45.

Ich friere mich zu Tode in diesem verdammten Baumhaus. Ich dachte, die Natur würde mir gut tun, besser als die kleine, ergussklebrige Kellerküche. Ich dachte, Vogelgezwitscher wär besser als Aufzuglärm. Sachkundige Leute, die Tonbandgeräte mit sich herumtragen, sagen, dass wir nicht eine Vogelstimme hören, sondern zehn oder zwölf Töne, die von einem einzigen Tier zusammengefügt werden, um viele verschiedene, wunderbar fließende Melodien zu schaffen. Man kann das beweisen, indem man das Tonband langsam abspielt. Ich verlange den staatlichen Gesundheitsdienst! Ich verlange, operiert zu werden! Ich will, dass man mir so einen langsamen Transistor ins Hirn näht. Ich will, dass sich die Wissenschaft mit ihren Ergebnissen aus meiner Zeitung fernhält. Der Sommer ist wie eine Halloween-Maske an uns vorübergeschwebt, jetzt kriegen wir wieder Tag für Tag nur kalte kanadische Landschaften. Und wer steckt mir mal ein Bonbon in die Tüte? Wo ist denn nun die Welt von Morgen, die man uns in Science-Fiction-Romanen versprochen hat? Ich verlange einen Klimawandel. Welcher Teufel hat mich eigentlich geritten, dass ich kein Radio mitgenommen habe? Drei Monate ohne Radio, ich summe Hits, die längst obsolet sind, meine Top Ten sind ausradiert aus der Geschichte, urplötzlich abgeschnitten von den dynamischen Preisentwicklungen der Jukebox-Börsen, nicht einmal Dreizehnjährige, die auf dem Teppich neben dem Hifi-Turm rumknutschen, können ihnen wieder Leben einhauchen, meine viel zu ernsten Top Ten stapfen im Gänsemarsch durch meinen Kopf wie eine Junta, wie Generäle, die von dem Staatsstreich nichts ahnen, der in der Nacht des offiziellen Balls über die Bühne gehen wird, meine lieben, alten Top Ten, die wie ein Bataillon von Straßenbahnschaffnern, die Ärmel goldbestickt, geduldig auf Ruhestand und Rente zusteuern, während in einem Sitzungsraum der Beschluss über die neue U-Bahn gefasst wird und die Straßenbahnen ins Museum gefahren werden, meine linkischen Top Ten des Kunsthalls und der schmachtend-pubertären Stimmen, die mir in den Herzgrund weinen wie eine Gruppe vor leeren Rängen radschlagender Cheerleader-Mädchen mit nackten Schenkeln und dünnen, ganz süß die Haut schnürenden BH-Trägern, mit glitzernder Unterwäsche, die jedes Mal unter den kurzen, umgestülpten Faltenröckchen hervorschaut, wenn sie auf ihren Freundschaftsfingern herumwirbeln und ihre heimspielenthusiastischen, seidenumflatterten, sportstudioknackigen kleinen Hurrah-rah-Hintern unbeschreiblich hübsche, blitzschnelle Regenbögen, rot-sanddorn-orange schillernde Streifen in die Luft zeichnen, wenn sie die runden, nach weißem Lippenstift duftenden Blechmundstücke ihrer Megaphone mit Alma-Mater-Rufen warmgejubelt haben, wem gelten dann diese feuchten Technicolor-Turnereien? Wem gelten die scharfmachenden Bögen rockloser Vorführhöschen, die durch die Begeisterung schimmern wie ein Haufen frischer, sachkundig aufgebrochener, samenpraller Feigen, denn birgt nicht jedes Versteck, jedes dunkle Dreieck sein schmutziges Geheimnis, das über die feuchte Feldbegrenzung rollt, um bald im Stummelmaul der Zeit zu landen? Für wen segelt ihr, ihr kleinen Hintern der Top Ten? Der Mannschaftskapitän liegt unter seiner Honda, zerquetscht vom Schrottgewicht der Zukunftspläne, ein gespenstischer Verteidiger, ein Schwarzer, fliegt übers leicht verschneite Footballfeld zu Juridicums-Ehren, und der von der ganzen Mannschaft signierte Football, den du so glücklich aufgefangen hast, schießt Bilder vom Mond. Oh, meine armen Top Ten, wie ihr euch danach sehnt, im Erfolg zu vergehen, ich habe mein Radio vergessen, also haltet euch noch ein wenig in meinem Gedächtnis, zusammen mit den anderen Zombies, ihr, deren Ehrgefühl nur Harakiri kennt, das ihr mit der stumpfen Kante eurer Erkennungsmarken zuwege bringt, ihr ausgelaugten Top Ten, die ihr hofft, vergessen zu werden wie Luftballons und Drachen, die sich selbstständig gemacht haben, wie Kinokarten und leere Kugelschreiber, wie alte Batterien und aufgerollte Sardinendeckel, wie eingedrückte, in Abteile gestanzte Fertigkostverpackungen – ich sammle euch, wie ich alles sammle, was mit meiner chronischen Krankheit zu tun hat, eure Strafe ist das Arbeitslager der Nationalhymne, ich verweigere euch den Märtyrertod in der Hitparade von morgen, ich werde euch zu Bumerangs umfunktionieren, ihr kleinen Kamikazeflieger, ich weiß, ihr wärt am liebsten einer der verlorenen Stämme, aber ich brenne euch Nummern auf die Arme, in der Todeskammer schenke ich Zaubertrank aus, ich hänge Netze unter Brücken, damit ihr nicht hinunterspringt. Ihr Heiligen und Freunde, steht mir bei, dass ich mich von der Geschichte befreie und von meiner Verstopfung. Macht, dass die Vögel langsamer zwitschern, dass ich sie schneller höre. Verzieh dich aus meinem Baumhaus, Schmerz, du bist ein gigantischer Baumfrosch.

Beautiful Losers
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