FÜNFUNDDREISSIG

Ich fahre nicht zu Damen.

Ich habe es natürlich auf jeden Fall vor, doch zuerst muss ich etwas anderes erledigen. Und so manifestiere ich mir ein Auto und fahre zu Jude. Ich will ihn noch erwischen, ehe er zum Laden aufbricht, und stoße fast mit ihm zusammen, als er mit dem Jeep aus seiner Einfahrt rollt, während ich gerade hineinfahren will.

»Ever?« Er sieht mich im Seitenspiegel an, tritt ruckartig auf die Bremse und springt heraus.

Ich starre ihn an. Ich kann nicht anders. Er sieht so völlig anders aus, als ich ihn in Erinnerung habe.

Sein Kopf ist kahl rasiert.

Und ohne sein Markenzeichen, die langen goldbronzenen Dreadlocks, erkenne ich ihn kaum – zumindest nicht, ehe sein Blick meinen findet. Die leuchtend blaugrünen Augen sind mir nur allzu vertraut, ganz zu schweigen von der Welle kühler, gelassener Energie, die mich überspült und umhüllt, genau wie sie es die ganzen vergangenen Jahrhunderte getan hat.

Er fährt sich verlegen mit der Hand über seinen kahlen Schädel und sagt: »Ich dachte, es sei Zeit für eine Veränderung, aber deinem Blick nach zu urteilen, sollte ich sie wohl wieder wachsen lassen.«

Ich steige aus und bemühe mich, es mit dem Starren nicht zu übertreiben. Obwohl er super aussieht, ja sogar mehr als sagenhaft, muss ich immer noch eine ziemlich breite optische Kluft überbrücken.

»Nö.« Ich lächele fröhlich und schüttele den Kopf. »Lass nur. Ich meine, wozu zurückgehen, wenn du stattdessen voranschreiten kannst?«

Er lässt die Worte eine Weile auf sich wirken, bevor er das Schweigen bricht. »Du siehst ganz schön mitgenommen aus«, sagt er schließlich und zeigt auf meine Kleider, die in erbärmlichem Zustand sind. »Aber du hast es geschafft, und nur darum geht’s. Schön, dich zu sehen, Ever.« An seinem Tonfall und dem Glitzern in seinen Augen merke ich, dass er das zum ersten Mal seit langer Zeit ernst meint. Meine Gegenwart löst nicht mehr das gleiche Verlangen in ihm aus wie früher.

»Dich auch.« Ich schicke meinen Worten ein Lächeln hinterher, da er wissen soll, dass ich es ernst meine.

Wir stehen einander gegenüber und schweigen eine Weile einträchtig. Es ist kein verlegenes Schweigen, sondern ein Schweigen zwischen zwei Menschen, die etwas so Außergewöhnliches zusammen erlebt haben, dass man es nicht in Worte fassen kann.

»Wann bist du zurückgekommen?«, frage ich, da ich wissen will, ob er auch lange weg war.

Er sieht mich schief an. »Schon längst. Eine halbe Ewigkeit vor dir. Ich hab mir überlegt, ob ich dir nachreisen und dich suchen soll, aber Lotos hat mir davon abgeraten und gemeint, ich soll mich nicht einmischen.« Jude klimpert mit den Schlüsseln und zeigt auf seine Haustür. »Willst du reinkommen?«

Ich presse die Lippen zusammen und denke über drinnen nach. Die Küche, in der ich mal sein Geschirr gespült habe, der alte Stuhl, auf dem ich immer gesessen habe, die antike Tür, die er zum Couchtisch umfunktioniert hat, das braune Cordsofa, auf dem er mir seine Gefühle gestanden hat …

»Nein, ich …« Ich sehe ihn an, schlucke schwer und beginne erneut. »Ich wollte mich nur vergewissern, dass du es aus dem Sommerland zurück geschafft hast. Wollte nur sichergehen, dass du alles heil überstanden hast und …« Ich ziehe die Schultern hoch, sehe mich um und erblicke die Pfingstrosen, die in Blüte stehen – große, bunte Wattebäusche in Pink und Violett, die sich auf kräftigen grünen Stängeln wiegen. »Und anscheinend hast du das ja, also …«

Doch so leicht lässt er mich nicht vom Haken. Er lässt nicht zu, dass ich es einfach so abhandele. »Sollen wir darüber reden?«, fragt er, wobei sein Blick mir sagt, dass er nur allzu gern bereit ist, darüber zu reden, wenn ich es auch bin.

Und obwohl wir das natürlich könnten, frage ich mich unwillkürlich: Was soll das bringen?

Ich meine, was gibt es denn im Grunde noch zu reden? Wir wissen jetzt alles. Wir haben die tatsächlichen Ereignisse für uns selbst noch einmal durchlebt. Also was soll es für einen Sinn haben, noch einmal all das durchzukauen, was wir bereits wissen?

Ich schüttele den Kopf und senke den Blick auf unsere Füße – seine in den altbekannten Flipflops, meine in schlammverkrusteten Wanderstiefeln. Schließlich hebe ich den Kopf wieder und sage: »Das würde jetzt auch nichts mehr ändern, oder?«

Er zieht die Schultern hoch und sieht mich an.

»Aber eigentlich müsste es doch eine Erleichterung für dich sein, dass du mich in all den Jahren nicht wirklich geliebt und immer wieder verloren hast, oder?«

Er legt den Kopf schief und kann meine Äußerung offenbar nicht ganz nachvollziehen.

»Also, nachdem ich mir alles zusammengereimt habe, sieht es für mich so aus, als hättest du nur versucht, mich von Damen fernzuhalten, damit er mich nicht unsterblich macht. Du weißt schon, damit ihm nicht das gelingt, was ihm in unserem ersten Leben misslungen ist, als du Heath warst, er Alrik und ich Adelina.«

»Ist das wirklich deine Meinung?« Er beugt sich zu mir herüber, und sein Blick ist so eindringlich, dass ich nicke, schlucke und mir den Arm kratze. Ich gebe mich einem nervösen Tic nach dem anderen hin und frage mich, warum ich unbedingt so etwas sagen musste, wenn es nur zu meinem eigenen Unbehagen führt. Doch als er meine Beklommenheit bemerkt, gibt er rasch nach und fragt: »Also, sag mal – hast du es geschafft? Hast du es bis ans Ende deiner Reise geschafft? Hast du den Baum gefunden, den du gesucht hast?«

»Ja, hab ich.« Meine Stimme wird heiser, als vor meinem inneren Auge das herrliche Bild des Baums entsteht. Ein Anblick, den ich Jude vermitteln will, und dazu gibt es nur eine Art. »Mach die Augen zu«, sage ich, beeindruckt von der Geschwindigkeit, mit der er gehorcht. »Und jetzt öffne deinen Geist.« Ich lege die Hände auf beide Seiten seines Gesichts, umspanne seine scharf hervortretenden Wangenknochen, die jetzt, mit dem geschorenen Schädel, noch markanter wirken, suche mit den Fingerspitzen die leichte Innenkurve seiner Schläfen und drücke leicht dagegen. Dann projiziere ich die ganze herrlich strahlende Szene aus meinem Kopf in seinen und zeige ihm den Baum so, wie ich ihn in Erinnerung habe, in all seiner Fülle und Pracht.

»Wow«, sagt er mit einer Stimme wie ein Seufzen. »Das muss ja … echt was gewesen sein.« Er sieht mich mit durchdringendem Blick an.

Ich nicke und beginne langsam die Hände von seinem Gesicht zu nehmen, woraufhin er seine Hände fest daraufpresst und mich nicht weglässt.

»Ich muss gehen.« Ich versuche mich loszumachen, was lediglich dazu führt, dass er mich noch fester umfasst und vor sich fixiert.

»Ever …« Seine Stimme ist belegt, rau, ein Tonfall, den ich gut kenne.

Ich sehe ihn an und registriere seine frischgewaschenen Sachen, das T-Shirt und die Jeans, den Duft nach Seife, frischer Luft und Meer, den seine Haut ausstrahlt – und ich weiß, dass er sich die Mühe wegen Honor gemacht hat, nicht meinetwegen.

»Jude, bist du glücklich?«, frage ich und hoffe inständig, dass er das ist, dass der Nachtstern, den ich gemacht habe, meinen Wunsch in Erfüllung hat gehen lassen, oder es zumindest bald tun wird.

Er sieht mich nachdenklich an, und zwar so lange, dass ich schon glaube, er wird nicht mehr antworten, als er schließlich die Hände fallen lässt und sie tief in den Hosentaschen vergräbt. »Ich arbeite daran«, sagt er achselzuckend. »Mit der Zeit komme ich dem immer näher. Und du?«

Ich will schon eine lässige Antwort von mir geben, eine von der Art, wie man sie vor sich hin plappert, wenn einen jemand fragt, wie es einem geht, und man sowieso schon weiß, dass der andere gar nicht mehr hinhört. Doch dann überlege ich es mir schlagartig anders. Jude hat ehrlich geantwortet, also bin ich ihm zumindest auch eine ehrliche Antwort schuldig. Es dauert allerdings einen Augenblick, bis mir einfällt, wie diese Antwort lauten könnte. Ich hatte gar nicht richtig über den Stand meines persönlichen Glücks nachgedacht – oder jedenfalls schon lange nicht mehr.

Mal sehen. Ich habe jede Prüfung auf meiner Reise bestanden und meine Bestimmung erfüllt, womit ich mich im wahrsten Sinne des Wortes selbst verwirklicht habe, doch auch nach alldem fehlt noch eine Sache ganz eklatant. Oder vielmehr zwei Sachen – eine riesige und eine etwas weniger riesige. Doch wenn ich von hier weg bin, werde ich mich auch diesen beiden Dingen stellen.

»Mir geht’s genauso«, sage ich schließlich. »Ich arbeite auch noch daran. Aber ich glaube, ich mache gute Fortschritte, also ich komme jedenfalls ziemlich nah ran.«

Ich will mich gerade umdrehen und wieder in mein Auto steigen, als er mich zurückzieht. »Hey, Ever …«

Ich sehe ihn an.

»Nur damit du’s weißt, du bist komplett auf dem falschen Dampfer.«

Ich kneife die Augen zusammen und habe keine Ahnung, was er meint.

»Das war es nicht, was ich die ganzen Leben getan habe – oder zumindest nur zum Teil. Der andere Grund, warum ich dich von Damen ferngehalten habe, war, dass ich dich ganz für mich allein haben wollte. Will ich immer noch.« Er versucht ein Lachen, doch es ist keines von der lustigen Sorte. Dafür ist es viel zu resigniert. »Weißt du noch, was du zu mir gesagt hast, als wir uns das erste Mal begegnet sind?«

Ich blinzele. Damals hab ich eine ganze Menge Dinge gesagt. Ja, ich habe ihm sogar großspurig aus der Hand gelesen und ihm alles über seine Vergangenheit erzählt – oder zumindest über seine jüngste Vergangenheit.

»Du hast mir gesagt, dass ich ein Problem damit habe, mich immer wieder in die falschen Mädchen zu verlieben.«

Ach ja. Das.

»Du hast sogar Recht gehabt.« Erneut kommt dieses Lachen, diesmal etwas leichter, heiterer und deutet auf die Verheißung besserer Zeiten in der Zukunft hin. »Du wusstest nicht, dass es nur um ein ganz spezielles Mädchen geht – immer wieder dasselbe Mädchen. Du konntest nicht wissen, dass du die Eine warst.«

In meiner Magengrube bildet sich ein komischer Klumpen.

»Es ging immer nur um dich.« Er wirft mir ein wehmütiges Lächeln zu.

Ich rücke näher an mein Auto heran und habe keine Ahnung, was ich tun oder sagen soll, aber das ist okay, weil er die Verlegenheit für mich mit übernimmt.

»Und, was hältst du von Honor?«, fragt er.

Unsere Blicke treffen sich, bis ich in der Lage bin, etwas zu sagen. »Im Ernst?«

Er nickt und fährt sich mit der gleichen Geste über den Kopf, wie er es früher tat, als sein Haar lang und lockig war, doch jetzt gibt es nicht mehr viel, woran er sich festhalten könnte, und so lässt er den Arm wieder fallen. »Was hast du mir damals gesagt? Wenn ich dumm genug bin zu fragen, dann bist du dumm genug zu antworten?« Er lacht kurz auf. »Ja gut, was soll’s. Und jetzt schieß los. Was hältst du von Honor? Oder vielmehr was siehst du in unserer Zukunft? Haben wir überhaupt eine?«

Er hält mir seine Hand hin und will, dass ich sie nehme und ihm alles sage, was ich sehe. Und ich stehe vor ihm und weiß, ich brauche nur meinen psychischen Schutzschild herunterzufahren, einen Finger auf seine Haut zu drücken, und schon wird alles enthüllt, was er wissen möchte, einschließlich der Dinge, die er höchstwahrscheinlich lieber doch nicht wissen will.

Ich gehe ein Stück weiter auf ihn zu und will schon beginnen, als mir einfällt, was Damen einst gesagt hat. Und so beschließe ich, stattdessen Damen zu zitieren.

»Das Leben ist keine Prüfung mit Hilfsmitteln«, erwidere ich, steige in mein Auto und fahre davon.