Kapitel 13

Jemand hatte in Zimmer sechzehn des Green River Hotels ein Mobiltelefon fallen lassen. Wenn das irgendwo im Schlafzimmer geschehen wäre, hätte man es leicht wieder finden können. Desgleichen im Badezimmer – sogar in der Badewanne. Aber nein. Das Ding war in die Toilette gefallen, und es hatte sogar noch jemand nachgespült. Nun steckte das Teil im Krümmer, und das Wasser staute sich.

Der Schuldige war ein Dreikäsehoch namens Joel. Er war der ganze Stolz seiner liebenden Eltern. Honey verzog ihr Gesicht krampfhaft zu einem beinahe freundlichen Lächeln und bedachte den lieben Kleinen in Gedanken mit einigen ganz anderen Namen.

Der Klempner versprach, so bald wie möglich zu kommen, konnte sich aber auf keinen festen Zeitpunkt festlegen.

Er schlug vor, inzwischen sollte jemand vielleicht versuchen, das Ding mit einem Drahtkleiderbügel aus der Toilette zu fischen. »Am besten jemand mit langen Fingern«, fügte er noch hinzu.

Honey spürte, dass dieser Kelch nicht an ihr vorübergehen würde. An mir bleibt aber auch alles hängen, dachte sie sich.

Da sich kein Freiwilliger finden wollte, holte sie einen Kleiderbügel und ihre Gummihandschuhe. Doch nun würde sie sich zum Treffen mit Doherty verspäten, das sie am Vorabend vereinbart hatten.

Ihr Atem stand in der kalten Luft in kleinen Wolken vor ihr, als sie zum Café Petit Chasseur flitzte. Es lag in einer engen Seitengasse der Quiet Street. Der Nebel hatte das Kopfsteinpflaster ein wenig glitschig gemacht. Schiefergraue Gestalten bewegten sich schemenhaft durch den Dunst. Wenn man eine lebhafte Phantasie besaß, mochte man gut und gern glauben, dass einige davon Gespenster waren.

Honey versuchte, nicht an Gespenster zu glauben. Das war allerdings nicht leicht, weil ja Mary Jane fest davon überzeugt war, dass der Geist ihres verblichenen Vorfahren im Green River Hotel spukte.

Aber derlei Gedanken verdrängte sie jetzt lieber. Sie drückte die Tür auf und wurde vom wunderbaren Aroma frisch gebrühten Kaffees begrüßt.

Doherty war schon da. Sie ließ sich auf einem wackeligen Bugholzstuhl nieder, und er warf ihr sein schiefes Lächeln zu, bei dem er immer nur eine Seite seines Mundes verzog. Er schnalzte leise mit der Zunge.

»Von allen miesen Spelunken auf der ganzen Welt musstest du unbedingt …«

Beim Wort Spelunke hatte Honey das Gefühl, als stiege ihr schon wieder der Abwassergeruch in die Nase. »Ach, bitte nicht, Steve. Ich habe den ganzen Morgen damit verbracht, in einer Toilette herumzufischen.«

Er zog die Nase kraus. »Und da wollte ich gerade den Traumprinzen geben …«

»Tut mir leid, ich habe heute nur nach Toilette duftende Gummihandschuhe im Kopf, keine gläsernen Pantoffeln.«

»Da kann der Tag eigentlich nur besser werden.«

Sie schnitt eine Grimasse. »Ich bin mir nicht so sicher. Heute Abend habe ich im Hotel eine Veranstaltung des Women’s Institute.«

Seine Augenbrauen verschwanden beinahe unter dem Haaransatz. »Du?«

»Na, ich bin da nicht Mitglied oder so. Obwohl das ja ein sehr ehrenwerter Verein ist. Seit die Mädels sich einmal für wohltätige Zwecke nackt für diesen Pin-up-Kalender haben fotografieren lassen, glaubt niemand mehr, dass da nur langweilige Hausfrauen mittleren Alters mitmachen. Und die Marmeladen und Biskuitkuchen, die sie zaubern, sollen ja unübertrefflich sein. Aber ich habe es nicht so mit dem Marmeladenkochen. Ich muss trotzdem leider gleich ins Green River zurück und ein paar Königinnenpastetchen füllen.«

Er nickte und grinste sarkastisch. »Ich könnte heute Nachmittag auch Zeit erübrigen und ein bisschen was füllen.«

Sie reagierte nicht auf diese zweideutige Bemerkung. Heute war einfach nicht ihr Tag.

Er begriff das. »Ich habe Cappuccinos bestellt.«

Zuerst erzählte sie ihm, was Bernard, der Langweiler, ihr erklärt hatte.

»Ja, Geld ist immer ein wichtiges Motiv«, bestätigte Doherty.

Zweitens besprachen sie die Frage, warum man wohl in einen leeren Wohnwagen einbrechen sollte.

»Wer zum Teufel war das?«

Honey leckte sich den Milchschaum von den Lippen. »Es hätte jeder sein können, meinetwegen sogar Frosty, der Schneemann. Er oder sie war so gut gegen die Kälte vermummt.«

»Gefehlt hat nichts. Das haben wir überprüft.«

Honey runzelte die Stirn. »Aber irgendeinen Grund muss es doch gegeben haben.«

Doherty zuckte betont lässig die Achseln. Das garantierte ihm sofort Honeys Aufmerksamkeit. Er sah dann immer so unwiderstehlich aus. Es lag ein Hauch Philip Marlowe in der Luft. Einen Augenblick lang vergaß sie sämtliche Toiletten und Gummihandschuhe.

»Wie groß war denn die Gestalt?«, fragte er und lümmelte sich in seinem Stuhl zurück, während sie krampfhaft versuchte, sich daran zu erinnern. Wenn er sie so anschaute, konnte sie sich einfach nicht konzentrieren. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als an eine kalte Dusche zu denken. Das funktionierte immer.

»Groß, ziemlich groß. Hätte auch ein Mann sein können.«

»Oder eine sehr große Frau.«

»Sheherezade Parker-Henson ist ziemlich hochaufgeschossen.«

»Muss sie auch sein, bei dem Namen.«

»Aber das gilt auch für Derek Byrne, den Tontechniker. Und für Boris Morris, den Regisseur. Und für Graham, den Mann mit der Klappe, und …«

»Klingt wie eine Einkaufsliste.«

»Ich mag Listen.«

Doherty rieb sich die Augen. »Tut mir leid. Ich arbeite einfach zu viel und bin schon ein richtiger Langweiler geworden.« Plötzlich stockte er mitten in der Bewegung und schaute ihr tief in die Augen. »Hast du Lust, heute Abend ein bisschen was Nettes zu unternehmen?«

Sie schüttelte den Kopf.

Er hob abwehrend die Hände. »Sag bloß nicht, dass die Mädels vom Women’s Institute zum Abendessen alle Königinnenpastetchen essen wollen.« Sein Blick war gleichzeitig belustigt und enttäuscht.

»Das nicht …«, sagte sie langsam und lächelte ihn an. »Ich werde mein Möglichstes tun, um Zeit für dich zu finden. Aber versprechen kann ich nichts. Außerdem ist da noch was.« Sie lehnte sich über den Tisch zu ihm hinüber und genoss den Duft seines Rasierwassers. »Wenn du ein braver Junge bist, erzähle ich dir was ganz Aufregendes.«

Auch er beugte sich nun zu ihr. »O ja?«

»Im späten achtzehnten und frühen neunzehnten Jahrhundert haben die Damen gar keine Hutnadeln benutzt.«

Doherty schaute sie verständnislos an. Dann fiel der Groschen. »Also ist unsere Hauptdarstellerin gar nicht unbedingt mit der Nadel aus ihrem eigenen Hut erstochen worden.«

»Vielleicht hat der Täter das Ding mitgebracht.«

»Möglich. Oh, und Richard Richards hat gesehen, wie die Chef-Maskenbildnerin in den Wohnwagen gegangen ist, kurz bevor man Martyna gefunden hat. Ich glaube, er hat auch noch andere Leute reingehen sehen, aber er ziert sich im Augenblick ein bisschen. Er fühlt sich ganz besonders großartig, wenn er einem gnädigerweise die Informationen Bröckchen für Bröckchen vorwirft, anstatt einfach alles gleich zu berichten.«

Doherty zog die Stirne kraus. »Ach ja? Na, ein bisschen was haben wir von ihm schon bekommen. Er hat uns noch ein paar andere Namen genannt. Alles Leute aus der Crew. Warum hat er dir nicht das Gleiche erzählt?«

Honey dachte darüber nach. »Vielleicht wollte er den Verdacht auf eine bestimmte Person lenken. Andererseits lässt er sich gern zum Mittagessen einladen. Und ich habe seine Kochkünste gelobt. Das hat ihm besonders gut gefallen.«

»Wirklich eine traurige Gestalt.«

»Wer? Er oder ich?«

»Er natürlich.«

Honey hob mit dem Löffel die Schokoladensplitter vom Milchschaum ihres Kaffees und streifte sie auf dem Unterteller ab. Es waren zwar nur ein paar Krümel, aber sie hatten einen Haufen Kalorien.

Doherty tupfte die von ihr verschmähten Schokoladenstückchen mit dem Finger auf und lutschte sie genüsslich. »Normalerweise hätten wir erst mal ihren Verlobten befragt – aber der schwebte zur Tatzeit irgendwo mitten über dem Atlantik in den Wolken, habe ich mir sagen lassen.«

»Schade, das hätte die Sache sehr erleichtert.«

»Da hast du verdammt recht. Was für Motive haben wir also?«

Honey überlegte. »Ich wäre für Neid unter Kolleginnen.«

Doherty dachte darüber nach. Er schaute immer ganz finster, wenn er sich ernsthaft an die Arbeit machte. »Haufenweise Verdächtige. Die eine Hälfte der Leute hat ehrlich zugegeben, dass sie Martyna nicht leiden konnte, die andere Hälfte hat sich redlich bemüht, das zu verbergen.«

»Hast du irgendjemand besonders auf dem Kieker?«

Er grummelte etwas, das weder eine Zustimmung noch eine Ablehnung war. »Etwa sechs Leute.« Er zählte sie an den Fingern ab. »Zwei von der Maske, die Zweitbesetzung, die Leiterin der Kostümabteilung, den Tontechniker und den Regisseur. Ich hätte auch den Drehbuchautor noch dazugezählt, aber der ist nie am Set – jedenfalls nicht oft. Die Frau, die das Drehbuch gefunden hat, würde ich ausschließen – mit der Begründung, dass sie die Verstorbene erst am Tag des Mordes kennengelernt hatte.«

Damit meinte er natürlich Honey. »Obwohl wir uns gleich in die Haare geraten sind«, meinte sie. Sie langte über den Tisch hinweg und tupfte Doherty mit einer Papierserviette den Milchschaum von der Oberlippe.

»Martyna Manderley war ein echtes Miststück. Ich glaube, ich hätte sie auch umgebracht, wenn ich länger mit ihr hätte zusammenarbeiten müssen. Du weißt doch, sie hat mich beschuldigt, ich hätte mit dem Mobiltelefon ein Bild von ihr gemacht, um es an die Klatschzeitungen zu verscherbeln. Kannst du dir das vorstellen?«

»Hättest du denn heimlich so was geplant, so was Gewinnbringendes?«

Sie grinste und zog verschwörerisch die Augenbrauen in die Höhe. »Was zahlen die denn so üblicherweise?«

Er grinste zurück. »Typisch hysterischer Superstar. Irgendwie verrückt, dass sie bei all dem Geld, das sie scheffeln, anderen Leuten nicht gönnen, dass sie auch ein bisschen was verdienen.«

»Manche wollen einfach immer mehr, und Martyna wollte ihren Schnitt von zehn Prozent.«

Dohertys Miene war wieder sehr ernst geworden. »Ich glaube, wir sehen uns jetzt diesen Wohnwagen noch einmal an.«