Man hatte den Statisten einen umgebauten, ausrangierten Londoner Doppeldeckerbus zur Verfügung gestellt, in dem sie essen und vor der Kälte Schutz finden konnten. Dorthin machte sich Lindsey auf, sobald man ihr Kostüm und Makeup überprüft und fotografiert hatte. Alles wurde genau festgehalten, damit sich von einem Tag zum anderen keine Veränderungen einschlichen. Kontinuität war alles.
Bibbernd zogen sich die Statisten wieder die wattierten Jacken und Nylonwesten über. Die passten zwar nicht besonders gut zu den langen Regency-Gewändern und Schutenhüten, aber was machte das schon?
Lindsey trug feine Netzhandschuhe und wärmte sich gerade die Hände an einem Pappbecher mit dampfendem Kaffee, als ihre Mutter sie entdeckte.
»Man hat mir gesagt, dass ich heute nicht drankomme«, erklärte Honey. »Ich werde nicht gebraucht. Nicht mal für eine winzig kleine Rolle. Wahrscheinlich hatte da unser zickiger Superstar die Hand im Spiel.«
Auf Lindseys von der Strohkrempe ihres Schutenhuts überschattetes Gesicht stahl sich ein schlaues kleines Lächeln. »Für mich hat es ganz so ausgesehen, als hättest du da eine oscarreife Vorstellung hingelegt.«
Honey grinste. »Also, eigentlich war ich mir nicht ganz sicher, wie ich die Szene anlegen sollte. Eher als Mary Poppins oder doch mehr als Raging Bull?«
»Ich habe dir gesagt, sie ist eine Zimtzicke.« Lindsey trank einen Schluck Kaffee.
Honey zog eine Grimasse. »Also, ganz sicher ist sie ziemlich jähzornig.« Ihre Züge hellten sich auf. »Was meinst du? Ob ich je die Chance bekomme, über Nacht berühmt zu werden?«
»Nicht als Filmstar.«
»Da könntest du recht haben. Na, macht nichts. Da muss ich mir wohl einen Trostpreis genehmigen. Ein Becher heiße Schokolade wäre nicht schlecht. Mit zwei Stückchen Zucker. Ich brauche frische Energie.«
»Oma ist noch immer da draußen und gibt eine Galavorstellung für die Menge.« Lindsey schauderte. »Die muss ja inzwischen halb erfroren sein.«
»Oder sie hat neue Freunde gefunden.«
»Könnte gut sein.«
»Und bereitet mir große Sorgen. Mit ihrer Menschenkenntnis ist es nicht weit her.«
»Na ja, aber sie weiß ziemlich genau, was sie will«, ergänzte Lindsey.
Honey konterte: »Je oller, je doller.«
Honeys Mutter amüsierte sich prächtig. Sie war in ein Musselingewand mit Blumenranken gekleidet, das mit zartgrüner Spitze verziert war. Auf ihrem Kopf saß eine dunkelrosafarbene Haube mit Straußenfedern. Und in der Hand schwenkte sie einen Fächer.
Sie hatte ein Gespräch mit einem älteren Gentleman angefangen, der einen Gehrock und einen lindgrünen Zylinder trug. Die beiden verstanden sich so prächtig, dass Gloria ein Korsett aus Satin und Spitze aus der Tasche zog, das sie sich von ihrer Tochter ausgeliehen hatte. Sie hatte eigentlich vorgehabt, es zu den Dreharbeiten zu tragen, sich dann aber von Lindsey davon abbringen lassen. Die hatte ihr streng erklärt, es sei aus der viktorianischen Zeit und nicht aus der Regency-Periode. Sie hatte es trotzdem erst einmal noch behalten. Vielleicht könnte sie es doch brauchen. Jetzt hielt sie es sich kokett vor den Leib.
»Was meinen Sie, ist das ein bisschen zu jugendlich für mich?«, fragte sie ihren Gesprächspartner.
»Überhaupt nicht. Sexy. Sehr sexy«, antwortete der anerkennend, und die Augen fielen ihm beinahe aus dem Kopf.
Bei diesem Anblick wäre nun Gloria ihrerseits beinahe in Ohnmacht gesunken.
Aus der Ferne konnte Honey nicht ausmachen, ob der Mann seine Worte ernst gemeint hatte oder nicht. Das lag auch daran, dass ihr eine andere Dame gerade mit der Straußenfeder auf ihrem Hut durch das Auge gewischt und dabei eine Kontaktlinse aus dem Auge gefegt hatte. Aber zuhören konnte Honey ja noch.
»Das hat mir meine Tochter geliehen. Ich probiere es mal richtig an, sobald ich zu Hause bin.«
Honey kniff die Augen zusammen. Ganz egal, wie ihre Mutter aussah, jedenfalls wedelte sie dem Mann mit dem Korsett vor der Nase herum! Konnte man sich noch mehr ranschmeißen?
Honey winkte. Das sollte heißen: Gib mir sofort mein Eigentum zurück. Gloria machte eine wegwerfende Handbewegung, als könnte sie im Augenblick die Zeit dafür nun wirklich nicht erübrigen.
Honey biss die Zähne zusammen und verdrehte die Augen. Sie ging auf eine Gruppe von Stühlen zu, die auf der anderen Seite der Schnur standen, die um den »Auswahlbereich« der Statisten gespannt war. Dort saßen inzwischen nur noch einige wenige kostümierte Gestalten, die warteten, dass man sie endlich aufrief. Sie wirkten verloren.
Einer von ihnen war ein abgerissen aussehender Mann – ein sehr abgerissen aussehender Mann. So hatten ihn die Maskenbildnerin und die Garderobiere hergerichtet.
Er hatte schäbige, schmutzig wirkende Hosen an, formlose braune Stiefel und einen zerbeulten Zylinder. Bei näherer Betrachtung stellte Honey fest, dass sein Jackett eigentlich aus zwei Jacketts bestand. Das obere war ärmellos; man hatte die Ärmel offensichtlich herausgerissen. Darunter schauten die Ärmel des anderen, darunter getragenen Jacketts hervor.
Honey fragte sich, ob der Mann vielleicht auch stank? Seine Kleider sahen jedenfalls ziemlich schmuddelig aus. Sie wollte nicht neben jemandem sitzen, der schlecht roch – selbst wenn es nur für kurze Zeit war. Sie ließ sich diskret zwei Stühle von dem Mann entfernt nieder und hatte sofort ein schlechtes Gewissen. Der arme Kerl. Er trug doch nur ein Kostüm! Natürlich würde er nicht stinken.
Sie beschloss, ihm ein strahlendes Lächeln zuzuwerfen. Das erstarrte auf ihren Zügen, als sie sein schmutziges Gesicht näher betrachtete. Konnte das wirklich der sein, den sie zu erkennen meinte? Nein! Sicher nicht!
Er hatte sie bereits gesehen. Unruhig geworden, wandte er sich von ihr ab.
Sie starrte ihn weiter an. Diese Adlernase kannte sie doch, diese königliche Haltung … »Casper?« Ihr fiel vor Verwunderung die Kinnlade herunter. »Casper! Das sind ja Sie!«
Casper St. John Gervais, der Vorsitzende des Hotelfachverbands von Bath, war allgemein als äußerst elegant gekleideter Herr bekannt. Heute war jedoch alles ganz anders.
»Kein Sterbenswörtchen«, knurrte er zwischen zusammengebissenen Zähnen hindurch.
Honey konnte sich kaum ein Lächeln verkneifen, als sie sich erkundigte, was er denn darstellen sollte. Keinen Dandy aus der Regency-Zeit, das war mal klar.
»Einen Kreuzungskehrer.«
»Was ist das denn? Macht nichts, da frage ich Lindsey, die weiß so was.«
Casper fuhr zornig auf und zischte wie eine wütende Schlange: »Ich brauche Ihre Tochter nicht, um zu wissen, was das ist. Man hat es mir erklärt. Jemand, der die Straße fegt – insbesondere, nachdem Pferde vorübergekommen sind.«
»Oh«, meinte Honey. Es fiel ihr schwer, nicht loszulachen. Sie biss sich auf die Unterlippe. Casper! Der Oberdandy war als jemand kostümiert, dem die Aufgabe zufiel, Pferdeäpfel einzusammeln! »Ich nehme an, damals haben die Rosen immer besonders üppig geblüht.« Dann blubberte ihr das Lachen in die Kehle. »Tut mir leid. War nur ein Witz.«
Unter dem Make-up war Caspers Stirnrunzeln noch stärker geworden.
»Ich hatte mir vorgestellt, dass ich einen Dandy spielen würde. So mit seidenen Kniehosen, cremeweißem Halstuch und einem eleganten Gehrock in zartem Zitronengelb. Das wollen Casting-Experten sein? Die wissen ja nicht einmal, was das Wort bedeutet!« Seine Wut und tiefste Demütigung schwangen bei jedem Wort mit.
Honey wischte sich die Lachtränen aus den Augen, schniefte und hustete ein wenig. Auf keinen Fall durfte sie weiterlachen. Sie durfte einfach nicht! Es war Februar, und das Green River Hotel stand halb leer. Casper verwies Gäste an sie. Das war ein Teil der Abmachung, die sie miteinander getroffen hatten. Im Gegenzug hatte sie die Aufgabe der Verbindungsfrau zwischen dem Hotelfachverband und der Polizei übernommen.
»Zumindest ist es ein relativ warmes Kostüm, verglichen mit dem, was die Frauen hier anhaben – und die Männer, wenn ich es recht bedenke«, sagte sie so beruhigend, wie sie nur konnte.
»Ein schwacher Trost«, erwiderte Casper bitter.
Es war ziemlich deutlich, dass er sich einfach nicht aufheitern lassen wollte. Honey überlegte, ob sie vielleicht noch einmal betonen sollte, wie angenehm dieser Schichtenlook bei eiskaltem Wetter sein konnte.
»Ich hoffe, sie geben mir auch was Warmes zum Anziehen«, erklärte sie, obwohl sie genau wusste, dass man sie heute nicht mehr brauchen würde. »Ich muss sagen, ich freue mich nicht besonders darauf. Ich hatte gedacht, dass es mir Spaß machen würde. Aber die Kleider sind alle nur aus Musselin oder Seide. Vielleicht würde ich mich bei einem Sommerdreh wohler fühlen.«
Wieder machte jemand von der Kostümabteilung die Runde und sammelte die Statisten ein, die schon in ihren Regency-Kostümen steckten.
»Statisten im Kostüm, bitte hierher!«
Casper stand auf. Im Schneckentempo schlich er hinter der Herde her. Er warf der Frau aus der Kostümabteilung giftige Blicke zu.
Honey blieb bei den Mauerblümchen sitzen. Sollte sie gehen oder bleiben?
»Vielleicht wählt man uns gar nicht mehr aus«, unkte eine Frau, die sich eben neben sie gesetzt hatte. Ihre Stimme klang außerordentlich enttäuscht.
»Macht nichts. Es ist sowieso viel zu kalt für Musselin und großes Dekolleté.«
»Diese Szene soll angeblich im Frühling spielen«, erwiderte die Frau. »Da sind große Dekolletés völlig angemessen.«
»Das stimmt. Im Februar ist das allerdings eine ganz andere Sache. Und jetzt ist Februar.«
»Trotzdem schade. Ich glaube, dass ich in Blümchenmusselin und mit einem Strohhut wunderbar aussehen würde.«
Honey war nicht so begeistert von dieser Aussicht. Stattdessen dachte sie an ihren Chefkoch Smudger, der inzwischen in der mollig warmen Küche des Green River Hotels angekommen sein musste. Es war harte Arbeit, ein deftiges Frühstück zuzubereiten, aber es war immer noch besser, als sich hier den Hintern abzufrieren.
Nach diesen wärmenden Gedanken brauchte sie Bewegung. Honey stellte fest, dass ihre Augen zu dem hell erleuchteten Haus gewandert waren, das unmittelbar neben dem abgetrennten Bereich stand, in dem gedreht werden sollte.
Der Gedanke an hauchdünnen Musselin brachte den Weichling in ihr zum Vorschein. Ihr Entschluss war gefasst: Der Starruhm konnte warten. Die Wärme nicht. Mit festen Schritten steuerte sie auf das Haus auf der anderen Straßenseite zu.
Zwei Regieassistenten in Jogginghosen und dick wattierten Mänteln gesellten sich zu ihr.
»Na, besser als das Drehbuch wird es auf jeden Fall«, meinte der eine. Honey grinste, als wüsste sie, worum es ging.
»Da wird Blut fließen«, meinte die andere warm vermummte Gestalt.
Offensichtlich freuten sie sich auf einen kleinen Streit am Set. Das war auch keine Überraschung.
»Solange das Blut warm ist«, stellte Honey fest, und schlug gegen die Kälte ihren Kragen hoch.
Die beiden nickten ihr zu, als hätte sie eine tiefschürfende Weisheit von sich gegeben.
Sie folgte ihnen in einen der großzügigen Räume. Die Decke war mit herrlichen Stuckarbeiten aus georgianischer Zeit umsäumt. Die Fenster erstreckten sich von der Decke bis beinahe zum Boden. Wenn erst einmal Tageslicht hereinströmen würde, dann wäre der Raum sicherlich von Helligkeit durchflutet.
Von der normalen Einrichtung waren nur der Marmorkamin und die Seidenvorhänge übrig geblieben. Die antiken Möbel, die sonst hier standen, hatte man während der Dreharbeiten eingelagert. Stattdessen waren nun Schalenstühle aus Plastik mit Metallbeinen aufgestellt.
Honey blieb in der Tür stehen. Sie sah Stühle, die im Kreis standen; das bedeutete, dass hier sehr viel Grundsätzliches beredet werden würde. Es sollte wohl bald eine Teambesprechung stattfinden. Einige Leute saßen bereits erwartungsvoll da, andere standen wie Honey noch herum. Sollte sie gehen oder bleiben? Eigentlich hatte sie hier nichts zu suchen. Sie blieb trotzdem.
Sie quetschte sich zwischen zwei Reihen hindurch und entdeckte einen freien Stuhl, der ein wenig abseits von den anderen stand. Im Augenblick lag ein dicker Stapel Papier darauf. Honey hob ihn hoch und warf einen kurzen Blick darauf. Ein Drehbuch. Das Leben der Jane Austen.
Drehbücher brauchten keinen Sitzplatz. Honey ließ sich auf dem Stuhl nieder. Das Drehbuch hielt sie auf dem Schoß.
Der Name des Regisseurs war Boris Morris. Er war der Typ, der versucht hatte, ihr das Handy abzunehmen.
Boris war Ende vierzig, und sein Haar wurde schütter. Seine kahle Stirn sah aus, als würde sie regelmäßig mit Bienenwachs poliert. Unter der Barbour-Jacke trug er ein geblümtes Hemd, blaue Kordhosen und eine Patchwork-Weste. Er schien Honey geradewegs anzuschauen. Ob er ihr Recht in Frage stellen wollte, sich hier aufzuhalten? Wegen ihres kleinen Kontaktlinsenproblems konnte sie das nicht so genau ausmachen.
Abtauchen und Kopf runter, Mädel, überlegte sie und gab vor, im Drehbuch zu lesen.
Sie blätterte die ersten Seiten um und runzelte die Stirn. Irgendwie waren sie klebrig. Die Worte des Regisseurs rauschten über ihren Kopf hinweg. Sie bemerkte Fingerabdrücke auf dem Papier – ihre Fingerabdrücke! Sie blätterte eine Seite weiter – auch die war verschmiert.
Jemand tippte Honey auf die Schulter. »Entschuldigung.«
Sie blickte auf und geradewegs in ein hartes Gesicht mit einer gebrochenen Nase. Auf dem Schild an der Schirmmütze stand: »Ace Security«.
Der Mann schaute sie kurz an, ehe sein Blick auf ihre Hände fiel.
Sie rang sich mit Mühe ein Lächeln ab. »Bitte«, würgte sie hervor, »sagen Sie mir, dass das nur …«
Sie wollte gerade anmerken, dass es sich wahrscheinlich nur um Ketchup oder Theaterblut handelte – wenn sie sich auch absolut nicht daran erinnern konnte, ob Jane Austen je etwas mit einem Mord zu tun gehabt hatte, im Roman oder im wirklichen Leben. Und in diesem Falle …
Da flog krachend die Doppeltür auf, und alle Köpfe wandten sich dorthin. Die junge Frau, die gerade hereingestürzt kam, hatte dunkle Locken. Ihr Gesicht sah über dem lila Paschminaschal ganz bleich aus. Ihre Augen waren schreckgeweitet.
»Sie ist tot! Martyna ist tot! Erstochen!«
Lautes Stimmengewirr erhob sich im Raum.
Honeys Augen und die des Wachmanns wanderten wieder zum Drehbuch und den Fingerabdrücken.
Die Pranke des Mannes fiel schwer auf ihre Schulter. »Keine Bewegung«, sagte er. Sie konnte beinahe riechen, wie aufregend er das alles fand. Er hatte eine Mörderin dingfest gemacht. Dachte er zumindest.
Allen anderen brüllte er zu: »Ruft die Polizei. Es ist ein Mord geschehen.«
»Ich war’s nicht«, beteuerte Honey.
»Das sagen sie alle«, antwortete der Mann. »Das kenne ich aus dem Film.«