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Es dauerte drei Monate, bis der Seuchenschutz Georgias Asche freigab. Normalerweise hätte es länger gedauert. Doch meine Schwester starb als Weltstar. Das verschafft einem Freunde in wichtigen Positionen. Selbst in der Seuchenschutzbehörde, die derzeit damit beschäftigt ist, ihre Mitarbeiter unter die Lupe zu nehmen, bei dem Versuch, die Quelle von Tates anonymen »Spenden« zu finden. Dr. Wynne konnte seine Vorgesetzten davon überzeugen, uns Georgias Asche auszuhändigen. Wahrscheinlich wollten sie nicht riskieren, unsere Schlagzeile der Woche zu werden. Das will heutzutage niemand. Mit der Zeit wird dieser Effekt nachlassen Mahir sagt, dass wir täglich Quotenpunkte verlieren, weil die Leute sich neuen Dingen zuwenden , aber nach allem, was gelaufen ist, werden wir uns ein gewisses Maß an dauerhafter Reputation bewahren. »Nach dem Jüngsten Tag: Diese Leute sterben dafür, damit Sie alles erfahren, was Sie wissen müssen.« Wahrscheinlich hätte mich all das sehr viel mehr angewidert, wenn es uns nicht geholfen hätte, George nach Hause zu bringen.

Dr. Wynne brachte mir die Dose mit ihrer Asche persönlich, begleitet von einer milchgesichtigen, blondhaarigen Ärztin, an die ich mich aus Memphis erinnerte. Kelly Conolly. Sie hat mir den Stapel Karten überreicht, die uns Mitarbeiter des Seuchenschutzes aus dem ganzen Land geschrieben haben, und dazu erklärt, dass sie noch drei solcher Stapel von der Weltgesundheitsorganisation und dem Militärischen Forschungszentrum für Infektionskrankheiten hätten. Ihre Augen waren vom Weinen gerötet. Buffy ist gestorben, und man hat uns vorgeworfen, dass wir die Welt an der Nase herumführen wollten. George ist gestorben, und dieselbe Welt trauerte mit mir. Wahrscheinlich hätte mir das ein Trost sein sollen, aber das war es nicht. Ich wollte nicht, dass die Welt trauerte. Ich wollte bloß George zurückhaben.

Um mich zu finden, hätte sie allerdings meine neue Adresse wissen müssen. Ich kam zerschlagen, erschöpft und kurz vorm Zusammenbruch von der Wahlkampftour nach Hause und stellte fest, dass es nicht mehr mein Zuhause war. Mein Zimmer war mit dem von George verbunden, und George existierte nicht mehr. Immer wieder stellte ich fest, dass ich plötzlich in ihrem Zimmer stand, ohne zu wissen, wie ich dorthin gelangt war, und darauf wartete, dass sie mich anbrüllte und mir sagte, ich solle gefälligst anklopfen. Doch nichts Derartiges geschah, also packte ich meine Sachen. Ich wollte die Geister der Vergangenheit hinter mir lassen. Und ich wollte die Masons hinter mir lassen.

Klar, George war gestorben, und die Welt trauerte mit mir. Die ganze Welt, bis auf die Masons. In der Öffentlichkeit machten sie natürlich alles richtig, sagten die richtigen Sachen und vollführten die richtigen Gesten. Dad schrieb eine Artikelserie über den Widerstreit zwischen persönlicher Verantwortung und Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit und betonte dabei immer wieder das »heldenhafte Opfer« seiner geliebten Adoptivtochter, als ob seine Plattitüden dadurch einen Deut relevanter geworden wären. Anscheinend funktionierte es, denn die Reihe verschaffte ihm seine höchsten Quoten seit Jahren. George war als Star gestorben. Man kann es niemandem vorwerfen, Kapital daraus zu schlagen. Abgesehen davon, dass ich genau das sehr wohl kann. Glaubt mir, das kann ich ganz hervorragend.

George und ich hatten unsere Testamente schon lange verfasst, bevor wir dazu verpflichtet gewesen waren, und obwohl wir beide davon ausgegangen waren, dass ich zuerst abtreten würde, hatten wir beide Klauseln für den Fall eines vorzeitigen Ablebens eingefügt. Wenn ich zuerst abtrat, kriegte sie alles, was ich hatte, einschließlich meines geistigen Eigentums, veröffentlicht und unveröffentlicht. Wenn sie zuerst abtrat, bekam ich alles von ihr. Bevor irgendjemand anders etwas von unserem Nachlass sehen würde, mussten wir beide sterben, und selbst für den Fall hatten wir den Masons nichts hinterlassen. Unsere Habe wäre dann an Buffy gegangen, und für den Fall, dass sie das tödliche Ereignis auch nicht überlebt hätte wir waren nämlich immer davon ausgegangen, dass wir nur dann zusammen sterben würden, wenn der Sendewagen mitten in einem Ausbruch den Geist aufgab oder etwas in der Art , hätte Mahir alles gekriegt. Damit hätte er dann die Website am Laufen halten und dafür sorgen können, dass vernünftige Leute die Nachrichten machten. Seit unserem sechzehnten Lebensjahr tauchten die Masons nicht mehr in der Erbfolge auf. Das schien ihnen allerdings nicht klar gewesen zu sein, denn als ich noch keine drei Tage zu Hause war, fingen sie an, mich damit zu nerven, dass ich ihnen Georges unveröffentlichte Dateien überlassen sollte.

»Sie hätte es so gewollt«, sagte Dad und gab sich dabei alle Mühe, ernst und weise zu wirken. »Wir können uns um alles kümmern, damit du dir in Ruhe selbst eine Karriere aufbauen kannst. Sie hätte nicht gewollt, dass du alles stehen und liegen lässt, um dich um ihren Nachlass zu kümmern.«

»Du bist jetzt einer der erfolgreichsten Irwins der Welt«, fügte Mom hinzu. »Du kannst auf eigene Rechnung arbeiten. Was immer du willst, jetzt kannst du es tun. Ich wette, du würdest sogar eine Genehmigung für einen Besuch in Yosemite kriegen «

»Ich weiß, was sie gewollt hätte«, antwortete ich und ließ die beiden am Küchentisch sitzen, ohne ihnen zu sagen, was genau sie falsch gemacht hatten. Am nächsten Morgen zog ich aus. Nachdem ich zwei Wochen lang bei befreundeten Bloggern aus der Gegend auf dem Sofa übernachtet hatte, fand ich eine eigene Wohnung. Ein Schlafzimmer, ein Sicherheitssystem, das so veraltet war, dass man sie nicht mal hätte vermieten dürfen, wenn sie nicht in einer klar ausgewiesenen Gefahrenzone gelegen hätte, und keine Geister oder opportunistischen Eltern, die einem auf dem Flur auflauerten. Natürlich folgte George mir in Form all ihrer Besitztümer, vom Umzugsservice ordentlich in Pappkartons verstaut. Doch solange sie gelebt hatte, war sie niemals dort gewesen, und manchmal gelang es mir sogar zu vergessen, dass es sie nicht mehr gab. Manchmal kam mir die Welt für ein paar Minuten am Stück so vor, als wäre sie in Ordnung.

Wynne und Conolly lieferten Georges Asche im letzten Moment ab erst am Tag vor der Bestattung. Ich hätte überhaupt keine Bestattung angesetzt, nicht, bevor ich sie wieder in den Händen gehalten und vielleicht ein bisschen Zeit gehabt hätte, mich zu sammeln, aber die Umstände ließen mir keine große Wahl. Senator Ryman konnte nur an diesem einen Tag, und er hatte darum gebeten, dass wir den Trauergottesdienst in seinem Beisein abhielten. Ich hätte die Sache vielleicht trotzdem aufgeschoben, allerdings konnte ich unser Team nicht aus dem Feld abziehen, solange der Senator dort draußen unterwegs war. Ryman kämpfte derzeit mit Zähnen und Klauen um seine politische Position, und er schien am Gewinnen zu sein. Magdalene, Becks und Alaric verdienten eine Gelegenheit, sich von George zu verabschieden. Insbesondere, da sie nun an dem Punkt weitermachten, an dem George, ich und Buffy hatten aufhören müssen.

Becks kümmert sich jetzt um die Irwins. Als ich sagte, dass ich diesen Job nicht mehr ertrage, war das ernst gemeint. Die Webseitenadministration ist mir Aufregung genug, zumindest fürs Erste. Mahir und Magdalene kommen gut mit ihren Ressorts zurecht. Tatsächlich haben sich die Quoten der Fiktiven sogar verbessert. Magdalene ist konzentrierter, als Buffy es jemals war, obwohl ihr das Talent für Technik und Spionage fehlt. Und vielleicht ist das auch gut so. Die Sache ist schließlich schon mal schiefgegangen.

Mahir traf um elf Uhr am Tag der Bestattung mit dem Flugzeug aus London ein. Ich fuhr zum Empfangsbereich am Rande der Quarantäneabsperrung des Flughafens, in der Hoffnung, ihn in der Menge zu entdecken. Darum hätte ich mir keine Sorgen machen müssen. Sein Flieger war fast leer, und ich hätte ihn überall wiedererkannt, selbst, wenn ich ihn nicht schon jahrelang auf Monitoren gesehen hätte. In seinem Blick war dieselbe leere Verwirrung zu erkennen, die ich jeden Morgen im Spiegel sah, jene seltsame Form von Ungläubigkeit, die sich anscheinend nur dann einstellt, wenn die Welt ohne Vorwarnung entgleist.

»Shaun«, sagte er und nahm meine Hand. »Ich bin so froh, dich endlich kennenzulernen. Ich wünschte nur, es wäre unter besseren Umständen.«

»Das hier ist von George«, sagte ich und zog ihn an mich. Er erwiderte die Umarmung, ohne zu zögern, und so standen wir da und weinten uns an der Schulter des anderen aus, bis der Sicherheitsdienst uns anwies zu verschwinden, wenn wir nicht wegen Missachtung der Quarantänebestimmungen festgenommen werden wollten. Wir gingen.

»Was gibt es für Neuigkeiten?«, fragte Mahir, während wir auf den Freeway fuhren. »Ich bin stundenlang von der Welt abgeschnitten gewesen. Verdammter Flug.«

»Post von Rick Senator Rymans Flugzeug hat etwa zur selben Zeit wie deins aufgesetzt. Sie treffen sich beim Bestatter mit uns. Emily konnte nicht kommen und lässt sich entschuldigen.« Ich schüttelte den Kopf. »Sie hat letzte Woche einen Kuchen geschickt. Einen Kuchen. Diese Frau ist so was von seltsam.«

»Wie kommt Rick mit der Umstellung zurecht?«

»Ziemlich gut. Als der Senator ihn darum gebeten hat, als neuer Vizepräsidentschaftskandidat einzusteigen, hat er seinen Job aufgegeben, und das scheint ihn nicht weiter aus der Ruhe zu bringen. Wer weiß? Vielleicht gewinnen sie. Auf jeden Fall bieten sie dem einfachen Volk genug Brot und Spiele.«

»Politik in Amerika.« Mahir schüttelte den Kopf. »Verdammt bizarr.«

»Man nimmt, was man kriegt.«

»Das ist wohl der Lauf der Welt.« Zögernd schaute er mich an, während ich vom Freeway auf die Straße abbog. »Es tut mir so leid, Shaun. Ich weiß einfach nicht Worte können nicht ausdrücken, wie leid es mir tut. Das weißt du doch, oder?«

»Ich weiß, dass sie dir viel bedeutet hat«, sagte ich schulterzuckend. »Sie war deine Freundin. Und du warst ihr Freund. Einer der besten, die sie je gehabt hat.«

»Das hat sie gesagt?«, fragte er verwundert.

»Allerdings hat sie das. Andauernd.«

Mahir wischte sich mit dem Handrücken über die Augen. »Ich bin ihr nicht ein einziges Mal persönlich begegnet, Shaun. Das ist einfach so so verdammt unfair.«

»Ich weiß.« Ich machte mir gar nicht erst die Mühe, meine Tränen wegzuwischen. Wenn ich sie laufen ließ, dann würden sie vielleicht von alleine versiegen. »Es ist, wie es ist. Läuft es nicht immer darauf hinaus? Es ist, wie es ist. Und wir müssen sehen, wie wir damit klarkommen.«

»Da hast du wohl recht.«

»Immerhin hat sie ihre Story gekriegt.« Der Parkplatz vorm Bestattungsinstitut war gerammelt voll mit Autos. Das passiert, wenn man die Mitarbeiter mehrerer großer Blogs und einer Präsidentschaftswahlkampagne sowie Freunde und Familie in ein einziges Gebäude zwängt. Der Sicherheitsdienst drehte wahrscheinlich völlig am Rad. Der Gedanke ließ die Ahnung eines Lächelns auf mein Gesicht treten und rief mir Georges Lachen ins Gedächtnis.

Mahir warf mir einen Blick zu, als ich in die letzte für Familienmitglieder reservierte Parklücke fuhr. »Tut mir leid, hab ich was verpasst? Du lächelst.«

»Nein«, sagte ich und öffnete die Tür. Am Eingang des Bestattungsinstituts würden uns Männer mit Bluttesteinheiten erwarten und Trauergäste, die mir erzählen würden, wie leid es ihnen tat, die mit mir zusammen weinen wollten, als könnte ich mit ihnen fühlen, obwohl ich doch kaum meine eigenen Tränen verstand. »Ich glaube, du hast überhaupt nichts verpasst. Du hast genau das mitgekriegt, was ich auch mitgekriegt habe.«

Mahir schaute mich weiter befremdet an, während ich ausstieg. Ich wartete, bis er folgte. »Komm. Ein Haufen Leute wartet auf uns.«

»Shaun?«

»Ja?«

»War es die Sache wert?«

Nein, flüsterte George, und ich sagte: »Nein. Aber andererseits: Gibt es irgendetwas, das die Sache letztlich wert ist?«

Sie hat die Wahrheit gesagt, so, wie sie sich ihr dargestellt hat, und dafür ist sie gestorben. Ich war dabei, und ich habe überlebt. Das war es nicht wert. Aber es war die Wahrheit, und es musste so kommen. Daran versuchte ich mich festzuklammern, während wir das Haus betraten, um Abschied zu nehmen, so gut es ging. Ganz würde es uns nicht gelingen. Niemals. Aber es würde genügen müssen, für George, für mich und für die anderen. Denn mehr würden wir nicht kriegen.

»He George«, flüsterte ich.

Was ist?

»Jetzt schau dir mal das an.«

Wir traten ein.