50.

Und ich lausche nach Antwort im kalten Wind, nach Weisung und tröstenden Worten, doch ich höre nichts als die unfehlbare Ankündigung des herannahenden Winters. Nacht für Nacht weine ich und rufe Ediths Namen.

– Edith! Edith!

– Ara Ara Aruuuuuuuh, heult die Wolfssilhouette auf dem Hügel.

– Hilf mir, F. Erklär das mit den Bomben!

– Ara Ara Aruuuuuuuh …

Wann immer wir träumen, liegen wir einander in den Armen. Morgen um Morgen holt mich der Winter ein, allein im welken Laub, in meinen Brauen glitzern Rotz und gefrorene Tränen.

– F., warum hast du mich hierhergeführt?

Und höre ich denn eine Antwort? Ist dieses Baumhaus die Hütte des Oscotarach? F., bist du der Schädelbohrer? Mir war nicht klar, dass die Operation so aufwendig und brutal ist. Erhebe den stumpfen Tomahawk und versuch es noch einmal. Tauch den Löffel in den Frühstücksbrei aus Hirn. Sucht sich das Mondlicht einen Weg in meinen Kopf? Versuchen die glitzernden Straßen des Himmels, durch meine Augenhöhlen zu dringen? F., warst du der Schädelbohrer, der seine Hütte verließ, um beim Amt seine eigene Operation zu beantragen? Oder bist du noch bei mir, ist die Operation noch voll im Gange?

– F., du mieser Ehebrecher, erklär dich!

Auch an diesem Abend schreie ich meine Frage heraus, wie ich sie oftmals zuvor herausgeschrien habe. Ich weiß noch, wie sehr es mich gestört hat, wenn du mir beim Arbeiten über die Schulter gesehen hast, immer in der Hoffnung, etwas aufzuschnappen, was du bei der nächsten Cocktailparty verwenden kannst. Dein Blick fiel auf eine Zeile von Pater Lalemant, der 1640 schreibt, »que le sang des Martyrs est la semence des Chrestiens«. Pater Lalemant klagt, dass noch kein einziger Priester in Kanada ermordet worden ist, was als schlechtes Omen für die neuen Missionen gelten müsse, denn das Blut der Märtyrer ist die Saat der Kirche.

– Die Revolution in Québec muss mit ein wenig Blut geschmiert werden.

– Was siehst du mich so an, F.?

– Ich frage mich, ob du noch etwas von mir lernen kannst.

– Ich habe keine Lust auf deine schmutzige Politik, F. Du bist ein Dorn im Fleisch des Parlaments. Du hast Dynamit nach Québec geschmuggelt, getarnt als Feuerwerk. Du hast ganz Kanada zu einem riesigen Therapeutensofa gemacht, wir liegen da und spulen den immergleichen Albtraum des Selbstverständnisses ab, und alle Lösungen, die du anbietest, sind stumpfsinnig wie Psychiatrie. Außerdem hast du Edith zum Gegenstand zahlreicher, nicht konformer Sexakte gemacht, die sie um Verstand und Gesundheit brachten und mich zu dem einsamen Bücherwurm machten, den du gerade quälst.

– O mein Liebster, wie bucklig, wie bedauernswert bucklig du geworden bist unter dem Gewicht der Geschichte und der vergangenen Zeiten.

Wir standen dicht beisammen, wie wir in so vielen Räumen beisammengestanden hatten, und hatten die Hände einander in die Taschen gesteckt. Diesmal befanden wir uns in der Sepiadämmerung des Bibliotheksmagazins. Sein überheblicher Ausdruck ärgerte mich jedes Mal von Neuem.

– Bucklig! Edith hat sich über meinen Körper nie beklagt.

– Edith! Ha! Dass ich nicht lache! Was weißt du schon über Edith?

– Wehe, du berührst sie mit deiner bösen Zunge!

– Ich habe Ediths Akne kuriert.

– Ediths Akne! Ganz bestimmt! Ihre Haut war makellos.

– Hahaha.

– Es war eine Freude, sie zu küssen und zu berühren.

– Dank meiner berühmten Seifenkollektion. Hör mal, mein Freund, Edith sah richtig schlimm aus, als ich sie kennengelernt habe.

– Es reicht, F. Ich will das nicht hören.

– Es ist nun der Moment gekommen, an dem du erfahren sollst, wen du da eigentlich geheiratet hast. Wer war dieses Mädchen, das du entdeckt hast, als sie im Friseursalon des Hotels Mount Royal diese außerordentlichen Maniküren durchführte? –

– Bitte nicht, F. Du hast schon genug zerstört. Lass mir ihren Körper. F.! Was ist denn mit deinen Augen? Was ist mit deinen Wangen? Sind das etwa Tränen? Weinst du?

– Ich frage mich, was aus dir werden soll, wenn ich dich dir selbst überlasse.

– Wo willst du denn hin?

– Die Revolution braucht ein bisschen Blut. Es wird mein Blut sein.

– Nein! Nein!

– London hat verlauten lassen, dass die Queen im Oktober 1964 das französische Kanada besuchen möchte. Es wird nicht ausreichen, wenn sie und Prinz Philip von Polizeisperren und Panzerwagen empfangen werden, von einer feindlich gesinnten Menge, die ihr den Rücken zukehrt. Wir dürfen nicht den Fehler der Indianer wiederholen. Ihren Beratern in London muss klargemacht werden, dass auch unsere Würde, wie die Würde aller anderen Menschen, von der fröhlichen Ausübung der Willkür genährt wird.

– Was hast du vor, F.?

– Auf der Nordseite der Sherbrooke Street steht eine Statue von Queen Victoria. Wir sind oft daran vorbeigekommen, wenn wir die Dunkelheit des System-Kinos gesucht haben. Die Statue ist ganz hübsch gemacht, sie zeigt Queen Victoria als junge Frau, bevor sie durch Schmerz und Trauer fett wurde. Sie ist aus Kupfer gegossen, das inzwischen grün angelaufen ist. Morgen Abend werde ich in ihrem metallischen Schoß eine Ladung Dynamit deponieren. Die Statue ist zwar nur ein kupfernes Abbild einer toten Königin (die, ganz nebenbei gesagt, wusste, was Liebe bedeutet), sie ist nur ein Symbol, aber der Staat lebt von Symbolen. Morgen Abend werde ich dieses Symbol in die Luft jagen – und mich mit ihm.

– Tu es nicht, F., bitte!

– Warum denn nicht?

Ich weiß nicht, was Liebe bedeutet, aber etwas wie Liebe griff nach den folgenden Worten und entriss sie meiner Kehle, als zappelten sie an tausend Angelhaken:

WEIL ICH DICH BRAUCHE, F.

Ein trauriges Lächeln breitete sich auf dem Gesicht meines Freundes aus. Er nahm seine linke Hand aus meiner warmen Hosentasche, streckte den Arm zu einer Art Segnung aus und zog mich an seine Hemdbrust aus ägyptischer Baumwolle.

– Danke. Jetzt bin ich mir sicher, dass ich dir genug beigebracht habe.

WEIL ICH DICH BRAUCHE, F.

– Hör auf rumzuheulen.

WEIL ICH DICH BRAUCHE, F.

– Ssssch.

WEIL ICH DICH BRAUCHE, F.

– Also, mach’s gut.

Einsam und frierend sah ich ihm nach. Die braun gebundenen Bücher auf den Stahlregalen, an denen er vorüberstrich, raschelten wie windverwehte Laubhaufen und verbreiteten die Nachricht von Erschöpfung und Tod. Jetzt, da ich dies zu Papier bringe, habe ich eine deutliche Vorstellung von F.s Schmerz. Von seinem Schmerz! Ich kratze die alte Wunde auf, ich löse den Schorf der Geschichte und erblicke seinen Schmerz, der aufglänzt wie ein tiefroter, triumphierender Tropfen Blut.

– Mach’s gut, rief er mir noch einmal über die muskulöse Schulter zu. Achte auf die Explosion morgen Nacht. Halt dein Ohr an den Lüftungsschacht.

Sein Schmerz flutet meine Wahrnehmung wie der eisige Mondschein, der durch die Fenster seiner Hütte fällt, er verändert Umriss, Farbe und Gewicht von allem, was ich in meinem Herzen verwahre.

Beautiful Losers
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