Gloria Cross, Honeys Mutter, wagte es, den Kopf zur Küchentür hereinzustrecken. Sie hätte es natürlich besser wissen müssen. In seiner Küche war Smudger der König.
»Hannah, ich muss mit dir reden.«
Honey seufzte. Ihre Mutter war die einzige Person auf der weiten Welt, die sie mit vollem Vornamen ansprach. Mit Ausnahme ihres Filialleiters bei der Bank vielleicht. Sie hatte das deutliche Gefühl, dass der lieber nicht auf zu vertrautem Fuß mit ihr stehen wollte, für den Fall, dass sie ihn um einen höheren Überziehungskredit bat.
»Ich habe gerade sehr viel zu tun«, antwortete sie.
Ihre Mutter blieb eisern. Smudger hasste es, wenn Leute ungebeten in seiner Küche erschienen.
Gloria übersah seinen grimmigen Blick.
»Du bist aufgerufen worden«, verkündete sie.
»Was bin ich? Aufgerufen?«, fragte Honey, die sich gerade auf den Plan für ein Hochzeitsmenü konzentrierte. Zusammen mit Smudger war sie über die Liste gebeugt. Die Braut wünschte sich zum Dessert unter anderem Arme Ritter. Sie hatte erklärt, das sei eine ihrer Lieblingsspeisen aus Kinderzeiten gewesen.
Smudgers finsterer Blick wurde noch finsterer. Er schaute so düster wie seine Kochuniform blütenweiß war.
»Was meinst du?«, erkundigte sich Honey.
Smudger konnte seine Gefühle kaum verhehlen und knurrte eine wohl erwogene Antwort: »Arme Ritter nehmen sich einfach neben Mousse von der Passionsfrucht im Schokoladenkörbchen ein bisschen jämmerlich aus.«
Hartnäckig war Honeys Mutter, das musste man ihr lassen.
»Hast du nicht gehört, was ich gesagt habe? Sie haben dich als Komparsin aufgerufen.«
Honey blickte auf. Sie wusste, was das Wort Komparsin bedeutete. Normalerweise war man als Statist beim Film nur Teil einer Menschenmenge für die Massenszenen, höchstens Passantin oder irgendwo im Hintergrund. Eine Rolle als Komparsin, da bekam man direkt was mit den Hauptdarstellern zu tun.
»Ich denke, ich komme als Hausmädchen mit irgendeinem Tablett ins Zimmer. Oder ich spiele eine Taschendiebin. Hollywood wartet sicher schon mit angehaltenem Atem auf meinen Auftritt. Vielleicht auch nicht. Leider werde ich im Augenblick hier gebraucht. Dumpy Doris hat angerufen. Sie ist im Supermarkt ausgerutscht und hat irgendwas angeknackst.«
»Wahrscheinlich den Boden im Supermarkt …«, murmelte Gloria.
»Aber, aber, Mutter! Sei nicht so gemein.«
Dumpy Doris war füllig, aber das konnte man ihr ja nicht vorwerfen. Sie half jederzeit ohne große Vorwarnung aus, kochte, machte sauber oder bediente bei Tisch. Wenn man sie im Haus hatte, beschäftigte man drei verschiedene Angestellte in einer Person. Gut, sie beanspruchte auch Platz für drei, aber sie hatte eben genauso Geschick und Schwung für drei.
»Du wolltest doch von hier weg, und jetzt lehnst du ein gutes Angebot ab«, nörgelte ihre Mutter.
Honey begann Smudgers Alternativen zu den Armen Rittern abzuhaken. Ihrer Mutter sagte sie: »Rufst du da bitte an und sagst, dass ich es heute nicht schaffe.«
»Das ist doch nicht für heute. Der Aufruf ist für sechs Uhr dreißig morgen früh. Der Koch am Set hat versprochen, zum Frühstück Waffeln zu machen. Er ist überzeugt, dass er die besten Waffeln der Welt macht. Er hat mir speziell aufgetragen, dir das zu sagen.« Ihre Mutter runzelte die Stirn und schaute Honey misstrauisch an. »Hat der etwa ein Auge auf dich geworfen?«
Damit bezog sie sich natürlich auf Richard Richards.
»Nein. Er ist nur ein Typ, dem viel an meinem Lob gelegen ist. Aber mir ist das egal. Um mich in Versuchung zu führen, braucht es schon was Aufregenderes.«
Seufzend fuhr sich Honey mit den Fingern durchs Haar. Am Tag nach ihrer Rückkehr aus London war sie zu einem sehr frühen Termin im Haarsalon getrabt. Der Frisör hatte ihr einen Mittelscheitel verpasst und dann eine etwas zerzauste Frisur gezaubert, die ein wenig wie ein Bob aus früheren Zeiten aussah, nur moderner. Und jetzt fielen ihr die wuscheligen Strähnen immer wieder ins Gesicht und gingen ihr allmählich auf die Nerven. Zum zwanzigsten Mal strich sie sich die widerspenstigen Haare hinters Ohr zurück.
Da gesellte sich Lindsey zu ihnen. »Ist das eine vertrauliche Diskussion, oder kann jeder mitmachen?« Sie quetschte sich zwischen Smudger und ihre Mutter.
»Das nenn ich mal ein Kleeblatt«, meinte Honey.
Lindsey senkte die Stimme. »Wir sind alle aufgerufen worden, morgen in der frühen Morgendämmerung am Set zu erscheinen. Klingt so, als würden wir vor ein Exekutionskommando gestellt, nicht? Na ja, die Kamera schießt ja auch Aufnahmen.«
Als Honey den Kopf herumdrehte, war sie Nase an Nase mit ihrer Tochter. Sie starrten einander in die Augen.
»Ich habe das dumpfe Gefühl, dass du mir was zu sagen hast«, meinte Honey.
Lindsey nickte. »Stimmt. Doherty hat gefragt, ob du dich heute Abend mit ihm im Zodiac treffen könntest. Aber da war noch was. John Rees hat angerufen. Kannst du dich an den noch erinnern?«
»Hmmm«, antwortete Honey. Was für ein unverhofftes Vergnügen! Natürlich erinnerte sie sich an ihn! John Rees war ein gut aussehender Amerikaner mit einer Vorliebe für Bücher. In letzter Zeit hatte sie ihn nur einmal kurz gesehen, als sie an seinem Geschäft vorbeikam, das zwischen einem Laden für handgemachte Buttertoffee und dem Rifleman, dem kleinsten Pub in Bath, eingequetscht war.
»Was hat er denn gewollt? John Rees meine ich.«
»Der kommt morgen früh ebenfalls als Statist, und jemand vom Filmteam hat ihm gesagt, dass du auch mitmachst. Er meinte, dann könntet ihr euch gegenseitig auf den neusten Stand bringen.«
»Wie schön!«, rief Honey. Dann spürte sie, dass sich ihr zwei Augen in den Rücken bohrten, und schaute über die Schulter. Ihre Mutter stand mit verkniffenem Gesichtsausdruck und verschränkten Armen da.
»Ich habe jedes Wort gehört«, sagte sie, und ihre Stimme erinnerte an James Cagney, wenn der einen Gangster spielte, der nur so darauf brannte, jemanden über den Haufen zu schießen. »Du willst dich doch nicht mit einem Typen einlassen, der all seine Zeit mit staubigen alten Büchern verbringt?«
Honey schluckte die Bemerkung herunter, dass ihr Männer mit staubigen Fingern immer noch lieber waren als Steuerberater und Zahnärzte. Na gut, einige hatten ein volles Bankkonto, aber sie konnte sich nicht so für sie begeistern wie für Doherty oder John Rees oder ein gutes Sirloin Steak mit allen Beilagen.
»Also gehe ich da morgen früh nicht hin.«
»Aber du hast doch eine Komparsenrolle«, protestierte Gloria.
Honey schnalzte mit der Zunge und lächelte mit den Augen.
»Strohhüte im Morgengrauen!«
Als Honey merkte, dass Smudger langsam die Geduld verlor, packte sie ihre Mutter und Tochter bei den Schultern und komplimentierte sie sanft, aber bestimmt aus der Küche.
»Sechs Uhr dreißig, sagt ihr? Ich denke, das kriege ich hin. Ich frage mich, was für eine Rolle ich spielen werde«, überlegte sie laut. Ehrlich gesagt, lockten sie die Gewänder im Stil von Jane Austen nicht so sehr wie das Wiedersehen mit John Rees.
»Wahrscheinlich eine flirtende Kokotte«, meinte Lindsey mit wissendem Grinsen.
»Eine Schlampe«, trumpfte ihre Mutter auf. »Bei deinem Auftritt zu nachtschlafener Zeit geht es ja wohl nicht darum, dass du für deine Kunst leiden musst, oder?«
»Natürlich nicht. Allerdings geh ich auch nicht hin, um John Rees zu treffen. Der Mord an Martyna Manderley ist bisher nicht aufgeklärt, und ich habe da noch einige Fragen zu stellen. Ich lasse mich heute Abend von Doherty auf den neuesten Stand bringen und baue dann auf diesen Informationen meine Fragen auf.«
Ihre Mutter zog alle Register: Jammern, Stirnrunzeln und Schmollmund, alles gleichzeitig. »Versuch bloß nicht, mir einen Bären aufzubinden!«
»Wie bitte?« Honey spielte die Unschuldige. Dafür hatte sie eigentlich kein Talent, aber einen Versuch war es wert.
Die Miene ihrer Mutter blieb unerschütterlich. »Heute Abend gehst du mit dem einen Mann aus, und morgen triffst du dich mit dem anderen.«
Der Duft von gegrillten Steaks und Lamm mit Knoblauch wehte Honey entgegen, als sie das Zodiac betrat. Das Tonnengewölbe war aus unglasierten Backsteinen gemauert, eine perfekte Wölbung von einer Wand zur anderen. Die Steine trugen die Narben vieler Jahre und waren mit Fett verschmiert. Daran hätte vielleicht das Gesundheitsamt etwas auszusetzen, den Gästen jedoch war es gleichgültig. Da das Lokal unterhalb der North Parade lag, konnten auch noch so viele Sauglüfter in der Küche nicht gegen die Dünste des brutzelnden Fleisches ankommen, die in Schwaden unter der Gewölbedecke hingen.
Doherty saß schon an der Bar und hatte drei leere Gläser vor sich stehen. Sie vermutete, dass sie alle ihm gehörten und dass ein viertes bereits bestellt war. Er war nicht der Typ, der unnötig lange durstig am Tresen herumhing.
Er sah sie, als der Barmann ihm gerade seinen Drink brachte.
»Einen Wodka mit Slimline Tonic, Eis und Zitrone für die Dame.« Er wandte sich von der Bar zu ihr und erhob sein Glas. »Brett Coleridge ist unschuldig. Jedenfalls hat er keinen Mord begangen«, fügte er hinzu, kniff ein Auge zu und blinzelte durch seinen Whisky. Er schüttelte traurig den Kopf. »Und ich hatte mich so darauf gefreut, ihn über seine Rechte zu belehren.«
»Ach, wirklich?«
»Das hätte den Fall sauber aufgeklärt. Und wir hätten feiern können.«
»Also heißt es zurück an die Arbeit, Detective Inspector.«
Er kniff ein Auge zu und musterte sie. »Du bist nicht mein Boss. Hör auf, mir zu sagen, was ich zu tun habe.« Er legte den Kopf ein bisschen schräg. »Du siehst ganz schön selbstzufrieden aus. Irgendwas Gutes passiert?«
Sie nippte an ihrem Wodka. »Ich bin morgen wieder am Set. Ich habe eine kleine Komparsenrolle bekommen. Ich glaube, ich spiele ein Flittchen.«
Sie sagte es mit einem Lachen, weil sie meinte, das würde ihn vielleicht aufheitern. Fehlanzeige. Eher ungewöhnlich für ihn. Normalerweise war ein bisschen anzügliches Geplänkel seiner Laune stets sehr förderlich.
»Du bist ja völlig filmverrückt geworden.«
Ach, na ja, sie hatte ihr Möglichstes versucht. Sie kippte ihren Drink herunter. »Ich habe etwas über Miss Cleveley herausgefunden.«
Doherty schaute verwirrt, bis sie ihn daran erinnerte, wer die alte Dame war. Er nickte. »Ah ja, der Jane-Austen-Verschnitt.«
Barhocker waren ihr eigentlich zu hoch, aber ihr taten die Füße weh – so war es nun mal in der Hotelbranche. Sie setzte sich.
»Du erinnerst dich, dass sie erst als historische Beraterin am Set war, wenn ihr auch niemand viel Aufmerksamkeit schenkte. Und da liegt’s – wie Willi Shakespeare gesagt hätte. Man hielt sie für unwichtig, und deswegen hat sie kaum jemand beachtet. Aber sie hat die anderen beobachtet. Insbesondere hat sie bemerkt, dass Martyna Manderley und die Chef-Maskenbildnerin mehr als nur Freundinnen waren – sehr viel mehr als nur Freundinnen.«
Doherty schaute sie leicht verschwiemelt an. Seine Augen waren ein wenig unfokussiert. »Du meinst, die waren Lesben?«
»Miss Cleveley hat mir versichert, dass sie einander übermäßig liebevoll behandelt haben. Keine Vorurteile bitte.«
Er trank sein Glas leer.
»Und dann ist da noch etwas. Ich glaube nicht, dass zwischen den beiden Verlobten alles so rosig war. Perdita hat mit angehört, wie Martyna Coleridge als pervers bezeichnete.«
»Zum Spaß oder im Ernst?«
»Ich nehme an, im Ernst.«
»Hmm.« Er bestellte sich noch einen Whisky.
»Du hattest doch schon vier«, rutschte ihr heraus. O je. Das hätte sie sich verkneifen sollen.
Er schaute sie verwundert an. »Nörgelst du jetzt an mir herum?«
Es war einfach alles zu viel.
Sie packte ihn mit beiden Händen bei den Schultern und drückte ihn auf den Barhocker, der hinter ihm stand.
»Dann bin ich ab jetzt eben eine filmverrückte, nörgelnde Übermutter.«
Der Barmann hatte die leeren Gläser gesehen und kam eilends gelaufen.
»Nichts mehr, vielen Dank«, knurrte Honey, und er hatte verstanden.
Doherty war entrüstet.
»Aber ich wollte noch einen.«
»Nein, wolltest du nicht.«
Zumindest stritt er jetzt und hing nicht mehr so in den Seilen. Das war doch schon mal was. Aber nun wurde er laut.
»Du bist nicht meine Mutter!«
»Hat deine Mutter dich immer ins Bett gebracht?«
Jetzt schaute er sie nachdenklich an, nicht mehr grimmig.
»Und dir einen Gutenachtkuss gegeben?«
»Ich kann mich nicht mehr er …«
Es war eine ziemlich verrückte Idee, aber so konnte sie ihn zum Schweigen bringen. Sie küsste ihn mitten auf den Mund. Es war kein kurzer Schmatzer, sondern ein langer, inniger Kuss. Sie strengte sich an, ihm den Atem aus dem Leib zu saugen, zumindest seine Zungenspitze zu erwischen.
»Da«, sagte sie, als sie endlich wieder voneinander ließen. »Sind wir jetzt noch Mr Knurrig von Grantelhausen oder sind wir Detective Inspector Steve Doherty, Top-Polizist in dieser unserer schönen historischen Stadt?«
Er starrte sie einen Augenblick verdutzt an und leckte sich mit der Zungenspitze den Mundwinkel.
Plötzlich war er wieder der Alte.
»Wehe, wenn du morgen früh nicht richtig gut aufpasst.«
Sie murmelte eine kaum hörbare Antwort. Morgen würde sie John Rees wiedersehen – doch das wollte sie besser nicht erwähnen!
»Ich war heute noch bei Casper«, fuhr Doherty fort. »Der ist ebenfalls am Set, wenn er auch nicht gerade begeistert schien. Er denkt darüber nach, um eine andere Rolle zu bitten. Daraus schließe ich, dass man ihm keinen Starpart angeboten hat.«
Honey grinste. »Er spielt einen Straßenfeger. Einen der Ärmsten unter den Armen, der auf den Kreuzungen Pferdeäpfel aufsammelt.«
Doherty warf den Kopf zurück und lachte.
Honey versuchte seine Lautstärke ein wenig zu dämpfen. »Die Leute schauen schon.«
Danach herrschte Stille. So war es immer zwischen ihnen. Manchmal war es einfach ein freundschaftliches Schweigen. Gerade eben hatte es eher damit zu tun, dass er wissen wollte, ob sie auf ihrer Jagd nach Perdita Moody weitergekommen war. Sie hatte ihm nur mitgeteilt, was Miss Cleveley von Martyna Manderley und ihrem Liebesleben erzählt hatte. Er hatte es ja damals abgelehnt, sich für die vermisste junge Frau zu interessieren. Doch jetzt war er neugierig.
Honey ließ ihn eine Weile schmoren. Noch ein paar Minuten, und er würde ganz von selbst fragen.
»Du grinst so selbstzufrieden«, meinte er schließlich. »Also, verrätst du es mir endlich?«
Das tat sie dann auch.
»Ein Mann! Machst du Witze?«
»Nein.« Sie konnte sich einen leicht belustigten Blick nicht verkneifen. Doherty hatte Perdita nach den Fotos für einen ziemlich heißen Feger gehalten. Warum wurden Männer immer so feindselig, wenn sich herausstellte, dass sie einen Geschlechtsgenossen bewundert hatten?
»Ach, komm schon!«
»Ich sag’s dir doch. Perdita hieß früher Peter. Ich habe ihn im Theater in Swindon gesehen, und Miss Cleveley hat es mir bestätigt.«
Doherty fluchte nicht oft. Für einen Mann mit einem stressigen Job war seine Wortwahl meist ziemlich gemäßigt. Aber diese Nachricht hatte ihn einfach aus den Schuhen gehauen.
Er schlug sich die Hand vor den Mund, um nicht laut loszulachen.
Die Leute, die in der Nähe saßen, unterbrachen ihre Gespräche, um zu sehen, worum es bei all dem Radau ging. Offensichtlich fanden sie Doherty dann doch nicht so interessant und schauten wieder weg.
Dass die Leute guckten, war eigentlich kein Problem. Alle verdrehten die Hälse, wenn Aussicht darauf bestand, dass es irgendwo einen interessanten Streit geben könnte, zum Beispiel eine Konfrontation zwischen einem eifersüchtigen Ehemann und einem Liebhaber. Es ging ja selten um ein Duell im Morgengrauen, eher um eine kleine Prügelei, ehe jemand die Polizei rief.
Mehr wäre es nicht gewesen, einfach ein paar zu ihnen gewandte Gesichter, die man durch den Rauch der Steaks auf dem Grill erblickte. Aber eines darunter war Honey vertraut. Sie schaute leicht erstaunt herüber und hatte den Mund offen stehen, als könnte ein bisschen zusätzlicher Sauerstoff ihr Denken beschleunigen. Es funktionierte wirklich.
Doherty redete noch immer, also klinkte sie sich wieder ein. Er sagte gerade: »Möchtest du was wirklich Komisches hören?«
»Na, dann los!«
»Ich dachte, du würdest mir jetzt sagen, dass sie – oder vielmehr er – zusammen mit der anderen Nutte in London die Hotels abklapperte.« Er wieherte. »Stell dir nur vor, irgendein Typ findet heraus, dass er für sein Geld ein bisschen was extra eingekauft hat!«
»Rasend komisch«, antwortete Honey, ohne es zu meinen. Sie konnte nicht mitlachen, nachdem sie Perdita kennengelernt und sie – oder vielmehr ihn – wirklich sehr sympathisch gefunden hatte.
Sie schaute Doherty grimmig an, als der zwei weitere Drinks bestellte.
»Das sind unsere letzten«, verkündete sie entschlossen.
»Noch einen für unterwegs«, erwiderte er und setzte schon sein Glas an.
»Wie geht’s deiner Leber?«
»Und deiner?«
»Na gut, das ist dein Problem.«
Sie machte eine wegwerfende Handbewegung und redete weiter über ihren Besuch bei Perdita.
»Sie war sehr nett. Ich habe sie aufgespürt, und Miss Cleveley sorgt sich jetzt nicht mehr. Doch nun zurück zum eigentlichen Fall. Ich nehme an, du bist morgen am Set und stellst Fragen?«
»Du meinst, ob ich die Maskenbildnerin befrage? Darauf kannst du wetten.«
»Bist du sicher, dass du sie nicht heute Abend schon ausquetschen willst?«
»Ja! Die liegt wahrscheinlich längst im Hotel in ihrem Bettchen. Ich will doch ihren Schönheitsschlaf nicht stören.«
»Die liegt nicht in ihrem Bettchen.«
Doherty kippte sein Glas Jack Daniels herunter. »Woher willst du das denn wissen?«
Honey deutete mit dem Finger nach links. »Sie sitzt da drüben.«
Doherty schaute. Die Chef-Maskenbildnerin saß mit ein paar anderen Leuten vom Team zusammen, von denen einige im Green River wohnten. Es sah ganz so aus, als kippte sie ihre Drinks genauso schnell wie der Rest der Mannschaft. Jedenfalls glänzte ihr Gesicht in einem tiefen Fuchsienrot, das gar nicht zu ihrem erbsengrünen Pullover passen wollte.
Doherty strengte sich nach Kräften an, seinen Blick zu fokussieren und Einzelheiten wahrzunehmen. Da Honey nüchterner war, fiel es ihr leichter. Der Rauchschleier, der vom Holzkohlengrill aufstieg, lichtete sich ein wenig. Die Gesichter waren deutlicher zu erkennen. Da fielen ihre Augen auf ein herzförmiges Gesichtchen, das von wippenden weißblonden Locken eingerahmt war. Der Schmollmund war zuckerrosa.
Candy!
Ein enges Band schien sich um Honeys Brust zu legen, und sie spürte einen merkwürdigen süßen Geschmack im Mund.
»Was macht die denn hier?« Honeys Stimme war nur wenig lauter als ein Flüstern.
Doherty zog eine Augenbraue in die Höhe und gab sich große Mühe, genauer hinzusehen.
»Lass mich raten. Rosa und weiß mit flauschigem blondem Haar?«
»Candy! Das ist das erste Mal, dass ich sie sehe und sie nichts kaut. Candy, der Name ist Programm. Sie ist so rosa und weiß wie das Zuckerkonfekt, das sie verschlingt. Wenn ich so viel von dem Zeug essen würde wie sie, wäre ich kugelrund.«
Doherty erwiderte: »Und ich würde Pickel kriegen.«
Honey runzelte nachdenklich die Stirn. »Was macht die bloß hier?«
»Ist sie Schauspielerin?«, fragte Doherty.
Honey lachte kurz und trocken. Candy als Schauspielerin zu bezeichnen, das wäre ihrer Meinung nach denn doch ein wenig überzogen gewesen.
»Nicht direkt«, antwortete sie, während sie die beiden Frauen aufmerksam beobachtete.
Candy und Sheherezade hatten die Köpfe zusammengesteckt und schienen ins Gespräch vertieft.
»Es gibt da irgendeine Verbindung zwischen diesem Filmset und einem Nachtklub, an dem Coleridge beteiligt ist. Ich habe ein mulmiges Gefühl wegen Perdita Moody.«
Doherty stützte sich auf seine Ellbogen, hatte aber alle Hände voll damit zu tun, nicht weiter an der Bar entlangzurutschen.
»Das reicht jetzt«, verkündete er und schlürfte den letzten Tropfen seines Whiskys. »Wir müssen die Sache vernünftig angehen. Und dazu müsstest du zunächst mal aufhören, wie Mary Jane zu faseln.«
»Mach ich doch gar nicht!«
Zwar mochte sie Mary Jane, ihre hauseigene Expertin für alles Paranormale, wirklich gern, aber sie war doch nicht der Meinung, dass sie, Honey, genauso plemplem war – jedenfalls bis jetzt noch nicht. Sie konnte es sich nicht verkneifen, es Doherty mit gleicher Münze heimzuzahlen.
»Mein Bauchgefühl basiert auf Fakten. Miss Cleveley ist eine scharf beobachtende Dame, und sie sorgt sich. Im einen Augenblick war Perdita noch da, im nächsten verschwunden.«
»Aus freiem Willen«, fügte Doherty hinzu.
»Aber da gibt es eine Verbindung. Das musst du zugeben.«
Sein Amüsement verflog. »Ich denke schon.«
Er strich sich nachdenklich über die Bartstoppeln. Honey beobachtete ihn genau, die flackernden Augen, der verlässliche und inzwischen auch wieder nüchterne Gesichtsausdruck.
Nach Dohertys Miene zu urteilen, war er gerade zu einem Denkmarathon aufgebrochen. Bisher hatte er großzügig anerkannt, was sie in diesem Fall bereits an Arbeit geleistet hatte. Sie war vorangekommen. Er nicht. Aber es war sein Fall, und wenn er auch gern mit ihr zusammenarbeitete, so würde es letztendlich seiner Karriere wirklich gut tun, wenn er die Sache aufklären könnte.
»Wirst du sie wegen ihrer Beziehung zu Martyna befragen?«, erkundigte sich Honey.
Er schüttelte den Kopf. »Jetzt nicht. Das hat Zeit bis morgen früh.«
»Morgen früh?« Honeys Augen waren so groß wie Suppenteller, als sie ihn anstarrte. »Du bist sauer!«
»Nein, bin ich nicht.«
»Das wird dir noch leid tun.«
»Hör auf zu reden wie eine alte Hexe.«
»Das Wort ›alt‹ kannst du weglassen.«
Normalerweise war sie nicht der Typ für Vorahnungen. Aber jetzt war ihr nicht wohl zumute. Dafür gab es zwei Gründe, überlegte sie. Entweder war sie so aufgeregt, weil sie morgen John Rees wiedersehen würde. Vielleicht hatte sie dieses mulmige Gefühl, weil ihre Mutter sie mit etwas überrumpeln würde, das ihr gar nicht passte. Vielleicht jedoch war es etwas Schlimmeres. Etwas viel Schlimmeres.
Candy Laurel nahm sich ein Taxi vom Zodiac zum Francis Hotel am Queen Square. Sheherezade Parker-Henson war nicht so leicht rumzukriegen gewesen, wie man es ihr versprochen hatte. Mr North würde gar nicht erfreut sein.
Nachdem sie den Fahrer bezahlt hatte, holte sie am Empfang ihren Schlüssel ab.
Die Empfangsdame war eine adrett aussehende junge Frau mit gepflegten Fingernägeln und einem selbstbewussten Gesicht. Das Haar hatte sie im Nacken zu einem Pferdeschwanz zusammengefasst. Sie lächelte freundlich, als Candy nach ihrer Schlüsselkarte fragte.
»Ich habe Ihrem Ehemann die Karte schon gegeben. Wir haben allerdings noch eine zweite, falls Sie eine brauchen sollten.«
»Meinem Ehemann?«
Candys Magen krampfte sich zusammen. Sie hatte keinen Ehemann. Es konnte nur ein Einziger sein: Mr North, der schnelle Resultate sehen wollte, war persönlich gekommen.
Die Empfangsdame war ungeheuer lieb und nett. »Er lässt Ihnen ausrichten, dass er den Champagner schon bestellt hat.«
Sie sagte das mit einem verschwörerischen Lächeln, als sei nun eine Nacht voller Leidenschaft angesagt. Da lag sie völlig falsch. Hier ging es ums Geschäft.
Candy nahm ihre Schlüsselkarte in Empfang, begab sich auf die Damentoilette und richtete ihr Gesicht her. Ihre Hand zitterte, als sie Lippenstift und einen Hauch Wimperntusche auflegte. Wie sollte sie die Sache angehen? Bisher hatte sie mit ihren Verführungsversuchen bei Sheherezade Parker-Henson kein Glück gehabt. Sie warf ihrem Spiegelbild ein Küsschen zu.
»Gut siehst du aus«, machte sie sich Mut und brachte ein kleines nervöses Lächeln zustande. Es war nicht leicht, Courage zu zeigen, wenn Mr North auf dem Plan erschien. Panik drohte sie zu überwältigen, und da gab es nur ein Gegenmittel.
Blitzschnell schaltete sie auf Höchstgeschwindigkeit. Sie riss die Tasche auf und kratzte hastig mit den langen Fingernägeln am Futter entlang. Sie brauchte einen Fix! Sie fand nur leeres Bonbonpapier. Sie hatte das letzte Stück Konfekt gegessen! Verzweiflung trat auf ihre hübschen Züge. Kein Konfekt mehr übrig! Irgendwas musste her! Es hieß, kühl, gefasst und ruhig zu erscheinen, wenn sie Mr North gegenübertrat!
Verzweifelt kippte sie den Inhalt ihrer Handtasche auf die elegante Platte, in die die Waschbecken eingelassen waren. Außer sich wühlte sie in ihren Habseligkeiten, bis sie endlich das Zeug fand, das für sie das Konfekt ersetzte. Sie hatte das kleine Briefchen in einen Hohlraum unten in ihren Lippenstift gequetscht.
Inzwischen zitterten ihre Hände. Hastig zog sie ihre Puderdose hervor und klappte sie auf. Sie schüttete ein wenig von dem weißen Pulver auf das Spiegelchen. Aus dem Bonbonpapier drehte sie eine kleine Rolle – gerade in der richtigen Größe für ein Nasenloch.
Sie beugte sich herunter, schniefte und richtete sich wieder auf. Drei, vier tiefe Atemzüge, und schon glänzten ihre Augen wieder. Nachdem sie alles in ihrer Handtasche verstaut hatte, betrachtete sie sich noch einmal im Spiegel.
»Ja …«, zischte sie. »O ja!«
Ihre Nerven beruhigten sich. Natürlich würde sie mit dieser Situation fertig werden.
Am besten wäre es, sie würde über die Treppe zu ihrem Zimmer hinaufgehen. Bis sie dort oben angekommen war, würde sie schon auf Wolken schweben. Auf kleinen rosa, mit Putten bevölkerten Wolken.
Mit pochendem Herzen nahm Candy immer zwei Stufen auf einmal. Sie fragte sich ununterbrochen, warum Mr North sich die Mühe gemacht hatte, persönlich zu erscheinen. Die Faust in ihrer Magengrube ballte sich erneut zusammen.
Das Zimmer hatte jenen künstlichen Duft, den alle Hotels der Mittelklasse so zu lieben scheinen. Auf dem Nachttischchen brannte eine einzelne Lampe. Eines der Fenster war geöffnet. Er hatte ihr den Rücken zugekehrt und lehnte sich hinaus. Seine breiten Schultern versperrten ihr die Sicht.
Die Vorhänge wehten in einem starken Luftzug. Es war den ganzen Tag schon sehr windig gewesen. Deswegen war es so kalt und regnete nicht.
Durch das Fenster drang das Geräusch des Verkehrs herein, zusammen mit dem feuchten Duft der winterlichen Stadt. Es schien Candy, als griffen eisige Finger nach ihr.
Unmutig stellte sie fest, dass sie zitterte. Das würde gar nicht gut aussehen; sie sollte möglichst nicht nervös wirken. Das wusste Candy aus Erfahrung. Am besten gibst du die übliche zuckersüße Puppennummer. Sie versenkte sich tief in diese Rolle, gab ihren Schritten wieder ein gewisses Federn und zwang sich ein Lächeln aufs Gesicht.
Sie schaute auf die Flasche und die beiden Gläser. »Ooooh! Champagner! Wie schön!«
»Wirklich?«
Seine Stimme klang dunkel und leise, wie das Grollen der Erde vor einem Erdrutsch.
»Na ja«, antwortete Candy und legte überschäumende Freude an den Tag, die sie keineswegs verspürte. »Es muss doch was zu feiern geben. Warum sonst Champagner? Soll ich schon mal einschenken?«, fügte sie hinzu und hatte die Hand bereits um den Flaschenhals geschlossen.
»Komm her.«
Er hatte ihr immer noch den Rücken zugewandt. Candy stellte die Flasche wieder ab. Was war denn jetzt?
Das Unbehagen, das sie verspürt hatte, wuchs sich nun zu Angst aus. Trotzdem tat sie, was er ihr befohlen hatte. Sie war es gewohnt, Befehle zu befolgen. So war sie zu ihrem Geld gekommen, und Geld war alles – jedenfalls für sie.
Sie legte ihm die Hand in den Nacken. »Hallo, Süßer.«
»Und?«
Ihr glockenhelles Lachen konnte ihre Nervosität nicht übertünchen. »Man kann nicht immer gewinnen.«
Er packte sie beim Hals.
»Hast du es etwa nicht geschafft?«
Candy wand sich und versuchte, den Griff seiner Finger zu lockern. »Sie wollte nichts mit mir zu tun haben.«
»Und warum? Ich dachte, man hätte dir gesagt, sie wäre Lesbe durch und durch.«
»Das hat man mir gesagt …«, bestätigte Candy. Sie schnappte verzweifelt nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen. »Ich krieg keine Luft mehr!«
»Dann hat sich dein Informant eben geirrt.«
»Bitte … Süßer …«
Der Druck auf ihren Kehlkopf verstärkte sich. Ihre Worte klangen erstickt. Ihre künstlichen Fingernägel splitterten ab, als sie verzweifelt versuchte, seine Finger von ihrem Hals zu lösen.
»Ich bin nicht dein Süßer!«
Hätte sie noch Luft gehabt, sie hätte geschrien, als er sie nun ins Zimmer schleuderte. Ihr Kopf krachte gegen die Marmorplatte des Sofatischs. Champagnerkelche kippten um, rollten über die Tischkante und auf den Boden.
Auch die Flasche fiel um, und Champagner perlte über und durchnässte den Ärmel ihres Kleides und ihr Haar.
Benommen richtete sie sich auf einen Ellbogen auf. Vor ihren Augen drehte sich das Zimmer, durchzogen von dunklen und hellen Bändern. Sie hörte etwas krachen und sah, dass er einen Champagnerkelch zertreten hatte. Ihr Blick blieb an dem zersplitterten Glas hängen. Da bewegte sich sein anderer Fuß. Wie gebannt schaute sie zu, während ihr das Herz gegen die Rippen hämmerte. Er stellte seinen Fuß auf den anderen Sektkelch und zertrat auch den.
Candy begriff die Botschaft. So konnte man nicht nur Champagnerkelche zertreten.