FÜNFUNDVIERZIG

Wir landen auf unseren Sitzen. Und meinen Ängsten zum Trotz herrscht vor dem Abflug so viel Trubel im Flieger, dass niemand unser plötzliches Auftauchen registriert. Als Damen meine Tasche in das Fach über den Sitzen hievt, bemerke ich, dass er gar kein eigenes Gepäck dabeihat.

»Was ist mit dir?«, frage ich, als er sich neben mir niederlässt. »Ich weiß, es wird ganz schön gewöhnungsbedürftig werden, aber du kannst nicht einfach neue Sachen manifestieren, wenn du gerade welche brauchst, weißt du? Du wirst ganz normal in einen Laden gehen und sie kaufen müssen. Du brauchst Geld und Kreditkarten und Pässe und – o mein Gott, hast du daran gedacht, Geld und Kreditkarten und Pässe mitzunehmen? Und warum fliegen wir überhaupt? Warum haben wir es nicht so gedeichselt, dass wir gleich in Italien rausgekommen sind?«

Damen grinst und verschließt mir mit seinen Lippen den Mund. Schlagartig löst er so meine Ängste auf und erinnert mich an das Wichtigste.

Er macht sich los, streicht mir mit einer Hand über die Wange und steckt mir ein paar lose Haarsträhnen hinters Ohr. »Keine Sorge. Ich habe an alles gedacht. Es ist für alles gesorgt. Uns fehlt es an nichts. Ach, und was das Flugzeug angeht, du wolltest doch normal sein …«

»Erste Klasse ist normal?« Ich sehe mich in der geräumigen, edel ausgestatteten Kabine um und wende mich dann wieder ihm zu.

»Bei mir schon«, lacht er.

Ich nicke und genieße die Wärme seiner Hand in meiner, während ich aus dem Fenster sehe und das Flugzeug zur Startbahn rollt. Unablässig staune ich darüber, wie weit wir gekommen sind – und wie weit unser Weg noch ist. Und mir wird bewusst, wie glücklich ich bin – vielleicht sogar so glücklich wie noch nie.

Gerade will ich meine Aufmerksamkeit dem Sicherheitsvideo zuwenden – jetzt, da ich nicht mehr unsterblich bin, muss ich mir über solche irdischen Dinge Gedanken machen –, als ich sie sehe.

Sie steht auf dem Flügel, hüpft auf und ab und winkt mir zu.

Riley.

Meine umwerfend freche, geisterhafte kleine Schwester – und soweit ich es erkennen kann, ist Buttercup direkt an ihrer Seite.

Ich schnappe verblüfft nach Luft und presse meine Hand ans Fenster. Ich weiß nicht, ob der Anblick echt ist, ob ich sie jetzt wirklich wieder sehen kann oder ob das nur Wunschdenken ist. Dann bellt Buttercup und wedelt mit dem Schwanz, während Riley sich umblickt, als erwartete sie jemanden zu sehen, als würde ihr jemand folgen.

Ich wende mich zu Damen um und zupfe ihn am Ärmel, damit er sie auch sieht. Doch als wir uns wieder umdrehen, ist Riley verschwunden. Und sosehr ich mich auch anstrenge, ich kann sie nicht zurückholen.

Doch ich habe sie gesehen.

Ich weiß hundertprozentig, dass sie es war.

Und ich weiß auch, dass ich sie wiedersehen werde. Wenn sie nicht gerade auf Flugzeugflügeln herumtollt, dann eben auf der anderen Seite jener Brücke.

Ich hoffe nur, dass das nicht allzu bald geschieht.

Das Flugzeug rast immer schneller die Startbahn entlang, und ich lehne mich an Damen. Gerade lege ich den Kopf auf seine Schulter, als aus dem Nichts eine herrliche rote Tulpe auftaucht und auf meinem Schoß landet.

Dieselbe rote Tulpe, die Damen vorhin zu manifestieren versucht hat.

Wir sehen einander mit großen, staunenden Augen an, denn nun haben wir den letzten Beweis dafür bekommen, dass es wirklich wahr ist.

Alles, was im Sommerland möglich ist, ist auch auf der Erdebene möglich – es dauert nur ein bisschen länger, das ist alles.

Ich lege meine Hand auf den Stängel, und Damen bedeckt meine Hand mit seiner. Wir schmiegen uns aneinander, glücklich und zufrieden und voller Vorfreude auf alles, was uns erwartet, während sich das Flugzeug in die Lüfte erhebt.