Am frühen Morgen des nächstens Tages machte Honey gerade ein paar Gymnastikübungen auf dem Fußboden. Zum einen wollte sie sich damit von ihrer Enttäuschung ablenken, zum anderen ihren Körper stählen. Zunächst einmal hatte Doherty sein Versprechen nicht gehalten und war am Vorabend nicht vorbeigekommen. Unter den gegebenen Umständen war das keine große Überraschung. Dass Steve ein pflichtbewusster Polizist war, besänftigte allerdings nicht ihren Wunsch, ihn einmal ganz für sich zu haben.
Noch ein Bauchaufzug, und noch einer! All ihre schwabbeligen Körperregionen schmerzten; sogar der Kopf tat ihr weh! Sie dachte über Steve nach. Wie würden sie beide in einem Jahr zueinander stehen? Die Beziehung machte Fortschritte, aber nur im Schneckentempo.
Und ihre schwabbeligen Regionen, wie würde es mit denen in einem Jahr stehen? Wären sie für immer Vergangenheit? Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Doch wie sollte sie das schaffen? Sie aß einfach zu gern, und in der kühlen Jahreszeit fiel es ihr besonders schwer, der Versuchung zu widerstehen.
Beim Gedanken an Essen fiel ihr unweigerlich Richard Richards ein.
Der Mann hatte eine seltsame Art, sich auszudrücken. Es ging ja noch, wenn er über Essen sprach – natürlich über Essen, das seine überaus geschickten Hände bereitet hatten. Vielleicht hatte es etwas mit dem vielen Dampf und den Fettschwaden zu tun, die er inhalieren musste, überlegte Honey, als sie sich mühsam zu ihrem neununddreißigsten Bauchaufzug hochquälte. Der vierzigste war noch schwieriger. Ihre Muskeln weigerten sich hartnäckig, weiter mitzumachen, und, ehrlich gesagt, sie konnte es ihnen nicht einmal verübeln.
Einen Augenblick lang lag sie schlapp auf dem Rücken, hatte einen Fuß auf ein angewinkeltes Knie gestützt und starrte zur Decke. Erst einmal musste sie wieder zu Puste kommen. Mein Gott, überlegte sie, man stelle sich vor, diese Tortur jeden Tag fünf Stunden lang! Filmstars taten das ja wohl – zumindest stand das immer in den einschlägigen Klatschblättern. Wie zum Teufel fanden die noch Zeit für irgendwas anderes?
Ihr Telefon spielte fröhlich die Melodie »Ding, dong, die Hex ist tot« – eines ihrer Lieblingsstücke aus dem Zauberer von Oz. Das Handy lag neben ihr auf dem Fußboden.
»Hi«, sagte sie.
»Hi.«
Es war Steve. Sie schaute zur Decke.
Ein Schmetterling mit hellbraun getupften Flügeln flatterte durchs Zimmer, zum Fenster und auf die trügerische Wintersonne zu.
»Tut mir leid, dass ich es gestern nicht geschafft habe, bei dir vorbeizuschauen. Ich versuch’s heute noch einmal.«
»Da habe vielleicht ich was zu tun.«
»Echt?«
Er wirkte keineswegs so verstört, wie sie es erhofft hätte.
»Würde dir das was ausmachen?«
»Ich wäre enttäuscht. Aber ich weiß ja, dass du eine viel beschäftigte Dame bist. Wenn ich es nicht schaffe, kannst du dann wenigstens an mich denken, ehe du einschläfst?«
»Im Bett?«
»Warum nicht? Träum ein bisschen. Obwohl mir eine wilde Phantasie noch lieber wäre. Und vergiss nicht, dir Parfüm hinter die Ohren zu tupfen.«
Das war ja mal ein Vorschlag, wenn man bedachte, was für Phantasien sie in puncto Steve schon gehabt hatte.
»Ich werde mir alle Mühe geben. Soll ich es bei höchst romantischen belassen oder mich auch auf erotisches Terrain begeben?«
»Lass dich inspirieren und mach dir warme Gedanken.«
Der Schmetterling flatterte immer noch herum, als sie schon längst aufgelegt hatte. Die von den Heizkörpern aufsteigende Wärme hatte ihn genarrt und glauben lassen, es sei Mai und nicht Februar. Der Ärmste. Gerade ausgeschlüpft, und schon würde er erfrieren.
Sie hob den Arm und winkte ihm zu. »He, Kleiner. Da willst du wirklich nicht raus. Glaub mir.«
Natürlich hörte der Schmetterling nicht auf sie.
Sie ließ den Arm wieder sinken. Gestern war es kalt gewesen. Jeder, der halbwegs bei klarem Verstand war, wäre zu Hause geblieben und hätte sich vor den warmen Kamin gekuschelt.
Sobald ihre Muskeln nicht mehr protestierten, rollte sie sich auf den Bauch und stemmte sich dann auf die Knie. Nach der Gymnastik sollte man alles langsam angehen – es hatte irgendwas mit dem Blut zu tun, das sich in den Arterien sammelte.
Sie dachte immer noch über Blut nach, als sie unter die Dusche ging. Nicht über ihr eigenes Blut, sondern über das auf dem Drehbuch. Es schauderte sie bei dem Gedanken, und ihr wurde erst wieder warm, als sie angezogen und wieder präsentabel war.
Während sie in ihrem begehbaren Kleiderschrank herumwühlte, dachte sie an das viktorianische Korsett, das sich ihre Mutter ausgeliehen hatte. Es war wunderschön und sehr zart. Sie hatte es gar nicht gern hergegeben. Ein, zwei Tage wollte sie noch warten. Dann würde sie ihre Mutter daran erinnern, es zurückzubringen. Zumindest hatte es einen Auftritt gehabt. Die meisten Stücke in Honeys Sammlung wurden in einer alten Seekiste in Honeys Kleiderschrank aufbewahrt, und darin würde auch das Korsett wieder verschwinden. Nachdem es seine Wirkung auf den Kerl gehabt hatte, auf den ihre Mutter ein Auge geworfen hatte.
Honey dachte nach. Vielleicht war es mit dem blutbefleckten Drehbuch ähnlich gewesen? Hätte das auch jemand zurückbekommen sollen? Hatte es vielleicht einen Streit über die Größe einer Rolle oder über die Textmenge gegeben? Sie hatte sich sagen lassen, dass große Stars manchmal ziemlich dramatische Auftritte hinlegten, wenn es um Drehbücher ging. Wenn sie ausreichend berühmt waren, konnten sie meist ihren Kopf durchsetzen. Hatte Martyna Manderley einen Drehbuchautoren so getriezt, dass er ausgerastet war? War der Mörder wütend geworden, hatte mit der Hutnadel nach ihr gestochen, dann versucht, das Blut aufzuwischen, und war in Panik geraten, weil er nun zu spät zur Besprechung kommen würde? Vielleicht war er aus dem Wohnwagen fortgerannt, immer noch mit dem Drehbuch in der Hand, und hatte es im Besprechungsraum auf einen Stuhl gelegt – genau auf den Stuhl, auf den sie sich setzen wollte? Oder war der Mörder viel kaltblütiger gewesen? Hatte er überlegt, dass sie, Honey, eine prächtige Verdächtige abgeben würde? Diesen Gedankengang unterbrach Honey abrupt. Wieso glaubte sie eigentlich, der Mord wäre von einem Mann begangen worden? Heutzutage arbeiteten viele Frauen im Filmgeschäft und brachten es sehr weit. Da musste es doch Rivalitäten geben. Blut auf dem Teppich – ja, sogar Blut auf dem Drehbuch.
Doherty rief noch einmal an und schlug vor, sich zum Mittagessen in einem kleinen Café namens Blanc et Noir zu treffen. Sie hörte die Enttäuschung in seiner Stimme, als sie ihm sagte, dass sie schon eine andere Verabredung hatte.
»Mit wem?«
»Das geht dich kaum was an.«
Ursprünglich hatte sie ihm nicht sagen wollen, dass sie ein Treffen mit Richard Richards ausgemacht hatte. Aber ein bisschen Eifersucht konnte ja nicht schaden. Ihr schlechtes Gewissen plagte sie.
»Richard Richards möchte, dass ich mich mit ihm auf einen Kaffee treffe. Er ist beleidigt, weil du ihn nicht gleich befragt hast. Er hält sich für ziemlich wichtig.«
»Wenn er mit dir reden möchte, dann geht das in Ordnung. Ich komme später und lasse mir von dir erzählen, was er zu berichten hatte.«
»Sehr wohl, mein Gebieter, aber …«
Doherty legte auf, ehe sie ihren Satz beenden konnte.
Das Café, in dem sie sich mit Richard Richards verabredet hatte, war eines ihrer Lieblingslokale. Atmosphäre und Essen waren genau richtig, und es lag an einem kopfsteingepflasterten Innenhof nicht weit von der Bath Abbey entfernt. Im Sommer konnte man sehr angenehm draußen an einem der grünen Metalltische mit den karierten Decken sitzen. Doch jetzt, im Februar, musste man sehen, dass man vor zwölf Uhr ins Café kam, wenn man ein warmes Plätzchen ergattern wollte.
Fröhlich knipsende Touristen hatten die Bürgersteige mit Beschlag belegt und zwangen Honey, auf die Straße auszuweichen. Sie dankte ihrem Schicksal, dass im Augenblick wenigstens die Büroangestellten und Verkäufer noch nicht in die Mittagspause strömten. Da war ein Sitzplatz im Café noch im Bereich des Möglichen.
Honey marschierte flott weiter, umrundete ein japanisches Paar mit einer topaktuellen Videokamera, eine Gruppe von Amerikanern mit genauen Listen aller Dinge, die man machen und ansehen musste, und einige Deutsche, die überraschend leger daherkamen.
Der Fall schien ziemlich klar zu liegen. Das Verhältnis zwischen Martyna Manderley und dem Produktionsteam war alles andere als harmonisch gewesen.
Plötzlich wurden Honeys Grübeleien über den Mord jäh unterbrochen, weil ihr jemand ein Klemmbrett vor die Nase hielt. Eine zierliche, von Kopf bis Fuß in lavendelblauen Musselin gehüllte Dame sprach sie an: »Ich bitte um Verzeihung, wenn ich an diesem kühlen, aber doch sonnigen Vormittag Ihre Gedankengänge störe. Ich möchte Ihnen eine Petition unterbreiten, mit der ich den Abbruch aller Dreharbeiten für dramatische Werke mit historischen Themen anregen möchte, die hier in unserer schönen Stadt Bath angesiedelt sind. Insbesondere bezieht sich mein Protest auf Dramen, die vorgeben, auf Jane Austens Werken und ihrem Leben zu beruhen. Diejenigen unter uns, die von einer großen Zuneigung, nein, von einer großen Liebe zu Jane Austen und ihren Romanen erfüllt sind, wollen entschlossen gegen diese Machwerke einschreiten und alle, die diese Meinung nicht teilen, nachdrücklich darauf hinweisen, dass unsere Stadt keineswegs Disneyland ist!«
Honey nahm verdutzt die Sprache der alten Dame zur Kenntnis. War sie aus einem Museum entkommen?
Nein, es konnte nur eine Möglichkeit geben. Die Frau war ein Bücherwurm und las vor allem nur eine einzige Autorin.
»Ah! Ich nehme an, Sie haben sehr viel von Jane Austen gelesen?«
»Gewiss, meine Liebe. Aus Jane Austens Feder stammen die großartigsten romantischen Erzählungen, die je geschrieben wurden. Niemand hat diese Autorin je an Einsicht und an Gefühl übertroffen. Wahrhaftig, niemand hat es ihr in diesem Genre an Meisterschaft auch nur gleichgetan.«
Was die Anspielung auf Disneyland betraf, so konnte sich Honey gerade noch die Bemerkung verkneifen, ihr sei nicht bekannt, dass auch Goofy und Donald Duck in Bath wohnten.
Stattdessen fragte sie: »Es missfällt Ihnen, dass Filme über Jane Austen gedreht werden?«
»Ja, insbesondere missfällt mir die Jane Austen.«
Sie betonte das Wort »insbesondere« und dehnte es wie ein Stück straffe Gummischnur bis zum Anschlag.
Honey versuchte es mit der Antwort, die ihr auf der Zunge lag: »Sie ist aber tot, das wissen Sie doch?«
Die Frau zog missbilligend eine Augenbraue in die Höhe und fixierte Honey mit stahlgrauen Augen. »Es ist mir sehr wohl bekannt, dass das größte literarische Genie Englands tot ist. Die liebste Jane ruht bereits viele Jahre in Frieden. Aber vergessen ist sie mitnichten!«, rief die alte Dame und wedelte mit ihrem warnenden Zeigefinger drei Zentimeter vor Honeys Nase herum.
»Ich meine doch die Schauspielerin, die die Rolle der Jane übernommen hatte.«
Die tiefliegenden Augen der Frau schienen plötzlich beinahe aus den Höhlen zu springen. »Man möchte ja nicht mit Worten Grausamkeiten verüben, aber einige treue Anhänger unserer lieben Jane stimmen sicherlich mit mir überein, dass man das Ausscheiden Miss Manderleys aus dieser Rolle beinahe als ein Zeichen göttlicher Gerechtigkeit werten könnte.«
Honey schluckte schwer. Leute, die einen auf offener Straße überfielen oder ermordeten, waren wirklich gefährlich. Doch auch eine Jane-Austen-Jüngerin mit einer Petition in der Hand konnte ziemlich unberechenbar sein.
Honey machte rasch einen Schritt zur Seite. Nicht rasch genug.
»Unterschreiben!«
Klemmbrett und Stift wurden ihr vor die Brust gepresst.
Sie schaute beides ängstlich an. Unterschreiben? Sollte sie das machen? Ja, beschloss sie. Es würde ohnehin niemand Notiz davon nehmen, überlegte sie. Höchstwahrscheinlich würde die Liste auf einem prasselnden Freudenfeuer im Garten irgendeines Stadtrats landen.
Dreharbeiten brachten Geld in die Stadt, genau wie der Tourismus. Die Leute schauten sich die Filme begeistert an und bemerkten den Hintergrund, was wiederum den Tourismus anregte. Eine einfache Rechnung.
»Einen einzigen positiven Aspekt hatte diese Produktion jedoch. Die Qualität der am Filmset gereichten Speisen war außerordentlich lobenswert«, meinte die alte Dame.
Honey runzelte die Stirn und reichte ihr das Klemmbrett zurück. »Wer hat Ihnen denn das erzählt?«
»Ich bin persönlich in den Genuss einer Reihe köstlicher Gerichte gekommen, während ich erwartete, dass man mich hinzuzog.«
»Man hatte mich als Beraterin eingestellt, damit ich in allen Fragen, die das Leben und die Zeiten der teuren Jane betrafen, meine Meinung äußerte. Ich hatte mich auch als Statistin verdingt, um mir ein geringes Zubrot zu verdienen. Außerdem, meine Liebe, war ich außerordentlich darauf bedacht, genau im Auge zu behalten, was während dieser Dreharbeiten vor sich ging. Jemand muss das gewaltige Erbe schützen, das uns Jane Austen hinterlassen hat. Mir wurde die Bürde auferlegt, zu ihrer Verteidigung zu eilen, und das habe ich gemacht!«
Honeys Augen huschten von der Frau zu ihrem Klemmbrett und wieder zurück. »Aber wie kommt es, dass Sie nun mit Ihrer Petition hier stehen?«
Die Augen der Frau funkelten. »Man hat mir befohlen, mich vom Set zu entfernen. Der große Star hat beschlossen, meine ständigen Bemerkungen über historische Genauigkeit seien ihrer künstlerischen Deutung abträglich.«
Honey überlegte. Konnte diese Frau eine Mörderin sein, oder war das Sammeln von Unterschriften ihr einziger Racheversuch? Honey kam zu dem Ergebnis, dass die alte Dame zu einem Mord nicht fähig sei. Sie lenkte ihre Schritte weiter in Richtung Café.
»Man hat mir hintertragen, es hätte sie jemand mit ihrer eigenen Hutnadel erstochen«, rief ihr die alte Dame hinterher. »Hätte man auf mich gehört, so wäre sie diesem Tod wahrscheinlich entronnen. Zu Janes Zeiten hatten Frauen nämlich keine Hutnadeln. Es war das falsche Zeitalter. Und es waren die falschen Hauben.«