Brett Coleridge legte einen kurzen Zwischenstopp im Badezimmer ein, ehe er sich wieder zu seinen Gästen gesellte. Vor dem Spiegel wischte er sich mit einem feuchten Waschlappen den Schweiß von der Stirn. Dann wusch er sich die Hände und trug aus einer der vielen Flaschen auf dem Regal eine Feuchtigkeitslotion auf.
Als er damit fertig war, hatte er sich wieder vollständig unter Kontrolle. Er legte die flache Hand an die Brust und überprüfte mit Hilfe der goldenen Rolex, die an seinem Handgelenk prangte, seinen Puls. Er achtete peinlich genau auf seine Gesundheit und ließ sich jeden Monat gründlich beim Arzt durchchecken. Das Geschäftsleben konnte einen umbringen. Das hatte ihn der Tod seines Vaters gelehrt. Nun, ihn würde es nicht umbringen. Er lebte nicht, um zu arbeiten; er arbeitete, um zu leben.
Ein letztes Mal überprüfte er sein Spiegelbild, atmete mehrmals tief durch und strich sich ein, zwei widerspenstige Haare zurecht. Nun strahlte ihn ein Gesicht an, das wieder vor Selbstbewusstsein strotzte. Zum Teufel, er hätte Filmstar werden können. Das tolle Aussehen dafür hatte er.
Der Besuch von Doherty und dieser Frau hatte ihn ein wenig aus dem Gleichgewicht gebracht. Natürlich hatte man ihn vorgewarnt. Dafür hatte dieser blödsinnige Regisseur Boris Morris gesorgt. Bei diesem Besuch würde ihm die Polizei Fragen zur weiteren Finanzierung des Films und zu seiner Haftpflichtversicherung stellen, hatte er vermutet. Wer zog Vorteile aus Martynas Tod? Die Antwort war einfach. Sehr viele Leute.
Ihr Tod hatte ihn selbstverständlich keineswegs kalt gelassen. Natürlich war er bestürzt. Sie beide waren wie geschaffen für einander gewesen. Genau wie er war auch Martyna der einsame Mittelpunkt ihres eigenen Universums gewesen und hatte erwartet, dass alle und alles um sie und ihre Bedürfnisse kreiste. Niemals, niemals ging sie Kompromisse ein, um jemandem entgegenzukommen. Er war genauso und betrachtete dies als ein Zeichen von Stärke, nicht als Egoismus.
Was hatte es da zu bedeuten, dass er mit ein paar Nutten aus der Venusfalle herumgemacht hatte? Deswegen war er noch lange kein Mörder. Und es ließ auch keine Rückschlüsse auf Unregelmäßigkeiten in der Buchhaltung der Filmproduktion zu.
Die Frage nach Perdita Moody hatte ihn aus dem Gleichgewicht gebracht. Sie war nur eine von unzähligen jungen Frauen, die es in der Welt des Show Business zu etwas bringen wollten. Schade, dass sie so verdammt prüde gewesen war. Er hatte ihr im Klartext gesagt, was hier erwartet wurde. Teufel noch mal, hier ging es um Striptease! Die Mädels in den Klubs hatten höchstens ein paar Pailletten am Körper, keine Klamotten!
Nicht dass es ihm etwas ausmachte, dass einmal eine junge Frau sein Angebot abgelehnt hatte. Diese Sorte Frauen waren wie Taxis. Wenn eine weg war, würden schon bald unzählige andere auftauchen. Und doch hatte sie etwas an sich gehabt, das die tiefsten Geheimnisse seiner Seele angesprochen hatte.
Nachdem er sicher war, dass sein Äußeres wieder perfekt war, kehrte er in den Konferenzraum zurück.
»Probleme?«
Das fragte Hans Hoffner, Coleridges einziger Gast an diesem Abend. Und er war nicht zum Essen gekommen.
Coleridge ließ seine Jacketkronen blitzen, als er ihm ein strahlendes Lächeln zuwarf, das sich blendend von seiner Ganzjahresbräune abhob.
»Nichts, mit dem ich nicht klarkomme – und nichts, was mit der vorliegenden Angelegenheit zu tun hat«, fügte er mit einem angedeuteten kleinen Lachen hinzu.
Hoffners Miene änderte sich kein Jota. Seine Augen waren von einem kalten Blau, erinnerten an Eiswasser, in dem sich der Himmel spiegelt. Im Augenblick waren sie starr auf den Mann gerichtet, der ihn dazu ermutigt hatte, in diesen Film zu investieren.
Coleridge verbarg sein Unbehagen, indem er auf den Schrank mit den Getränken zusteuerte.
Er schenkte Hoffner einen Scotch ein. Ausländer tranken mehr Scotch als das gesamte Vereinigte Königreich zusammen. Sich selbst füllte Coleridge einen kleinen Gin ins Glas, zögerte kurz und fügte noch einen guten Schuss mehr hinzu. Er würde ihn brauchen.
Hoffners Augen waren durchdringend wie Laser, hell, aber ohne einen Funken Wärme.
»Ich weiß, dass Sie einen Single Malt zu schätzen wissen«, sagte Coleridge mit gezwungener Jovialität.
»Sie kennen mich gut«, erwiderte Hoffner. »Ich mag schottischen Whisky. Ich trinke nichts Anderes. Sogar zum Abendessen. Meine Frau schimpft mich deswegen immer aus. Sie meint, dass es gegen die Etikette verstößt.«
Die beiden Männer lachten verständnisinnig, prosteten einander zu und tranken.
Dann wurde Hoffners Miene wieder ernst. Er hatte weißes Haar, weiße Augenbrauen und einen buschigen Schnurrbart.
Er erinnerte Coleridge an den deutschen Kaiser, wie er auf einem alten Plakat aus dem ersten Weltkrieg abgebildet war – nur wegen des Schnurrbarts natürlich.
Der Gin tat gut. Schluck für Schluck.
Hans Hoffner zog eine seiner schneeweißen Augenbrauen in die Höhe. Das weiße Haar ließ ihn würdevoll aussehen, nicht etwa alt.
Coleridge fühlte sich sogleich noch unbehaglicher als zuvor. Alles hing davon ab, dass Hoffner bei der Stange blieb. Er war der Hauptgeldgeber des Jane-Austen-Films. Martyna, die liebe gute Seele, hatte nie richtig begriffen, warum ausgerechnet ein deutscher Finanzier sich für Jane Austen interessierte. »Er ist kein Austen-Fan«, hatte Brett ihr zu erklären versucht. »Aber Jane Austen ist ein weltweites Phänomen. Er wittert Gewinn. Das ist sein Motiv.«
Was er Martyna nicht erzählt hatte: Hoffner hatte auch Coleridges Beitrag zum Filmetat übernommen. Damit entschädigte er Brett für ein gemeinsames Geschäft, das ein Misserfolg gewesen war.
Bretts Vater Stan Coleridge war ein hartarbeitender Mann aus Nordengland gewesen, der wusste, wie man »Geld scheffelte«. Brett hatte dessen natürliches Gespür für Geschäfte nicht geerbt. Ihm gefiel das mit dem Geschäftsleben verbundene Renommee, aber es fehlte ihm das Talent, Geld zu vermehren. Im Geldausgeben dagegen war er verdammt gut.
Hoffner beugte sich zum Tisch vor. Er hatte sein Whiskyglas einen Augenblick weggestellt, hielt die Hände vor dem Körper verschränkt.
»Erklären Sie mir doch bitte noch einmal, wie der Tod unserer Hauptdarstellerin zu mehr Publicity geführt hat und sich schließlich in größeren Gewinnen niederschlagen wird.«
Brett lächelte erleichtert. Er hatte immer vermutet, dass Hans ein Mann ohne jegliche Emotionen war. Wie es schien, hatte er recht gehabt.
Er lehnte sich ein wenig bequemer in seinem Stuhl zurück, nahm noch einen Schluck Gin und fasste sich. Schmier dem Kerl Brei ums Maul, er weiß weniger über Filmproduktionen als du.
»Sicherlich haben Sie schon einmal den Satz gehört, dass es so etwas wie schlechte Publicity gar nicht gibt.«
Hans Hoffner starrte ihn mit seinen kalten, prüfenden Augen an.
Brett Coleridge spürte, wie sich dieser Blick in ihn hineinbohrte, und wusste sofort, dass er den Mann falsch beurteilt hatte.
»Ich habe einen beträchtlichen Teil der Schulden Ihres Unternehmens übernommen, Mr Coleridge. Ich habe mich entschlossen, diesen Film zu finanzieren, weil andere Filme ähnlicher Art noch lange nach ihrem Start gute Profite abgeworfen haben. Also bitte, versuchen Sie nicht, mich zu hereinzulegen. Wenn dieser Film ein Misserfolg wird, gehen Sie mit unter. Denn dann bestehe ich auf sofortiger Zahlung all Ihrer Schulden. Also sorgen Sie dafür, dass der Streifen einen Profit abwirft, und zwar mit allen Ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln. Sonst ruiniere ich Sie.«