raus.

»Shaun «

»Wir haben Zeit.«

»Ja, klar«, sagte ich. Der Zombie war noch vier Meter entfernt, weit außer Angriffsreichweite, aber er kam näher. »Ich hasse dich.«

»Gleichfalls«, sagte Shaun. Ich riskierte einen Blick zu ihm hoch und sah, dass er auf die Stirn des Zombies zielte und auf die Gelegenheit für den perfekten Schuss wartete. Ein Bolzen, eine Chance: Das klingt vielleicht nach dem gleichen Risiko, mit dem er vorher gespielt hat, aber dem war nicht so. Es ist leichter, ins Schwarze zu treffen, wenn nicht wirklich etwas auf dem Spiel steht.

»Nur, damit das zwischen uns geklärt ist«, sagte ich und schloss die Augen.

Die Schüsse kamen aus zwei Richtungen zugleich. Ich öffnete die Augen und sah, wie der letzte Zombie von einem Hagel Automatikfeuer niedergemäht wurde, der von nicht weniger als vier Wachleuten stammte, zwei von jeder Seite. Über mir stieß Shaun ein lautes Johlen aus.

»Die Kavallerie ist da!«

»Gott segne die Kavallerie«, brummte ich.

Unser angespanntes Patt hatte sich innerhalb von Sekunden aufgelöst. Ich beachtete die zu Boden gefallene Kamera nicht, während ich mich vom Zaun abstieß und auf zwei der Wachleute zuging. Das Gerät konnte ich abschreiben. Buffy hatte das Videomaterial inzwischen runtergeladen, und der Sicherheitsdienst würde sowieso darauf bestehen, das Mistding zu vernichten, da es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit Blutspritzer abbekommen hatte, als die Wachleute das Feuer eröffnet hatten. Die Elektronik war zu empfindlich, um eine vollständige Dekontamination zu überstehen. Aus diesen Gründen bezahlen wir regelmäßig unseren Versicherungsbeitrag.

Steve war da und starrte finster auf die gefallenen Infizierten herab, als wollte er sie dazu herausfordern, aufzustehen, damit er sie noch einmal töten konnte. Doch er hatte Pech, denn das Virus reanimiert die Toten nur einmal. Sein Partner stand ein paar Meter weiter weg und begutachtete den Zaun. Es war nicht Tyrone. Ich hielt inne und entwickelte langsam eine vage Ahnung davon, wie die Zombies den Zaun durchbrochen hatten.

Doch vage Ahnungen haben noch nie Quoten eingebracht, solange man sie sich nicht bestätigen lässt. »Was ist passiert?«

»Nicht jetzt, Georgia«, sagte Steve und schüttelte angespannt den Kopf. »Nicht nicht jetzt.«

Ich überlegte, ob ich beharrlich bleiben sollte. Wenn es sich um eine normale Zombieattacke gehandelt hätte, einen der überfallartigen Ausbrüche, zu denen es überall kommen kann, hätte ich wahrscheinlich genau das getan. Es ist immer am besten, die Überlebenden zu befragen, bevor sie anfangen können, sich über ihr Erlebnis etwas vorzumachen. Wenn der Adrenalinstoß erst mal abebbt, werden fünfzig Prozent der Leute, die eine Zombieattacke überlebt haben, plötzlich zu Helden, die mit nichts als einer 22er und einem starken Magen tausend Zombies niedergeschossen haben, während die anderen fünfzig Prozent abstreiten, dass sie überhaupt jemals nah genug an die Untoten herangekommen sind, um ernsthaft in Gefahr zu geraten. Wenn man die wahre Geschichte will, muss man sie sich gleich holen.

Aber Steve ist ein professioneller Leibwächter und damit wahrscheinlich sehr viel weniger geneigt, sich etwas vorzumachen, als die meisten anderen. Dazu galt es noch zu bedenken, dass ich regelmäßig mit ihm zu tun haben würde, falls er den Konvoi nicht nach der Abwicklung des Papierkrams verließ, und dass die eine Schlagzeile es nicht wert war, den großen, potenziell gewalttätigen Mann zu verärgern, der einen Großteil meiner Bluttests abwickelte. Kopfschüttelnd trat ich zurück.

»Klar doch, Steve«, sagte ich. »Lass uns einfach wissen, wenn wir etwas tun können.«

Ein Rasseln ertönte, als Shaun vom Zaun sprang. Ich drehte mich nicht um, und kurz darauf blieb er neben mir stehen und schaute die Wachleute mit zusammengekniffenen Augen an. »Himmel, Steve, wo ist Tyrone?«

Shaun hatte sich mehr darum gekümmert, einen Draht zu den Wachleuten zu kriegen, als ich. Ohne ein bisschen Liebenswürdigkeit geht’s nicht, aber er hatte sich tatsächlich aus dem Fenster gelehnt und Freundschaft geschlossen. Vielleicht beantwortete Steve seine Frage deshalb leise mit: »Die Verwandlung wurde um 22:07 Uhr bestätigt. Tracy hat ihn erledigt, aber zuvor ist es ihm noch gelungen, die Infektion weiterzugeben.«

Shaun stieß einen langen, leisen Pfiff aus. »Wie viele hat es erwischt?«

»Vier Tote aus dem Konvoi und eine bislang unbekannte Zahl von Anwohnern. Der Senator und sein Stab werden in diesem Moment an einen sicheren Ort gebracht. Wenn ihr bitte eure Sachen und Ms Meissonier holen würdet, bringen wir euch drei zur Dekontamination und verlegen euch anschließend ebenfalls.«

»Sind alle Zombies hinüber?«, fragte ich.

Steve sah mich stirnrunzelnd an. »Ms Mason?«

»Die Zombies. Shaun und ich haben gerade einen guten Teil von zwei Rudeln erledigt.« Ich wies nicht extra darauf hin, dass einer von uns beiden dabei beinahe aufgefressen worden war. »Und ihr scheint euch um den Schlamassel am Tor gekümmert zu haben. Sind alle Zombies erledigt?«

»Unsere Sensoren zeigen keinerlei Infiziertenaktivität in diesem Bereich an.«

»Das ist keine hundertprozentige Garantie«, sagte ich in möglichst ruhigem und vernünftigen Tonfall. »Euch fehlen Leute, und wir hatten bereits direkten Kontakt, was bedeutet, dass wir uns derselben Dekontamination unterziehen müssen wie ihr. Wie wär’s, wenn ihr Shaun und mich hierbleiben lasst, um zu helfen? Wir haben eine Lizenz, und wenn ihr Munition habt, wären wir auch wieder bewaffnet. Bringt Buffy weg, aber lasst uns hierbleiben.«

Die Wachleute schauten einander unbehaglich an und blickten dann zu Steve. Sie würden sich nach ihm richten. Steve schaute mit gerunzelter Stirn auf die Toten hinab, die auf dem Asphalt lagen, und sagte schließlich: »Ich hoffe, euch beiden ist klar, dass ich euch im Zweifelsfall, ohne zu zögern, erschießen werde.«

»Wenn wir dich für einen Zauderer halten würden, würden wir dich nicht begleiten«, sagte Shaun. Er hielt seine Armbrust hoch. »Hat jemand Bolzen für das Ding hier?«

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Das Schlimmste an einem kleineren Ausbruch ist das Aufräumen danach. Für viele Leute bleibt dieser Teil praktisch unsichtbar. Jeder, der keine entsprechende Lizenz hat, wird außerhalb der kontaminierten Bereiche festgehalten, bis die Beerdigungen, Verbrennungen und Sterilisierungen abgeschlossen sind. Sobald die Absperrgitter stehen, geht alles wieder seinen gewohnten Gang und läuft so routinemäßig ab, dass man möglicherweise gar nicht mitkriegt, dass es überhaupt einen Zwischenfall gegeben hat, wenn man nicht nach bestimmten Anzeichen Ausschau hält.

Wenn man schon mal bei den Aufräumarbeiten mitgemacht hat, sieht die Sache anders aus. Wer eine Lizenz zum Betreten von Gefahrenzonen kriegen will, muss dafür unter anderem einen Aufräumtrupp begleiten, um auch ganz sicher zu kapieren, worauf er sich einlässt. George und ich haben uns bei unserer ersten Aufräumaktion übergeben, und zweimal wäre ich beinahe ohnmächtig geworden. Es ist eine grässliche, dreckige Arbeit. Wenn man einen Zombie erst einmal in den Kopf geschossen hat, sieht er nicht mehr wie ein Zombie aus, sondern bloß noch wie jemand, der zur falschen Zeit am falschen Ort war. Ich hasse diese ganze Aufräumsache.

Die Sterilisierung ist entsetzlich. Man verbrennt alle Vegetation, mit der die Zombies in Berührung gekommen sind, und wenn sie über Freiflächen gelaufen sind, durchtränkt man den Boden mit einer Chlorsalzlösung. Außerhalb der Stadt tötet man alle Tiere, die sich aufspüren lassen. Eichhörnchen, Katzen, egal was: Wenn es ein Säugetier ist und den aktiven Virus übertragen kann, stirbt es, selbst wenn es zu klein ist, als dass das Virus aktiviert werden könnte. Und wenn man damit fertig ist, tapert man zur ABC-Einheit zurück und verbringt zwei Stunden damit, sich die Haut mit heißem Dampf reinigen zu lassen, was eine nette Methode ist, sich auf die zwei albtraumerfüllten Wochen vorzubereiten, die man anschließend durchzustehen hat.

Wenn ihr jemals den Eindruck gewinnt, dass ich einen aufregenden Job hätte, dass es vielleicht sogar Spaß macht, nach Zombies zu stochern, während ein Freund ein Heimvideo davon für eure Kumpels dreht, tut mir einen Gefallen: Holt euch erst mal eine Lizenz. Wenn ihr diesen Scheiß immer noch machen wollt, nachdem ihr die Leiche einer Sechsjährigen mit Blut an den Lippen und einer Barbiepuppe in der Hand verbrannt habt, nehme ich euch mit offenen Armen auf.

Aber vorher nicht.

Aus Lang lebe der König, dem Blog von Shaun Mason,
11. Februar 2040