15.
Catherine Tekakwitha, im Schatten des Langhauses. Edith hockt eingefettet im überheizten Zimmer. F. kehrt seine neue Fabrik. Catherine Tekakwitha traut sich am helllichten Tag nicht vor die Tür. Wenn sie doch einmal heraustrat, war sie von Kopf bis Fuß in eine Decke gehüllt, eine Mumie, die das Bein nachzieht. Fern vom Jagdgeschrei, fern vom Sonnenschein, so verbrachte sie ihre Mädchenjahre. Dafür musste sie immer wieder mit ansehen, wie die müden Indianer ihren Hunger stillten und einander fickten, und das Bild der unbefleckten Mutter Maria rasselte ihr im Kopf, lauter schließlich als die Instrumente der Tänzer, und doch war sie scheu wie die Rehe, von denen sie nur gehört hatte. Sie hörte Stimmen, die das Stöhnen und Schnarchen mild übertönten. Wessen Stimmen? Sie wird sich alles genau gemerkt haben. Sie wusste nichts davon, wie der Jäger seiner Beute nachstellt, aber sie wusste sehr wohl, wie er später mit vollgeschlagenem Magen alle viere von sich streckte, sie erkannte ihn am Rülpsen, wenn er seiner ehelichen Pflicht nachkam. Sie wusste um die Vorbereitungen, sie wusste um die Ergebnisse, aber den Berg im Hintergrund, den sah sie nicht. Sie wusste, was die Geschlechter miteinander trieben, aber sie hörte nicht die Lieder, die die Liebenden im Wald summten, sie kannte nicht die kleinen, aus Gras geflochtenen Geschenke, die sie einander machten. Sie muss genaue, lichte Vorstellungen vom Himmel entwickelt haben angesichts dieses Einstürmens menschlicher Mechanik. Sie muss alles gehasst haben, was endlich ist. Trotzdem bleibt es ein Rätsel, wie ihr die Welt derart entgleiten konnte. Dumque crescebat aetate, crescebat et prudentia, erklärt Pater Cholenec 1715. War es der Schmerz? Warum nahmen ihre Visionen nicht die Wendung zum Rabelaisischen? Catherine Tekakwitha war der Name, den man ihr gegeben hatte, die genaue Bedeutung kennen wir nicht. Diejenige, die Ordnung in die Dinge bringt, lautet die Übersetzung von Abbé Marcoux, dem alten Missionar von Caughnawaga. Und Abbé Cuoq, der sulpizianische Indianologe: Celle qui s’avance, qui meut quelquechose devant elle. Wie eine, die sich im Schatten vorantastet, die mit ausgestreckten Armen geht, so erläutert P. Lecompte. Gehen wir also davon aus, dass ihr Name beide Bedeutungen einschließt: diejenige, die Ordnung in die Schatten bringt, wenn sie voranschreitet. Vielleicht ist dies auch die Art, wie ich dich erreiche, Catherine Tekakwitha. Ein gütiger Onkel nahm das Waisenkind auf. Nach der Pest zog das ganze Dorf um, eine Meile stromaufwärts am Mohawk River, kurz vor der Mündung des Auries-Flusses ließen sie sich nieder. Der Ort hieß jetzt Gandaouagué, ein weiterer Name, der uns in mehreren Formen überliefert ist, Gandawagué ist ein Wort der Huron-Indianer, mit dem die Missionare einen Wasserfall oder eine Stromschnelle bezeichneten, Gahnawagué im Dialekt der Mowhawk, aus Kaknawaké wurde schließlich Caughnawaga. Ich habe meine Hausaufgaben gemacht. Hier wohnte sie bei ihrem Onkel, seiner Frau und seinen Schwestern, er hatte ein eigenes Langhaus gebaut, es gehörte zu den größten im Dorf. Die Frauen der Irokesen arbeiteten hart. Kein Jäger schleppte seine eigene Beute nach Hause. Er schnitt den Bauch des Tieres auf, riss eine Handvoll Eingeweide heraus und lief oder tanzte mit dem triefenden Gedärm nach Hause, hier und da hängte er etwas über einen Zweig, drapierte ein Stück auf einem Strauch. Ich habe ein Tier erlegt, sagte er zu Hause zu seiner Frau, worauf sie der glitschigen Spur in den Wald folgte. Entlohnt wurde sie mit der erlegten Beute selbst, mit der Aufgabe, sie nach Hause zu zerren. Ihr Mann schlief zu diesem Zeitpunkt mit knurrendem Magen am Feuer. Es waren die Frauen, die die unangenehme Arbeit machen mussten. Nur mit Krieg, Jagd und Fischfang gab sich der Mann ab, alles andere war unter seiner Würde. Die restliche Zeit vertrieb er sich, er rauchte und spielte und redete mit seinen Freunden, er aß und schlief. Catherine Tekakwitha gehörte zu denjenigen, die ihre Arbeit gern machten. Die anderen Mädchen brachten sie schnell hinter sich, sie wollten lieber tanzen und flirten, sie kämmten sich die Haare und malten sich die Gesichter an, sie zogen Ohrringe an und schmückten sich mit buntem Porzellan. Sie trugen feine Felle und bestickte, mit Glasperlen und dem Gefieder des Stachelschweins verzierte Beinkleider. Wie hübsch! Warum habe ich mich nicht in so eine verliebt? Hört Catherine, wie sie tanzen? Oh, ich will eine von den Tänzerinnen haben! Ich möchte Catherine, die im Langhaus arbeitet, überhaupt nicht stören. Die dumpfen Sprünge der Tanzenden ziehen brennende Kreise in ihrem Herzen. Diese Mädchen machen sich keine Gedanken um das, was morgen kommt, nur Catherine, die reiht ihre Tage auf wie Perlen an einer Kette, sie verknüpft die Schatten miteinander. Ihre Tante lässt nicht locker. Hier, eine Halskette, zieh die mal an, meine Liebe, und warum malst du dir eigentlich nicht das fahle Gesicht an? Sie war noch sehr jung und ließ sich schmücken, was sie sich später niemals verzieh. Noch zwanzig Jahre später vergoss sie Tränen ob dieser Sünde, die sie für eine ihre schwersten hielt. Worauf lasse ich mich da eigentlich ein? Kann ich mit dieser Frau überhaupt etwas anfangen? Es dauerte eine Weile, bis die Tante nachgab. Erst dann konnte sie sich wieder ganz der Arbeit widmen. Mit einer Hingabe, die bemerkenswert war, beugte sie sich über den Mörser, schleppte Wasser, sammelte Holz und bearbeitete die für den Markt bestimmten Felle. »Douce, patiente, chaste, et innocente«, so P. Chauchetière. »Sage comme une fille française bien élevée«, fährt er fort. Wie ein wohlerzogenes französisches Mädchen! Oh, die hinterhältige Kirche! F., ist es das, was du von mir verlangst? Ist dies meine Strafe dafür, dass ich Ediths Rutschpartie nicht mitgemacht habe? Sie war von Kopf bis Fuß mit rotem Fett angemalt, ich dachte nur an mein weißes Hemd. Ich habe die Tube inzwischen an mir selbst ausprobiert, aus Neugier, eine einzige, leuchtende Spur, die mir genauso wenig brachte wie F.s Akropolis an jenem Morgen. Nun lese ich, dass Catherine Tekakwitha eine große Begabung für Handarbeit hatte, insbesondere die Stickerei, dass sie wunderschöne, bestickte Beinkleider herstellte, sowie Tabakbeutel, Mokassins und Muschelketten. Stunde um Stunde beschäftigte sie sich mit Wurzeln und Aalhaut, mit Muscheln, Porzellan und Federn. Für jeden stellte sie etwas her, nur nicht für sich selbst. Wen verehrte sie wohl im Stillen? Ihre Muschelketten – Wampums – waren äußerst begehrt. War es ihre Art, sich über Geld lustig zu machen? Vielleicht war sie frei, sich kunstvolle, farbenprächtige Muster auszudenken, weil sie alles Wirtschaftliche verachtete, wie auch F., der die Fabrik gekauft hatte, es verachtete. Oder bin ich einem Missverständnis aufgesessen? Ich habe keine Lust mehr auf die Fakten, ich habe keine Lust auf Spekulation, ich sehne mich danach, in der Unvernunft aufzugehen. Ich wünsche mir, von ihr fortgerissen zu werden wie von einem brodelnden Fluss. Es interessiert mich gerade überhaupt nicht, was unter ihrer Decke vorgeht. Ich will von ungerichteten Küssen bedeckt werden. Ich will, dass meine Streitschriften gelobt werden. Warum macht mich die Arbeit so einsam? Es ist nach Mitternacht, der Aufzug steht still. Das Linoleum ist neu, die Wasserhähne sind dicht, dank F.s Vermächtnis. Ich will jeden Orgasmus nachholen, den ich nicht eingefordert habe. Es ist Zeit für einen neuen Beruf. Was habe ich Edith angetan, dass mir keine Erektion mehr gelingen will, wenn sie vor meinem geistigen Auge erscheint? Ich hasse diese Wohnung. Warum habe ich die Einrichtung erneuert? Der Tisch könnte in Gelb ganz gut aussehen, habe ich gedacht. Oh mein Gott, bitte jag mir einen Schrecken ein. Warum sind die beiden, die mich geliebt haben, in dieser Nacht so machtlos? Was nützt mir der Bauchnabel? Selbst F.s letzter, tiefer Schrecken ist bedeutungslos. Ob es wohl regnet? Wenn ich nur F.s Erfahrungen machen könnte, wenn ich seine emotionale Extravaganz besäße! Ich erinnere mich an keinen einzigen Satz, den er gesagt hat, ich weiß nur noch, wie er mit seinem Taschentuch umgegangen ist, wie überaus sorgfältig er es immer gefaltet hat, der alte Rotz durfte unter keinen Umständen an seine Nase kommen. Ich erinnere mich an seine schrillen Niesanfälle, die ihm solches Vergnügen bereiteten, sie waren metallisch-schrill, eindeutig instrumental, dazu drehte er den knochigen Kopf, dass es laut knackte, worauf er überrascht aufschaute, als hätte er gerade ein unerwartetes Geschenk erhalten, und zog die Brauen hoch, was bedeuten sollte: Schau an. Die Leute niesen eben, F., das ist alles, tu nicht so, als sei es ein verdammtes Wunder, es deprimiert mich, es ist eine deprimierende Angewohnheit, dass du so eine Freude an deinen Niesanfällen hast und dass du Äpfel in einer Weise isst, als hätten sie bei dir mehr Saft, und dass du immer der Erste bist, der sagt, wie toll der Film war. Du deprimierst die Leute. Wir essen auch gern Äpfel. Ich möchte gar nicht wissen, was du Edith alles erzählt hast. Sie wird gedacht haben, dass ihr Körper der Erste ist, den du je angerührt hast. Hat sie sich darüber gefreut? Ihre neuen Nippel. Jetzt seid ihr beide tot. Man soll nicht zu lange in ein leeres Milchglas schauen. Es passt mir nicht, was in Montreal mit der Architektur geschieht. Wo sind die Zelte geblieben? Ich würde gern die Kirche verantwortlich machen. Ich beschuldige die Römisch-Katholische Kirche von Québec, mein Sexleben ruiniert zu haben, ich beschuldige sie, weil ich mein Glied in ein Reliquienkästchen gestoßen habe, das für einen Finger gedacht war, ich beschuldige die R. K. K. von Q., mich zu absonderlichem, schrecklichem Verkehr mit F., einem weiteren Opfer des Systems, gezwungen zu haben. Ich beschuldige die Kirche, die Indianer getötet zu haben, ich beschuldige die Kirche, verhindert zu haben, dass Edith mir ordentlich einen geblasen hat, ich beschuldige die Kirche, Edith mit rotem Fett eingeschmiert zu haben und Catherine Tekakwitha nicht mit rotem Fett eingeschmiert zu haben, ich beschuldige die Kirche, junge Menschen in Autos aufzuscheuchen und Pickel zu verursachen, ich beschuldige die Kirche, grüne Masturbationstoilettenhäuschen gebaut zu haben, ich beschuldige die Kirche, die Tänze der Mohawk unterdrückt und es zudem versäumt zu haben, ihre Lieder aufzuzeichnen, ich beschuldige die Kirche, meine Sommerbräune gestohlen zu haben und die Schuppenflechte zu befördern, ich beschuldige die Kirche, Menschen mit dreckigen Zehennägeln, die gegen die heilige Wissenschaft ins Feld ziehen, in Straßenbahnen zu entsenden, ich beschuldige die Kirche, weibliche Beschneidung im französischsprachigen Kanada zu praktizieren.