ZWEIUNDVIERZIG

Auf dem Weg zu Damen mache ich einen kurzen Umweg. Nur einen kurzen Abstecher, um meine Manifestierkünste zu nutzen, solange ich sie noch habe.

Nur einen kleinen Schlenker, der hoffentlich zu etwas führen wird, was Damen und ich gemeinsam genießen können.

Falls nicht, dann kann ich nur annehmen, dass es jemand anders an unserer Stelle genießen wird.

Doch das darf ich nicht einmal denken.

Darf nicht einmal das kleinste bisschen Negativität sich einschleichen lassen.

Damen muss ohnehin schon genug für uns beide tragen, also brauche ich ihm nicht noch mehr aufzubürden.

Ich winke Sheila am Tor zu, die mich – angesichts dessen, wie lange ich weg war – erstaunlicherweise sofort durchwinkt. Dann fahre ich den Hügel hinauf und die Kurven entlang, bis ich in seine Straße einbiege. Ich erinnere mich an das erste Mal, als ich hierhergekommen bin – damals, als ich ungebeten erschienen bin und durch ein offenes Küchenfenster steigen musste, nur um das Haus von sämtlichen Möbeln befreit vorzufinden, allerdings in einer Art, die nicht einfach nur leer war, sondern bedrohlich leer. Oder vielmehr bedrohlich leer abgesehen von dem Zimmer oben, in dem er all jene Erinnerungsstücke aufbewahrte, die ihm am meisten am Herzen lagen – ein Zimmer, das ich erst ganz allmählich zu begreifen lernte.

Ich lasse mein Auto in der Einfahrt stehen und gehe direkt zur Haustür. Ohne mich mit Klingeln oder Klopfen aufzuhalten, trete ich ein. Ich stürme durch seine riesige Diele und die Treppe hinauf, da ich genau weiß, wo ich ihn finde und wohin er geht, wenn er sich schlecht fühlt, so wie im Moment.

Er steht am Fenster und wendet mir den Rücken zu, den Blick in eine unbestimmte Ferne gewendet, und beginnt sofort zu sprechen. »Es gab einmal eine Zeit, da fandest du diesen Raum gruselig. Da fandest du mich gruselig.«

Ich bleibe vor dem alten Samtsofa stehen und mache keinen Versuch, seiner Äußerung zu widersprechen. Ich mustere seine Sammlung aus handgewebten Gobelins, Kristalllüstern, goldenen Kerzenständern und gerahmten Meisterwerken – sichtbare Erinnerungen an ein sehr langes, ereignisreiches Leben, sichtbare Erinnerungen daran, dass das, was ich ihm abverlangen will, kein kleines Ansinnen ist.

»Es gab einmal eine Zeit, da warst du voller Groll gegen mich, dessentwegen, was ich dir angetan habe – was ich aus dir gemacht habe.«

Ich nicke, denn auch das lässt sich nicht leugnen – wir wissen beide, dass es wahr ist. Und obwohl ich wünschte, er würde mich ansehen, obwohl ich ihn in Gedanken bitte, sich umzudrehen, damit er mich sieht, bleibt er wie angewurzelt stehen.

»Und es ist offenkundig, dass du immer noch an diesem Groll festhältst. Deshalb stehen wir ja hier. So uneins.«

»Ich hege keinen Groll gegen dich«, sage ich, den Blick weiterhin auf seinen Rücken geheftet. »Ich weiß, dass du alles, was du getan hast, aus Liebe getan hast. Wie könnte ich dir deswegen böse sein?« Meine Stimme wird gedämpft von alten Teppichen, schweren Portieren und unzähligen Seidenkissen, trotzdem hallt sie zu mir zurück und klingt wesentlich kleinlauter, als ich erwartet hätte.

»Aber jetzt stehen wir am Scheideweg.« Er nickt und spielt mit irgendetwas auf dem Fensterbrett, etwas, das er gezielt außer Sichtweite hält. »Du willst das ungeschehen machen, was ich getan habe, und zu deinem alten Sein zurückkehren, während ich so bleiben will, wie ich bin, und das Leben behalten möchte, an das ich mich mittlerweile gewöhnt habe.« Er seufzt. »Und angesichts all dessen sehe ich leider keine Aussicht auf einen Kompromiss. Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem wir uns entweder irgendwie auf eine gemeinsame Zukunft einigen oder in verschiedene Richtungen aufbrechen und unser Leben getrennt verbringen müssen.«

Ich bleibe stehen und sage nichts. Seine Worte sind mir ein Gräuel, es zieht mir den Magen zusammen, und mir wird ganz flau, trotzdem weiß ich, dass er Recht hat. Wir müssen eine Wahl treffen, und zwar bald.

»Verstehst du, Ever, du hast dir zwar eine sehr starke und stichhaltige Argumentation aufgebaut, und meine Entscheidung ist in vielen oder vielleicht auch in allen Punkten komplett falsch – aber das hier war die ganzen letzten sechshundert Jahre das Einzige, was ich kannte. Dies ist das Leben, an das ich mich gewöhnt habe. Und so ungern ich es auch zugebe, ich weiß einfach nicht, ob ich dafür geschaffen bin, sterblich zu sein. Es ist mir zwar nicht schwergefallen, auf meine Extravaganzen zu verzichten, als ich dachte, mein Karma sei schuld an unseren Problemen – es war wirklich kinderleicht, meine handgenähten Lederstiefel gegen Gummi-Flipflops einzutauschen. Aber was du jetzt von mir verlangst, ist etwas völlig anderes. Und mir ist durchaus bewusst, wie extrem heuchlerisch ich vermutlich klinge. Auf der einen Seite behaupte ich, dass mir der karmische Zustand meiner Seele ja so sehr am Herzen läge, doch auf der anderen wehre ich mich mit Händen und Füßen gegen die einzig realistische Lösung, die sich dafür bietet, aber trotzdem ist es einfach so. Platt gesprochen, habe ich einfach keine Lust, meine ewige Jugend und körperliche Perfektion aufzugeben, um zuzusehen, wie mein Körper alt und hinfällig wird und ich am Ende sterbe. Ich habe keine Lust, meinen Zugang zu Magie und Manifestieren und lockeren Reisen ins Sommerland aufzugeben. Ich bin einfach nicht dazu bereit. Vielleicht ist es für dich leichter, nachdem du ja erst seit einem Jahr unsterblich bist, im Gegensatz zu meinen sechshundert. Aber Ever, versuch bitte zu begreifen, dass meine Unsterblichkeit mich nun schon so lange definiert, dass ich gar nicht weiß, wer ich sein werde, wenn ich mich für ein Leben ohne sie entscheide. Ich weiß nicht, wer ich sein werde, wenn ich nicht mehr der Mann bin, den du jetzt siehst. Wirst du mich dann noch lieben? Werde ich mich überhaupt selbst leiden können? Ich bin einfach nicht bereit, das Risiko einzugehen.«

Ich stutze. Komme schwer ins Grübeln. Aber eigentlich spielt es keine Rolle. Schließlich sieht er mich nicht. Und ich wusste ja, dass er Angst hat. Ich wusste, dass er Angst davor hat, eine so große Veränderung herbeizuführen, aber ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass er Angst haben könnte, mich zu verlieren, wenn er seine körperliche Unsterblichkeit nicht mehr hat.

Schließlich finde ich meine Stimme wieder. »Glaubst du wirklich, ich würde dich dann nicht mehr lieben? Glaubst du ernsthaft, all deine Erfahrungen und Talente und Überzeugungen – all die Dinge, die dich zu der fantastischen Person gemacht haben, als die ich dich kenne – würden auf einen Schlag verschwinden und dich in dem Moment, in dem du von der Frucht isst, als langweilige, unsympathische leere Hülle dastehen lassen? Damen, also ehrlich, du musst doch wissen, dass ich dich nicht liebe, weil du unsterblich bist, sondern ich liebe dich, weil du du bist.« Obwohl ich meine Worte voller Inbrunst spreche und sie direkt von Herzen kommen, erreichen sie ihn nicht.

»Machen wir uns nichts vor, Ever. Zuerst hast du dich in mein magisches Ich verliebt – das schicke Auto, die Tulpen, das Mysterium. Erst danach hast du mein wahres Ich kennen gelernt. Selbst dann ist es noch schwer, die beiden voneinander zu trennen. Und wenn ich mich recht erinnere, warst du gar nicht so begeistert von dem, was du als meine ›Mönchsphase‹ bezeichnet hast.«

Da hat er nicht ganz Unrecht, aber ich widerspreche ihm rasch. »Es stimmt, dass ich mich sofort total in dein mysteriöses, magisches, manifestierendes Ich verguckt habe – aber das war Verliebtheit, keine Liebe. Als ich dich richtig kennen gelernt habe, als ich dein Herz und deine Seele und das wirklich wundervolle Wesen, das du bist, kennen gelernt habe, ja, da wurde die Verliebtheit tiefer und wurde zu Liebe. Und ja, auch wenn ich nicht gerade behaupten kann, dass ich begeistert war, als du beschlossen hast, den ganzen Luxus aufzugeben, habe ich nie aufgehört, dich zu lieben. Außerdem, bist du nicht derjenige, der mir einst gesagt hat, dass alles, was im Sommerland gemacht werden kann, auch auf der Erdebene gemacht werden kann? Hast du nicht behauptet, dass es zwar ein bisschen länger dauern könnte, es zur vollen Blüte kommen zu sehen, aber trotzdem funktioniert?«

Ich gehe auf ihn zu und bleibe nur wenige Zentimeter vor ihm stehen und wünschte, er würde sich umdrehen und mich ansehen, doch ich weiß, dass er noch nicht so weit ist.

»Letztlich«, sage ich mit sanft drängender Stimme, »geht es doch nur um das, was du schon als wahr erkannt hast. Du weißt, wie das Universum funktioniert. Du weißt, dass alles Energie ist, dass Gedanken Dinge erschaffen und dass wir hier auf der Erdebene unsere eigene Magie wirken können, indem wir unsere Absichten positiv und klar halten. Also geht es jetzt nur darum, all unser Wissen in die Praxis umzusetzen. Es geht nur darum, an all das zu glauben, was du mir beigebracht hast. Es geht darum, dem Universum genug zu vertrauen, mir genug zu vertrauen und dir selbst genug zu vertrauen und zu glauben. Damen, willst du nicht mal einen Gang runterschalten? Willst du nicht mal länger als ein paar Jahre an einem Ort bleiben? Willst du keine dauerhaften Freundschaften aufbauen und vielleicht sogar – ich weiß es ja nicht – irgendwann einmal eine Familie haben? Mann, willst du denn nicht deine eigene Familie irgendwann mal wiedersehen?«

Er holt tief Luft, mehrere tiefe Atemzüge nacheinander, bevor er sich umdreht. Seine dunklen Augen werden unglaublich weit, als er mich sieht – als er sieht, wie ich angezogen bin.

»Du bist ein Traumbild«, sagt er, und ich höre ihm das Staunen an. »Du bist genau wie das Gemälde. Verzauberung. Haben wir es nicht so genannt?«

Während er den Blick über mich wandern lässt, fixiere ich das, was er in der Hand hält.

Das Ding, das er verborgen gehalten hat, während er aus dem Fenster sah, und das nun klar zu erkennen ist.

Der Anblick erinnert mich an Romans letzten Abend, als er auf seinem zerwühlten Bett vor mir saß – ein blinkendes Glasfläschchen mit glitzernder grüner Flüssigkeit zwischen Daumen und Zeigefinger.

Ganz ähnlich wie jetzt Damen.

Er ertappt mich dabei, wie ich darauf starre, und umfasst das Glas fester, sodass die grüne Flüssigkeit seitlich hochschwappt und fast über den Rand läuft.

Und ich weiß, um so zusammen sein zu können, wie wir es wollen, brauchen wir nur davon zu trinken,

Jeder von uns braucht nur einen kleinen Schluck zu nehmen, weiter nichts.

Einen kleinen Schluck, und all unsere Probleme verschwinden.

Bloß dass ich das eben früher gedacht habe. Jetzt weiß ich, dass es nicht mehr stimmt.

Das Gegengift mag ja eine sichere Sache sein, aber die umfassendere Lösung, die wahre Lösung bietet keine Garantie. Sie verlangt einen Vertrauensvorschuss – einen gewaltigen Vertrauensvorschuss –, den ich dennoch zu gewähren bereit bin.

Aber allem Anschein nach, so wie Damen das Fläschchen vor sich hält, sieht es ganz danach aus, als wäre ich die Einzige, die es so empfindet.

Trotzdem fasziniert mich der Anblick. Mich fasziniert die Erkenntnis, dass ich drauf und dran bin, genau der einen Sache, nach der ich so lange gesucht habe, den Rücken zuzuwenden.

Ich hebe die Hände, die Lotosblüte schützend zwischen beiden Handflächen, und sage: »Ich habe Lotos gesehen – direkt bevor sie übergetreten ist. Sie wollte, dass ich sie dir gebe.« Mein Blick begegnet seinem, und ich registriere, dass er von meinem Anblick völlig gebannt ist, während das Gegengift nach wie vor in dem Fläschchen in seiner Hand herumwirbelt.

Er greift zwar nicht nach der Blume, doch er gibt mir eine Antwort. »Eigentlich habe ich immer geglaubt, dass er ein reiner Mythos ist. Ich hätte nie gedacht, dass es ihn wirklich gibt.«

Ich trete näher zu ihm hin, drücke mich an einem antiken Tisch mit Marmorplatte vorbei, der mit Stapeln von sehr eindrucksvollen signierten Erstausgaben bedeckt ist, die bei einer Versteigerung locker Hunderttausende von Dollar einbringen würden.

»Der echte Baum des Lebens!« Er blickt zwischen mir, der Lotosblüte und dem Gegengift in seiner Hand hin und her und schüttelt sacht den Kopf. »Für mich ist es verblüffend, dass du ihn nicht nur gefunden hast, sondern auch genug Früchte für alle von unserer Art mitgebracht hast«, sagt er. »Ich kann mich zwar nicht dazu überwinden, davon zu essen, aber ich bin wirklich beeindruckt und erstaunt darüber, dass du das geschafft hast.«

Trotz der Wärme in seinen Augen höre ich nur eines: Ich kann mich nicht dazu überwinden, davon zu essen.

Die Worte hallen derart in meinem Kopf wider, dass ich keine Luft mehr bekomme und mir die Knie weich werden.

Wir sehen uns an, das Schweigen breitet sich aus und liegt lastend zwischen uns. Wenn ich könnte, würde ich den Moment verlängern, ihn wachsen und für immer andauern lassen, doch ich weiß, dass er ein Ende haben muss. Alles hat ein Ende. Und ich weiß auch, was gesagt werden muss, also kann ich es genauso gut aussprechen.

»Ich schätze, das war’s dann, oder?« Ich versuche nicht so gebrochen zu klingen, wie ich mich fühle, aber das gelingt mir nicht mal ansatzweise.

Er sieht mich an, und seine Miene ersetzt jegliche Worte, die er eventuell sagen könnte, und so seufze ich tief, schlinge die Finger fest um die Lotosblume und beginne mich langsam aus seinem Zimmer und aus seinem Leben zu entfernen.

Wir sind am Scheideweg angelangt.

Am alles entscheidenden Punkt.

Es gibt kein Zurück.

Ab hier gehen wir getrennte Wege

Ich nehme das Beinahe-Gefühl seiner Hand auf meinem Arm wahr, als er mich zu sich zurückzieht und »Ja« sagt.

Ich sehe ihn an und habe keine Ahnung, wozu er »Ja« sagt.

»Die Fragen, die du vorhin gestellt hast, ob ich mich nicht fest binden, eine Familie gründen und meine eigene Familie wiedersehen will? Ja. Ja zu allem davon.«

Ich versuche zu schlucken, kann aber nicht, versuche zu sprechen, doch die Worte wollen einfach nicht kommen.

Seine Arme schlingen sich um mich und ziehen mich an ihn, ehe er das Fläschchen loslässt. Es fällt klirrend zu Boden, die grüne Flüssigkeit läuft heraus und rinnt über den Fußboden. »Aber vor allem Ja zu dir.«