9.

Füg nichts zusammen! Eine Bemerkung von F., er hat mich damals mit dem Satz angebrüllt, vor zwanzig Jahren oder so, als er meinen nassen Schwanz erblickte. Was er in meinen verzückten Augen gesehen hat, weiß ich nicht, vielleicht das schwache Glimmen einer universellen Einsicht, die keine war. Manchmal, wenn ich gerade gekommen bin oder gerade einschlafen will, bewegt sich mein Geist auf einem Pfad, der endlos lang ist, aber so schmal wie ein nachtfarbener Faden. Von Neugier getrieben schwebt mein Geist hinaus über die schmale Landstraße, er strahlt vor Empfangsbereitschaft wie eine Federfliege, die tief und kunstvoll über einen glitzernden Bach gepeitscht wird. Irgendwo draußen, wo ich ihn nicht mehr erreichen kann, wird aus dem krummen Angelhaken ein Speer, und aus dem Speer eine scharfe Nadel, die unsere Welt zusammennäht. Haut wird über Skelette gezogen, Lippenstift auf Lippen gelegt, Edith mit ihrer Fettcreme vernäht. Die Nadel hockt in unserem lichtlosen Halbkeller und näht Gebetsschals und Berge zusammen, sie ist wie ein Strom aus Blut, denn sie macht vor nichts halt, bis der Tunnel sich mit einer tröstenden Nachricht, mit der wunderschönen Erfahrung der Einheit, gefüllt hat. Alles, was in der Welt auseinandergerissen ist – zwei zu einem Paradoxon gehörende Schwingen, Kopf oder Zahl einer schwierigen Aufgabe, an Blütenblätter gestellte Fragen, scherenförmige Gewissensentscheidungen, Polaritäten aller Art, Dinge und Bilder von Dingen und Dinge, die keine Schatten werfen, und die tagtäglichen Explosionen draußen auf der Straße, das eine Gesicht oder das andere, ein Haus und ein schmerzender Zahn, Explosionen, die einfach nur anders geschrieben werden – all das wird von meiner Nadel zusammengefügt. Selbst ich und meine gierigen Fantasien und alles, was ist oder jemals gewesen ist, gehört auf einen Faden gereiht und zusammengefügt zur schönsten Halskette aller Zeiten. Jede Bedeutung wird aufgehoben. Füg nichts zusammen!, hat F. gebrüllt. Wenn du unbedingt willst, kannst du die Dinge nebeneinander aufstellen, auf deinem laminierten Tisch zum Beispiel, aber du darfst sie niemals miteinander verbinden. Komm noch einmal raus, rief F. und zerrte an meinem schlaffen Schwanz wie ein Glöckner an seinem Seil, als wollte er nach dem nächsten Gang läuten, eine Dame an vollbesetzter Tafel. Lass dich nicht zum Narren halten!, brüllte er. Zwanzig Jahre ist das her, wie gesagt. Ich kann eigentlich nur spekulieren, was seinen Anfall damals ausgelöst hat, es muss ein Grinsen gewesen sein, ein Ausdruck universeller Empfänglichkeit, der einemjungen Mann jawirklich nicht gut steht. Es geschah an ebenjenem Nachmittag, dass F. mir seine außerordentlichste Lüge auftischte.

Mein Freund, sagte F., du brauchst wirklich keine Schuldgefühle zu haben.

– Was für Schuldgefühle?

– Du weißt schon, weil wir uns gegenseitig einen geblasen haben, wegen der Filme und der Vaseline, weil wir es mit dem Hund getrieben haben, weil wir uns während der Arbeit verdrückt haben und es unter den Achseln gemacht haben.

– Ich hab da keine Schuldgefühle.

– Doch. Brauchst du aber nicht zu haben. Weißt du, meinte F., das hat mit Homosexualität nämlich nichts zu tun.

– Was soll denn das, F.? Homosexualität, das ist doch einfach nur ein Wort.

– Genau deshalb betone ich es so, mein Freund. Es ist eine Frage des Sprachgebrauchs, sonst nichts. Ich will es dir nur erklären, aus Nächstenliebe.

– Du willst uns den Abend verderben.

– Hör mir mal zu, du dummes A––––––––!

– Du hast Schuldgefühle, nicht ich. Und zwar verdammt viele. Du bist doch der Schuldige hier.

– Ha. Ha. Ha. Ha. Ha.

– Ich weiß, was du vorhast, F. Du willst den Abend kaputt machen. Es reicht dir nicht, ein paarmal nett zu kommen und was reingeschoben zu kriegen.

– Na gut, mein Freund, ich gebe es zu. Ich bin zermürbt von Schuld, ich halte jetzt lieber den Mund.

– Also, jetzt, da du schon davon angefangen hast, kannst du mir auch was erklären.

– Nein.

– Doch. Verdammt, F., wir reden doch nur.

– Ich will nicht.

– Scheiße, F., du willst uns wirklich den Abend verderben.

– Wie jämmerlich du bist. Das ist der Grund, warum du nichts zusammenfügen darfst, jede Verbindung, die du herstellst, ist jämmerlich. Bei den Juden war es den jungen Männern verboten, die Kabbala zu lesen, genauso müsste es verboten sein, dass Männer unter siebzig Verbindungen herstellen.

– Kannst du mir das erklären?

– Du brauchst keine Schuldgefühle zu haben, denn es geht ja eigentlich nicht um Homosexualität.

– Das weiß ich ja, aber …

– Halt mal den Mund. Das ist nicht homosexuell, weil es nicht nur männlich ist. Ich sag dir mal was: Ich hatte eine schwedische Operation, ich war mal ein Mädchen.

– Jeder hat so seine Schwächen.

– Halt die Klappe, halt endlich mal die Klappe, selbst die Nächstenliebe hat ihre Grenzen. Also: Ich wurde als Mädchen geboren, bin als Mädchen zur Schule gegangen. Ich habe immer einen blauen Umhang getragen, mit einem gestickten Wappen auf der Brust.

– F., ich bin nicht irgendein Typ, den du gerade aufgegabelt hast. Ich kenne dich ziemlich gut. Wir haben in derselben Straße gewohnt, sind in dieselbe Klasse gegangen, und nach dem Sport habe ich dich eine Million Mal in der Dusche gesehen. Wir haben Doktor und Patient gespielt, damals im Wald. Was soll das also?

– Und so verweigern sie den Hungernden das Mahl.

– Nicht zum Aushalten, du würgst alles ab.

Als ich feststellte, dass es schon kurz vor acht war und wir beinahe das Kino-Doppel verpasst hätten, beendete ich den Streit. Selten habe ich das Kino so genossen wie an jenem Abend! Warum fühlte ich mich auf einmal so leicht? Woher kam diese tiefe Verbundenheit zwischen F. und mir? Als wir durch den Schnee nach Hause liefen, lag die ganze Zukunft offen vor mir: Ich hatte alle Möglichkeiten. Ich beschloss, meine Studien über die A–––––– aufzugeben. Ich hatte ihre katastrophale Geschichte damals noch nicht durchschaut. Ich hatte zwar keine anderen Pläne, aber das störte mich nicht. In naher Zukunft, dachte ich, werde ich wie der amerikanische Präsident sein, ich werde mich vor Einladungen nicht retten können. Während ich mir in den vergangenen Wintern immer die Eier abgefroren hatte, schloss mich in jener Nacht die Kälte in ihre Arme. Mir war, als bestünde mein Hirn, das mir nie besonders viel bedeutet hat, aus kristallinen Strukturen, aus einem Schneegestöber, das mein Leben mit allen Farben des Regenbogens füllen würde. Leider ist aus den Überlegungen von damals nichts geworden. Die A–––––– benutzten mich als Sprachrohr, und meine Zukunft trocknete ein wie alter Kuhmist. Und welchen Anteil hatte F. an dieser wunderbaren Nacht? Hatte er etwas unternommen, um mir Türen zu öffnen, Türen, die ich gleich wieder zugeknallt hätte? Ja, er wollte mir etwas zu verstehen geben, nur weiß ich bis heute nicht, was. Ist das nicht gemein? Warum bin ich nur an so einen begriffsstutzigen Freund geraten? Mein Leben hätte eine glorreiche Wendung nehmen können. Vielleicht hätte ich Edith nie geheiratet, die, wie ich jetzt gestehen muss, eine A–––––– war!

Beautiful Losers
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