Das Telefon klingelte. Martyna riss die Augen auf und stürzte sich darauf. »Ja!«
»Hallo!«
Sie erkannte die Stimme ihres Verlobten Brett Coleridge. Ihr Klammergriff um das Telefon entspannte sich. »Na, sag mal, Schätzchen. Das ist aber eine Überraschung – eine wunderbare Überraschung!«
Die bissige Geierschildkröte hatte sich in eine schnurrende Miezekatze verwandelt. Selbst ihre Augen hatten etwas Katzenhaftes, als sie nun lächelte.
»Ich wollte dich überraschen. Du solltest wissen, dass ich an dich denke.«
»Ach, Brett, das ist ja so cool. Natürlich wäre es noch besser, du wärst hier – wenn du weißt, was ich meine –, aber trotzdem supergut. Ich liebe deine Stimme. Ich liebe deinen Körper, nicht unbedingt in dieser Reihenfolge. Sprich mit mir. Mach mich heiß.«
Sie streichelte den Hörer, während sie sprach, und schlug die Beine unter. Verdammt noch mal, dann kam sie eben zu spät für den Dreh dieser Szene. Es geschah Boris ganz recht, wenn er sich wieder aufregte und ein paar Pillen einwerfen musste. Er hätte eben diese Frau mit ihrem Telefon vom Set schmeißen sollen! Die Frau hatte sie nämlich in Rage gebracht. Boris hatte sie in Rage gebracht.
Brett war genau, was sie jetzt brauchte. Er verdiente es, dass sie ihm Zeit schenkte. Und ihn ermutigte – und natürlich mit Vorfreude erfüllte. Der sollte sich ruhig weiter nach ihr verzehren; sie musste sein Interesse wach halten. Brett war reich. Brett hatte von seinem Vater ein Bankunternehmen und eine Schifffahrtslinie geerbt. Ein Muskelprotz mit einem dicken Bankkonto – besser ging es nicht.
»Okay.« Er sprach ganz langsam, wie immer, wenn er ihr den Mund wässrig machen wollte mit den Versprechungen, was er alles mit ihr anstellen würde, sobald sie einander endlich wiedersehen würden.
Sie lachte oft und kehlig, während er redete. Brett war nicht nur reich, er besaß auch eine abenteuerliche sexuelle Phantasie.
»Ich bin überhaupt nicht fromm«, hatte er ihr beim ersten Treffen gesagt. »Die Missionarsstellung kannst du also schon mal vergessen. Ich bin ein Typ mit einer äußerst fruchtbaren Vorstellungskraft. Ich hoffe, das macht dir nichts aus.«
Damals wäre sie am liebsten gleich auf der Stelle mit ihm ins Bett gesprungen, hatte sich aber überlegt, dass sie ihn besser noch ein wenig hinhalten sollte. Eine Nacht im Bett mit einem reichen Mann war eine Sache. Ein Ehering und ein Anspruch auf einen Teil seines Vermögens, das war schon etwas ganz anderes.
Also hatte sie einen Schmollmund gemacht und über ihr Weinglas hinweg geschnurrt: »Übung macht den Meister, heißt es ja. Und wenn du mich dabei an der Hand nimmst und führst, dann denke ich, dass ich schon klarkomme.«
Bei der Erinnerung an jenen Tag musste sie lächeln. Als Vollblutschauspielerin hatte sie das Maximum aus der Nummer »Mädchen von nebenan« herausgequetscht. Allerdings hatte Brett nicht erwartet, dass sie noch Jungfrau war; nicht heutzutage.
Sie nestelte an ihrem Telefon herum, während sie mit ihm sprach. »Du weißt wirklich, wie du ein Mädchen scharf auf dich machen kannst, Brett. Wann kann ich wieder damit rechnen, dass du mich live auf Touren bringst?«
Er grunzte leise und zufrieden wie ein Raubtier, das sich genüsslich streckt. »Früher als du denkst, Süße. Früher als du denkst.«
»Wie ist es in New York?«
»Nur in der Stadt?«
Er lachte. »He, Schätzchen … was denkst du denn?«
»Ich denke, dass ich etwas mehr brauche als nur warme Unterwäsche, damit mir richtig heiß wird.«
»Da will ich mich lieber gar nicht erkundigen, wie du mit Jane Austen klarkommst. Kinderspiel, oder?«
Martyna knurrte. »Ach, ich hätte viel lieber was mit richtigem Gossenslang. Hör dir doch mal das an.«
Sie nahm ihr Drehbuch in die Hand. »Unsinn und Frivolitäten, Launen und Unwägbarkeiten, all das unterhält mich, ich gestehe es gern ein, und ich lache darüber, wann immer ich kann.«
»Was soll das denn heißen?«
»Die liebe gute Jane hielt nicht viel vom gesellschaftlichen Leben in Bath. Nannte die Stadt zu blendend weiß. Ich denke mal, wir würden heute sagen, sie ist zu schrill und direkt. Jane hatte auch nichts übrig für Abendveranstaltungen und Tanzen bis zum Morgengrauen. Hatte wohl die Beine mit Superglue zusammengeklebt, wenn du mich fragst.«
Bretts Lachen war kehlig und dreckig. »Das beweist nur, dass sie nie den richtigen Mann kennengelernt hat. Ich wäre sicherlich schon jetzt an Orte vorgedrungen, wo niemand vorher je war.«
»Oder hinterher«, gab Martyna zurück.
Hätte Brett ihr Gesicht sehen können, dann hätten ihm das eifersüchtige Schmollen und die gerunzelte Stirn gefallen. Auf derlei Mätzchen fuhr Brett voll ab. Aber jetzt konnte er nichts davon sehen, und Martyna war froh darüber.
Sie säuselten einander »Ciao« ins Ohr und legten auf.
Martyna lehnte sich in die Kissen zurück und lächelte. Irgendjemand hatte ihr vor Jahren einmal erzählt, dass man dem Kosmos seine Wünsche mitteilen musste. Das heißt, man musste um etwas bitten und fest dran glauben, dass dieser Wunsch wirklich in Erfüllung gehen würde. In Martynas Fall hatte sich der Kosmos selbst übertroffen. Sie hatte das phantastische Aussehen, das hilfreich war, wenn man nur über eine mittelmäßige Begabung verfügte. Mit diesem Aussehen verdiente man sich das Geld, um die zusätzliche Ausbildung bezahlen zu können. Noch ein bisschen Glück und Unterstützung durch die richtigen Leute – Leute mit Geld und einem Auge für schöne Frauen – und fertig war das Erfolgsrezept. Sie hatte alles bekommen, was sie wollte, und viel mehr noch. Filmsets waren für sie wie eine Droge geworden. Hier verspürte sie einen Kitzel, von dem sie nie genug bekam.
Sie war wie die Königin mitten im Bienenstock, von den Arbeiterinnen umschwirrt, die ihr jeden Wunsch von den Augen ablasen. Alle, mit Ausnahme dieser blöden Kuh Sheherezade!
Da überlief sie ein kalter Schauer. So, wie sie sich im Augenblick fühlte, konnte sie auf keinen Fall vor die Kamera treten.
»Also ruhig. Beruhige dich. Augen schließen.«
Sie machte, was ihr Therapeut ihr geraten hatte. Sie holte ihre Furcht aus dem tiefsten Inneren herauf und ließ sie nach außen.
»Jeder hat Geheimnisse.« Sie wiederholte das dreimal, genau wie man es ihr geraten hatte.
Die Worte waren draußen, die Angst war draußen, aber eine unausgesprochene Furcht spukte noch immer in ihrem Hinterkopf. Manche Menschen haben eben dunklere Geheimnisse als alle anderen.
Sie schüttelte den Kopf, um den Gedanken zu verdrängen. Dann griff sie zum Telefon. »Boris? Ich habe noch nicht gefrühstückt.«
Am anderen Ende der Leitung verdrehte Boris die Augen. »Ich lasse dir ein Tablett bringen.«
»Und schick mir bloß nicht den Schlangenfraß von diesem Mist-Caterer. Ich esse diese Scheiße nicht. Ich will ein Frühstück aus dem Royal Crescent Hotel. Schick jemanden hin und lass mir eins holen.«
»Schätzchen, ich könnte dir einen Wagen schicken, und du könntest …«
»Nein! Ich habe hier noch zu tun, Schätzchen! Ich muss noch Text lernen und mich um mein Kostüm kümmern.«
Sie brach das Gespräch ab, ehe Boris Zeit hatte, ihr zu erläutern, dass ein Frühstück aus dem Royal Crescent Hotel wahrscheinlich kalt wäre, bis es sie erreichte.
Als Boris sein Mobiltelefon wieder in die Hülle steckte, bemerkte er, dass Sheherezade sein Gesicht aufmerksam betrachtete.
Boris knallte das Drehbuch hin, in dem er gerade gelesen hatte. »Diese Frau! Ich hätte es besser wissen müssen. Ich hätte sie nicht als Jane Austen besetzen dürfen. So wie sie sich beim letzten Dreh aufgeführt hat, den ich mit ihr gemacht habe. Manchmal ertappe ich mich dabei, dass ich mir wünsche, sie würde über den Saum ihres Kleides stolpern und sich ein Bein brechen – buchstäblich Hals- und Beinbruch. Jetzt will sie ein Frühstück – ausgerechnet aus dem Royal Crescent Hotel.«
»Das habe ich mitbekommen. Und unser göttlicher Superstar ist nicht bereit, sich von seinem Hintern zu erheben und dorthin zu gehen?«
Er schüttelte ratlos den Kopf. »Nein. Sie ist in einer ziemlich aufmüpfigen Stimmung und will vorne und hinten bedient werden. Ich glaube, sie hat gerade wieder mit ihrem Verlobten telefoniert. Danach muss immer alles noch mehr nach ihrem Willen gehen. Wahrscheinlich hat es was mit dem Klirren goldener Geldberge zu tun«, fügte er bitter hinzu. »Ihm gehört die Produktionsgesellschaft – wenn auch nur zum Teil –, und sie hat ihn in der Tasche.«
»Den? Diesen miesen kleinen Gauner?«
Sheherezade Parker-Hensons Stimme klang verächtlich, aber ihre schlechte Meinung war verdammt zutreffend.
»Martyna weiß immer alles besser«, sagte Boris bitter und verdrehte noch einmal die Augen.
Sheherezade tätschelte ihm beruhigend die Schulter. »Überlass das mal mir. Ich regele das mit dem Frühstück. Hast du noch ein Drehbuch für mich? Meins ist irgendwie verschwunden.«
»Klar.«
Er reichte ihr ein überzähliges Exemplar. Er hatte drei Kopien, aber nur er und der Regieassistent brauchten eine eigene. Zwei reichten.
Nun war Boris endlich allein. Er rieb sich nachdenklich die Stirn. Ärger, überlegte er. Dieser Job bringt nichts als Ärger. Warum habe ich bloß das Angebot nicht angenommen, an der UCLA zu unterrichten? Natürlich kannte er die Antwort: Es kam einem Todesurteil gleich, wenn man sich nach Kalifornien absetzte und dort Vorlesungen hielt. Nie wieder würde er dann bei einem so tollen Projekt mit einem so großen Star Regie führen. Niemals. Er musste einfach durchhalten.
Die Garderobiere tauchte auf und fragte ihn, ob er sich ihre Kamera ausgeliehen hätte. Irgendwie musste sie wohl an seiner Körperhaltung ablesen können, dass die Antwort »nein« gewesen wäre, wenn er sich zu einer Antwort hätte aufraffen können. Sie verschwand einfach wieder, leise etwas über verdammte Diebe und Schurken vor sich hin murmelnd. Er verstand es nicht ganz. Es war ihm auch egal. Sie lagen im Zeitplan weit zurück. Es würden Köpfe rollen. Er hoffte nur, dass seiner nicht auch dabei sein würde.
Brett Coleridge lag im Bett, flankiert von einer Brünetten und einer Blondine. Er räkelte sich wie ein zufriedener Kater. Was für ein schönes Leben! Was für eine wunderbare Gesellschaft! Von seinem großen Doppelbett aus hatte man einen Panoramablick auf die Skyline der Stadt. Von den höchsten Gebäuden bohrten sich flimmernd rote, weiße, blaue und grüne pulsierende Lichtfinger in den Himmel. Falls Sterne am Himmel standen, wurden sie von diesem Lichtgitter überstrahlt.
»Mädels, ich muss mal die Arme ausstrecken.«
Er richtete sich ein wenig auf. Das Mädchen mit den dunklen Haaren hob den Kopf von seinem rechten Arm. Die Blondine linker Hand tat es ihr nach. Brett reckte die Arme über den Kopf und blickte zur Decke. Die jungen Frauen streichelten seinen Oberkörper, und immer weiter hinunter bis zur Baumgrenze. Er stöhnte vor Vergnügen und schloss die Augen. Wie schön das Leben war, wenn man Geld hatte!
»Musst du schon bald wieder weg, Baby?«
Tiefe samtbraune Augen blickten zu ihm auf. Er lächelte, schlang die Arme wieder um die beiden jungen Frauen und stieß einen zufriedenen Seufzer aus. »Ja, ich muss immer weiter, Baby. Das ist das Tolle am Jet-Set-Leben. Da kann man sein Leben ordentlich in verschiedene Abteilungen einteilen. Familie an einem Ort, Geschäftsinteressen überall, und Spaß, wo immer man ihn kriegen kann. Das einzig wahre Leben. Nie und nirgendwo gebunden.«
Die Blondine zog mit ihren weinroten Fingernägeln kleine Kreise in seinem Brusthaar. »Wie kann ich es denn schaffen, mich nicht festbinden zu lassen?«
Er tippte ihr mit dem Finger an die Nase. »Lass dir einen guten Rat von mir geben. Heirate einen reichen Mann. Verdien dein Geld in der Horizontalen.«