8.7. Feuerprobe
In Australien ist es üblich, das Unterholz, bestehend aus hochgewachsenem Gras, Gebüsch und kleinen Sträuchern, zu Beginn des Sommers kontrolliert abzubrennen. Dieses Vorgehen verhindert, dass im Falle eines Buschfeuers zu viel brennbares Material existiert, was das Feuer unterstützt und schnell anwachsen lässt.
Es ist somit ganz normal, dass man in Australien immer wieder verkohlte, schwarze Baumstämme z.B. beim Spazierengehen oder Wandern findet, die an vergangene Buschfeuer erinnern. Im Gegensatz zu europäischen Bäumen sind die australischen Eukalyptusbäume (»eucalypts« oder »gum trees«) von Feuer aber weniger beeinträchtigt. Bei diesen teilweise gigantischen, besonders im Sommer intensiv nach ätherischen Ölen riechenden Bäumen sitzt die Lebenskraft nicht in den äußeren Schichten, sondern im Inneren des Stammes. Brennt der Baum von außen ab, schält er sich einfach einige Zeit später und wächst dann wieder weiter. Aus diesem Grund sind die meisten Eukalyptusbäume auch immer von einem Haufen loser Borke umgeben. Aufgrund der besonderen Überlebenstechnik hat diese Baumart über Jahrtausende hinweg Wildfeuer überlebt, die besonders im Landesinneren immer wieder wüteten.
Das kontrollierte Abbrennen wird auch regelmäßig am Siding Spring-Observatorium unternommen, denn es liegt ja auf einem kleinen Berg inmitten eines riesigen Nationalparks, dem Warrumbungle-Nationalpark. Im Fall eines Wildfeuers würde man dort oben leicht komplett eingeschlossen werden, was einer Katastrophe gleichkäme, mal von den wertvollen Teleskopen abgesehen. Um solche Probleme von Anfang an zu vermeiden, gibt es deswegen eine eigene Observatoriumsfeuerwehr, und viele der Leute, die dort arbeiten, haben eine Hilfsfeuerwehrausbildung, um im Notfall mitzuhelfen, Leute zu evakuieren und die Teleskope vor den Flammen zu bewahren.
Um sich auf den trockenen Sommer vorzubereiten, wurde ein solches Abbrennen auch im Nationalpark unterhalb des Observatoriums erledigt. Dies geschah zur gleichen Zeit, als ich im Dezember 2003 dort meine längste Beobachtungskampagne von 12 Nächten absolvierte. Riechen konnte man das Feuer schon den ganzen Tag lang, und bei Sonnenuntergang waren die kleinen Flammen weiter unten am Hang kaum sichtbar. Es blieb aber unklar, in welche Richtung das Feuer während der Nacht wandern würde. Wahrscheinlich durch etwas auffrischenden Wind geriet eines der kleinen Feuer gegen Abend dann außer Kontrolle. Es kroch langsam den Berg hoch, bis ich es in der Ferne deutlich von meinem Teleskop aus sehen konnte.
Über die nächsten Stunden hinweg beobachtete ich nun nicht nur die Sterne, sondern auch das Feuer. Mit nervöser Gespanntheit wartete ich einige Stunden lang, ob etwas passieren würde. Gegen Mitternacht war das Feuer dann doch schon relativ nahe herangekommen. Um zu verhindern, dass den Teleskopen über den Sommer hinweg etwas passieren könnte, waren zur Sicherheit schon vorher breite Feuerschneisen um alle Teleskope des Observatoriums herum geschlagen worden. Zum Glück zog das Feuer schräg an der Feuerschneise vorbei. Dies bedeutete, dass wenigstens mein Teleskop am Rande des Observatoriums nicht in Gefahr war. Trotzdem machte mich die Situation nervös. Denn das Feuer hatte etwas anderes im Sinn. Es kroch in Richtung des hölzernen Strommastes ca. 50 m von meinem Teleskop entfernt. Dieser Mast trug viele der zum Teleskop gehörenden Stromkabel, und die Abwasserleitung lief auch direkt an seinem Fuß vorbei. Probleme sowohl mit Stromkabeln als auch dem Abwasser schienen mir keine guten Voraussetzungen für erfolgreiches Beobachten. Ich musste irgendetwas tun.
Zu diesem Zeitpunkt flogen schon zentimetergroße Aschestücke durch die Luft, begleitet von dickem schwarzen Rauch. Am Anfang der Nacht hatte ich noch beobachten können, aber nun musste ich die Kuppel schließen, damit keine Asche in das Gebäude oder auf den Spiegel fliegen konnte. Der Wind hatte aufgefrischt, und der immer stärker werdende Rauch vernebelte bald den ganzen Berg. Das nicht besetzte kleine Nachbarteleskop war mit einem Feueralarm ausgestattet. Als der Alarm kurz darauf losging, schallte es über den ganzen Berg. Ich hatte die Observatoriumsfeuerwehr schon vor Beginn des Alarms angerufen, um anzufragen, ob nicht irgendetwas unternommen werden sollte. Währenddessen brannte das Feuer fleißig weiter auf seinem Weg zum Strommast. Nach weiteren Erwägungen wurde dann doch beschlossen, dass der Fall ernst genug war, um das Observatoriums-Löschfahrzeug zu bestellen, damit es dem Feuer den Garaus mache. In der Zwischenzeit hatte ich aber doch schon mal vorsorglich den kleinen Feuerlöscher aus dem Kontrollraum geholt. Ich war vollends bereit, den Strommast, der doch mein Teleskop mit dem Rest der Welt verband, notfalls selbst mit dem Feuerlöscher zu verteidigen.
Wenig später wurde mir klar, dass dieser Plan natürlich recht blauäugig gewesen war: Mit einem kleinen Haushaltsfeuerlöscher, für Notfälle z.B. in der Küche vorgesehen, gegen ein gediegenes Wildfeuer anzugehen – da kommt man nicht weit. Das Löschfahrzeug rollte also langsam die kurvige und steile Straße herauf. Eine ganze Reihe von dicken Feuerwehrschläuchen wurde sofort an die Wasserstelle angeschlossen, und es hieß: »Wasser, marsch.« Weitere freiwillige Helfer waren gekommen, und so halfen wir schließlich mit, das Feuer zu löschen, zumindest den Teil, der den Strommast bedrohte. Um 2 Uhr morgens war dann alles vorbei.
Beobachten konnte ich nach diesem Ereignis allerdings nicht mehr. Und auch nicht in den nächsten beiden Nächten. Denn der Rauch blieb noch eine ganze Weile in der Luft hängen und somit auch über dem Teleskop. Die winzig kleinen Partikel, die den Rauch ausmachen, sorgten dafür, dass das kurzwellige, blaue Licht, welches ich gerne von den Sternen beobachtet hätte, sehr stark abgelenkt, also gestreut wurde. Demzufolge kamen bei meinem Teleskop und auf dem Detektor keine blauen Stern-Photonen mehr an. Als sich die Luft während der nächsten Tage zunehmend wieder klärte, war dann bald wieder alles in bester Ordnung. Bis auf den Strommast. Der ist auch heute noch etwas angekohlt.
Die Moral von dieser Geschichte ist, dass man eben nicht nur Sterne beobachtet, wenn man beobachten geht, sondern gleichzeitig auch mit dafür verantwortlich ist, dass dem Observatorium und den Teleskopen nichts geschieht. Niemandem ist geholfen, wenn der Strommast einem Feuer zum Opfer fällt oder dem Teleskop etwas passiert. Dann muss man schon mal cool bleiben und die Feuerwehr rufen.
Aber auch der australische Winter kann Probleme beim Beobachten bereiten. Mein Beobachter-Kollege war einmal am 2,3 m-Teleskop, als es eines Nachmittags anfing zu schneien. Dies ist in Australien eher unüblich. Obwohl es nur wenige Zentimeter waren, musste das Teleskop aus Sicherheitsgründen geschlossen bleiben. Stattdessen schrieb er mir aufgeregt E-Mails, dass winzige Schneekristalle auf seinem Teleskop Einzug gehalten hätten. Teleskope in anderen Gegenden wie z.B. im US-Bundesstaat Arizona auf dem 2600 m hohen Mt. Hopkins oder auch auf dem 4000 m hohen Mauna Kea auf Hawaii werden regelmäßig im Winter eingeschneit. Schnee und besonders Eis, z.B. auf dem Dach des Teleskopgebäudes, sind gefährlich für Teleskopspiegel, da bei Tauwetter beim Öffnen der Kuppel leicht Wasser auf den Spiegel tropfen kann.
Das Beobachten hat etwas von einem Lottospiel. Der Einsatz ist immer hoch, denn die Aufgabe besteht ja darin, neue Daten aufzunehmen. Aber da man dem Wetter ausgesetzt ist, weiß man nie, ob man nicht doch vielleicht mit leeren Händen wieder nach Hause fahren und ein Jahr lang auf eine neue Chance warten muss.