VIERUNDVIERZIG
Ich rolle mich auf die Seite, schmiege mich enger an Damen und fahre mit den Fingern von seiner Brust zum Bauch und weiter nach unten. Verblüfft darüber, wie er sich tatsächlich anfühlt, seine warme und wundervolle Nähe, frage ich mich, wie ich es so lange ohne ausgehalten habe.
»Was denkst du?«, fragt er und knabbert mir sanft am Ohrläppchen.
»Ach, weißt du …« Ich lächele kokett, fahre mit dem Finger wieder nach oben und drehe ein paar Runden um seinen Nabel, ehe er mich lachend auf seine Brust zieht. Er drückt mir einen Kuss auf den Scheitel, und mir kommt nur ein einziges Wort in den Sinn: zufrieden.
Ich bin rundum zufrieden.
Außerdem bin ich glücklich, entspannt und mit mir selbst im Reinen.
Ich habe alles, was ich mir wünschen kann.
Mein Leben ist perfekt.
Ich sehe zu ihm auf, wünschte, wir könnten so bleiben und das hier möglichst endlos in die Länge ziehen, doch Damen hat andere Pläne und erklärt mir, dass wir einen wichtigen Termin haben.
»Das Haus hier wird mir fehlen«, sagt er, während er sich erhebt und über den Teppich aus Tulpenblättern tappt, von denen so viele vom Himmel gefallen sind, dass sie den ganzen Fußboden bedecken.
»Red nicht so endgültig«, schelte ich. »Es verschwindet ja nicht.« Ich lächele ihn an. »Oder müssen wir irgendwo anders hin? Müssen wir weg?« Ich spähe zu ihm hinüber und hoffe auf einen Hinweis. Doch er hat sein undurchdringlichstes Pokerface aufgesetzt, was heißt, dass ich nichts erfahren werde.
Achselzuckend schlüpfe ich in das Kleid, das ich mir schlauerweise vorher manifestiert habe, da ich nicht vorhabe, noch einmal das Kostüm mit den Flügeln zu tragen.
Sobald wir angezogen sind, packt er meine Hand und zieht mich zum Fenster, wo wir zusehen, wie die Wellen weit unten gegen die Felsen schlagen.
»Siehst du es noch?« Er mustert mich.
Ich nicke und versuche etwas, wofür ich vorher zu nervös – und außerdem zu beschäftigt – war, indem ich denke: Siehst du es?
Er lächelt mich an und denkt: Ja. Und was noch besser ist, wir können einander immer noch hören!
Ich lehne mich an ihn und frage mich, wie lange das anhalten wird. Irgendwann werden die pulsierenden Farben und das lyrische Summen des Universums unweigerlich aufhören. Selbst als Misa, Marco und Rafe begeistert von dem Erlebnis schwärmten, lag es schon in der Vergangenheit. Auch wenn es aus meinem Blick verschwinden mag, so wird es doch nie aus meinem Geist verschwinden. Jetzt, da wir die Wahrheit von allem begriffen haben und wissen, wie das Universum funktioniert, wird die Welt weiterhin so magisch und verblüffend sein wie immer, selbst für Sterbliche wie uns.
»Bereit?«, fragt er, die Hand fest um meine geschlossen, während die vagen Umrisse unserer vereinten Energie mir Beweis genug dafür sind, dass wir eins miteinander sind – eins mit allem.
Nickend folge ich ihm hinaus zu meinem Auto. Einen Moment lang gerate ich in Panik, als ich wie gewohnt versuche, es mit der Kraft meiner Gedanken anzulassen. Doch ich entspanne mich augenblicklich, als mir einfällt, dass ich ja so geistesgegenwärtig war, den Schlüssel mitzubringen, denn soweit ich weiß, funktioniert diese Art von Magie nicht mehr.
Und als Damen eine Tulpe für mich manifestieren will, kommt diese leider nicht über die Vision hinaus, die er von ihr in seinem Kopf hat. Aber bevor er sich deswegen grämen kann, erinnere ich ihn daran, dass, wenn es wahr ist, was man vom Universum sagt, nämlich dass Gedanken tatsächlich Fakten schaffen, die Tulpe irgendwann erscheinen wird.
Bei mir zuhause angelangt, sause ich die Treppe hoch, stürme an meinen Schrank und packe in Windeseile eine Tasche, während Damen ins Fernsehzimmer geht. »Was soll ich mit denen hier anfangen?«
Ich ziehe den Reißverschluss der Reisetasche zu und hänge sie mir über die Schulter, froh, dass ich zumindest etwas von meiner unsterblichen Kraft und Ausdauer zurückbehalten habe, da ich praktisch alles hineingeworfen habe, was Platz hatte.
Dann gehe ich zu Damen und sehe ihn auf die Flaschen voller Elixier zeigen, die nach wie vor in meinem Mini-Kühlschrank lagern. Nur sind es wesentlich weniger geworden, seit ich letztes Mal hineingesehen habe.
Ich schlüpfe um den Tresen herum, knie mich hin und zähle sie nach. Zähle dann noch einmal genau nach und noch einmal – und komme jedes Mal zum gleichen erstaunlichen Schluss: Nicht alle der Unsterblichen haben sich für die Frucht entschieden.
»Ich finde eigentlich, wir sollten die Reste vernichten oder wenigstens sicher unter Verschluss halten. Es wäre mir ein Gräuel, wenn sie in die falschen Hände fallen würden oder auch nur in ahnungslose Hände, weißt du?« Damen wendet sich zu mir um. »Hey, was ist denn los?«, fragt er, ganz erschrocken von meiner Miene.
»Der Kühlschrank war voll.« Ich sehe ihn an. »Als ich die Party verlassen habe, war er voll. Und jetzt …«Ich lege mir kopfschüttelnd eine Hand auf den Bauch, da mir ein bisschen schlecht wird. »Ich hatte wirklich gehofft, sie zu überzeugen – sie alle. Aber vielleicht bin ich zu früh gegangen? Vielleicht hätte ich ein bisschen länger bleiben sollen?«
Ich will gerade aufstehen, als Damen fragt: »Wie kannst du dir sicher sein, dass es ein Unsterblicher war?«
Ich fange seinen Blick auf, und auf einmal beginnt sich das ganze Zimmer um mich zu drehen. Ich muss mich am Tresen festhalten, damit ich nicht umkippe.
Doch ebenso schnell geht es auch wieder vorüber.
Letztlich ist es so, wie Lotos gesagt hat – ich habe getan, was ich konnte –, alles andere war ihre Entscheidung.
Es gibt so etwas wie einen freien Willen, und so wie’s aussieht, hat irgendjemand beschlossen, den seinen auszuüben.
»Schütt es weg«, sage ich. »Schütt alles weg. Ich habe jede Menge Früchte für die Unsterblichen aufgehoben, die jetzt womöglich zwischen zwei Stühlen sitzen. Aber das Elixier brauchen wir nicht mehr. Es ist höchste Zeit, dass wir uns davon befreien.«
Wir machen uns ans Werk, indem ich die Deckel abschraube und ihm die Flaschen reiche, die er dann in die Spüle leert. Als wir fertig sind, wendet er sich zu mir um, fasst meine Hände und sagt mir, ich soll mir einen schimmernden goldenen Schleier vorstellen.
»Sommerland?« Ich runzele die Stirn und frage mich, warum ich eine Tasche fürs Sommerland packen sollte, da man doch dort alles manifestieren kann, was das Herz begehrt. Allerdings frage ich mich, ob wir überhaupt noch dorthin gelangen können. Ich weiß, ich werde am Boden zerstört sein, wenn sich herausstellt, dass es nicht mehr geht.
Damen schüttelt nur den Kopf und sagt: Glaube.
Also tue ich es.
Im nächsten Moment treten wir durch das Licht und gelangen auf das weite, duftende Feld. Ich bin glücklich und zufrieden, dass das immer noch im Rahmen unserer Möglichkeiten liegt.
Damen sieht mich an und ist offenbar ebenso erleichtert wie ich. »Und jetzt zum zweiten Teil …«
Ich warte und halte den Atem an, da ich keine Ahnung habe, was das sein soll.
»Weißt du noch, wie Miles immer davon geredet hat, dass wir nach der Highschool alle zusammen auf Rucksackreise durch Europa gehen sollen?«
Ich nicke und begreife noch immer nichts.
»Also, ich finde, das ist eine super Idee. Und da wir die Reise nie gemacht haben, weil du zum Baum des Lebens gewandert bist und all das und du sowieso erst später zum College zugelassen wirst, dachte ich, wir könnten seinen Vorschlag verwirklichen.«
»Aber Miles fährt gar nicht nach Europa«, entgegne ich, weil ich genau weiß, dass er ein wichtiges Vorsprechen in New York City vor sich hat und Holt ihn dorthin begleitet. Und wenn ich mich recht erinnere, habe ich ihm prophezeit, dass er die Rolle kriegt. Er wird ein großer Broadwaystar werden, und Holt wird noch lange an seiner Seite sein.
»Ich weiß. Aber das muss doch nicht heißen, dass wir auch nicht fahren können, oder? Also, wenn es dir recht ist, dachte ich, wir fangen in Italien an. Ich kann es gar nicht erwarten, dir meine alten Lieblingsplätze zu zeigen. Florenz ist eine wunderschöne Stadt, es wird dir gefallen. Und erst das Essen!« Grinsend sieht er mich an, ehe er fortfährt. »Na ja, jedenfalls hab ich gehört, dass es im Lauf der letzten sechshundert Jahre wesentlich besser geworden sein soll.«
»Dann … gehen wir also in die Sommerland-Version von Italien?«, frage ich und versuche, nicht so enttäuscht zu klingen, wie mir zu Mute ist.
Doch Damen lacht nur. »Nein. Ich wollte aus zwei Gründen hierherkommen – erstens, um zu sehen, ob wir es noch können – und zweitens, weil ich dem Verkehr ein Schnippchen schlagen wollte. Wir fliegen vom L.A. International Airport ab. Unser Flieger geht um …« Er schaut erst auf die Uhr und sieht dann mich an. »Unser Flieger geht in fünfzehn Minuten.«
»Aber wir müssen noch durch den Sicherheitscheck! Und zum richtigen Gate und …«
Er fällt mir ins Wort. »Schhh … Schließ einfach die Augen und visualisiere dich auf Platz drei A direkt an meiner Seite.«