Der Frühling erreicht Québec vom Westen her. Es ist der warme japanische Meeresstrom, der den Wechsel der Jahreszeit an die Westküste Kanadas trägt, worauf ein westlicher Wind einsetzt. Der Atem des Chinook trägt ihn über die Prärien, wo der Mais erwacht und der Bär in seiner Winterhöhle. Er fließt über Ontario hinweg wie ein legislativer Traum und schleicht nach Québec, in die Dörfer, in die Birkenstände. In Montréal schießen Cafés aus dem Boden wie Tulpen aus einem Beet, sie sprießen aus Kellern und zeigen sich mit Stühlen und Markisen. Der Frühling in Montréal ist wie eine Autopsie. Jeder will die Eingeweide des gefrorenen Mammuts sehen. Mädchen reißen die Ärmel von den Blusen und greifen in das süße, weiße Fleisch, wie Holz unter grüner Borke. Auf den Straßen erhebt sich ein sexuelles Manifest, wird hochgepumpt wie ein Auto beim Reifenwechsel. »Wieder einmal hat uns der Winter nicht umgebracht!« Der Frühling erreicht Québec von Japan her und explodiert wie eine altmodische Knalltüte, weil wir uns zu wild um sie gerissen haben. Der Frühling erreicht Montréal wie eine amerikanische Filmromanze, die an der Riviera spielt, jeder muss mit einem Fremden schlafen, plötzlich flackern die Lichter im Haus und es ist Sommer, was uns nicht weiter stört, wir finden ohnehin, dass er etwas zu aufdringlich ist, zu feminin vielleicht, wie die Bezüge auf den Klodeckeln von Hollywood. Der Frühling ist ein Import aus exotischen Ländern, wie Fetischkleidung aus Gummi, die in Hongkong hergestellt wird, wir brauchen ihn nur für einen einzigen, besonderen Nachmittag und haben nichts dagegen, wenn am nächsten Tag die Zölle angehoben werden. Frühling ist wie eine schwedische Studentin, die kurz durch unser Leben streift, sie tritt in ein italienisches Restaurant, um Erfahrung mit Schnurrbärten zu sammeln, und wird von uraltem Valentino überrannt – es sind Comicfiguren, von denen sie einen, irgendeinen nimmt. Der Frühling ist so kurz in Montréal, du kannst dir den Tag freihalten und brauchst auch nichts zu planen.

Es war ein solcher Tag in einem geschützten Waldgebiet südlich der Stadt. Ein alter Mann stand an der Schwelle seiner seltsamen Wohnung, eines völlig ramponierten Baumhauses, das wacklig schien wie das Versteck einer geheimen Jungenbande. Er hätte nicht sagen können, wie lange er dort oben gehaust hatte, er fragte sich nur, warum er aufgehört hatte, die Hütte mit seinen Exkrementen zu beschmutzen, ging der Frage dann aber nicht nach. Er roch den Duft der westlichen Brise, untersuchte einige Tannennadeln, deren Spitzen vom Winter schwarz waren, verkohlt wie nach einem Buschfeuer. Der frische Duft, den die Brise herantrug, löste keinen Stich der alten Sehnsucht in seinem Herzen aus, das unter einem verfilzten, schmutzigen Bart lag. Er blinzelte nur leicht, als ihn ein Hauch von Schmerz berührte, wie Zitronensaft, der von einem fernen Tisch herüberspritzt: Tief in seinem Gedächtnis suchte er nach einem vergangenen Ereignis, mit dem er den Wechsel der Jahreszeit mythisch aufladen könnte, Flitterwochen vielleicht, ein Spaziergang, ein Triumph, den dieser Frühling neu erstehen lassen könnte, doch sein Schmerz wurde nicht fündig. Das Gedächtnis brachte nichts auf – alles war ein einziges, viel zu schnell entströmendes Ereignis, es lief aus wie ein Spucknapf bei einem Schülerstreich. Es schien noch gar nicht lange her, dass bei minus zwanzig Grad der Wind durch schneebeladene Zweige eines Tannenforstes fuhr, ein Wind von tausend Handbesen, die im Schatten dunkler Äste winzige Hurrikane aufwirbelten. Auch weiter unten lagen noch Inseln von schmelzendem Schnee, wie die Bäuche gestrandeter, verwesender Fische. Auch heute war wieder ein wunderschöner Tag.

– Bald wird es wärmer, sagte er laut. Bald werde ich wieder anfangen zu stinken, meine Hose, die im Moment nur steif ist, wird wahrscheinlich klebrig sein. Aber das macht mir nichts.

Auch den offensichtlichen Schwierigkeiten, die der Winter mit sich bringt, hatte er sich nicht gestellt. Natürlich war er nicht immer so gewesen. Vor Jahren (?), als ihn eine fruchtlose Suche oder eine Flucht den Baum hinaufgejagt hatte, konnte er die Kälte nicht ertragen. Die Kälte ergriff die Hütte wie eine Bushaltestelle, der Frost warf sich auf ihn mit einem Zorn, der kleinmütig und absolut persönlich schien. Die Kälte wählte ihn wie eine Pistolenkugel, die den Namen eines Querschnittsgelähmten längst eingraviert hat. Keine Nacht, in der der Frost ihn nicht fand, keine Nacht, in der er nicht vor Schmerzen weinte. Nur diesen Winter war die Kälte an ihm vorbeigezogen, als hätte sie größere Reisepläne, er fror sich lediglich halb zu Tode. Ein Traum nach dem anderen entriss ihm Schreie aus sabberndem Mund, er beschwor einen Namen, einen Menschen, der ihn vielleicht hätte retten können. Und Morgen für Morgen, wenn er von seinem Lager aus beschmutztem Laub und Zeitungen aufstand, waren Rotz und Tränen in seinen Brauen gefroren. Lang war es her, dass er mit seinem elenden Jaulen die Tiere in die Flucht geschlagen hatte, damals, als es ihm noch um etwas gegangen war. Jetzt, da er einfach nur noch schrie, fürchteten sich weder Wiesel noch Kaninchen. Er glaubte, verstanden zu haben, dass sie sein Jaulen längst akzeptiert hatten, es war sein Tierlaut, seine Art, zu bellen. Und wenn der feine Dunst des Schmerzes ihn blinzeln ließ – wie an jenem Frühlingstag –, so riss er weit den Mund auf und zerrte am verknoteten Haar, das ihm ins Gesicht fiel, und sandte einen Schrei aus, der den gesamten Wald erfasste.

– Aaaaaaaaaaaaarrrrrrrgggggghhhhhhhh! Oh, hallo!

Der Schrei schlug um in einen Gruß, als der alte Mann den siebenjährigen Jungen erkannte, der auf seinen Baum zugerannt kam und dabei gewissenhaft jede im Weg liegende Schneewächte zertrampelte. Das Kind winkte und rang um Atem. Er war ein Wirtssohn, der jüngste, von einem Touristenhotel in der Nähe.

– Hallo! Hi! Onkel!

Der alte Mann und das Kind waren nicht verwandt. Das Kind benutzte die Anrede aus Respekt vor dem Altertümlichen und auch als leichte, verspielte Drohung, denn er wusste, dass der Kerl völlig schamlos war, und nicht ganz dicht.

– Hallo, mein süßer Junge.

– Hallo, Onkel. Was macht deine Gehirnerschütterung?

– Komm rauf. Ich habe dich vermisst. Wir können uns heute ausziehen.

– Heute geht’s nicht, Onkel.

– Bitte.

– Ich habe heute keine Zeit. Erzähl mir lieber eine Geschichte, Onkel.

– Wenn du keine Zeit hast, hier raufzuklettern, dann hast du auch keine Zeit für eine Geschichte. Es ist schon warm genug, um sich auszuziehen.

– Ach nein, erzähl mir eine von deinen Indianergeschichten, aus denen du irgendwann ein Buch machen wirst – wie du mir schon hundert Mal erzählt hast. Dabei ist es mir ganz egal, was du machst und ob du Erfolg hast.

– Ich brauche dein Mitleid nicht, Kleiner.

– Halt den Mund, du Fiesling!

– Komm schon rauf. Der Baum ist doch nicht hoch. Dann erzähle ich dir eine Geschichte.

– Erzähl sie mir lieber von da oben. Wenn’s dir eh egal ist, dir und deinen juckenden Fingern, wenn es Jacke wie Hose ist, dann bleib ich einfach hier hocken.

– Du kannst auch hier oben hocken. Ich räum dir was frei.

– Onkel, ich kotz gleich. Jetzt erzähl schon.

– Sei vorsichtig, Junge! Schau mal, wie du da hockst, du machst dir deinen kleinen Körper kaputt. Du musst die Oberschenkel anspannen, dein Hintern darf die Fersen nicht berühren, lass ordentlich Platz da, sonst kriegst du einen viel zu muskulösen Po.

– Die haben mich gefragt, ob du schon mal schmutzige Sachen sagst, wenn wir Kinder hier im Wald vorbeikommen.

– Wer hat das gefragt?

– Ist doch egal. Stört’s dich, wenn ich mal pinkle?

– Ich wusste doch, dass du ein guter Junge bist. Pass auf deine Strümpfe auf. Schreib deinen Namen.

– Erst die Geschichte, Onkel. Dann sage ich vielleicht vielleicht.

– Na gut. Hör mir gut zu. Die Geschichte ist sehr aufregend.

Irokesisch

Englisch

Französisch

Ganeagaono

Mohawk

Agnier

Onayotekaono

Oneida

Onneyut

Onundagaono

Onondaga

Onnontagué

Gweugwehono

Cayuga

Goyogouin

Nundawaono

Seneca

Tsonnontouan

Die irokesische Endung ono (französisch onon) bedeutet einfach nur Volk.

– Danke, Onkel. Auf Wiedersehen.

– Muss ich dich etwa auf Knien anflehen?

– Ich habe dir doch gesagt, dass du keine schmutzigen Wörter benutzen sollst. Heute Morgen, ich weiß gar nicht recht, warum, habe ich übrigens die Provinzpolizei über uns informiert.

– Hast du ihnen Einzelheiten erzählt?

– Musste ich ja.

– Zum Beispiel?

– Zum Beispiel, dass deine kalte, ekelige Hand an meinem Hodensack war.

– Und was haben die dazu gesagt?

– Dass sie dich schon seit Jahren im Verdacht haben.

Der alte Mann stand an der Landstraße, er hielt den Daumen raus zum Trampen. Autos fuhren vorbei, ließen ihn stehen. Wer ihn nicht für eine Vogelscheuche hielt, sah nur einen derart hässlichen, alten Mann, dass er ihn nicht mit der Tür angerührt hätte, nicht einmal mit Ihrer Tür. Im Wald hinter dem Mann schlug sich ein katholischer Trupp durch die Büsche. Die freundlichste Behandlung, die er von ihnen erwarten konnte, war der Tod durch Auspeitschen. Dabei würden sie ihn unsäglich begrapschen, wie es die Türken mit Lawrence gemacht haben. Über ihm auf der elektrischen Leitung saßen die ersten Krähen des Jahres, sie waren aufgereiht wie die Kugeln einer Rechentafel. Seine Schuhe sogen Wasser aus dem Schlamm wie Wurzeln. Wenn er diesen Frühling je vergessen würde, was unbedingt erforderlich war, würde er doch den Hauch von Schmerz noch bis ans Ende spüren. Es war nicht viel Verkehr, und doch genug, um ihn immer wieder mit kleinen Luftstößen zu verhöhnen, wenn die Kotflügel vorüberflogen. Plötzlich, als geriete ein Kinofilm ins Stocken, schälte sich aus dem unscharfen Bild der vorüberrauschenden Autos ein Oldsmobile heraus. Am Steuer saß ein wunderschönes Mädchen, vielleicht eine blonde Hausfrau. Ihre kleinen Hände, die in weißen Handschuhen locker auf dem Lenkrad ruhten, schoben sich in ihre Ärmel wie ein grenzenlos gelangweiltes Akrobatenpaar. Ihr Wagen huschte still und mühelos heran, wie ein Glas auf dem Tisch von Spiritisten. Sie trug ihr Haar offen, sie war an schnelle Autos gewöhnt.

– Steig ein, sagte sie zur Fensterscheibe. Pass auf, dass du nichts dreckig machst.

Er schob sich in den Ledersitz an ihrer Seite und versuchte mehrmals, die Tür zuzuschlagen. Seine Lumpen hatten sich verfangen. Unterhalb der Armlehne war sie, abgesehen von ihrem Schuhwerk, nackt, und damit es nicht unbemerkt blieb, brannte das Kartenlicht. Als der Wagen beschleunigte, wurde er von Steinen und Schrotkugeln getroffen, denn das katholische Aufgebot war gerade aus dem Wald getreten. Sie gab Vollgas, und jetzt sah er, dass sie die Lüftung so eingestellt hatte, dass sie mit ihrem Schamhaar spielte.

– Bist du verheiratet?, fragte er.

– Und wenn ich’s wäre?

– Du weißt ja nicht, warum ich gefragt habe. Es tut mir leid. Darf ich meinen Kopf in deinen Schoß legen?

– Alle fragen immer, ob ich verheiratet bin. Die Ehe ist nur ein Symbol für eine Zeremonie, die sich ebenso leicht erschöpft, wie sie erneuert werden kann.

– Bitte, Miss, erspar mir dein Philosophieren.

– Dann leck mich, du dreckiges Stück.

– Gern.

– Aber drück nicht mit dem Arsch aufs Gaspedal.

– So gut?

– Ja, ja, ja, ja.

– Rutsch ein Stückchen nach vorne. Das Leder reibt mir am Kinn, das tut weh.

– Weißt du eigentlich, wer ich bin?

– Öbleöbleöbleöble – nein – öbleöbleöble.

– Dann rate mal! Rate! Du Stück Scheiße!

– Es interessiert mich aber nicht.

– Ι σις ὲγῶ. ––

– Ich wurde von Fremden geboren, Miss.

– Bist du bald fertig, du dreckiger, verrotteter Sack. Ji, Ji! Toll, wie du das machst!

– Du solltest dir so einen Anti-Schweiß-Sitz aus Holzkügelchen besorgen. Dann würdest du nicht den ganzen Tag in deiner Sauce sitzen, mit dem Luftzug und so.

– Du machst mich richtig stolz, mein Schatz. So, und jetzt raus da. Mach dich sauber!

– Sind wir schon in der Stadt?

– Sind wir, ja. Wiedersehen, mein Liebling.

– Wiedersehen. Ich wünsch dir einen grandiosen Unfall.

Der Mann stieg aus dem Wagen, der noch leicht rollte, und stand vor dem System-Kino. Sie rammte ihren Mokassin aufs Gas und raste seitlich in einen Stau am Phillips Square. Der alte Mann blieb einen Augenblick unter dem großen Kinoschild stehen und betrachtete die Vegetarier, die dort in kleinen Grüppchen eng zusammenstanden, er betrachtete sie mit einer Mischung aus Sehnsucht und Mitleid. Es war jeweils nur ein Hauch. Als er seine Karte kaufte, hatte er sie schon vergessen. Der Saal war dunkel, er setzte sich hin.

– Entschuldigen Sie, mein Herr, wann fängt der Film an?

– Sind Sie verrückt? Kommen Sie mir nicht so nah, Sie stinken ja fürchterlich.

Drei, vier Mal wechselte er den Platz, bevor die Nachrichtensendung begann. Schließlich hatte er die erste Reihe ganz für sich allein.

– Platzanweiser! Hallo!

– Schhh. Ruhe!

– Platzanweiser! Ich bleibe hier nicht den ganzen Abend sitzen. Wann geht der Film los?

– Herr, Sie stören.

Der alte Mann drehte sich um und sah Reihen von stillen, weit geöffneten Augen, dazwischen hier und dort einen langsam kauenden Mund. Die Augen waren in ständiger Bewegung, es war, als würden sie ein Pingpongspiel verfolgen. Manchmal, wenn in allen Augen das gleiche Bild lag – der Saal war ein gigantischer Spielautomat, der in jedem Fensterchen dieselbe Glocke zeigte –, erzeugten die Zuschauer einen einzigen, gemeinsamen Laut. Es kam nur vor, wenn alle genau das gleiche Bild vor Augen hatten, das Geräusch, fiel ihm nun ein, hieß Lachen.

– Mein Herr, das ist der letzte Hauptfilm heute.

Jetzt verstand er, was er verstehen musste. Der Film war unsichtbar für ihn. Seine Augen blinkten mit der Geschwindigkeit der Filmbilder, er sah immer nur die schwarze Klappe im Projektor, die soundso viele Male pro Sekunde fiel. Die Leinwand war schwarz. Es war nichts zu machen. Unter den Zuschauern befanden sich einige wenige, die feststellten, dass ihr Vergnügen, anders als sonst, wiederholbar war – nämlich dann, wenn Richard Widmark in Kiss of Death in sein manisches Gelächter verfällt. Vor allem aber bemerkten sie, dass sie offenbar in der Gegenwart eines großartigen Yogi weilten, der wie kein anderer die Kino-Position beherrschte. Zweifellos widmeten sich diese Studenten ihrem Fach später mit erfrischtem Enthusiasmus, strebten sie doch danach, die intensivste Form der Filmbetrachtung zu erreichen, wobei wohl niemand damit rechnete, dass die Übung statt zu ungebrochener Spannung nur zu einer schwarzen Leinwand führen würde. Zum ersten Mal in seinem Leben war der alte Mann vollkommen entspannt.

– Nein, mein Herr. Sie können sich nicht schon wieder woanders hin setzen. Huch, wo ist er denn hin? Das ist aber komisch. Hmmmm.

Der alte Mann lächelte, als der Strahl der Taschenlampe durch ihn hindurchging.

Die Hot Dogs sahen nackt aus in ihrer Dampfsauna in der Main Shooting and Game Alley, einer Spielhölle auf dem St. Lawrence Boulevard. Die Main Shooting and Game Alley war nicht gerade neu, und da bei steigenden Immobilienpreisen nur Bürogebäude rentabel waren, sollte sie auch später nie renoviert werden. Der Fotoautomat war kaputt, er nahm zwar die Münzen an, gab aber weder Blitzlicht noch Bilder ab. Der Greifer gehorchte keinem Ingenieur, Schokoriegel und japanische Ronson-Zigaretten lagen unter einer schmierigen Staubschicht. Einige gelbe Kugelspiele aus uralten Zeiten standen herum, da sie nicht einmal mit Hebeln ausgestattet waren, die dem Spieler erlaubten, die Kugel zu retten, verdienten sie den Namen Flipper nicht. Bekanntlich sind es diese Hebel, die das ursprüngliche Glücksspiel zerstört haben, sie haben die Idee der zweiten Chance legalisiert. Sie haben die Jetzt-Oder-Nie-Anspannung des Spielers geschwächt und das böse Gefühl in der Magengrube, wenn die Stahlkugel im freien Fall stürzt. Flipper-Hebel stellen den ersten totalitären Vorstoß gegen das Verbrechen dar. Indem sie sich in die Mechanik des alten Spiels einfügten, untergruben sie den alten Nervenkitzel, die Herausforderung. Seit es diese Hebel gibt, ist es keiner Generation mehr gelungen, den illegalen Körpereinsatz zu meistern, und TILT, einst eine Ehrenauszeichnung wie ein Säbelschmiss, bedeutet heute nicht mehr als ein ganz normales Foul. Die zweite Chance ist die im eigentlichen Sinn kriminelle Idee, sie ist der Hebel des Heldentums, der einzige Rückzugsort der Verzweifelten. Doch wenn sie nicht dem Schicksal abgerungen ist, verliert die zweite Chance ihre Lebenskraft, sie entlässt keine Kriminellen, keine promethischen Helden, sondern Taschendiebe und ärgerliche Amateure. Ehre gebührte der Main Shooting and Game Alley, wo sich ein Mann noch der Herausforderung stellen konnte. Leider gab es kein Publikum mehr. Ein paar käufliche Jungs, die auf Kundschaft warteten, standen am warmen Erdnussautomaten herum, es waren Teenager, die auf der untersten Stufe von Montréals Sehnsuchtsindustrie angelangt waren und deren Zuhälter Kunstfellkragen trugen und goldene Zähne und Oberlippenbärte, und sie alle starrten ausgesprochen leidenschaftslos auf die Main Street (so wird der St. Lawrence Boulevard genannt), als wollten die Passanten nicht verraten, wo sich der große Mississippi-Dampfer, das Mutterschiff aller Vergnügungssüchtigen, befand, das diese Jungen rechtmäßig in den Abgrund ziehen könnten. Die Beleuchtung war Neonröhre, erste Generation, sie machte etwas mit peroxydblondiertem Haar, das nicht schön war. Wie ein Röntgengerät fand es den dunklen Ansatz unter gelbstichigen Haartürmen, es machte jeden jugendlichen Pickel ausfindig wie ein Straßenatlas. Der Hot Dog-Tresen, auf dem fast ausschließlich Aluminiumgerät – Hauben und Schüsseln – arrangiert war, bot die graue Hygiene einer Klinik in einem Armenviertel dar, die auf einer ständigen Umverteilung des schmierigen Films beruhte, nicht auf seiner Entfernung. Die Bedienung bestand aus zwei tätowierten Polen, die sich aufgrund einer uralten Fehde hassten und bemüht waren, sich gegenseitig aus dem Weg zu gehen. Sie trugen Uniformen, die zu einer Armee von Friseuren gepasst hätten, sprachen nur Polnisch und das Esperanto der Hot Dog-Varianten. Es hatte keinen Sinn, sie zum Beispiel auf eine von einem Automaten verschluckte Münze anzusprechen. Es war die apathische Kraft der Anarchie, die an jedes Münztelefon, an jeden Schießstand, dessen Mechanik eingeklemmt war, ein AUSSER BETRIEB hängte. Die Bowling-Automatik hatte es sich zur Angewohnheit gemacht, die Punkte im Wechsel jeweils nur zwei Spielern zuzuordnen, egal wie viele tatsächlich teilnahmen. Und doch konnte der wahre Sportsmann mit einer Grundhaltung, die den Verfall dem Risiko des Spiels zuzuschlagen suchte, unter den Geräten der Main Shooting and Game Alley durchaus einiges Kleingeld losschlagen. Wenn also eine Scheibe nicht herunterklappte oder aufleuchtete, die er genau getroffen hatte, verstand der echte Spieler es als Erweiterung der Komplexität des Spiels. Die Hot Dogs allerdings waren nicht defekt, und zwar aus einem Grund: Sie hatten keine beweglichen Teile.

– Hallo, was glauben Sie, wo Sie hingehen?

– Ach, lass ihn rein. Es ist doch die erste Frühlingsnacht.

– Hör mal, wir haben noch ein gewisses Niveau.

– Kommen Sie schon, Herr, wir geben Ihnen einen Hot Dog aus.

– Nein danke, ich esse nicht.

Während sich die Polen noch stritten, schlüpfte der alte Mann in die Main Shooting and Game Alley. Die Zuhälter ließen ihn ohne eine einzige obszöne Bemerkung vorbeiziehen.

– Geh nicht zu nah an den Typen, der stinkt.

– Bloß raus mit dem!

Der Haar- und Lumpenhaufen stand nun vor Williams Großer Polarjagd. Über der kleinen arktischen Bühne war ein unbeleuchtetes Glasbild angebracht, auf dem realistische Eisbären, Seehunde, Eisberge zu sehen waren, sowie zwei bärtige, dick eingepackte amerikanische Entdecker. In einer Schneewehe steckte ihre Landesflagge. An zwei Stellen im Bild waren Fenster, kleine Ausblicke, die PUNKTE und ZEIT anzeigten. Die an einer Stange befestigte Pistole war auf mehrere Reihen beweglicher Blechfiguren gerichtet. Aufmerksam las der alte Mann die Anweisungen, die mit Tesafilm, und unter Zurücklassung von Fingerabdrücken, am Rand der Scheibe angebracht waren.

Pinguine zählen 1 Punkt – beim zweiten Mal 10 Punkte

Seehunde zählen 2 Punkte

Zielscheibe auf Iglu zählt 100 Punkte, wenn Eingang beleuchtet

Nordpol 100 Punkte, wenn sichtbar

Walross kommt, wenn Nordpol 5 Treffer hat, 1000 Punkte

Langsam führte er die Regeln seinem Gedächtnis zu und fügte sie in sein eigenes Spiel ein.

– Der ist kaputt.

Der alte Mann legte seine Hand um den geriffelten Pistolengriff und legte den Finger auf den silbernen, abgenutzten Abzug.

– Schaut euch mal seine Hand an!

– Total verbrannt!

– Er hat keinen Daumen!

– Ist das nicht der Terroristenführer, der heute Nacht geflohen ist?

– Sieht eher aus wie der Perverse, den sie im Fernsehen gezeigt haben, er wird im ganzen Land gesucht.

– Schmeißt ihn raus!

– Er bleibt hier! Er ist ein Patriot!

– Er ist ein stinkender Schwanzlutscher!

– Der Mann wäre fast der Präsident dieses Landes geworden!

Die Belegschaft der Main Shooting and Game Alley schien gerade in zwei Lager zu zerfallen, um sich einen handfesten politischen Streit zu liefern, als mit dem alten Mann etwas Wundersames geschah. Zwanzig Männer kamen angelaufen, die eine Hälfte, um den abstoßenden Eindringling rauszuschmeißen, die andere Hälfte, um die Vertreibungspartei festzuhalten und den verehrten Lumpenhaufen auf ihre Schultern zu heben. Der Verkehr auf der Main Street kam schlagartig zum Stillstand, eine Menge drängte an die beschlagenen Fensterscheiben und drohte, sie einzudrücken. Zum ersten Mal in ihrem Leben spürten diese zwanzig Menschen – auf beiden Seiten –, dass sie im Zentrum der Handlung standen. Jeder der Heranstürmenden stieß einen Schrei aus. Ein Wust aus Sirenen hatte bereits die streunende Menge draußen aufgeheizt wie ein Orchester beim Stierkampf. Es war die erste Frühlingsnacht, sie gehörte dem Volk! Einige Straßen weiter nahm ein Polizist seine Marke ab, steckte sie in die Tasche und löste seinen Hemdkragen. Die verhärmten Frauen in den Kassenhäuschen verstanden, was los war, und flüsterten mit Platzanweisern, die ihre Bullaugen mit pflugförmigen Holzplatten verriegelten. Die Menschen strömten aus den Kinos, weil der Film in ihrem Rücken spielte. Auf der Straße, da war was los! Erregung lag in der Luft, als sie in Richtung Main Street drängten – höchste Zeit, dass etwas passierte in der Geschichte von Montréal! Um die lächelnden Lippen der Zeugen Jehovas, die gleich in einem großen Konfettibogen alle ihre Pamphlete in die Luft geschleudert hatten, sowie einiger professioneller Revolutionäre lag ein verbitterter Zug, das war nicht zu übersehen. Jeder, der in seinem innersten Herzen Terrorist war, flüsterte: Endlich. Die Polizei wurde um den Aufruhr herum zusammengezogen, Schilder wurden heruntergerissen wie Schorf (den Kinder gierig abknibbeln, weil sie glauben, er sei für ein Tauschgeschäft gut), die Polizisten standen in Reih und Glied und präsentierten sich der nächsten Macht als fester Block. Lautpoeten kamen in der Hoffnung, den Aufruhr zur Performance zu machen. Mütter traten auf die Straße, um zu sehen, ob die Krise es wert war, den Kleinen die Windeln abzugewöhnen. Ärzte, die natürlichen Feinde der Ordnung, kamen in großer Zahl angelaufen. Geschäftsleute verkleideten sich als Konsumenten und mischten sich unter das Volk. Androgyne Haschischraucher eilten herbei, weil sie hofften, noch einmal ficken zu dürfen. Alle, die noch eine unerfüllte Hoffnung hatten, waren jetzt da: die Geschiedenen, die Bekehrten, die Übergebildeten, alle kamen, um ihre zweite Chance zu ergreifen, Karatemeister, Philatelisten, Humanisten – gebt uns unsere Chance, die zweite Chance! Das war die Revolution! Es war die erste Frühlingsnacht, die Nacht der kleinen Religionen. Noch einen Monat, dann würden die Glühwürmchen da sein, der Flieder. Ein Kult von tantrischen Liebesperfektionisten trat in voller Stärke auf, sie kehrten sich auf der Suche nach Mitgefühl nach außen und begannen, staatlich geförderte Strukturen der Selbstliebe zu zerstören, indem sie vorführten, wie akzeptabler Sex in der Öffentlichkeit aussehen könnte. Eine kleine Nazi-Partei trat auf, die jugendlichen Mitglieder liefen zum lebendigen Mob über und kamen sich vor wie Staatsmänner. Die Armee schwebte über das Radio ein, um festzustellen, ob die Situation geschichtsträchtige Intensität erreicht hatte, was zur Folge hätte, dass die Schildkröte des Bürgerkriegs die Revolution einholen würde. Schauspieler und andere professionelle Darsteller, darunter auch Zauberkünstler, stürzten sich in die Menge, weil sie ihre letzte zweite Chance witterten.

– Guck dir den an!

– Was ist hier los?

Zwischen der Polarjagd und dem Fenster der Main Shooting and Game Alley staute sich ein Keuchen aus offenen Mündern an, ein staunender, zuckend angehaltener Atem, der sich über den Köpfen der Menge ausbreitete wie ein Loch in der Atmosphäre. Der alte Mann hatte eine bemerkenswerte Vorstellung begonnen (die ich hier nicht beschreiben werde). Ich sage nur so viel: Er löste sich langsam auf. So wie ein Krater durch eine Unzahl winziger Erdrutsche immer weiter wird, so löste er sich von innen heraus auf. Doch seine Erscheinung war noch nicht ganz verschwunden, als er schon begann, sich neu zu formieren. »War noch nicht ganz verschwunden«, ist eigentlich nicht der richtige Ausdruck. Seine Erscheinung hatte die Form einer Sanduhr, die an der engsten Stelle besonders stark war. Gerade, als er fast verschwunden war, entlud sich das Keuchen, denn die Zukunft strömt durch diesen einen Punkt, sie fließt in beide Richtungen. Ihre schmale Taille – sie ist das Schönste an der Sanduhr! Hier kristallisiert sich der Augenblick der Klarheit! Hier soll sich für immer verwandeln, was wir nicht wissen können! Einen kostbaren Augenblick lang fließt der Sand, aller Sand der Welt, durch einen einzigen Punkt zwischen zwei Glasballons! Nein, das ist keine zweite Chance! Solange, wie es braucht, einen Seufzer auszustoßen, gewährte er den Zuschauern eine Vision von der Gleichzeitigkeit aller Chancen! Einigen Puristen (also Menschen, die das Allgemeinwissen zerstören, indem sie es aussprechen) galt dieser Moment der maximalen Auflösung als Gipfel des Abends. Schnell jetzt und gierig, als hätte ihn die allgemeine Erregung über das Unbekannte selbst gepackt, formierte er sich in – in einen Ray-Charles-Film hinein! Grad um Grad, als befände er sich in einer Dokumentation über die Filmindustrie selbst, erweiterte er den Bildrahmen. In seiner Sonnenbrille spiegelte sich der aufgehende Mond, Ray Charles legte seine Tastatur über den weiten Horizont und beugte sich darüber wie über eine Reihe gigantischer Fische – genug, um eine hungrige Menge zu speisen. Eine Flotte von Kampfjets schleppte seine Stimme über uns wie ein Werbebanner, wir fassten uns an den Händen.

– Na ja, setzt euch halt und schaut es euch an.

– Gott sei Dank, es ist nur ein Film.

– Hey!, rief ein Neuer Jude und machte sich an einem Hebel zu schaffen. Das Gerät zum Kraftmessen war kaputt. Hey! Einer wird es schaffen!

Das Ende dieses Buchs haben die Jesuiten gepachtet. Die Jesuiten verlangen die offizielle Seligsprechung der Catherine Tekakwitha!

»Pour le succes de l’enterprise, zum Erfolg dieses Unterfangens, il est essential que les miracles éclatent de nouveau, ist es unabdinglich, dass die Wunder von Neuem erstrahlen, et donc que le cult der Heiligen, qu’on l’invoque partout avec confiance, damit man sie überall vertrauensvoll anrufen kann, qu’elle redevienne par son invocation, damit sie von Neuem ersteht allein durch die Anrufung, par les reliques, durch die Reliquien, par la poudre de son tombeau, durch den Staub ihrer Gruft, la semeuse de miracles qu’elle fut au temps jadis, eine Säerin der Wunder, die sie einst gewesen ist.« Wir bitten das Land um den Nachweis der Wunder, und wir legen dieses Dokument, welchen Zweck es auch verfolgen mag, als ersten Beitrag zu einem neu erweckten Andenken an das indianische Mädchen vor. »Le Canada et les États-Unis puiseront de nouvelles forces au contact de ce lis trés pur des bords de la Mohawk et des rives du Saint-Laurent. Kanada und die Vereinigten Staaten werden eine Kraft schöpfen durch die Berührung mit dieser vollkommen reinen Lilie von den Ufern des Mohawk und den Stränden des St.-Lawrence-Stroms.«

Arme Menschen, arme Menschen, Menschen wie wir, sie sind fort, geflohen. Ich werde laut flehend auf dem Antennenturm stehen. Ich werde laut flehend aus der Flugzeugkanzel sprechen. Er wird Sein Gesicht zeigen. Er wird mich nicht mehr im Stich lassen. Er wird Seinen Namen im Parlament verbreiten. Ich werde unter Schmerzen Sein Schweigen annehmen. Ich bin durch das Feuer von Familie und Liebe gegangen. Ich rauche mit meinem Geliebten, ich schlafe mit meinem Freund. Wir sprechen über die Armen, die Gebrochenen, die Geflohenen. Ich bin allein mit meinem Radio und hebe die Hände. Willkommen, dir, der du mich heute gelesen hast. Willkommen dir, der du auf meinem Herzen trampelst. Willkommen dir, Geliebter, Freund, der du mich ewig missen sollst auf deinem Weg zum Ende.

Beautiful Losers
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