Um fünf Uhr dreißig aus dem Bett! Um sechs Uhr dreißig am Set. Für einige Leute war das eine unchristliche Zeit zum Aufstehen, aber Honey war daran gewöhnt.
Am Vorabend hatte ihre Mutter angerufen und sie daran erinnert, bloß den Wecker zu stellen.
»Ich sehe dich dann am Set«, hatte sie noch hinzugefügt. »Du erinnerst dich doch, dass morgen in den Henrietta Gardens gedreht wird?«
Natürlich wusste Honey das. Eines der Häuser an dieser Straße sollte als das Haus herhalten, in dem Jane während ihres Aufenthaltes in Bath gewohnt hatte. Eigentlich hatte die Schriftstellerin am Sydney Place und in der Gay Street residiert. Die Gay Street kam nicht in Frage. Dort konnte selbst der geschickteste Tontechniker nicht den Lärm der vielen Touristenbusse ausblenden.
Der Sydney Place war schon besser, aber irgendwie immer noch nicht ganz passend. In seiner Verzweiflung hatte das Filmteam beschlossen, Henrietta Gardens als Hintergrundkulisse zu benutzen. Diese Straße konnte man während der Dreharbeiten völlig absperren. Besser noch war, dass man die für die Produktion benötigten Lastwagen und Busse am Rand des an der Straße gelegenen Parks und sogar im Park selbst abstellen konnte. Die Stadtverwaltung hatte überall riesige Planen auslegen lassen, um den Rasen zu schonen, selbstverständlich auf Kosten der Produktionsgesellschaft.
Es war reine Boshaftigkeit, dass Honey bei Steve Doherty anrief, um sich zu erkundigen, wann er kommen würde, um die Maskenbildnerin zu befragen.
Sie tippte seine Nummer. Seine verschlafene Stimme ertönte. »Wer zum Teufel ist da?«
»Ihr Weckruf«, sagte Honey und hielt sich dabei mit zwei Fingern die Nase zu, um ihre Stimme zu verstellen.
»Verpiss dich.«
»Ich hatte gedacht, du kämst heute, um dem Mädel von der Maske ein paar Fragen zu stellen.«
»Mach ich.«
»Und Candy?«
Plötzlich war er abgelenkt. »Ich ruf dich gleich zurück. Mein anderes Telefon klingelt.«
Als sie gerade losgehen wollten, kam eine Gestalt in einem rosa Flanellschlafanzug die Treppe heruntergeschwebt. Mary Janes Hausschuhe hatten die gleiche Farbe wie der Pyjama und waren mit tellergroßen Augen und Schlappohren verziert: zwei rosa Häschen. Genau das Richtige für die modebewusste Dame über Siebzig!
»Ich habe mir gedacht, ich warne dich besser«, flüsterte Mary Jane. »Sir Cedric schlägt vor, dass du ein Schinkensandwich und ein Schokoladencroissant mitnehmen solltest.«
»Gut.« Honey bemerkte, dass sie wie auf Autopilot reagierte. Doch das war nicht weiter verwunderlich. Der frühe Morgen war nicht ihre Tageszeit. Im Hotelgewerbe waren die Leute früh am Morgen allgemein so drauf. Klar, sie war es gewöhnt, früh aufzustehen, aber das hieß nicht, dass das Hirn schon voll funktionsfähig war.
»Ich habe nur gedacht, ich sage dir lieber Bescheid«, meinte Mary Jane, ehe sie wieder die Treppe hochschlappte und ins Bett zurückging.
Honey und ihre Tochter schauten einander verdutzt an. Worum war es da wieder gegangen?
Lindsey zuckte die Achseln. »Null Ahnung.«
Sie marschierten in der kühlen Morgenluft durch die Stadt. Das flotte Schritttempo hielt sie warm.
»Ganz schön frisch«, sagte Lindsey und meinte es auch.
Honey zog sich den Schal noch ein wenig höher vors Gesicht. Ihre Nase lief schon rot an. Sie konnte mit eigenen Augen sehen, wie die Nasenspitze sich verfärbte.
»Hat Jane Austen je etwas über Rudolf Rotnase geschrieben?«
»Nein. Weihnachten war damals noch nicht so kommerziell. Hat Großmutter wieder erwähnt, dass sie etwas dagegen hat, dass du dich mit einem Buchhändler einlässt?«
»Doherty kommt auch.«
»Bei dem ist sie der gleichen Meinung. Sie findet keinen von beiden gut genug für dich.«
»Er kommt aus rein beruflichen Gründen.«
»Oma hat auch noch einmal angemerkt, dass er nicht reich ist.«
»Onassis ist ja gerade nicht zu haben.«
»Der ist tot.«
»Eben.«
Die Bäume im Henrietta Park waren im Dunst des frühen Morgens nur schemenhaft zu sehen. Die Leute von der Filmcrew wanderten wie verlorene Seelen umher, graue Gestalten in wattierten Jacken, die die Klemmbretter fest in den in buntgeringelten Wollfäustlingen steckenden Händen hielten.
Gloria Cross stand zu ihrem Wort und war schon vor Ort, um allen die Weisheit ihres Alters angedeihen zu lassen.
»Hannah! Auf ein Wort, ehe man uns aufruft, um als Schauspielerinnen zu agieren.«
Agieren war vielleicht nicht ganz das richtige Wort, mit dem Honey dieses In-der-Landschaft-Herumstehen bezeichnet hätte, aber sie ließ es durchgehen. Ihre Mutter stellte sich dicht neben sie und zischelte ihr aus dem Mundwinkel zu: »Ich bleibe in der Nähe, Hannah. Du brauchst jemanden, der dir hilft, dich auf deinen Text zu konzentrieren.«
Zum Glück winkte ihr gerade Richard Richards zu. Honey winkte begeistert zurück.
»Entschuldige, Mutter. Ich glaube, jemand bietet mir gerade ein besonders großes Schinkensandwich an.«
Und da stand sie auch schon ganz vorn in der Schlange. Sofort tauchte John Rees hinter ihr auf.
»Toll, dich zu sehen.«
Sein Lächeln war so warmherzig wie immer, und seine Augen funkelten. Sie funkelten sehr hell, wenn man bedachte, dass er sich tagein, tagaus mit verstaubten Büchern beschäftigte.
Honey bekam gar keine Gelegenheit, ihn begeistert zu begrüßen. Mit lautem Knall wurde ein Teller vor ihrer Nase auf die Theke gedonnert.
»Meine Spezialität«, kommentierte Richard Richards, dessen Gesicht feucht und rosig glänzte. Das Omelette war sehr bunt, hellgelb mit weißen, schwarzen und lila Brocken drin.
»Blutwurstomelette. Mit Roter Bete«, sagte er stolz. »Hier haben Sie Messer und Gabel.«
»Wahnsinn!«
Mehr brachte sie nicht heraus. Sie wagte nicht, ihm zu gestehen, dass sie Blutwurst hasste. Diese fette Wurst aus Schweineblut hätte man ihrer Meinung nach lieber weiterhin nur in Yorkshire serviert. Die Leute im Norden hatten wohl stärkere Mägen.
»Es ist ein bisschen frisch, da nehme ich das Omelette lieber in den Bus mit«, sagte sie beherzt. Sie schmiedete bereits Pläne, wie sie das Zeug am besten entsorgen könnte.
»Warten Sie!«
Sie gehorchte. Was denn nun noch?
»Hier ist eine schöne Tasse Cappuccino. Ich habe noch Minzschokolade oben auf die Sahne gekrümelt – vollfett natürlich – aus Cornwall übrigens.«
Sie hasste Minze. Und ein Cappuccino mit doppelt fetter Sahne aus Cornwall? Zu Blutwurst?
Da galt es, das richtige Gleichgewicht zwischen Takt und Aufrichtigkeit zu finden.
»Nun, davon wird mir sicher warm, Richard. Und es ist so einzigartig. Vielen herzlichen Dank.«
Sie trat von der hölzernen Plattform, auf der alle vor der Theke Schlange standen, die ein Frühstück haben wollten.
Der Duft des gebrutzelten Specks war so verlockend, dass sie überlegte, ob sie nicht umkehren und ihren Teller gegen ein Specksandwich eintauschen sollte. Mit Ketchup! Oder brauner Soße!
Das Gespräch zwischen Richard Richards und John Rees brachte sie von diesem Gedanken ab.
John Rees gab seine Bestellung auf. »Speck, Würstchen, Kartoffelpuffer und geröstetes Brot. Kein Ei.«
»Kein Ei? Auch nicht pochiert? Kein Omelette? Auch kein Rührei?« Richard Richards Stimme klang, als wäre er der Papst und John Rees hätte sich gerade höchst gotteslästerlich geäußert.
John Rees erklärte: »Ich hasse Eier. Mir wird schlecht, wenn ich Eier esse. Oder Sahne. Kann das Zeug nicht vertragen. Oh, und wenn Sie das Brot bitte nur leicht rösten würden.«
»Ich habe Toast.«
»Ich möchte keinen Toast.«
»Nun, und in der Pfanne geröstetes Brot, das mache ich nicht. Das ist so gewöhnlich.«
»Gut. Dann lassen Sie das geröstete Brot eben weg.«
Es war deutlich zu sehen, dass Richard Richards diese Bestellung nur unter Protest ausführte. »Manche Leute haben eben einfach keinen Geschmack! Vor allem Amis! Wenn es McDonalds nicht gäbe, die würden glatt alle verhungern.«
»Du hast ihn verärgert«, schloss Honey.
John schaute auf seinen Teller. »Er hat mir Rührei gegeben. Ich habe ausdrücklich erklärt, dass ich das gar nicht mag.«
»Ich hätte dich warnen sollen«, meinte Honey, als sie sich auf den Weg zu dem Doppeldecker machten, der als »Speisesaal« benutzt wurde. »Richard Richards hält sich für den größten Meisterkoch des Film-Catering. Und er kann mit Kritik nicht eben gut umgehen.«
Der Bus war beinahe leer. Es war noch früh, und für diesen Dreh wurden nicht viele Statisten benötigt. Sogar unten war noch Platz.
Sie schauten beide die Teller mit mildem Abscheu an.
»Wir teilen«, schlug John vor.
»Gute Idee.«
Richard Richards hatte ihr ein Baguettebrötchen und Butter gegeben. Sie schnitten es auf und füllten es mit Würstchen und Speck. Honey teilte alles gerecht auf: ein Drittel für sich, zwei Drittel für John.
»Ich esse auch noch das Rührei«, beschwichtigte sie John, der schon protestieren wollte. »Und wenn du ein, zwei Schlucke Kaffee für mich hättest?«
Sie begannen zu essen und brachten sich gegenseitig auf den neuesten Stand.
John Rees hatte eine richtige Sprechrolle an Land gezogen. »Und rate mal, was für eine? Ich spiele einen Bücherverkäufer.«
»Ich habe eine Komparsenrolle. Ich glaube, ich gebe eine Zofe. Ich muss nur einfach hinter jemandem herlaufen. Kann mir nicht vorstellen, dass das viel schwieriger ist, als nur eine Statistin zu sein, aber, na ja. Wusstest du, dass sie die Statisten hinstellen, um Parkuhren und Straßenlaternen zu verdecken?«
»Ist wahrscheinlich billiger, als all das Zeug mit dem Computer rauszunehmen«, meinte John, während er beherzt Brötchen und Speck mampfte.
Honey fühlte sich privilegiert. Man hatte ihr gesagt, sie sollte sich in dem großen Wohnwagen melden, der in zwei Abteilungen unterteilt war: Verwaltung und Maske. Nur die Komparsen, die Leute mit den kleinen Rollen und natürlich die Stars selbst genossen den Luxus, in der Maske geschminkt zu werden.
John stopfte sich das letzte Stück Brötchen in den Mund und wischte sich die Finger an einer Papierserviette ab. »Wollen wir heute Mittag wieder Essen tauschen?«
Honey hatte nichts dagegen. Es war schön, John wiederzusehen. »Zumindest gibt’s dann wahrscheinlich keine Eier. Und darf ich dich bitten, mir einen Kaffee zu besorgen?«
Er versprach es. Sie kratzten die Essensreste in einen Eimer und stellten die Teller auf dem Tisch ab.
»Morgendämmerung«, meinte John und wandte sich nach Osten.
»Ob du wohl Pantalons tragen musst?«, erkundigte sich Honey.
Er grinste. »Ich nehme an, ja.«
»Die liegen eng an wie Strumpfhosen.«
Sein Grinsen wurde noch breiter. »Ach ja?«
»Ich werde nach dir Ausschau halten. Übrigens, wusstest du, dass die Damen im Regency-Zeitalter nie Unterwäsche trugen?«
»Und damit willst du mir was sagen …?«
»Ich lasse meine Strumpfhose und ein Paar Leggings an. Meinst du, die merken das?«
Heute war es nicht wärmer als am Vortag. Die Sonne kämpfte vergebens gegen die Kälte und den Nebel an.
Die zweite Regieassistentin kam, um Honey abzuholen.
»Lassen Sie mich mal Ihr Gesicht sehen«, verlangte sie.
Honey ließ sie in ihr Gesicht starren.
»Sie haben kein Make-up drauf?«
»Nein. Man hat mir gesagt, dass sollte ich nicht machen.«
»Gut. Sie spielen eine Apfelfrau. Wir wollten jemand mit einem Mondgesicht und lebhaftem Teint, roten Backen und so. Da passen Sie prima.«
»Wie reizend«, sagte Honey in sarkastischem Tonfall. »Sind Sie immer so taktvoll?«
Die junge Frau schaute sie verständnislos an. »Entschuldigung?«
Honey schüttelte den Kopf. »Ach, nichts. Sie sollten sich allerdings besser keinen Job suchen, bei dem sie depressive Leute betreuen müssen.«
Es war schlimm genug, dass sie so früh am Morgen hatte aufstehen müssen, wenn auch die kalte Luft sehr erfrischend wirkte. Aber dass sie ein Mondgesicht und einen lebhaften Teint haben sollte, gab ihr den Rest.
Im Wohnwagen war es warm und gemütlich. Honey machte es sich auf einem Stuhl vor einer völlig verspiegelten Wand bequem. Eine Fußstütze verlief über die ganze Länge des Raumes und endete an einer Seite in einem großen Spind. Das Ende der Stange, auf die man die Füße setzen konnte, war in das Spind integriert. Das war ein guter Trick, denn so war sie stabil.
»Passen Sie ein bisschen mit den Füßen auf«, sagte Courtney, die junge Maskenbildnerin mit den rosigen Wangen. »Das Spind ist ziemlich wackelig.«
Honey war so froh, die Füße hochlegen zu können, dass sie trotz der Warnung nicht sonderlich aufpasste. Prompt wackelte das Spind.
»Wo ist Ms Parker-Henson?«, erkundigte sich Honey.
»Weiß nicht.« Courtneys Hände zitterten. »Aber ich wünschte, sie wäre hier. Ich kann das auf keinen Fall alles allein schaffen.«
»Sie hat wohl gestern Abend ein bisschen ausgiebig gefeiert?«
Die Antwort kannte Honey schon, aber sie fragte sich, ob die junge Frau auch Bescheid wusste.
»Sie hat gesagt, dass sie mit dem Team ausgehen wollte. Ich bin nicht mitgegangen.« Courtneys Wangen röteten sich noch mehr. »Ich hatte eine Verabredung.«
»Ihre Augen glänzen so. Es sieht ganz so aus, als hätten Sie einen schönen Abend verbracht.«
Die Röte wurde noch tiefer. »O ja. Wir wollen uns verloben.«
»Wie schön. Ich wette, Sie brennen darauf, das Ihrer Kollegin zu erzählen. Ich wüsste zu gern, wo sie ist?«
Courtney zuckte ratlos die Achseln.
Honey bewegte nur die Augen und schaute auf die Uhr. Schon bald würde Doherty auftauchen. Der hatte ja vor, Sheherezade Parker-Henson zu befragen. Hatte sie ihn gestern Abend bemerkt und war in Panik geraten? Das würde allerdings bedeuten, dass sie etwas zu verbergen hatte.
Honey beschloss, die Sache weiter zu verfolgen.
»Hat sie sich sonst noch mit jemandem getroffen, außer mit den Leuten vom Team?«
Die junge Frau, die an Honeys Gesicht herumtupfte, stand unter großem Druck. Die Freude, die sich beim Gespräch über ihre bevorstehende Verlobung auf ihren Zügen gezeigt hatte, war inzwischen nicht mehr zu sehen.
»Soweit ich weiß, nicht. Aber eigentlich erzählt sie mir nichts. Wir arbeiten zusammen, aber wir sind nicht befreundet.«
»Sie hat wohl andere Freundinnen, die ihr im Alter näher stehen?«
Courtneys Gesicht verfärbte sich von Erdbeerrosa zu Scharlachrot. »Ich denke schon«, murmelte sie.
Man musste kein Genie sein, um zu merken, dass Courtney wusste, dass die Chef-Maskenbildnerin sich mehr für weibliche Wesen interessierte. Sie nickte nur. Ja, Martyna Manderley und Sheherezade Parker-Henson waren Freundinnen gewesen. Offensichtlich weit mehr als nur Freundinnen, überlegte Honey.
Kalte Morgenluft wehte in den Wohnwagen, als ein Typ namens Deke erschien, ein weiterer Assistent des Regisseurs Boris Morris.
Er war Mitte zwanzig und hatte sicherlich irgendwann beim Frisör den kürzestmöglichen Bürstenhaarschnitt verlangt. Pech für ihn, dass er einen starken Haarwuchs hatte. Inzwischen standen die Haare wie schwarze Borsten auf einem Schrubber in die Höhe. Er hatte schwarze Augen, und seine Oberlippe zierte ein dünner Schnurrbart. Vielleicht sollte der als Gegengewicht zu dem Kurzhaarschnitt dienen, dachte Honey. Vielleicht war er aber auch nur aufgemalt. Gewundert hätte es sie nicht. Vielleicht hatte Courtney den Bart für ihn hingepinselt.
»Courtney, Schätzchen, ist die Apfelfrau fertig?«
Nein, bin ich nicht, wollte Honey antworten.
Schwer im Stress, mit nur zwei Händen und einer langen Schlange von Straßenfegern, Verkäufern und eleganten Paaren in Samt und Seide, stand Courtney kurz vor einem mittleren Nervenzusammenbruch.
»Ich bin ganz allein hier«, platzte sie schließlich mit gepresstem Stimmchen heraus. Es schien, als würde sie jeden Augenblick in Tränen ausbrechen. »Und ich tue wirklich, was ich kann, aber allein schaffe ich es einfach nicht!«
Honey bemerkte, wie sehr ihre Hände zitterten.
Deke, der Dreckskerl, wie Honey ihn gerade getauft hatte, verdrehte die Augen.
»Leg einen Zahn zu, Süße. Das bisschen Tünche sieht sowieso keiner. Die stehen ja nicht im Rampenlicht!«
Seine kesse Bemerkung ließ die junge Frau nur noch mehr zittern. Honey tat sie leid. Okay, der Typ hatte auch seinen Job zu machen, aber Sozialkompetenz war garantiert nicht seine Stärke.
»Das musste ja eines Tages passieren«, meinte Deke. »Es war abzusehen, dass die verdammte Sheherezade Parker-Henson irgendwann einmal unter die Räder kommt. So supereingebildet wie die ist. Hast du ’ne Ahnung, wo sie stecken könnte, Schätzchen?«
»Weiß nicht«, antwortete Courtney. Der Pinsel bebte in ihrer Rechten. Dickes Rouge von der Farbe roten Ziegelstaubs bröselte aus einem Döschen in ihrer linken Hand.
Honey hielt die Augen weit aufgerissen und betrachtete ihr Spiegelbild. Wenn sie Pech hatte, würde sie am Ende aussehen wie der Kerl, der im Weihnachtsmärchen die Frauenrolle spielte. Besonders ekelig war die Warze, die man ihr an die Nasenspitze geklebt hatte. Im Augenblick war sie eher Wetterhexe als Apfelfrau. Dieser Deke fiel ihr inzwischen auch ziemlich auf den Wecker, und Courtney brauchte ein bisschen Unterstützung.
»Sehen Sie mal«, sagte sie und wandte sich an Deke, während sie gleichzeitig Courtneys bebende Hand packte. »Das Mädel hier versucht gerade alles Menschenmögliche. Aber sie kann es schlecht allein schaffen. Meinen Sie nicht, es wäre eine gute Idee, wenn jemand die andere Frau von der Maske suchen ginge? Vielleicht hat sie verschlafen?«
Deke starrte sie an, als wäre sie gerade vom Himmel gefallen. Selbst für die niedrigsten Chargen im Team waren die Statisten das Allerletzte. Wie Kinder in der guten alten Zeit sollte man sie sehen, aber bloß nicht hören.
»Ich lasse mir doch von einer ganz gewöhnlichen Statistin nicht sagen, was ich zu tun und zu lassen habe!«
»Ich bin Komparsin!«
Er packte sie bei der Schulter. »Auf diesem Set sind Sie rein gar nichts, liebe Dame! Vielleicht ein winziger Bruchteil mehr als die große fette Null!«
Da kochte die Wut in ihr hoch. Die Apfelfrau verwandelte sich in Lara Croft. Vielleicht lag es am Make-up. Vielleicht auch nicht.
»Also jetzt machen Sie mal halblang, Sie kleiner Rotzbengel …«
Leider war sie ein wenig zu schnell und unelegant von ihrem Stuhl aufgefahren. Die Stange, auf der ihr Fuß geruht hatte, löste sich aus ihrer Befestigung. Das Spind, in das das andere Ende hineingesteckt war, neigte sich, schwankte und krachte zu Boden.
Deke blies sich zu seinen vollen ein Meter sechzig auf, die Fäuste in die Hüften gestemmt. »Da!«, keifte er mit wütendem Schnauben. »Jetzt schauen Sie sich an, was Sie angerichtet haben! Also, ich sammle das Zeug nicht ein.«
Honey hatte es die Sprache verschlagen. Sie war sich verschwommen bewusst, dass auch Courtney in die gleiche Richtung schaute wie sie. Deke hatte allerdings nichts bemerkt. Wahrscheinlich war er nicht der hellste Stern am Firmament, entschied Honey.
Unter dem Spind sickerte eine dunkelrote Flüssigkeit hervor.
Honey rief sich in Erinnerung, dass sie sich am Filmset befand. Vielleicht war diese Flüssigkeit nicht das, was sie vermutete. »Ich nehme an, Sie bewahren in dem Spind keine Tomatensoße auf oder was immer Sie als Ersatz benutzen.«
»Es ist echtes Blut«, flüsterte Courtney.
Ihre Augen starrten wie gebannt auf die langsam größer werdende Lache. Langsam nahm sich Honey den Schminkumhang vom Hals.
»Das hatte ich vermutet.«
Da begann Courtney zu schreien. Schminkpinsel flogen in alle Richtungen auf den Boden.