SECHS
Er hat sich eindeutig beeilt.
Das sehe ich ihm auf den ersten Blick an.
Sonst ist er immer so wie aus dem Ei gepellt – das Musterbeispiel für die ultimative coole, ungerührte Gelassenheit in jeder Lebenslage. Doch jetzt steht er mit leicht gerötetem Teint, in die Augen fallendem Haar und leicht verrutschten Kleidern vor mir – und was man bei jedem anderen kaum registrieren würde, kann man bei Damen als sicheres Zeichen für heftige Vorfreude auslegen.
»Oh, damit habe ich gar nicht gerechnet. Willkommen. Ja, du bist mehr als willkommen, versteh mich nicht falsch, aber damit gerechnet habe ich nicht.«
Ich richte mich aus meiner lümmelnden Stellung auf der weißen, marshmallowweichen Couch auf. Während ich mir die Enttäuschung aus dem Gesicht zwinge, versuche ich gleichzeitig eine Vorfreude auszustrahlen, die der Damens entspricht – keine leichte Aufgabe, nachdem ich soeben mit meinem letzten Versuch gescheitert bin.
Dennoch ist es an der Zeit weiterzumachen, dessen bin ich mir jetzt sicher. Also setze ich ein Lächeln auf, das sich erst echt anzufühlen beginnt, als ich die Tulpe in Damens Hand sehe. Auf seinem Gesicht liegt ein Grinsen, das immer intensiver wird, je näher er mir kommt. Mit wenigen Schritten hat er die Distanz zwischen uns hinter sich gebracht, sodass sein Körper nur wie ein aufflackernder dunkler Fleck wirkt. Schon legt er mir die Tulpe auf den Schoß, lässt sich neben mir nieder und wirft einen Blick auf die Fernbedienung, die ich nach wie vor in der Hand halte.
»Hast du Jude gefunden?«, frage ich, da ich die ernsten Fragen hinter mich bringen will, ehe wir uns von unseren früheren Leben allzu sehr ablenken lassen.
Er nickt und rutscht näher und legt einen Arm um mich.
»Und? Hat er was entdeckt?«
Damens sachtes Kopfschütteln muss mir als Antwort genügen.
Doch obwohl mich das ein wenig ernüchtert – okay, vielleicht auch ein bisschen mehr als nur ein wenig –, seufze ich weder, noch stöhne ich oder tue sonst was in der Art. Ja, ich tue eigentlich überhaupt nicht viel, um durchblicken zu lassen, wie sehr mich die Neuigkeit trifft.
Zum einen weiß ich ja, dass es alles so am besten ist – gerade jetzt, da Damen und ich so gut harmonieren und uns so nahe stehen wie nie zuvor –, gerade jetzt, da er drauf und dran ist, mich zu einem herrlichen romantischen Urlaub an einen noch immer geheimen Ort zu entführen –, also, da hätte es mir gerade noch gefehlt, wenn unser momentanes Glück irgendwie durchkreuzt würde, erst recht nach allem, was wir durchgemacht haben, um überhaupt so weit zu kommen.
Es wäre absolut kontraproduktiv, wenn ich uns jetzt alle auf eine sinnlose Jagd schicke und dabei stur das Offensichtliche ignoriere, nämlich die absolut unübersehbare Tatsache, dass ich mich aller Wahrscheinlichkeit nach irre. Dabei ist mir durchaus bewusst, dass dies einer der Fälle ist, in denen es am besten ist, wenn man sich irrt, da es nur zu extrem unangenehmen Auswirkungen führen würde, wenn man Recht hätte.
Ja, ein Teil von mir weiß das durchaus.
Tja, und der andere Teil wird wohl oder übel einsehen müssen, dass es Zeit ist aufzugeben.
»Also, was darf es sein?«, fragt Damen und schnappt sich sofort die Fernbedienung.
Ich sehe ihn mit gespielter Strenge an. Dabei muss ich an letztes Mal denken, als er die Fernbedienung nicht rechtzeitig an sich gerissen und mir dadurch erlaubt hat, eine Reihe von Knöpfen zu drücken, die ein tragisches, aber letztlich doch hoffnungsvolles Sklavenleben preisgaben, von dem er gehofft hatte, es vor mir verborgen halten zu können.
»Es ist nicht deswegen«, sagt er, indem er meine Miene missdeutet und Anstalten macht, mir die Fernbedienung gleich zurückzugeben. Ich soll unmissverständlich wissen, dass ich wirklich, ehrlich alles gesehen habe und alle meine Leben kenne, ganz egal, wie schlimm sie waren.
Doch ich winke rasch ab. Alles, was ich bisher ausprobiert habe, ist fehlgeschlagen, also lasse ich gern ihn die Führung übernehmen.
Gelassen sehe ich ihm in die Augen und kann es nicht verhindern, dass mir das Blut in die Wangen steigt. »Wie wär’s mit London?«, frage ich verlegen. Es ist mir einfach so rausgerutscht. Auch wenn ich damals noch so oberflächlich und leichtsinnig war, mag ich das Leben einfach ziemlich gern, das ich als die schöne, verwöhnte Tochter eines britischen Landadeligen geführt habe – wahrscheinlich weil ich damals so unbeschwert war, so frei von jeder Last. Mein verfrühtes Ableben durch Drinas Hand war der einzige dunkle Fleck am Horizont.
Damen blinzelt und hält die Finger dicht über den Tasten. »Bist du sicher? London? Nicht Amsterdam?« Dabei sieht er mich mit seinem unwiderstehlichen Hündchenblick an.
Meine Lippen zucken unwillkürlich, da ich genau weiß, warum Damen immer wieder nach Amsterdam zurückkehren will. Obwohl er behauptet, dass es deshalb ist, weil er da malen kann – die Kunst ist gleich nach mir seine zweite Liebe –, weiß ich es besser. Er will es nämlich deshalb, weil ich ihm dann als halb nackte, überaus kokette und völlig schamlose Muse mit tizianroten Haaren Modell stehe.
Ich nicke zustimmend und denke mir, dass ich ihm das schuldig bin, nachdem ich ihn in den Großen Hallen des Wissens stundenlang zu Tode gelangweilt habe. Daher ist es nur eine Frage von Sekunden, bis der Bildschirm vor uns aufleuchtet und er meine Hand nimmt und mich von der Couch weg- und darauf zulotst.
Doch genau wie sonst bleibe ich direkt davor abrupt stehen. Von meinem Blickwinkel aus wirkt der Bildschirm wie eine harte, bösartige Platte von der Art, die einem liebend gern eine schwere Gehirnerschütterung verpassen würde, falls man so dämlich ist, auch nur den Versuch zu machen, mit ihr zu verschmelzen. Jedenfalls sendet sie keinerlei Anzeichen dafür aus, dass sie nachgiebig genug sein könnte, um hineinzuschlüpfen.
Und genau wie immer sieht Damen mich an und sagt: »Glaube.«
Also tue ich es. Ich hole tief Luft und schließe die Augen, als würde ich gleich in ein tiefes Becken springen, ehe ich mich dagegenpresse und immer weiter drücke, bis wir sicher auf der anderen Seite stehen und eins mit der Szenerie geworden sind.
Als Erstes vergrabe ich die Hände tief in meinem Haar. Ich fahre mit den Fingern durch die langen Strähnen und lächele darüber, wie seidenweich sie sich anfühlen. Ich liebe diese Haare, auch wenn ich weiß, dass es eitel ist, aber ich kann nichts dagegen tun. Ihre Farbe ist von einem umwerfend leuchtenden Rot, wie ein knalliger Sonnenuntergang, durchzogen von einer Spur Gold. Und als ich auf mein Kleid herunterblicke oder vielmehr auf den kaum vorhandenen Hauch aus fleischfarbener Seide, der um mich herum drapiert ist, notdürftig zusammengehalten von einem lockeren Knoten im Nacken, bin ich immer wieder erstaunt über das Maß an Selbstsicherheit, das man braucht, um so etwas zu tragen. Wenn ich hier bin, gekleidet wie sie, bin ich kein bisschen schüchtern.
Doch hier bin ich auch nicht mehr die siebzehnjährige Ever, sondern die neunzehnjährige Fleur – ein bildhübsches holländisches Mädchen, das weder an seiner Schönheit noch an sich selbst zweifelt.
Und Fleur zweifelt auch nicht an der unendlichen Liebe in den Augen des gut aussehenden dunkelhaarigen Künstlers, der an seiner Leinwand steht und sie malt.
Ich schreite durch das Tulpenfeld, anmutig und geschmeidig, und erfreue mich an den seidenweichen Blüten und Blättern, die mich streifen, ehe ich genau an der richtigen Stelle stehen bleibe und mich zu ihm umdrehe, genau in der Pose, um die er mich gebeten hat.
Ich lasse den Blick über die Blumen schweifen, bis hin zu dem leicht bewölkten Himmel, tue so, als wäre ich beschäftigt, völlig eingenommen von der Schönheit der Natur um mich herum, obwohl ich doch nur auf den unvermeidlichen Moment warte, in dem er das Malen sein lassen und sich um mich kümmern wird.
Kurz sehe ich ihn an, mit nur einer Ahnung von Lächeln, als ich sehe, wie sein Pinsel bebt – ein sicheres Zeichen dafür, dass es nur noch eine Frage von Sekunden ist, bis er das Vergnügen, mich auf Leinwand zu verewigen, gegen jenes eintauscht, mich in seinen Armen zu halten. Ich sehe den Hunger, das verzehrende Feuer des Verlangens in seinen Augen lodern.
Und es dauert auch nicht lange, bis er den Pinsel beiseitelegt und auf mich zugeht. Sein Schritt ist langsam und kontrolliert, jedoch völlig zielstrebig, und das Feuer in seinen Augen brennt immer heißer, bis ich die Hitze regelrecht zu spüren glaube. Ich tue so, als wäre ich viel zu sehr mit meiner Pose beschäftigt, um seine Nähe zu registrieren, die kribbelnde Hitze, die mich durchströmt, die in und um mich herum fließt – ein Verführungsspiel, das wir beide immer wieder gern spielen.
Doch anstatt mich in seine Arme zu schließen, bleibt er mit unsicherer Miene vor mir stehen und tastet mit zitternden Fingern in seiner Tasche nach einem kleinen silbernen Fläschchen, welches das sonderbare, rot leuchtende Gebräu enthält, das er häufig trinkt. Unvermindert brennt sich sein Blick in meinen, aber neben dem gewohnten Rausch des Verlangens lugt dahinter etwas anderes hervor, das ebenso unmöglich zu deuten wie zu leugnen ist.
Mit unsicherem Griff umfasst er das Fläschchen und hält es mir hin. Sein ganzer Körper drängt mich, es zu nehmen und den Trank zu probieren, während sein gequälter Blick eine ganz andere Geschichte erzählt. Er spricht von einem geheimen Kampf, der in ihm tobt, bis seine Miene – bezwungen von einer unbenannten Angst – zu einem Ausdruck so bitterer Entschlossenheit wechselt, dass er das Fläschchen zurückzieht und stattdessen nach mir greift.
Er breitet die Arme aus und drückt mich fest an seine Brust, wobei sein Körper solche Liebe, solche Verehrung ausdrückt, dass ich die Augen schließe und mich gegen ihn sinken lasse. Ich versinke im Gefühl seiner Berührung, seiner Lippen, die mit meinen verschmelzen, und tauche in den herrlichen, schwerelosen Genuss ein, bei ihm zu sein. Als tanzte man durch Wolken und surfte über Regenbogen, erheben wir uns über die Schwerkraft und kennen keine Grenzen. Verschmolzen in einem endlosen, seelenvollen Kuss, wie wir ihn zuhause auf der Erdebene nicht mehr wagen dürfen.
Wir küssen uns auf eine Art, die zwar wesentlich besser ist als die, die uns zuhause vergönnt ist, jedoch ebenfalls den Einschränkungen der vorausgegangenen Ereignisse unterliegt.
Seine Finger wandern nach oben und greifen nach dem lockeren Seidenknoten in meinem Nacken. Gerade will er ihn lösen, mich entkleiden, da gebe ich – sie! – einen kleinen Protestlaut von mir und stoße ihn weg. Und, ehrlich, in diesem Moment muss ich sie einfach verfluchen.
Die dumme Fleur.
Das dumme Mädchen, das ich war.
Also, wenn sie schon so verteufelt selbstbewusst war – so sorglos und selbstsicher –, warum hat sie ihn dann aufgehalten, gerade als es richtig gut zu werden versprach, gerade als sie …
Voller Ärger darüber, dass mir die Entscheidungen, die ich damals getroffen habe, auch heute noch nachhängen und bestimmen, was wir tun können, wie weit wir gehen dürfen, wächst meine Frustration dermaßen an, dass ich im nächsten Moment aus dem Szenenbild geworfen werde.
Aus der handelnden Person heraus.
Heraus aus Fleur und zurück zu meinem jetzigen Ich, Ever.
Mit aufgerissenen Augen stehe ich da und schnappe nach Luft. Ich staune darüber, dass ich nach wie vor Teil der Szenerie bin und alles verfolgen kann, was sich vor meinen Augen abspielt, auch wenn ich keine der Hauptrollen mehr bekleide.
Ich hatte keine Ahnung, dass das möglich ist. Dass ich mich gezielt zur reinen Zuschauerin reduzieren kann. Dass so etwas überhaupt geht.
Doch während ich hier stehe und über all diese Wunderlichkeiten staune, bekommt Damen überhaupt nichts mit. Er ist viel zu beschäftigt. Viel zu vertieft in den Augenblick, um zu bemerken, dass das Mädchen, das er mühsam zu enthüllen sucht, mittlerweile, nun ja, in Ermangelung eines besseren Begriffs, unbewohnt ist.
»Damen«, flüstere ich, aber er dreht sich nicht um, ja, er merkt nicht einmal, dass sie nur eine leere, seelenlose Hülle ist. »Damen«, wiederhole ich, diesmal ein bisschen schärfer, doch es nützt nichts. Es ist, als sähe man seinem Freund dabei zu, wie er mit einer anderen herumknutscht, auch wenn diese andere du selbst bist. Trotzdem ist es total unangenehm. Es macht mich rasend.
Widerwillig löst er sich von ihr und dreht sich mit einem Blick zu mir um, den man nur als völlig verwirrt bezeichnen kann. Ein tiefes Scharlachrot breitet sich von seinem Hals in seine Wangen aus, als ihm aufgeht, dass er die letzten Sekunden in der Umarmung einer Art Sommerland-Pendant eines vorpubertären Mädchens verbracht hat, das das Küssen mit einem Kissen übt.
Sein Blick jagt zwischen uns hin und her – zwischen der lebenden, atmenden, echten Version von mir, die vor ihm steht, und der unbeseelten und daher leicht durchsichtigen Version von Fleur an seiner Seite. Und während sie immer noch so verführerisch ist, wie man sich nur vorstellen kann, reizt mich ihr momentaner Zustand unterbrochener Animation mit Schlafzimmerblick, aufgeworfenen Lippen und zerwühltem Haar einfach zum Lachen. Allerdings begreife ich erst, als Damen nicht in mein Lachen mit einstimmt, dass er das ganz anders sieht.
»Was ist denn los?«, fragt Damen stirnrunzelnd und zieht das weite Baumwollhemd zurecht, das er damals immer trug.
»Tut mir leid, ich hab einfach …« Ich sehe mich um und bemühe mich nach Kräften, mein Lachen zu unterdrücken, da ihm die Sache ohnehin schon peinlich genug ist. »Ich hab anscheinend irgendwie …« Ich zucke die Achseln und beginne erneut. »Na ja, ich weiß nicht genau, was passiert ist. Irgendwie habe ich im einen Moment noch pro forma mitgemacht, und im nächsten war ich so genervt, weil sie dich weggestoßen hat, dass mich meine Frustration schnurstracks aus der Szenerie geworfen hat, aus ihr heraus.«
»Und wie lange ist das schon her? Wie lange stehst du schon da und schaust zu?«, will er wissen, während er sich insgeheim sicher fragt, wie peinlich ihm die Sache sein muss.
»Nicht lange. Ehrlich.« Ich schüttele heftig den Kopf und hoffe, dass er es mir abnimmt.
Er nickt, offenbar erleichtert, und langsam nimmt sein Teint wieder eine normale Färbung an.
»Es tut mir leid, Ever. Ganz ehrlich. Alles, was ich bisher versucht habe, ist fehlgeschlagen. Ich schaffe es nicht, Romans Gegengift zu entschlüsseln, sosehr ich mich auch anstrenge.« Mit niedergeschlagener Miene sieht er mich an. »Und ehe mir nichts anderes einfällt, etwas, was ich noch nicht versucht habe, fürchte ich, dass wir uns mit dem begnügen müssen, was wir haben. Aber wenn es zu frustrierend wird, sollten wir vielleicht nicht mehr hierherkommen – zumindest für eine Weile?«
»Nein!« Ich sehe ihn an und schüttele erneut den Kopf. Das habe ich überhaupt nicht gemeint, nicht im Mindesten. »Nein, nein, das ist …« Ich winke hastig ab. »Es ist nicht so, dass ich nicht auch in den Moment vertieft war, denn das war ich. Ich habe ihre Verführungskünste genauso genossen wie du. Und glaub mir, ich bin genauso verblüfft wie du darüber, dass das passiert ist. Also, auch wenn mir immer wieder mal ein Gedanke in den Sinn kam, der nicht dazuzupassen schien, war das das erste Mal, dass mich ein solcher Gedanke völlig aus der Figur herauskatapultiert hat. Ich wusste nicht einmal, dass das passieren kann – du etwa?« Er sieht mich achselzuckend an, da er immer noch viel zu tief in der Situation steckt, um überhaupt darüber nachgedacht zu haben.
»Aber da wir jetzt schon einmal dabei sind …« Ich halte inne und frage mich, ob ich das jetzt wirklich durchziehen soll, ehe ich mir sage, dass ich nichts zu verlieren habe. »Tja, ich wollte einen bestimmten Punkt ansprechen, etwas, das mir kürzlich eingefallen ist.«
Er wartet darauf, dass ich zur Sache komme.
Ich presse die Lippen zusammen, sehe mich um und versuche, meine Gedanken zu sortieren und die richtigen Worte zu finden. Eigentlich hatte ich das Thema gar nicht ansprechen, mich gar nicht auf dieses Terrain wagen wollen, doch das hindert mich nicht daran, mich ihm jetzt zuzuwenden und loszusprudeln. »Ich habe mir überlegt – okay, ich weiß nicht genau, wie ich es ausdrücken soll, aber wir wählen doch jedes Mal, wenn wir hierherkommen, zwischen meinen verschiedenen Leben, oder?«
Damen nickt geduldig, obwohl sein Blick etwas anderes sagt.
»Also, manchmal drängt sich mir einfach die Frage auf, warum wir immer nur zwischen meinen Leben wählen. Was, wenn das Dasein als Damen Augustus Notte Esposito gar nicht dein erstes Leben war?«
Weder bleibt ihm der Mund offen stehen, noch schaut er fassungslos, noch zuckt er zusammen, scharrt mit den Füßen oder gestikuliert herum, noch bringt er eines der anderen nervösen kleinen Manöver zum Zeitschinden an, auf das ich gewettet hätte.
Nein, er steht einfach nur da, mit völlig ausdrucksloser Miene, als hätte er zu der Idee, die ich soeben geäußert habe, rein gar nichts zu sagen. Er blickt drein, als hätte ich soeben in einer der wenigen Sprachen gesprochen, die er nicht beherrscht.
»Direkt bevor du gekommen bist, habe ich die Zahlen in die Fernbedienung eingegeben – du weißt schon, acht, acht, dreizehn, null, acht? Ich dachte, es könnte ein wichtiges Datum oder so was sein – eine Zeit, in der wir beide schon mal gelebt haben. Aber obwohl nichts passiert ist, glaube ich nach wie vor, dass es gut sein könnte. Wir wissen ja beide, dass ich als Pariser Dienstmagd Evaline gelebt habe, oder? Und als Puritanertochter Abigail. Als verwöhntes Londoner Luxusgeschöpf Chloe und als Künstlermuse«, ich zeige auf sie, »Fleur. Und auch als Sklavenmädchen Emala – aber was, wenn du nicht schon immer Damen warst? Was, wenn du einst, vor langer, vor sehr langer Zeit, jemand ganz anders warst?«
Was, wenn du auch wiedergeboren wurdest?
Den letzten Satz lasse ich unausgesprochen, doch er hat ihn trotzdem gehört. Die Worte wirbeln derart um uns herum, dass sie sich nicht ignorieren lassen, obwohl auf der Stelle klar wird, dass Damen genau dies vorhat.
Seine verkrampften Schultern und sein finsterer Blick bilden so ziemlich das krasse Gegenteil zu meinem leuchtenden Gesicht und meinem elastischen Körper. Und sosehr ich mich auch zu bezähmen versuche, es hat keinen Zweck. Ich bin so erfüllt von dieser neuen Idee – dieser vielleicht übersehenen Möglichkeit, dass ich die Energie um mich herum praktisch vibrieren spüre. Und wenn ich eine Aura besäße, was Unsterbliche nicht haben, dann würde sie garantiert im herrlichsten, leuchtendsten Violett erstrahlen, übersät von glitzernden goldenen Punkten, denn genauso fühle ich mich.
Daher weiß ich, dass ich Recht habe.
Doch offenbar bin ich mit meinem Gefühl allein. Und so muss ich schwer enttäuscht zusehen, wie sich Damen umdreht und mich ohne ein Wort des Abschieds in einem Feld prächtiger roter Tulpen stehen lässt.
Ich verlasse das Sommerland und tauche wieder in Damens Haus auf, wo ich ihn sichtlich niedergeschlagen auf dem Sofa vorfinde.
Ich blicke an mir selbst herab und registriere, wie das dünne Seidenfähnchen auf der Stelle durch die Jeans und den blauen Pulli von vorher ersetzt wird, genau wie Damens weites weißes Hemd und die schwarze Hose den Sachen weichen, die er sich am Morgen ausgesucht hat.
Und obwohl seine Kleider sich wandeln, bleibt seine Stimmung bedauerlicherweise gleich. Während ich sein Gesicht betrachte und nach einem Hauch Freundlichkeit, einem Streifen Offenheit suche, bekomme ich im Gegenzug nichts als eine versteinerte Miene zu sehen. Also gehe ich zur Wand gegenüber und bleibe dort stehen, während ich mir schwöre, dort so lange zu verharren, bis er den nächsten Schritt tut. Dabei weiß ich nicht, was ihn mehr ärgert – dass ich aus der Szene ausgebrochen bin, oder die Vorstellung, dass er schon einmal gelebt haben könnte. Doch was immer es auch ist, es hat offenbar einen inneren Dämon in ihm von der Leine gelassen.
»Ich dachte, darüber wären wir hinaus«, sagt er schließlich und wendet sich mir zu, jedoch nur kurz, dann beginnt er erneut auf und ab zu gehen. »Ich dachte, du wärst bereit, nach vorn zu schauen und ein bisschen Spaß zu haben. Ich dachte, du hättest begriffen, dass du nicht weiterkommst, dass du dich in Bezug auf das Sommerland geirrt hast – in Bezug auf seinen dunklen, tristen Teil und die alte Frau und all das. Ich dachte, du wolltest einen Abstecher in den Pavillon machen, damit wir uns ein bisschen in früheren Zeiten amüsieren können, bevor wir in Urlaub fahren. Und kaum fangen wir an, uns zu vergnügen, überlegst du’s dir anders. Was soll ich dazu sagen? Ich bin ein bisschen enttäuscht, Ever. Ehrlich.«
Ich schlinge die Arme um mich selbst, als könnten sie seine Worte abwehren. Schließlich wollte ich ihn ja nicht gezielt enttäuschen, das war überhaupt nicht meine Absicht. Trotzdem werde ich einfach den Gedanken nicht los, dass die Lösung des Rätsels der Alten uns in eine glücklichere, hellere Zukunft führen wird. Weiter will ich gar nichts, und ich weiß, dass auch er in Wirklichkeit nichts anderes will – trotz der Weltuntergangsstimmung, in der er sich gerade befindet.
Doch ich spreche nichts davon aus. Vor allem weil Damen – mein Seelengefährte, die Liebe meiner zahlreichen Leben – stets derjenige ist, der zuverlässig meine emotionalen Landminen entschärft, ehe sie uns vor der Nase explodieren. Also kann ich mich wenigstens für den Gefallen revanchieren.
Er sieht mich an, nach wie vor unfroh. Also spreche ich mit extra leiser, sanfter Stimme, entspanne meinen Körper und halte die Hände mit gespreizten Fingern und offenen Handflächen in einer Art Friedensgeste vor mich. »Bist du sauer, weil ich die Szene angehalten und die Figur verlassen habe? Oder bist du sauer, weil ich angedeutet habe, dass du schon einmal als jemand anders gelebt haben könntest? Oder beides? Und falls beides, was davon bringt dich dann mehr auf?«
Ich warte auf seine Antwort und mache mich auf das Schlimmste gefasst, auf einfach alles, bin aber dennoch über seine Reaktion überrascht. »Die ganze Sache ist lächerlich. Ein früheres Leben? Ever, bitte. Ich bin jetzt schon seit sechshundert Jahren hier – erscheint dir das nicht lange genug?«
»O – kay …« Ich ziehe das Wort in die Länge, um meine Meinung zu unterstreichen, doch ich muss vorsichtig sein, denn das Thema hat bei ihm eindeutig einen wunden Punkt getroffen. »Und ich bin vierhundert Jahre lang mit Unterbrechungen von einer Existenz in die andere getaumelt … soweit wir wissen.« Ich nicke bekräftigend und weiß, dass ihn das erneut aufbringen wird, doch es muss gesagt werden.
»Soweit du weißt?« Er sieht mich an. Das nimmt er jetzt ganz persönlich. »Du glaubst, dass ich noch mehr vor dir verberge? Ein weiteres Sklavinnenleben vielleicht?«
»Nein.« Ich schüttele den Kopf, um es schnell abzustreiten, da ich den Gedanken unbedingt verscheuchen will. »Nein, ganz und gar nicht. Ich hatte, offen gestanden, eher daran gedacht, dass es andere Leben geben könnte, die – von denen wir nichts wissen. Also, Damen, mal ehrlich, du musst doch wenigstens zugeben, dass es möglich ist. Was glaubst du denn? Etwa, dass die ganze Welt um dich herum erst aus dem Erdboden geschossen kam, als du als Damen Augustus Notte aufgetaucht bist? Du glaubst, du warst eine frischgeschlüpfte Seele ohne Vergangenheit? Ohne Karma, das du abarbeiten musstest?«
Er zieht die Brauen zusammen, und seine Augen verdüstern sich, nur seine Stimme bleibt ruhig und gelassen, als er antwortet. »Es tut mir leid, Ever. Es tut mir leid, dass ich deine Idee mit der Wahrheit übertrumpfen muss. Doch Fakt ist, dass eine Seele irgendwo anfangen muss, irgendwann ›frischgeschlüpft‹ sein muss, wie du es nennst. Also warum nicht genau damals? Außerdem, wenn es ein anderes Leben gegeben hätte, ein früheres Leben, wüsste ich ja wohl mittlerweile davon. Ich hätte es im Schattenland gesehen.«
»Dann willst du mir also erzählen, du hättest es nicht gesehen?« Ich bin nicht bereit lockerzulassen, trotz des unbestreitbaren Einwands, den er soeben gemacht hat, und obwohl mir langsam der Dampf ausgeht.
»Nein, hab ich nicht.« Er nickt mit ernster Miene, entschlossen, sich nicht mit seinem Sieg in dieser Runde zu brüsten.
Seufzend schließe ich die Augen und schiebe die Hände tief in die Taschen. Ich muss an meinen eigenen Aufenthalt im Schattenland denken, an den Bilderwirbel, der sich vor mir und um mich herum entfaltete und in dem ich kein einziges Mal etwas gesehen habe, was ich nicht erwartet hätte – keine früheren Leben, über die ich nicht bereits Bescheid wusste.
Keine andere Version von mir, die unter dem Namen Adelina bekannt war.
Nichts, was im Jahr 1308 stattgefunden hätte.
Ich hebe die Lider erst wieder, als Damen vor mir steht und mir mit sanftem, liebevollem Blick einen Strauß Tulpen in die Hand drückt. Die Worte Es tut mir leid schweben in fetter violetter Schnörkelschrift zwischen uns.
Mir auch, schreibe ich direkt darunter. Ich wollte dich nicht enttäuschen.
»Ich weiß«, flüstert er und schlingt die Arme um mich, während ich die Augen wieder schließe, mich in seine Umarmung lehne und es genieße, seinen Körper dicht an meinem zu spüren. »Und selbst wenn ich weiß, dass ich es auf ewig bereuen werde – du kannst deine Woche wiederhaben. Ehrlich. Recherchiere ruhig nach Herzenslust, und ich werde tun, was ich kann, um dich bei deiner Suche zu unterstützen. Doch wenn die Woche vorbei ist, Ever, gehörst du mir. Ich habe ernsthafte Urlaubspläne.«