42.
Wenige Tage nach ihrer Taufe wurde Catherine Tekakwitha zu einem großen Festmahl nach Québec eingeladen. Anwesend waren der Marquis de Tracy, der Intendant Talon, der Gouverneur Monsieur de Courcelle, Kryn, Häuptling der Mohawk und einer der glühendsten Konvertiten, über die die Christenheit je verfügte, und viele weitere gut aussehende Damen und Herren. Aus ihren Haaren stieg der Duft von Parfüm empor. Ihre Eleganz war von einer Art, die ein Städter nur erreichen kann, wenn er sich zweitausend Meilen von Paris entfernt aufhält. Die Gespräche sprühten vor Geist und Witz. Wer Butter weiterreichte, lieferte mindestens einen Aphorismus dazu. Man diskutierte die Aktivitäten der erst zehn Jahre alten französischen Akademie der Wissenschaften. Einige der Gäste trugen Taschenuhren mit Federantrieb, eine neue Art der Zeitmessung, die gerade Europa eroberte. Einer der Gäste erklärte eine weitere Neuerung, die der Regulierung von Uhren diente: das Pendel. Catherine Tekakwitha schwieg und hörte aufmerksam zu. Mit einer Verbeugung nahm sie die Komplimente entgegen, die der Federschmuck an ihrem Wildlederkleid hervorrief. Silber und Kristall und erste Frühlingsblumen, stolz präsentiert, glänzten auf dem langen, weiß gedeckten Tisch, einen winzigen Augenblick lang schwanden ihr vor so viel Pracht die Sinne. Hübsche Diener gossen Wein in Gläser, die langstieligen Rosen glichen. Das Licht von hundert Kerzen flackerte, und hundert Stück silbernes Besteck warfen es zurück, während sich die duftenden Gäste über ihre Bratenscheiben hermachten, und eine kurze Sekunde lang stachen ihr die aus allen Richtungen aufblitzenden Sonnen schmerzhaft in den Augen und verbrannten ihren Appetit. Ein scharfes, unwillkürliches Zucken – sie hatte ihr Glas umgestoßen. Lange starrte sie auf den Fleck, der den Umriss eines Wals hatte, und schämte sich bitterlich.
– Das macht doch nichts, sagte der Marquis. Mein Kind, das macht gar nichts. Catherine Tekakwitha saß da und rührte sich nicht. Der Marquis wandte sich wieder dem Gespräch zu. Es ging um eine neue Erfindung, eine Waffe, die in Frankreich entwickelt worden war: das Bajonett. Der Fleck breitete sich schnell aus.
– Der Wein ist gut, selbst die Tischdecke hat Durst, scherzte der Marquis. Seien Sie nicht so ängstlich, mein Kind. Für ein umgestoßenes Glas Wein wird man nicht bestraft.
Trotz der nonchalanten Bemühungen des Personals wuchs der durch den Fleck verfärbte Bereich der Tischdecke immer weiter an. Die Gäste wurden auf die bemerkenswerte Expansion aufmerksam und hielten in ihren Gesprächen inne. Die Unterhaltung erstarb vollständig, als sich das Silber einer Vase dunkelrot verfärbte und das zarte Rosa der in ihr steckenden Blume demselben Einfluss erlag. Eine schöne Dame stieß einen kurzen Schrei aus, als sie bemerkte, wie ihre feingliedrige Hand die dunkelrote Farbe annahm. Innerhalb nur weniger Minuten vollzog sich eine alles umfassende chromatische Verwandlung. Schwüre und Jammerschreie durchhallten den tiefroten Saal, während Gesichter, Kleidung, Wandbehang und Mobiliar in einem Zug dieselbe Farbe annahmen. In der Hoffnung, außerhalb des kontaminierten Saals irgendeine Bestätigung zu finden, dass das Universum farbig ist, wandte die gesamte Gesellschaft, Herren und Diener, den Blick auf die hohen Fenster, hinter denen Inseln aus Schnee im Mondlicht glitzerten. Vor ihren Augen wurden auch diese Verwehungen von Frühjahrsschnee in dunkles Weinrot getaucht, selbst der Mond schien sich vollzusaugen mit kaiserlichem Purpur. Langsam stand Catherine von ihrem Stuhl auf.
– Ich glaube, ich muss mich bei Ihnen allen entschuldigen.