Kapitel 26

Miss »Jane« Cleveley musste am nächsten Morgen unverzüglich informiert werden, beschloss Honey. Normalerweise hätte sie angerufen, um ihren Besuch anzukündigen. Aber Miss Cleveley lebte ja in der Vergangenheit. Sie hielt nichts von Telefonen, weil die heilige Jane – Jane Austen – sehr gut ohne eines ausgekommen war, und also konnte sie das auch. Honey hoffte nur, dass es bei ihr zumindest ein Wasserklosett gab, nur falls sie eines brauchen sollte. Derlei hatte Jane Austen nämlich auch nicht gekannt.

Das kleine Häuschen aus der Zeit König Georgs lag auf halber Höhe an einer schmalen Straße, die nach Camden führte, in ein Stadtviertel von Bath, das vom Stadtzentrum über steil bergauf führende Wege zu erreichen war.

Als Honey die richtige Adresse gefunden hatte, war sie so außer Puste, dass sie sich ausruhen musste und vornüber gesunken da saß, die Hände auf die Knie gestützt.

Wenige Minuten später brauchte sie keine Sauerstoffmaske mehr. Sie schnaufte noch ein paar Liter Luft in die Lungen und brachte endlich die Energie auf, die Hand zu heben und mit dem Türklopfer fest an die Tür zu hämmern.

Als Miss Cleveley erschien, war Honeys Atmung schon beinahe wieder normal.

Aus dem kleinen, herzförmigen Gesicht der alten Dame strahlten sie die blauen Augen an.

»Oh, meine liebe Mistress Driver, wie reizend, dass Sie mir einen Besuch abstatten. Ich sehe, dass Sie die Steilheit dieser Straße schmerzlich mitgenommen hat. Bitte, treten Sie doch ein. Ein kleiner Hauch aus meinem Riechfläschchen, und ich nehme an, dann sind Sie sogleich wiederhergestellt.«

Honey war beim Gedanken an Riechsalz nicht wohl. Es hatte ihr einmal jemand welches unter die Nase gehalten, als ihr im National Express Bus von London nach Bath schlecht geworden war. Die vermischten Aromen von übervollen Bordtoiletten, Käsesocken und Cheeseburger waren einfach zu viel für sie gewesen.

Stattdessen bat sie Miss Cleveley um eine Tasse Tee.

»Aber gewiss. Ich werde sogleich ein Tablett für uns richten.«

Miss Cleveley geleitete Honey in ein hübsches kleines Zimmer. Auf der Tapete prangten winzige blaue Rosenknospen auf grauem Hintergrund. Die Türen, Fußbodenleisten und andere Holzelement waren im hellsten Hellblau gehalten. Die Möbel sahen aus, als hätte man sie aus Jane Austens Haus in Hampshire oder ihrer Wohnung in Bath entwendet. An den Fenstern hingen keine Gardinen, sie hatten nur Fensterläden im gleichen Blauton wie die Türen und Fensterrahmen.

Honey folgte Miss Cleveleys Aufforderung und nahm Platz. Sie wählte einen alten Polsterstuhl mit ausladender Rückenlehne.

Während in der Küche das Geschirr klapperte, betrachtete Honey ein Gemälde, das über dem Kamin hing. Der Porträtierte war ein jüngerer Mann in Armeeuniform. Er hatte ein hübsches, offenes Gesicht, und ein Mundwinkel war zu einem kleinen Lächeln hochgezogen. Das Bild sah recht modern aus. Honey fragte sich, wieso Miss Cleveley es gestattete, dass ein so zeitgenössisches Porträt in ihrem Haus hing. Aber andererseits war die Tatsache, dass es sich um ein Gemälde und nicht um ein Foto handelte, schon eine gute Näherung für ein Leben in der Vergangenheit.

Miss Cleveley trug ein Tablett herein. Das Geschirr sah aus, als wäre es von Crown Derby. Honey nahm ihre Teetasse und bemerkte, dass sie keinen Henkel hatte, genau wie die Tassen damals im achtzehnten Jahrhundert.

Na gut, überlegte sie. Einfach lächeln und ein Schlückchen Tee nippen. Das schmiert die Stimmbänder. Ehrlich gesagt, machte sie sich um ihre Stimmbänder keine Sorgen. Die waren perfekt in Ordnung. Sorgen bereitete ihr nur das, was sie zu sagen hatte.

»Ich nehme an, Sie haben Perdita gesehen, und es geht ihr gut«, sagte Miss Cleveley.

Damit hatte sie Honey auf dem falschen Fuß erwischt. »Ja. Wie sind Sie denn darauf gekommen?« Sie rieb ihre Finger am Oberschenkel. Tassen ohne Henkel waren ein kleines Problem, wenn der Tee sehr heiß war.

Miss Cleveley ließ sich in einem Lehnstuhl mit vielen Tapeziernägeln nieder und schaute Honey mit einem Strahlen in den Augen an.

»Ich weiß, dass Sie sie gesehen haben. Und dass Sie ihr kleines Geheimnis kennen. Man kann es Ihnen an der Nasenspitze ablesen.«

Der heiße Tee und gleichzeitig die völlige Verblüffung darüber, dass Miss Cleveley eine derart tolerante alte Dame war, machten Honey nicht schlecht zu schaffen. Ehe sie am Ende noch die Tasse fallen ließ, stellte Honey das wertvolle Porzellan lieber zurück aufs Tablett.

»Ich verurteile sie nicht, weil sie so lebt, wie sie möchte«, sagte Honey.

Miss Cleveley nickte höflich.

»Das freut mich zu hören, meine liebe Mistress Driver. Bitte, meine liebe Dame, sehen Sie mich nicht so überrascht an, weil ich mit Toleranz von Perdita spreche. Perdita – oder Peter, wie sein Taufname war, hat seine Mutter über seine Situation in Kenntnis gesetzt, als er gerade eben dreizehn Jahre alt war. Meine Schwester seligen Gedenkens und ich haben alles miteinander geteilt, auch unsere finstersten Geheimnisse. Sie hat mich wissen lassen, dass sich die Umstände verändert hatten.«

Zu Honeys großer Verblüffung tauchte nun auf Miss Cleveleys Zügen ein Ausdruck auf, den man nur als kokett bezeichnen konnte.

Schließlich fand Honey ihre Sprache wieder. »Sie und Ihre Schwester scheinen sich sehr nah gestanden zu haben.«

»Fürwahr, die gute Seele. Wir hatten keine Geheimnisse voreinander, und wir haben uns alles geteilt, was wir hatten, sogar unsere Männer.« Sie deutete mit einer Kopfbewegung auf den schmucken Offizier auf dem Gemälde. »Dieser äußerst vorzeigbare Herr ist Victor, der Mann meiner Schwester Emily – inzwischen verstorben, aber zu seinen Lebzeiten ein sehr großzügiger und kraftvoller Mann. Er hat sich hervorragend um uns beide gekümmert. Finden Sie nicht, dass er stattlich aussieht?«

Nun, da Honey ihre erste Überraschung wegen Miss Cleveleys Toleranz überwunden hatte, schien es ihr ungefährlich, die Hand wieder nach der Tasse auszustrecken und einen Schluck Tee zu nehmen. Bis sie begriff, was sie da gerade gehört hatte. Victor hat sich hervorragend um sie beide gekümmert? Was wollte sie denn damit andeuten?

Honey verschluckte sich beinahe. Hatte sie das in den falschen Hals bekommen? Hatte Miss Cleveley wirklich gesagt, dass Emilys Mann nichts dagegen gehabt hatte, beide Schwestern zu beglücken?

Sie schaute noch einmal prüfend in Miss Cleveleys funkelnde Äuglein und wäre beinahe rot geworden. Dieses Funkeln konnte man einfach nicht missverstehen. In diesen Augen konnte man lesen wie in einem offenen Buch. Allerdings handelte es sich nicht um gehobene Literatur, eher um Lektüre wie Fanny Hill oder das Kama Sutra.

Miss Cleveley fuhr fort: »Ich freue mich so sehr, dass Ihre freundlichen Bemühungen ein so positives Ergebnis gezeitigt haben.«

Honey hob ihre Teetasse. »Ich trinke auf den Erfolg der Dolly Boys.«

»Fürwahr«, antwortete Miss Cleveley und wiederholte ihrerseits die Geste. »Perdita ist viel begabter für Tanz und leichte Unterhaltung als für den Film. Ich habe ihr das gesagt, ehe sie die Rolle in dem Jane-Austen-Film bekommen hat.«

»Ich dachte, sie wäre nur Statistin gewesen«, wandte Honey ein.

»Zunächst nicht. Sie hatte eine kleine Sprechrolle. Dank Martyna Manderley wurde die aber gestrichen. Dafür hätte ich sie umbringen mögen. Perdita hat das genauso gesehen. Statistin zu werden, was für ein Abstieg!«

Auf einmal schien der Tee nicht mehr ganz so heiß zu sein. Honey verspürte ganz deutlich einen kalten Schauder. Sie war überzeugt gewesen, dass Perdita und ihre Tante nichts mit dem Mord zu tun hatten. Jetzt war sie sich nicht mehr so sicher. Wie üblich konnte man ihr all diese Gedanken an der Nasenspitze ablesen. Was Miss Cleveley auch machte.

»Bitte lassen Sie sich nicht in die Irre führen mit Ihren Verdächtigungen. Sie haben Perdita kennengelernt. Sie wissen, dass sie eine menschenfreundliche Seele ist. Und ich …« Sie stieß ein kleines damenhaftes Lachen aus. »Ich bin nur eine alte und gebrechliche Dame.«

Etwas in dieser Art hatte auch Königin Elisabeth I. gesagt, ehe sie die englische Flotte in See stechen ließ, wo sie die spanische Armada vernichtend schlug.

»Und sie ist gleich danach von Bath abgereist?«

Miss Cleveley nickte. »Sie war recht verzweifelt, weil man sie entlassen hatte. Und dann hatte sie natürlich noch das Vorstellungsgespräch bei diesem schrecklichen Brett Coleridge. Wenn die Maskenbildnerin Perdita nicht solche Flausen in den Kopf gesetzt hätte, wäre sie wahrscheinlich gar nicht erst nach London gereist.«

»Welche Maskenbildnerin war das?«

»Die junge Frau, mit der diese Manderley überfreundlich getan hat. Das eine Mädchen von der Maske hat Miss Manderley herumkommandiert, das andere geküsst.«

Honey hielt die Luft an, war sich nicht sicher, was sie da gehört hatte.

»Ich meine überfreundlich auf eine sehr unnatürliche Art und Weise«, fügte Miss Cleveley hinzu. »Falls Sie sich diese Frage gestellt hatten.«

Honey hegte keinerlei Zweifel, was damit gemeint war. Miss Cleveley wollte andeuten, dass Martyna Manderley nicht nur einen Verlobten gehabt hatte, sondern auch eine Geliebte.