37.

Die Hütten von Kahnawaké waren leer. In den nahen Feldern wimmelte es von arbeitenden Menschen, von Männern und Frauen mit Händen voller Saatgut. Es war das Frühjahr des Jahres 1675, der Mais wurde ausgesät.

– Juh, juh, ging das Lied der Maispflanzer, ihre Stimmen überschlugen sich.

Catherines Onkel ballte die Faust um das gelbe Häufchen in seiner Hand. Er spürte die Kraft der Saat, ihr Verlangen, aus der Erde, die sie bedecken würde, hervorzubrechen. Es war, als würden sie seine Finger auseinanderdrücken. Er bildete eine Art Ausguss, drehte die Hand und ließ ein einziges Korn in ein Loch fallen.

– Ah, dachte er, nicht anders fiel unsere Ahnin vom Himmel und landete in einer vorzeitlichen Wasserwüste. Manche vertreten die Ansicht, dass sie dabei von einigen amphibischen Tieren beobachtet wurde, etwa vom Otter, vom Biber und von der Bisamratte, die eilig Schlamm vom Meeresgrund heraufbrachten und anhäuften, um ihren Sturz zu bremsen.

Plötzlich erstarrte er. Im Innersten des Herzens spürte er, dass Pater Jacques de Lamberville angekommen war. Ja, er spürte die Anwesenheit dieses Mannes, der in diesem Moment durch das über eine Meile entfernte Dorf ging. Catherines Onkel sandte einen Schatten aus, um den Priester zu begrüßen.

Vor der Hütte der Tekakwitha machte Pater Jacques de Lamberville halt. Sie sind wohl alle auf den Feldern, dachte er, es bringt überhaupt nichts, laut um Einlass zu bitten.

– La-ha, la-ha, plätscherte eine schlanke, lachende Stimme nach draußen.

Der Priester wandte sich um und schritt auf die Tür zu. Der Schatten stellte sich ihm entgegen, sie rangen miteinander. Der Schatten war nackt, es war ihm ein Leichtes, seinen Gegner mit der schweren Kutte zu Fall zu bringen. Der Schatten warf sich auf den Priester, der Mühe hatte, sich aus den Falten seines eigenen Gewands zu befreien. Der Schatten war so ungestüm, dass er sich ebenfalls verhedderte. Sofort erkannte der Priester seinen Vorteil. Er blieb reglos liegen, während der Schatten im Gefängnis einer glücklich angebrachten Tasche erstickte. Der Pater kam auf die Beine und stieß die Tür auf.

– Catherine!

– Endlich!

– Was tust du denn hier drinnen, Catherine? Deine ganze Familie ist auf dem Feld, um den Mais zu pflanzen.

– Ich habe mir den Zeh gestoßen.

– Zeig mal.

– Nein. Es darf ruhig noch ein bisschen wehtun.

– Wie lieb du das sagst, mein Kind.

– Ich bin neunzehn. Alle hier hassen mich, was mir egal ist. Meine Tanten treten mich mit Füßen, ich mache ihnen aber keine Vorwürfe. Ich trage die Scheiße raus, na ja, einer muss es ja tun. Aber, Vater, jetzt wollen sie auch noch, dass ich ficke – obwohl ich das Recht darauf längst fortgegeben habe.

– Du kannst nicht zurückfordern, was du einmal verschenkt hast.

– Was soll ich nur tun, Vater?

– Lass mich mal deinen Zeh ansehen.

– Ja!

– Dazu muss ich deine Mokassins ausziehen.

– Ja!

– Hier?

– Ja!

– Und hier?

– Ja!

– Deine Zehen sind kalt, Catherine. Ich werde sie ein wenig massieren.

– Ja!

– Und jetzt hauche ich sie an, du weißt schon, wie man im Winter in die eigenen Hände haucht.

– Ja!

Schwer atmend beugte sich der Priester über ihre winzigen braunen Zehen. Wie klein und hübsch das Kissen unter ihrem dicken Zeh war. Von unten sahen die Zehen aus wie fünf kleine Kinder, die ihre Bettdecke bis zum Kinn gezogen haben. Er gab ihnen Gute-Nacht-Küsschen, einem nach dem anderen.

– Kitzel bitzel kitzel bitzel.

– Genau!

Er kniete wie Jesus, der vor einem nackten Fuß gekniet hatte, und knabberte an einem Kissen, es hatte die Konsistenz von Weingummi. Dann leckte er der Reihe nach die Zwischenräume der unfassbar zarten Zehen aus – sie waren weiß! Vier Mal stieß er mit der Zunge zu. Jedem einzelnen Zeh wandte er sich mit ganzer Aufmerksamkeit zu, er nahm ihn in den Mund, bedeckte ihn mit Speichel, blies, um den Speichel zu trocknen, biss spielerisch hinein. Eine Schande, dass die vier Zehen so vereinzelt sind, dachte er und zwängte sie alle auf einmal in seinen Mund. Seine Zunge schlug hin und her wie ein Scheibenwischer. Franziskus hatte das Gleiche für die Leprakranken getan.

– Vater!

– Libalobaglobawoganammienammie.

– Vater!

– Glupgluplutschschluck. Schlürf.

– Taufen Sie mich!

– Manch einer findet unsere Zurückhaltung übertrieben, aber Tatsache ist, dass wir als Jesuiten die erwachsenen Indianer nicht zur Taufen drängen.

– Ich habe zwei Füße.

– Indianer sind nicht einfach. Es wäre eine Katastrophe, wenn wir mehr Abtrünnige produzieren würden als Christen, dem müssen wir vorbeugen.

– Wackel.

– Comme nous nous défions de l’inconstance des Iroquois, j en ai peu baptisé hors du danger de mort.

Das Mädchen schlüpfte in ihre Mokassins und setzte sich auf ihren Fuß.

– Sie müssen mich taufen.

– Il n’y a pas grand nombre d’adultes, parce qu’on ne les baptise qu’avec beaucoup de précautions.

Der Streit zog sich im Schatten des Langhauses noch eine Weile hin. Eine Meile entfernt sank der Onkel vor Erschöpfung auf die Knie. Es würde keine Ernte geben. Doch er dachte nicht an den Mais, den er eben ausgesät hatte, sondern an das Überleben seines Volkes. So viele Jahre, die Jagden, die Kriege – alles umsonst. Es würde keine Ernte geben. Selbst die gereifte Seele würde den Weg in den warmen Südwesten nicht finden, von wo der Wind herüberweht, der sonnige Tage bringt und berstend prallen Mais. Die Welt war unvollendet! Ein tiefer Schmerz erfasste seine Brust. Der große Ringkampf zwischen Ioskeha, dem Weißen, und Tawiscara, dem Finsteren, der ewige Kampf würde langsam ermatten wie zwei Liebende, die in fester Umarmung in den Schlaf sinken. Es würde keine Ernte geben! Tag für Tag wurde das Dorf kleiner, immer mehr Stammesbrüder brachen auf und zogen in die neuen Missionen. Er kramte nach einem kleinen Wolf, den er geschnitzt hatte. Im vergangenen Herbst noch hatte er die hölzernen Nasenlöcher an die eigenen gehalten, er hatte tief eingeatmet und sich den Mut des Tiers einverleibt. Dann hatte er die Luft scharf ausgestoßen, um seinen Atem im umliegenden Wald zu verbreiten und das Wild zu lähmen, das sich in der Nähe aufhielt. Als er an jenem Tag seinen Hirsch erlegt hatte, schnitt er die Leber heraus und schmierte Blut um den Mund des geschnitzten Wolfs. Und er betete: Großer Hirsch, Erster und Vollkommener Hirsch, Ahnherr der Beute zu meinen Füßen, wir sind hungrig. Bitte übe Rache an mir, weil ich eins deiner Kinder getötet habe. Der Onkel brach auf dem Maisfeld zusammen, er rang um Atem. Der Große Hirsch tanzte auf seiner Brust, er brach ihm die Rippen. Sie trugen den Onkel in die Hütte. Seine Nichte weinte, als sie sein Gesicht sah. Als sie nach einer Zeit endlich allein waren, sagte der alte Mann:

– Ist er hier gewesen, der Schwarzrock?

– Ja, Vater Tekakwitha.

– Und du möchtest die Taufe empfangen?

– Ja, Vater Tekakwitha.

– Ich werde es unter einer Bedingung zulassen: Dass du versprichst, Kahnawaké niemals zu verlassen.

– Ich gebe dir mein Wort.

– Meine Tochter, es wird keine Ernte geben. Unser Himmel liegt im Sterben. Von allen Hügeln hallen die Schmerzensschreie der Geister, denn sie werden vergessen.

– Schlaf jetzt.

– Bring mir die Pfeife und mach die Tür auf.

– Was hast du denn vor?

– Ich sende den Tabakatem aus, ihnen, ihnen allen entgegen.

F. war überzeugt, dass das Amerika der Weißen mit Lungenkrebs gestraft worden war, weil sie den Roten Mann vernichtet und sein Vergnügen entwendet hatten.

– Versuch, ihnen zu vergeben, Vater Tekakwitha.

– Unmöglich.

Kraftlos blies er den Rauch gegen die geöffnete Tür, und erzählte sich eine Geschichte, die er als Junge gehört hatte. Wie Kuloskap die Welt verlassen hatte, weil das Böse in ihr waltete. Er veranstaltete ein großes Festmahl, um sich zu verabschieden, und paddelte mit seinem großen Kanu davon. Heute wohnt er in einem prächtigen Langhaus und schnitzt Pfeile. Wenn die Hütte voll ist, wird er der gesamten Menschheit den Krieg erklären.

Beautiful Losers
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