Kapitel 23
Die Feuerprobe
Victoria war betäubt bis ins Mark; ihr Nacken fühlte sich kalt an, aber der Rest ihres Körpers war frei von jeder Empfindung. Sie sah nichts mehr als roten Zorn, der den Rand ihres Sichtfelds verdunkelte, und Max.
Max mit dem Schwert in der Hand, das nass war vom Blut ihrer Tante.
Max, der zu ihr emporblickte, dessen blutbespritztes, entsetztes, verräterisches Gesicht kalt wurde, sobald er sie erkannte.
Dieser Ansturm der Emotionen konnte nicht länger als ein, zwei Sekunden gedauert haben; nicht mehr als einen Atemzug, bevor die Vampire und Tutelas wahlweise aufgebracht oder fassungslos zu ihr hochstarrten und dann durch Eustacias Blut schliddernd die Jagd auf sie eröffneten. Ein paar von ihnen kletterten, sich gegenseitig in Richtung ihres Aussichtspunkts hievend und die grobe Ziegel- und Holzstruktur als Fußhalt benützend, an der Wand empor. Hinter sich hörte sie gehetzte Schritte näher kommen, dann Kommandos, und begriff, dass sie sie in wenigen Momenten erreicht haben würden.
Sie legte den zweiten Pfeil an die Bogensehne, als sie unterbewusst registrierte, dass Sebastian nicht mehr neben ihr war; doch das spielte jetzt keine Rolle mehr. Sie würde Nedas vernichten, dafür war sie hergekommen. Und dann würde sie Max töten.
Es war keine Frage des Richtspruchs mehr, es gab kein Zögern in ihr, tödliche Gewalt gegen einen Sterblichen anzuwenden. Sie würde es tun.
Kalte Entschlossenheit umhüllte sie und verdrängte den Schock, während sie den Bogen hob. Sie musste das Wissen, dass ihre Tante dort unten tot auf der Bühne lag, für den Moment beiseiteschieben und sich auf ihre Pflicht konzentrieren.
Die Realität von Eustacias Tod würde sie sehr bald mit voller Wucht treffen. Sie musste ihn vorher rächen.
Victoria zog die Bogensehne mit dem aufgelegten Pfeil zurück und zielte mitten in das Chaos auf der Bühne hinein, wo Nedas noch immer stand und mit herausforderndem Grinsen zu ihr hochsah.
Sein Herz anpeilend, schoss sie den Pfeil ab. Die Sehne schwirrte zurück und spie das Geschoss in einem anmutigen Bogen nach unten, als auch schon Hände von hinten nach ihr griffen und sie zurückzerrten. Dann tauchte vor ihr ein Gesicht auf, der Angreifer grapschte nach ihr, versuchte, sie von dem winzigen Vorsprung, auf dem sie kauerte, nach unten zu ziehen, und sobald die Vampire hinter ihr dies bemerkten, begannen sie, zu schieben.
Victoria taumelte durch das Loch und ließ Pfeil und Bogen fallen, als eine Unzahl von Händen - so unglaublich viele Hände - nach ihr griffen; es war, als durchlebte sie ein morbides Déjà-vu der Tutela-Versammlung, bei der man sie um ein Haar in Stücke gerissen hätte.
Vielleicht würden sie es heute Nacht zu Ende bringen. Schmerz durchzuckte sie; irgendwie landete sie unten, schlug auf der Bühne auf. Sie trat und kämpfte mit aller Macht, roch Blut und spürte, wie sich ihre Sicht vernebelte... dann zu vollständiger Dunkelheit wurde. Das Einzige, dessen sie sich noch bewusst war, war die Tatsache, dass sie im Blut ihrer Tante lag. Und dass sie Max hasste.
Max, den Verräter.
Als die Hände von ihr abließen und Stille auf das Chaos folgte, öffnete sie die Augen. Sie starrte in Nedas’ Gesicht empor.
Aus der Nähe sah er Furcht einflößender und weitaus abstoßender aus, als er aus der Entfernung gewirkt hatte. Er verströmte einen wilden, aschigen Geruch, der Victoria an brennende Knochen und zerfetztes Fleisch erinnerte, und sie hatte das Gefühl, sich übergeben zu müssen.
Aber sie kämpfte dagegen an. Ihre Tante war tapfer gewesen; so tapfer und stark hatte sie sich ihrem Tod gestellt.Victoria zitterte vor Schock und Erschöpfung, und ihre unzähligen Verletzungen pochten im Gleichtakt mit ihrem rasenden Herzen.
Sie zwang sich, ihre ganze Kraft und ihren Scharfsinn zusammenzunehmen und nicht daran zu denken, was geschehen war, wie ihr Leben ohne ihre Mentorin, ohne Illa Gardella, aussehen würde.
Doch vor allem konzentrierte sie ihren Zorn und Hass auf den Mann, an dessen Seite sie einst gekämpft, dem sie ihr Leben anvertraut hatte, und verwandelte diese Emotionen in Energie.
»Der andere weibliche Venator, nehme ich an.« Nedas stieß sie mit der Stiefelspitze an. Seine Fangzähne waren jetzt ausgefahren, also hatte ihr Pfeil sein Ziel offensichtlich verfehlt und ihn am Leben gelassen. »Diese hier ist wesentlich hübscher und lebhafter als die andere.«
Victoria nahm den Blick von seinen hypnotisierenden Augen, in denen nun rote Ringe um die blaue Iris glimmten - es waren dieselben wie die seiner Mutter, was auf die Macht hindeutete, mit der sie ihn ausgestattet hatte. Stattdessen sah sie zu Max.
Für den flüchtigen Moment, in dem sich ihre Blicke trafen, verschwand der steinerne Ausdruck aus seinem Gesicht, und etwas Gequältes flackerte darüber; doch dann bekam er sich wieder in den Griff und musterte sie auf diese altvertraut kühle, höhnische Weise. »Sie ist keine echte Bedrohung«, verkündete er. »Was denkst du, weshalb ich die andere gewählt habe?«
»Schmor in der Hölle«, flüsterte Victoria, so als wäre niemand außer ihnen beiden da; sie sagte es so leise, wie eine Liebende ein Geheimnis des Herzens hauchen würde.
Er hielt ihrem Blick stand, ohne zu zucken, ohne vor ihrem Zorn, von dem sie wusste, dass er da war, zurückzuweichen; selbst Nedas’ Präsenz wurde aus der Peripherie ihres Bewusstseins verdrängt. Für Victoria gab es hier nur sie beide. Zwei Venatoren.
Dann wurde sie von einer kraftvollen, dunklen Hand auf die Füße gerissen und fand sich Brust an Brust und weniger als eine Armlänge entfernt mit Liliths Sohn wieder.
»Keine echte Bedrohung«, echote Nedas und überflog dabei ihr Gesicht, als studiere er die London Times und fände darin keinen Artikel, der sein Interesse erregte. »Nein, doch nicht die Frau, die zwei meiner Wächter und den Imperialvampir, den ich ausgesandt hatte, um Polidori zurückzuholen, getötet hat. Nein. Keine Bedrohung.
Es ist nur die Frau, die während eines Tutela-Treffens fünf Vampiren entkam, während diese noch darum stritten, wer als Erster von ihr trinken darf.« Er sah Max an. »Keine echte Bedrohung.«
Max zog eine Braue hoch. »Sie muss im letzten Jahr einiges dazugelernt haben.«
Nedas musterte sie nun wieder, und Victoria konzentrierte sich darauf, sich nicht von seinem Blick bannen zu lassen. Sie sah stattdessen auf seine Wimpern, registrierte, wie dicht und schwarz sie waren, und wie sie seine dicken, borstigen Brauen berührten, wenn die Lider ganz geöffnet waren.
Sie und Nedas waren fast gleich groß, sodass er das Gesicht kaum nach unten neigen musste. Mit einer Hand hielt er ihren Arm fest; sie versuchte nicht, sie abzuschütteln: Das wäre ein geringer, kurzlebiger Triumph gewesen. Lieber sollte er denken, dass sie vor Angst erstarrt war. Oder in seinem Bann gefangen.
»Ich könnte sie jetzt töten - oder es dich tun lassen, Max, als deine erste Amtshandlung in meinem inneren Zirkel... Aber vielleicht werde ich mir doch lieber ein Beispiel an meiner Mutter nehmen. Einen Venator für mich allein zu haben, noch dazu einen solch attraktiven, ist sicherlich keine schlechte Idee. Und nach heute Nacht... Nun, sie wird anschließend nicht mehr viel zu tun haben, oder? Die Aktivierung von Akvans Obelisken wird die Venatoren überflüssig machen.« Er grinste sie wieder an. »Und würde es dich nicht freuen, zu den Geschützten zu gehören, so wie dein Gefährte hier?«
Victoria tat ihm nicht den Gefallen, zu antworten. Es wäre ohnehin sinnlos gewesen, außerdem musste sie sich auf Wichtigeres besinnen, als auf einen verbalen Schlagabtausch mit dem Vampirprinzen.
Der Gedanke rief ihr wieder in Erinnerung, dass Sebastian irgendwann während des Tumults verschwunden war, aber noch bevor sie nach einer möglichen Erklärung suchen konnte, befahl Nedas, offensichtlich verärgert, dass sie sich nicht auf ein Wortgefecht einlassen wollte: »Entwaffnet sie!«
Zum Glück beteiligte Max sich nicht daran - daran, sie festzuhalten, während andere Händepaare sie abtasteten, um ihr die Pflöcke, das Weihwasser und das Messer, die sie an verschiedenen Stellen ihres Körpers versteckt hatte, abzunehmen.Vergeblich bäumte sie sich auf, trat um sich und versuchte, sich den widerwärtigen, suchenden Fingern zu entziehen. Aber sie entdeckten selbst jene Weihwasserphiole, die sie zusammen mit einem weiteren Pflock an die Unterseite ihres dicken Zopfes gebunden hatte.
Bevor sie wusste, wie ihr geschah, wurde ihre Tunika nach oben geschoben, dann folgte ein plötzlicher, greller Schmerz an ihrem Nabel, als einer von ihnen - ohne Zweifel ein Tutela - die vis bulla aus ihrer Haut riss.
Victoria stöhnte leise, als sie spürte, wie sofort alle Energie und Kraft aus ihr strömte und die Schwäche sie übermannte. Die Qual war so groß, dass sie sich dieses Mal in die schwarze Leere fallen ließ, in der es keinen Schmerz und keine Trauer gab.