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Vermisst
Während Madeleine zum Abendessen ein Gericht mit Shrimps und Pasta zubereitete, durchforstete Gurney im Keller alte Ausgaben des Sonntagsmagazins der New York Times, die für ein Gartenprojekt aufgehoben worden waren. (Eine Freundin hatte Madeleine darauf gebracht, ein Beet anzulegen, bei dem mit Zeitungspapier Mulchschichten erzeugt wurden.) Er durchsuchte die Zeitschriften nach der Doppelseite mit dem provozierenden Werbefoto Jillians. Vor allem kam es ihm auf den Namen des Fotografen an. Als er schon aufgeben und einfach Ashton anrufen wollte, stieß er auf den jüngsten Abdruck der Werbung. Wie ihm auffiel, war er durch einen makaberen Zufall am Tag des Mordes erschienen.
Statt sich die Angabe einfach zu notieren – Foto von Alessandro –, nahm er die Zeitschrift mit hinauf. Er legte sie auf den Tisch, den Madeleine gerade deckte. Außer der Namensangabe stand nur ein Satz in modisch dezenten Lettern auf der Seite: »Maßgeschneiderte Bekleidung ab 100 000 Dollar.«
Sie machte ein böses Gesicht. »Was ist das?«
»Eine Anzeige für edle Klamotten. Unglaublich teuer. Außerdem ein Bild des Opfers.«
»Opfer? Du meinst …?«
»Jillian Perry.«
»Die Braut?«
»Die Braut.«
Madeleine vertiefte sich in die Werbung.
»Die Frauen auf dem Foto – das ist beides sie«, erläuterte Gurney.
Mit einem knappen Nicken deutete Madeleine an, dass sie das bereits bemerkt hatte. »Damit hat sie ihren Lebensunterhalt verdient?«
»Ich weiß noch nicht, ob es ihre Arbeit war oder ob sie es nur gelegentlich gemacht hat. Als ich das Bild in Scott Ashtons Haus gesehen habe, war ich so verblüfft, dass ich nicht gefragt habe.«
»Das hängt in seinem Haus? Er ist Witwer, und das ist das Bild, das er …« Kopfschüttelnd verstummte sie.
»Er erzählt das Gleiche über sie wie ihre Mutter – dass sie eine einzigartig intelligente, kranke, verführerische Wahnsinnige war. Das Dumme ist, dass das auf den ganzen verdammten Fall zutrifft. Alle Beteiligten sind Genies oder Spinner … pathologische Lügner oder … was weiß ich. Ashtons Nachbar, dessen Frau angeblich mit dem Mörder geflohen ist, spielt im Keller mit einer Modelleisenbahn unter einem Weihnachtsbaum. Ich war noch nie so orientierungslos. Genau wie mit der Spur. Die Hundestaffel hat eine Geruchsspur bis zur Mordwaffe im Wald verfolgt, aber dann hat sie einfach aufgehört. Das legt den Schluss nahe, dass der Mörder zurück zum Cottage gelaufen ist und sich dort versteckt hat – aber in dem Cottage gibt es überhaupt keinen Platz, an dem man sich verstecken kann. Zuerst meine ich, ich weiß, was los ist, und dann wird mir klar, dass ich keine Beweise für meine Annahmen habe. Es gibt viele interessante Szenarien, aber wenn man genauer hinschaut, löst sich alles in Luft auf.«
»Was heißt das?«
»Das heißt, wir brauchen harte Fakten, Beobachtungen von glaubwürdigen Augenzeugen. Bis jetzt lässt sich kein denkbarer Hergang mit verifizierbaren Daten belegen. Von einer guten Geschichte kann man sich leicht in die Irre führen lassen. Man kann sich emotional in eine bestimmte Sicht des Falls verrennen und merkt überhaupt nicht, dass das alles nur Wunschdenken ist. Komm, essen wir. Vielleicht hilft das meinem Gehirn auf die Sprünge.«
Madeleine stellte eine große Schüssel Shrimps und Pappardelle mit Tomaten-Knoblauch-Soße auf den Tisch, dazu Schälchen mit geriebenem Asiago und gehacktem Basilikum. In nachdenklichem Schweigen fingen sie an zu essen.
Nach ein paar Bissen spielte Madeleine mit einem Shrimp herum. »Der Apfel ist nicht weit vom Stamm gefallen.«
»Hm?«
»Mutter und Tochter haben viele Gemeinsamkeiten.«
»Beide etwas sprunghaft, meinst du?«
»So kann man es ausdrücken.«
Wieder herrschte Schweigen, während Madeleine leicht mit der Gabel auf den Shrimp klopfte. »Bist du sicher, dass es kein Versteck gab?«
»Versteck?«
»Im Cottage.«
»Warum fragst du?«
»Mit dreizehn hab ich einen schrecklichen Film gesehen – über einen Hausbesitzer, der in den Wänden zwischen den Wohnungen geheime Hohlräume hatte und durch winzige Löcher die Mieter beobachtet hat.«
Das Festnetztelefon läutete. »Das Cottage ist ziemlich klein, nur drei Zimmer.« Er erhob sich.
Das Telefon stand auf dem Schreibtisch im Arbeitszimmer. Er meldete sich beim vierten Klingelton. »Gurney.«
»Detective Gurney?« Die weibliche Stimme klang jung, vorsichtig.
»Richtig. Mit wem spreche ich?« Er hörte, dass die Anruferin durchatmete. »Sind Sie noch da?«
»Ja, ich … ich sollte eigentlich nicht anrufen, aber … ich wollte mit Ihnen reden.«
»Wer sind Sie?«
Nach kurzem Zögern kam: »Savannah Liston«.
»Was kann ich für Sie tun?«
»Wissen Sie, wer ich bin?«
»Sollte ich?«
»Ich dachte, dass er vielleicht meinen Namen erwähnt hat.«
»Wer?«
»Dr. Ashton. Ich bin eine seiner Assistentinnen.«
»Verstehe.«
»Das ist auch der Grund meines Anrufs. Ich meine der Grund, warum ich nicht anrufen sollte, aber … Stimmt es, dass Sie Privatdetektiv sind?«
»Savannah, Sie müssen mir erzählen, warum Sie mich angerufen haben.«
»Ja. Aber Sie dürfen es niemandem verraten, sonst verliere ich meine Stelle.«
»Wenn Sie nicht planen, jemandem Schaden zuzufügen, kann ich mir keinen rechtlichen Grund denken, warum ich etwas preisgeben sollte.« Diese Antwort, die er im Lauf seiner Karriere mehr als hundertmal verwendet hatte, war reichlich sinnlos, aber ihr schien sie zu genügen.
»Okay, dann sage ich es Ihnen. Ich habe heute mitbekommen, wie Sie mit Dr. Ashton telefoniert haben. Es klang, als wollten Sie die Namen der Mädchen aus Jillians Klasse erfahren, mit denen sie Umgang hatte, doch er konnte sie nicht nennen. Stimmt das?«
»So ungefähr.«
»Warum wollen Sie sie erfahren?«
»Tut mir leid, Savannah, aber darüber darf ich nicht sprechen. Aber vielleicht möchten Sie mir mehr über den Grund Ihres Anrufs verraten.«
»Ich könnte Ihnen zwei Namen nennen.«
»Von Mädchen, mit denen Jillian Umgang hatte?«
»Ja. Ich kenne sie, weil ich als Schülerin hier ab und zu mit ihnen zu tun hatte. Und das ist auch der Grund meines Anrufs. Da läuft irgendeine … unheimliche Sache.« Ihre Stimme wurde zittrig, als wäre sie den Tränen nah.
»Was für eine unheimliche Sache, Savannah?«
»Die zwei Mädchen, mit denen Jillian zusammen war – sie sind beide nach ihrem Abschluss verschwunden.«
»Wie meinen Sie das, verschwunden?«
»Sie sind beide im Sommer von zu Hause weggegangen, ihre Verwandten haben sie nicht mehr gesehen, niemand weiß, wo sie sind. Und da ist noch was anderes Furchtbares.« Ihr Atem ging jetzt so ungleichmäßig, dass er schon fast wie ein leises Schluchzen klang.
»Was anderes Furchtbares?«
»Sie haben beide davon gesprochen, dass sie sich mit Hector Flores einlassen wollen.«