Am nächsten Morgen lief alles gemächlich an. Nach dem Schock des Vortags fand Honey es im Green River Hotel angenehm ruhig, obwohl Mary Jane vor dem Haupteingang auf dem Boden saß und irgendeine uralte tibetanische Formel vor sich hin sang. Damit könne sie blaue Dämonen mit roten, blutbefleckten Zungen abwehren, meinte sie.
Es würde ein schöner Tag für alle werden. Die Mitarbeiter waren pünktlich und nüchtern zum Dienst erschienen, und für einen Auftritt von Honeys Mutter war es noch zu früh. Die war mit Wichtigerem beschäftigt.
Gloria Cross unterzog sich täglich einem ausgeklügelten Schönheitsprogramm, das mit einer Auswahl von Peelings für Gesicht und Körper anfing, mit einem Feuchtigkeitsbad und danach mit einigen Lotionen fortgesetzt wurde. Erst danach entschied sie, was sie anziehen würde, und legte ein passendes Make-up auf.
Honey saß im Büro hinter dem Empfang über den Rechnungen ihrer Lieferanten und grübelte, anstatt sie zu bezahlen. John Rees hatte versprochen, bei ihr anzurufen. Doherty hatte ein paar spitze Bemerkungen über verdammte amerikanische Bücherwürmer gemacht. Ob ihm nun die Bücher oder die amerikanische Herkunft gegen den Strich gingen, hatte Honey nicht herausfinden können. Aber es war toll, so gefragt zu sein.
Lindsey brachte ihr eine Tasse Kaffee.
»Du hast Besuch.«
Aus ihren Träumen aufgeschreckt, schaute Honey auf das frische Gesicht und das pflaumenblaue Haar ihrer Tochter.
»Hattest du diese Haarfarbe letzten Monat auch schon?«
»Ähnlich, nur ein anderer Farbton.«
»Und nächsten Monat?«
»Wer weiß«, antwortete Lindsey mit einem tiefen Seufzer. »Kommt drauf an.«
Worauf wohl?, überlegte Honey, fragte aber nicht. Es schien ihr, als hätte Lindsey im Monatsrhythmus die Haarfarbe gewechselt. Doch vielleicht verging einfach die Zeit heutzutage viel schneller. Und hatte Lindsey da eine Halskette umhängen, oder war das nur der angesagte iPod des Monats?
Haarfarbe und Tochter wurden jedoch nur kurz begutachtet. Was Honeys Herz wirklich bis zum Hals schlagen ließ, war die Nachricht über den Besuch. Es musste einfach John Rees sein.
»Der ist aber früh dran.« Selbst in ihren eigenen Ohren klang ihre Stimme etwas atemlos. Wie die eines albernen Teenagers.
»Es kein Er, es ist eine Sie.«
Futsch waren Euphorie und Herzklopfen.
»Oh!«
Lindsey zog fragend eine Augenbraue in die Höhe. Die Andeutung eines Lächelns spielte um ihre Mundwinkel. Sie wandte sich um und wollte schon gehen, hielt dann aber noch einmal inne. Volle Absicht, überlegte Honey.
»John Rees hat angerufen und gesagt, dass er es heute Morgen nicht wie versprochen auf einen Kaffee schafft. Er meldet sich wieder bei dir.«
Was war bloß los mit diesem Mann? Sie waren wie ein Paar beim Square Dance – erst tanzten sie ein paar rasche Schritte aufeinander zu, dann wieder auseinander.
Honey blätterte in ihren Papieren und gab vor, sich zu räuspern.
»Macht nichts. Ich habe jede Menge zu tun. Wer will mich denn sehen?«, fragte sie, weil sie lieber das Thema wechselte, als unangenehme Fragen abzuwehren.
Lindsey hatte noch immer diesen wissenden Ausdruck auf dem Gesicht. Honey gab sich alle Mühe, ihn zu ignorieren.
»Es ist diese seltsame kleine Frau, die so merkwürdig redet. Ich glaube sie ernährt sich von Stolz und Vorurteil zum Frühstück, Die Abtei von Northanger zum Mittagessen und Vernunft und Gefühl am Abend.«
Honey blieb hinter ihrem Schreibtisch sitzen und wartete darauf, dass Miss Cleveley auftauchte. Es vergingen einige Minuten, doch die Tür blieb geschlossen. Sie schaute auf ihre Armbanduhr. Da sah sie doch am besten einmal nach. Vielleicht hatte sich die alte Dame verlaufen oder ihre Pläne geändert oder war zur Toilette gegangen.
Sie machte die Tür auf und geriet mitten in ein Streitgespräch. Auf der anderen Seite des Empfangstresens standen zwei ältere Damen und hatten sich heftig in der Wolle.
Obwohl Mary Jane Miss Cleveley haushoch überragte, erinnerte sie eher an einen kläffenden Terrier. Miss Cleveley wehrte sich tapfer.
Im Augenblick war Mary Jane am Zug.
»Zum Teufel! Sie schnattern ja wie ein Entenhintern. Hauptsache, ihr bringt das Buch auf die Filmleinwand, sage ich! Okay, also die Typen in Hollywood leisten sich ein bisschen dichterische Freiheit …«
»Dichterische Freiheit? Schon eher dichterischen Schwachsinn! Die liebe Jane würde sich im Grabe herumdrehen, wenn sie wüsste, welche unflätigen …«
Honey stöhnte leise. Offensichtlich hatten sich die beiden bereits näher miteinander bekanntgemacht und festgestellt, dass sie beim Thema Verfilmung von Klassikern keineswegs einer Meinung waren.
Die exzentrische Mary Jane war Filmfan durch und durch.
Sie liebte die gigantischen Kostümdramen aus Hollywood wie Braveheart oder Gladiator. Was machte es schon, wenn die Regisseure ein paar Fakten durch Fiktion ersetzten? Einzig die gute Story zählte! In dieser Hinsicht war Mary Jane ein williges Opfer, und es ging ihr nur um den Unterhaltungswert. Miss Cleveley dagegen schien eher penibel an Fakten und akkuraten Details zu hängen.
Lindsey huschte zwischen den beiden hin und her und murmelte angemessene, beschwichtigende Sätze.
Die älteren Damen schenkten ihr nicht die geringste Beachtung. Lindsey hätte genauso gut eine lästige Fliege sein können.
»Kümmre du dich um die beiden«, sagte sie zu Honey, nachdem sie festgestellt hatte, dass es sinnlos war, sich hier einzumischen. »Ich gehe jetzt auf die Toilette. Und bleibe eine Weile da.«
Honey wusste, dass sie das ernst meinte. Lindsey hatte ihren iPod dabei. Klänge auf dem Klo, das half gegen Stress. Hatte sie jedenfalls mal gehört.
Honey holte tief Luft und stürzte sich ins Gefecht. »Miss Cleveley!«
Sie war genau zur rechten Zeit dazwischengefahren. Denn im Streitgespräch hatte es gerade eine kleine Windstille gegeben.
»Meine liebe Mistress Driver«, erwiderte Miss Cleveley. Sie warf den Kopf in den Nacken und ließ Mary Jane mit finsterer Miene stehen, die jeden zum Todfeind erklärte, der Hollywood nicht mochte.
Honey wandte sich an Anna, die heute Morgen Dienst am Empfang hatte.
»Kannst du uns Tee bestellen? Und heiße Schokolade für Miss Cleveley.«
Sie packte Miss Cleveley beim Ellbogen und führte sie ins Büro. Sie war überrascht, wie muskulös der Arm der alten Dame war, trotz ihres zarten Aussehens.
Als sie es sich beide bequem gemacht hatten, kam Honey gleich zur Sache.
»Nun«, sagte sie, »was kann ich für Sie tun?«
Die kleine Dame arrangierte umständlich ihre Locken unter dem Schutenhut aus Stroh, der mit einem kleinen Veilchenstrauß verziert war.
»Ich wollte Ihnen das hier geben«, sagte Miss Cleveley. Sie begann in dem gehäkelten Retikül zu wühlen, das sie mit sich führte. Wie ihr Kleid war es in einem zarten Fliederton gehalten.
Sie reichte Honey ein kleines, in braunes Pergament eingebundenes Buch. Alt, überlegte Honey, sehr alt.
»Es ist ein Gebetbuch«, erklärte Miss Cleveley. »Ich möchte es Ihnen übereignen, als Zeichen meiner tief empfundenen Dankbarkeit dafür, dass sie Perdita gefunden und meine Sorgen zerstreut haben.«
Honey schlug den festen Buchdeckel auf. Da ihr Miss Cleveleys Enthusiasmus für Jane Austen bekannt war, fragte sie sich, ob das Büchlein etwa aus dem Besitz dieser Autorin stammte. Ihr Herz setzte einen Schlag aus, als sie überlegte, wie viel es dann wert sein musste. Sie blätterte das Vorsatzblatt um. Ihre Überraschung war groß.
»Oh. Emily Brontë.«
»Ja.«
Honey bemerkte flüchtig, dass Miss Cleveley sie kritisch musterte, ein Beweis dafür, dass die alte Dame viel bessere Instinkte hatte, als sie vermuten ließ.
»Man hat mir versichert, dass die Unterschrift echt ist. Sie wirken überrascht, meine Liebe. Sie hatten doch nicht etwa erwartet, dass ich Ihnen ein Buch schenken würde, das Jane Austen gehört hat, oder doch?«
Sie sprach den Namen Jane Austen aus, als sei er selbst schon ein Gebet.
Honey spielte mit dem Gedanken zu lügen. Es war zwecklos, entschied sie. Stattdessen lächelte sie und schüttelte ungläubig den Kopf. Man hatte sie geprüft und durchschaut.
»In Anbetracht Ihrer engen Beziehung zu diesem literarischen Genie war ich von der Annahme ausgegangen, dass Sie sich nicht für andere große Dichter interessieren.«
Miss Cleveley erhob sich. Ihr Lächeln war keck, sogar ein bisschen frech.
»Ich würde mich niemals von irgendeinem Gegenstand trennen, der unter Umständen der größten Romanautorin gehört haben könnte, die je in englischer Sprache, nein, in irgendeiner Sprache geschrieben hat. Aber Besitztümer weniger wichtiger literarischer Größen kann ich entbehren.«
Honey stellte sich vor, welchen Aufruhr diese Art von Kommentar in der Brontë-Gesellschaft verursachen würde.
»Eine seltsame kleine Frau«, meinte Lindsey, nachdem sie aus der Toilette wieder aufgetaucht war und die nette alte Dame zum Hotel hinausgeleitet hatte.
»Perditas Tante«, erklärte Honey. »Oder Großtante?«
Doherty hatte für sich und Honey ein Treffen mit Candy Laurel im Salon des Francis Hotels vereinbart.
»Sie müssen sich aber beeilen«, hatte sie am Telefon zu ihm gesagt. »Ich muss einen Zug bekommen.«
»Entweder dort im Salon oder hier auf der Wache.«
Sie zerbröselte wie ein krümeliger Keks.
»Na gut.«
Nun saß sie auf der Kante eines der bequemen Lehnstühle, mit denen dieser Aufenthaltsraum eingerichtet war.
Sie hatte sich die Krempe ihres eierschalenfarbenen Wildlederhuts auf einer Seite tief ins Gesicht gezogen. Sie trug farblich passende Hosen, Stiefel in einem dunklen Pink und einen hellrosa Pullover mit pistaziengrünen Paspeln.
Ihr Haar schien sie unter dem Hut verborgen zu haben.
»Ich weiß nicht, warum sie mich befragen wollen«, begann sie ein wenig defensiv.
»Wissen Sie schon, dass Sheherezade Parker-Henson gestern ermordet wurde?«
»Ich habe davon gehört. Wie gesagt, was hat das mit mir zu tun?«
Honey meinte zu bemerken, dass Candys Unterlippe ein wenig zitterte. Auf dem Tisch stand keine offene Konfektschachtel. Irgendwie hatte sie so etwas erwartet. Candy brauchte doch ihre Süßigkeiten. Es sei denn, sie war inzwischen auf andere Sachen umgestiegen. Sie schaute bewundernd auf Candys seidenglatte Haut. Andere Leute ließen auf ihren Fotos die kleinen Unvollkommenheiten wegretuschieren. Das hatte Candy gar nicht nötig. Unglaublich, wenn man bedachte, wie viele Süßigkeiten sie verputzte.
Obwohl der tiefe Ausschnitt des Pullovers eine hervorragende Aussicht auf Candys Busen zuließ, war Doherty ganz auf seine Aufgabe konzentriert. »Kannten Sie die Ermordete?«
»Natürlich nicht.«
»Warum lügen Sie uns an?«
Candys blasse Wangen wurden babyrosa. »Ich weiß nicht, was Sie meinen.«
Honey hatte hier keine Fragen zu stellen. Doherty war der Profi. Aber ihr angeborener Überschwang ließ sich einfach nicht bremsen.
»Haben Sie sich nicht mit ihr getroffen?«
Von der Antwort auf diese Frage würde es abhängen, ob sie Candy für ehrlich halten konnten oder nicht. Honey merkte, dass sie die Luft anhielt. Sie mochte Candy. Na gut, sie sah aus wie eine zu groß geratene Barbie-Puppe, aber das konnte man ja nicht gegen sie verwenden. Und man konnte sie auch nicht dafür verurteilen, dass sie so gern Süßigkeiten aß. Honey hatte selbst ein ähnliches Problem mit Marzipan. Bisher hatte es Smudger noch nicht geschafft, eine Weihnachtstorte fertig zu dekorieren, ohne dass Honey vorher an allen Ecken das Marzipan angeknabbert hatte.
Candy starrte auf ihre Hände und kaute auf den Lippen herum, ehe sie antwortete.
»Ich kannte sie nicht. Ich habe mich gestern zum ersten Mal mit ihr getroffen.«
»Sie haben sich gestern mit ihr getroffen.« Doherty schaute finster.
Candy nickte.
»Warum?«
Sie holte tief Luft. »Ich war das Wochenende über hier …«
»Nur zu Besuch?«, fasste Doherty nach.
Candy log, da war sich Honey sicher.
»Sind Sie sicher, dass Sie nicht hier waren, um einen kleinen Auftrag auszuführen – Sie wissen schon –, was für die Regenbogenpresse?«
Als Candy endlich aufblickte, schaute sie Honey mit großen, glänzenden Augen an.
»Ich habe sie einfach kennengelernt. Mehr nicht.«
»Sie sollten sie verführen. In eine kompromittierende Lage bringen. Das stimmt doch, oder nicht?«
Das war zu viel für Candy. Sie kniff die Augen zusammen.
»Ach, lassen Sie mich doch in Ruhe!«, jammerte sie.
Honey tat die junge Frau leid. »Sehen Sie mal, Candy. Irgendjemand hatte etwas gegen Sheherezade, und wir wissen, dass sie eine Vorliebe für Mädchen hatte. Wer hat Sie dazu angestiftet? Dieser Mr North, den Sie erwähnt haben?«
Als Candy diesen Namen hörte, fuhr sie in die Höhe. »Habe ich das?«
»Schöner Hut«, meinte Honey plötzlich. »Ich wusste gar nicht, dass Sie ein Huttyp sind.«
»Bin ich nicht …«
Doherty streckte die Hand aus. Sie protestierte nicht, als er ihr den Hut vom Kopf zog und ihr das platinblonde Haar wie ein Wasserfall über die Schultern floss. Sie saß einfach nur da wie das Kaninchen, das wie gebannt vor der Schlange hocken bleibt.
»Na, das sollten Sie sich aber nähen lassen.« Honey sah, was sie beinahe schon erwartet hatte. Vom Augenwinkel bis zum Haaransatz verlief eine tiefe Wunde, die noch leicht blutete.
Doherty zog sein Handy aus der Tasche.
»Hallo!«
Honey blickte auf und sah Mary Jane auf sich zukommen. Die verbrachte den größten Teil ihrer wachen Stunden damit, durch die Stadt zu wandern, um die Atmosphäre auf sich einwirken zu lassen. Um die Mittagszeit nahm sie gewöhnlich irgendwo einen leichten Lunch ein.
»He!«, rief Mary Jane, sobald sie die Wunde in Candys Gesicht bemerkt hatte. »Wer war das?«
Sie schaute betont vorwurfsvoll auf Doherty, der die Hände hob, um seine Unschuld zu beteuern. »Hat nichts mit mir zu tun, Sheriff!«
»Das muss genäht werden«, wiederholte Honey. »Wir rufen ein Taxi und bringen die junge Frau ins Krankenhaus.«
»Nicht nötig. Ich bringe sie hin. Mein Auto steht vor der Tür.«
Doherty zog eine Augenbraue hoch. »Im Halteverbot?«
»Nein, drüben auf der anderen Seite des Platzes. Und ich habe auch einen Parkschein gezogen.«
»Mein Gepäck«, warf Candy ein.
Honey versicherte ihr, dass sie sich darum kümmern würde. »Hier gibt es einen Raum, wo Gäste ihr Gepäck unterstellen können.«
Doherty beschloss, Mary Jane und Candy als Beifahrer ins Krankenhaus zu begleiten. »Ich sage dir, was ich noch herausfinde«, versprach er Honey.
Honey konnte sich ein gemeines Grinsen nicht verkneifen. »Du bist mutig, Detective Inspector.«
»Ich weiß«, antwortete Doherty. »Ich habe Mary Jane schon Auto fahren sehen.«