63
Genau wie in Ashtons Cottage
Die Ermittler des BCI trafen in zwei Schüben ein – Jack Hardwick um Mitternacht, die Spurensicherung eine Stunde später.
Die Kriminaltechniker in ihren weißen Schutzanzügen gaben sich anfangs skeptisch angesichts eines Tatorts, der nur die ungeklärte Gegenwart einer kaputten Puppe zu bieten hatte. Sie waren an die blutigen Überbleibsel von Mord und Totschlag gewöhnt. So war es wohl verständlich, dass sie zunächst die Brauen hochzogen und fragende Blicke austauschten.
Auch ihre ersten Erklärungen – dass ein Kind die Puppe hingelegt haben könnte, dass es ein dummer Streich war – waren vielleicht verständlich, doch das machte sie für Madeleine nicht erträglicher, und deren offene Frage an Hardwick konnten sie wahrscheinlich hören: »Sind die betrunken oder einfach nur blöd?«
Doch nachdem Hardwick die Techniker beiseitegenommen und sie auf die unheimliche Ähnlichkeit zwischen der Position der Puppe und der der ermordeten Jillian Perry hingewiesen hatte, nahmen sie die Räumlichkeiten so gründlich unter die Lupe, als wären sie mit Kugeln durchsiebt worden.
Leider kam dabei nichts Zählbares heraus. Obwohl sie alles durchkämmten, Fingerabdrücke und Fasern sicherten, stießen sie auf nichts Interessantes. Der Raum enthielt die Abdrücke einer Person, zweifellos die Madeleines. Gleiches galt für die wenigen Haare, die an der Lehne des Stuhls am Fenster entdeckt wurden, wo Madeleine immer an ihren Stricksachen arbeitete. Die Rahmeninnenseite des angrenzenden Fensters, das Gurney aufmachen musste, wenn es klemmte, trug die Abdrücke einer zweiten Person, zweifellos die Gurneys. Nichts auf dem Rumpf oder dem Kopf der Puppe. Es war ein beliebtes Puppenmodell, das in jedem Walmart verkauft wurde. An den Eingangstüren unten waren viele Abdrücke, die mit denen im Gästezimmer übereinstimmten. Keine Tür und kein Fenster ließen Anzeichen eines gewaltsamen Eindringens erkennen. Keine Abdrücke an der Außenseite der Fenster. Die Untersuchung der Böden mit Halogenscheinwerfern förderte keine Spuren zutage, die nicht zu Daves und Madeleines Schuhgrößen passten. Die Überprüfung aller Türen, Geländer, Arbeitsplatten, Wasserhähne und Toilettengriffe brachte das gleiche Ergebnis.
Als die Techniker schließlich ihre Ausrüstung zusammenpackten und gegen vier Uhr früh in ihrem Wagen verschwanden, nahmen sie die Puppe, die Bettdecke und die Läufer von beiden Seiten des Betts mit.
»Wir führen die Standardtests durch«, sagte einer von ihnen im Hinausgehen zu Hardwick. »Aber zehn zu eins, dass sie sauber sind.« Der Mann hörte sich erschöpft und frustriert an.
Als Hardwick in die Küche kam und sich gegenüber von Gurney und Madeleine an den Tisch setzte, meinte Gurney: »Genau wie in Ashtons Cottage.«
»Ja.« Hardwick machte einen fahrigen Eindruck.
»Was heißt das?« Madeleine klang feindselig.
»Das Aseptische daran. Keine Abdrücke, einfach nichts.«
Aus ihrer Kehle drang ein gequälter Laut. Sie holte tief Luft. »Also … was … machen wir jetzt? Ich meine, wir können doch nicht einfach …«
»Bevor ich fahre, kommt ein Streifenwagen«, antwortete Hardwick. »Sie stehen mindestens achtundvierzig Stunden unter Schutz, kein Problem.«
»Kein Problem?« Madeleine starrte ihn fassungslos an. »Wie können Sie …?« Ohne den Satz zu beenden, stand sie auf und verließ kopfschüttelnd das Zimmer.
Ratlos starrte ihr Gurney nach. Ihr Gefühlsausbruch wühlte ihn fast genauso auf wie das Ereignis, das ihn ausgelöst hatte.
Hardwick hatte sein Notizbuch vor sich liegen. Er schlug es auf und zog einen Stift aus der Hemdtasche. Doch statt zu schreiben, klopfte er damit auf die leere Seite. Er wirkte erschöpft und vage beunruhigt.
»Also …« Er räusperte sich. Dann sprach er, als müsste er die Worte einen Hang hinaufschieben. »Nach meinen Aufzeichnungen … warst du den ganzen Tag weg.«
»Genau. In Florida. Dort habe ich fast ein Geständnis aus Jordan Ballston rausgeholt. Und ich hoffe, da wird gerade nachgefasst.«
Hardwick legte den Stift weg, schloss die Augen und massierte sie mit Daumen und Zeigefinger. Als er sie wieder aufschlug, wandte er sich wieder dem Notizbuch zu. »Und deine Frau sagt, sie war den ganzen Nachmittag außer Haus – ungefähr von eins bis halb sechs. Radfahren, dann Wandern. Macht sie das oft?«
»Das macht sie oft.«
»Dann können wir davon ausgehen, dass die Puppe in dieser Zeit … hinterlassen wurde.«
»Das nehme ich auch an.« Das Wiederkäuen von Selbstverständlichkeiten ging Gurney allmählich auf die Nerven.
»Okay, dann schicke ich gleich nach Beginn der Vormittagsschicht jemanden her, der mit deinen Nachbarn an der Straße reden soll. Ein vorbeikommendes Auto muss hier doch auffallen.«
»Auffallen würde höchstens das Auftauchen echter Nachbarn. An der Straße gibt es sechs Häuser, und in vier davon wohnen Leute aus der Stadt, die nur am Wochenende hier sind.«
»Trotzdem, man kann nie wissen. Ich schicke jemanden.«
»Schön.«
»Du klingst nicht sehr optimistisch.«
»Wieso sollte ich auch optimistisch klingen?«
»Das hast du auch wieder recht.« Wieder klopfte er mit dem Stift auf das Notizbuch. »Sie ist sich sicher, dass sie vor dem Weggehen abgeschlossen hat. Was meinst du dazu?«
»Was soll ich dazu meinen?«
»Macht sie das normalerweise, dass sie die Türen abschließt?«
»Auf jeden Fall erzählt sie normalerweise die Wahrheit. Wenn sie sagt, sie hat abgeschlossen, dann hat sie abgeschlossen.«
Hardwick starrte ihn an und schien kurz vor einer scharfen Erwiderung. Dann überlegte er es sich anders. Erneutes Klopfen. »Also … wenn abgeschlossen war und es keine Spuren eines gewaltsamen Eindringens gibt, bedeutet das, dass jemand mit einem Schlüssel reingekommen ist. Habt ihr jemandem Schlüssel gegeben?«
»Nein.«
»Waren die Schlüssel vielleicht mal lang genug weg, dass jemand Duplikate hätte machen können?«
»Nein.«
»Wirklich? Für einen Nachschlüssel braucht man doch nur zwanzig Sekunden.«
»Das weiß ich.«
Hardwick nickte, als hätte er eine aufschlussreiche Information erhalten. »Jedenfalls spricht einiges dafür, dass sich jemand irgendwie einen verschafft hat. Vielleicht solltest du die Schlösser auswechseln.«
»Jack, warum erzählst du mir das? Du musst mir keinen Vortrag über Sicherheit halten.«
Lächelnd lehnte sich Hardwick zurück. »Richtig. Ich hab es ja mit Sherlock Gurney persönlich zu tun. Dann lass mal hören, du verdammtes Scheißgenie, ob du einen schlauen Einfall zu dem Ganzen hast.«
»Zu der Puppe?«
»Ja, zu der Puppe.«
»Nichts, worauf du nicht auch schon gekommen bist.«
»Dass dir jemand Angst einjagen will, damit du dich aus dem Fall zurückziehst?«
»Hast du eine bessere Idee?«
Hardwick zuckte die Achseln. Er unterbrach sein Klopfen und musterte den Stift wie ein komplexes Beweisstück. »Ist sonst noch was Komisches passiert?«
»Was meinst du?«
»Was … Komisches eben. Hat sich in deinem Umfeld sonst noch was … Komisches ergeben?«
Gurney stieß ein kurzes, humorloses Lachen aus. »Abgesehen von allen Aspekten dieses verdammt komischen Falls und den verdammt komischen Beteiligten ist alles ganz normal.« Das war eigentlich keine Antwort, und das konnte wohl auch Hardwick nicht entgehen. Trotz seiner Angeberei und der vulgären Ausdrucksweise hatte der Mann einen äußerst scharfen Verstand, wie er Gurney im Lauf seiner Karriere als Strafverfolger nur selten begegnet war. Schon mit fünfunddreißig hätte er leicht Captain sein können, wenn er sich an die dafür gültigen Spielregeln gehalten hätte.
Hardwicks Blick folgte dem Kranzprofil der Decke, als wollte er darüber sprechen. »Erinnerst du dich noch an den Typen, dessen Fingerabdrücke auf dem Likörglas waren?«
Gurney wurde mulmig. »Saul Steck, auch Paul Starbuck genannt?«
»Genau. Erinnerst du dich, was ich dir erzählt habe?«
»Er war ein erfolgreicher Charakterdarsteller mit einer üblen Vorliebe für junge Mädchen. Wurde in eine psychiatrische Anstalt gesteckt, später wieder entlassen. Was ist mit ihm?«
»Der Bekannte, der mir geholfen hat, die Fingerabdrücke zu sichern und sie mit der Datenbank abzugleichen, hat mir gestern noch eine interessante Zusatzinformation durchgegeben.«
»Aha?«
Hardwick spähte nun in den fernsten Winkel der Decke. »Anscheinend hatte Steck vor seiner Verhaftung eine Pornowebsite, und Starbuck war nicht sein einziger Deckname. Seine Website, auf der minderjährige Mädchen präsentiert wurden, hieß Sandys Höhle.«
Gurney wartete, bis Hardwicks Blick zu ihm zurückgefunden hatte. »Du findest es bemerkenswert, dass du auf einen Namen stößt, der für Alessandro stehen könnte?«
Hardwick grinste. »So was in der Richtung.«
»Die Welt ist voller Zufälle, Jack.«
Hardwick nickte. Er stand auf und spähte durchs Fenster. »Der Streifenwagen ist da. Wie gesagt, volle Bewachung, Minimum achtundvierzig Stunden. Danach sehen wir weiter. Alles klar?«
»Ja.«
»Bei deiner Frau auch?«
»Ja.«
»Muss mich dringend aufs Ohr hauen. Ich melde mich später.«
»Gut. Danke, Jack.«
Hardwick zögerte. »Hast du noch deine Waffe von früher?«
»Nein. Hab sie nie gern getragen. Nicht einmal in der Nähe wollte ich sie haben.«
»Also, angesichts der Lage … besorgst du dir vielleicht besser ein Gewehr.«
Lange Zeit nachdem Hardwicks Rücklichter auf dem Wiesenweg verschwunden waren, blieb Gurney allein am Tisch sitzen, um die schockierende Sache mit der Puppe zu verarbeiten und sich auf die veränderte Situation einzustellen.
Natürlich war es nicht auszuschließen, dass die Namen Alessandro und Sandy rein zufällig so kurz hintereinander aufgetaucht waren, aber im Grunde war das Wunschdenken. Als Realist musste man sich darauf einstellen, dass Sandy, der frühere Fotograf einer pornografischen Website, identisch war mit Alessandro, dem aktuellen Fotografen der fast pornografischen Karnala-Anzeigen – und dass sich hinter beiden Namen der Sexualstraftäter Saul Steck verbarg.
Aber wer war Hector Flores?
Und warum war Jillian Perry enthauptet worden?
Und Kiki Muller?
Hatten sie etwas über Karnala herausgefunden? Über Steck? Oder über Flores?
Und weshalb hatte ihn Steck unter Drogen gesetzt? Um ihn mit seinen »Töchtern« zu fotografieren? Um ihm mit öffentlicher Bloßstellung oder Schlimmerem zu drohen? Um auf seinen Beitrag zu den Ermittlungen Einfluss zu nehmen? Um ihn zur Preisgabe von Insiderinformationen zu zwingen?
Oder ging es bei den Drogen genau wie bei der enthaupteten Puppe nur um den Beweis von Gurneys Verwundbarkeit? Um Abschreckung, damit er sich aus dem Fall zurückzog?
Oder steckte hinter beiden Ereignissen etwas noch Kränkeres? Waren sie beide Elemente im Spiel eines Kontrollfreaks, eine aufregende Möglichkeit, Macht und Dominanz zu demonstrieren? Ein Vorgehen, mit dem der Betreffende schlicht zeigen wollte, wozu er imstande war? Ein Nervenkitzel?
Gurney hatte kalte Hände. Um sie zu wärmen, rieb er sie fest an den Schenkeln, doch das half nicht viel. Er begann zu zittern. Er erhob sich, rieb sich mit den Händen über Brust und Oberarme, lief auf und ab. Schließlich trat er ans andere Ende des Raums zu dem eisernen Holzofen, in dem manchmal noch ein Rest Wärme nistete. Doch das staubige schwarze Metall war noch kälter als seine Hand, und als er es berührte, kam das Zittern wieder.
Er hörte das Klicken des Lichtschalters im Schlafzimmer, kurz darauf gefolgt vom Knarren der Badtür. Er musste mit Madeleine reden, sie beruhigen – aber zuerst musste er sich selbst beruhigen. Erleichtert nahm er durchs Fenster den Streifenwagen neben der Seitentür wahr.
Er holte ganz tief Luft und atmete langsam und kontrolliert aus. Keine Hektik, keine Panik. Positive Gedanken. Vertrauen auf die eigenen Fähigkeiten.
Immerhin war es seiner Initiative und Geistesgegenwart zu verdanken, dass die Fingerabdruckspur zu Steck gefunden worden war.
Diese Entdeckung stellte auch einen Zusammenhang zwischen dem Drogenrätsel um »Jykynstyl« und dem Mord- und Vermisstenrätsel um Mapleshade her. Und da er in beiden Bereichen einen Fuß in der Tür hatte, befand er sich in einer hervorragenden Ausgangslage, um mithilfe der einen Sache Licht in die andere zu bringen.
Seine hartnäckigen Nachforschungen hatten die Ermittlungen aus dem Sumpf geholt, in dem sie festgesteckt hatten – der fruchtlosen Suche nach einem mexikanischen Tagelöhner –, und ihnen eine neue Richtung gegeben.
Seine Forderung, Kontakt zu allen Mapleshade-Absolventinnen der letzten Jahre aufzunehmen, hatte nicht nur zu der Erkenntnis geführt, dass ungewöhlich viele von ihnen derzeit unerreichbar waren, sondern auch die Verbindung zu Melanie Strums Schicksal aufgedeckt.
Seine Einschätzung der mutmaßlichen Bedeutung von Karnala Fashion hatte Jordan Ballston eine irrwitzige Enthüllung entlockt, die vielleicht den endgültigen Durchbruch in dem Fall bedeutete.
Selbst dass der Täter aktiv geworden war, um Gurneys Bemühungen abzuwürgen, bewies letztlich, dass er auf der richtigen Spur war.
Erneut hörte er das Knarren der Badtür und zwanzig Sekunden später das Klacken des Lichtschalters. Vielleicht konnte er jetzt, da er wieder festen Boden unter den Füßen spürte und die Kälte sich aus seinen Fingern zurückzog, mit Madeleine reden. Doch zuerst sperrte er die Seitentür ab – nicht nur auf die übliche Weise, sondern mit dem Bolzenschloss, das sie sonst nie benutzten. Dann verriegelte er alle Fenster im Erdgeschoss.
Eingermaßen zuversichtlich stieg er hinauf ins Schlafzimmer. Im Dunkeln trat er ans Bett. »Maddie?«
»Du Scheißkerl!«
Er hatte damit gerechnet, dass sie im Bett war, doch ihre schockierend aggressive Stimme kam aus der hinteren Ecke.
»Was?«
»Was hast du getan?« In ihrem Zischen brodelte die Wut.
»Getan? Was …?«
»Das ist mein Haus. Meine Zuflucht.«
»Ja?«
»Ja? Ja? Wie kannst du nur? Wie kannst du dieses Grauen in mein Haus bringen?«
Die Frage und ihre Intensität raubten Gurney die Sprache. Vorsichtig tastete er sich am Bett entlang und schaltete die Lampe ein.
Der antike Schaukelstuhl, der normalerweise am Bettende stand, war in die Ecke geschoben worden, die am weitesten von den Fenstern entfernt war. Madeleine saß darin, immer noch vollkommen angekleidet, die Knie hochgezogen. Erschrocken nahm Gurney erst den wilden Ausdruck in ihren Augen und dann die scharfe Schere in ihren geballten Fäusten wahr.
Er besaß viel Erfahrung darin, beruhigend auf überreizte Menschen einzuwirken, doch all dieses Wissen schien hier fehl am Platz. Schließlich setzte er sich auf die Bettkante.
»Jemand ist in mein Haus eingedrungen. Warum, David? Warum hat er das getan?«
»Ich weiß es nicht.«
»Natürlich weißt du es! Du weißt genau, was da vorgeht.«
Er beobachtete sie, beobachtete die Schere. Ihre Knöchel waren weiß.
»Du müsstest uns schützen«, fuhr sie mit bebendem Flüstern fort. »Dafür sorgen, dass unser Haus sicher ist. Aber du hast das Gegenteil getan. Das Gegenteil! Du hast zugelassen, dass furchtbare Menschen in unser Leben treten, in unser Haus. MEIN HAUS!« Ihre Stimme brach. »DU HAST MONSTER IN MEIN HAUS GELASSEN!«
Noch nie hatte Gurney sie so rasend erlebt. Er blieb stumm. Ihm fielen keine passenden Worte ein, sein Kopf war leer. Er regte sich nicht, atmete kaum. Madeleines Gefühlsausbruch schien alle anderen Realitäten aus dem Zimmer, aus der Welt gefegt zu haben. Er wartete, ratlos, hilflos.
Er wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, als sie sagte: »Ich kann nicht glauben, was du getan hast.«
»Das wollte ich doch nicht.« Seine Stimme klang seltsam. Kleinlaut.
Sie stieß einen Laut aus, den man für ein Lachen hätte halten können, der sich für ihn aber eher wie ein kurzer Krampf in der Lunge anhörte. »Diese grausigen Verbrecherporträts – das war der Anfang. Bilder von den widerwärtigsten Bestien auf der ganzen Welt. Aber das hat nicht gereicht. Es hat nicht gereicht, dass sie im Computer sind und uns vom Bildschirm aus anstarren.«
»Maddie, ich versprech dir – wer auch in unser Haus eingedrungen ist, ich werde ihn finden. Ich werde ihn aus dem Verkehr ziehen. So was wird nie wieder passieren.«
Sie schüttelte den Kopf. »Es ist zu spät. Merkst du nicht, was du getan hast?«
»Ich merke, dass es eine Kriegserklärung war. Man hat uns angegriffen.«
»Nein! Du … Kapierst du es denn nicht?«
»Ich habe eine Klapperschlange aus ihrem Versteck gescheucht.«
»Du hast sie in unser Leben gebracht.«
Wortlos beugte er den Kopf.
»Wir sind aufs Land gezogen. An einen schönen Ort. Lilien und Apfelblüten. Ein Teich.«
»Maddie, ich versprech’s dir. Ich vernichte die Schlange.«
Sie schien ihm gar nicht zuzuhören. »Merkst du nicht, was du getan hast?« Langsam deutete sie mit ihrer Schere auf das dunkle Fenster neben ihm. »Der Wald, der Wald, in dem ich wandere … Er hat sich dort versteckt und mich beobachtet.«
»Wie kommst du darauf?«
»Mein Gott, das ist doch klar! Er hat dieses hässliche Ding in das Zimmer gelegt, in dem ich arbeite, in dem ich lese, in das Zimmer mit meinem Lieblingsfenster, an dem ich beim Stricken sitze. Er wusste, dass ich mich gern in dem Zimmer aufhalte. Wenn er die Puppe in das andere Gästezimmer gelegt hätte, hätte ich sie vielleicht erst nach einem Monat entdeckt. Er hat es also genau gewusst. Er hat mich im Fenster gesehen. Und das war nur vom Wald aus möglich.« Sie brach ab und starrte ihn vorwurfsvoll an. »Verstehst du, was ich damit sagen will, David? Du hast meinen Wald zerstört. Wie soll ich dort jemals wieder wandern?«
»Ich vernichte die Schlange. Ich bring es wieder in Ordnung.«
»Bis du die nächste aufscheuchst.« Seufzend schüttelte sie den Kopf. »Der schönste Ort der Welt, und du machst ihn kaputt.«
Manchmal und unvorhersehbar, so kam es Gurney vor, verschworen sich die Elemente eines ansonsten gleichgültigen Universums, um ihm einen Schauer über den Rücken zu jagen. Auch jetzt war es wieder so weit, denn am nördlichen Grat hinter der hohen Wiese setzte genau in diesem Moment Kojotengeheul ein.
Madeleine schloss die Augen und setzte die Füße auf den Boden. Sie legte die Fäuste in den Schoß und entspannte den Griff um die Schere so weit, dass das Blut wieder zirkulieren konnte. Sie ließ den Kopf nach hinten an die Lehne sinken. Ihr Mund entspannte sich. Fast als hätte sie das Jaulen der Kojoten, das sie sonst als bedrohlich und beklemmend empfand, auf ganz andere Weise berührt.
Als im Ostfenster des Schlafzimmers der erste graue Streifen der Dämmerung erschien, schlief sie ein. Nach einer Weile nahm ihr Gurney die Schere aus den Händen und knipste das Licht aus.