6.1. Eine Milchstraße über uns
Wer die Milchstraße von der Nordhalbkugel aus schon einmal gesehen hat, war vielleicht genauso davon beeindruckt wie ich. Es war immer spannend, sich vorzustellen, wie viele Sterne dort oben wohl leuchten mögen. Als ich dann Jahre später die Milchstraße in einer kalten, winterlichen, aber extrem klaren Nacht in Australien das erste Mal in ihrer ganzen Pracht sehen konnte, wurde mir sofort klar, dass die Astronomie wirklich meine Sache ist. Denn wie in Farbabbildung 6.A zu sehen ist, sieht die Milchstraße auf der südlichen Hemisphäre wesentlich dramatischer aus und zeigt mehr Sterne und Struktur. Das motivierte mich sehr, das Handwerkszeug dieser Wissenschaft auch gleich weiter in Australien zu erlernen.
Abb. 6.A
Wiederum einige Jahre später nutzte ich eines der Großteleskope in Chile für meine Arbeiten zu Zwerggalaxiensternen, nämlich das 6,5 m-Magellan-Clay-Teleskop. In einer sternenklaren Nacht hatten dort einige meiner Kollegen ein kleines vollautomatisches Amateurteleskop in einer entlegenen Abstellkammer gefunden und beschlossen, es auszuprobieren. Da die Kollegen selbst Teleskopinstrumente bauen und eigens zur Installation eines neuen Instruments für eines der beiden Magellan-Teleskope nach Chile geflogen waren, wollten sie ihren Spaß mit dem kleinen Teleskop haben. Denn sie mussten nachts ja keine Beobachtungen durchführen. Sie riefen mich oben in »meinem« Teleskop an, um mir mitzuteilen, sie würden jetzt Sterne gucken und ich sei herzlich willkommen vorbeizuschauen. Während einer langen, fünfundfünfzigminütigen Beobachtung einer meiner Zwerggalaxiensterne beschloss ich also, mich den halben Berg hinunter zu begeben, um auch mal einen direkten Blick in den Kosmos mit meinen eigenen Augen zu werfen. Mein professionell computergesteuertes Magellan-Teleskop konnte auch kurz ohne mich und nur mit dem Teleskoppersonal auskommen.
Ich wusste, dass ein kleiner Trampelpfad, teilweise aus hölzernen Treppenstufen bestehend, direkt vom Teleskop den Berg hinunterführte. Allerdings hatte ich ihn schon seit einiger Zeit nicht mehr benutzt. Die Alternative war die geteerte Straße, die weiter außen um den Berg herum führte und somit weniger steil war. Ich war etwas unsicher, ob ich den kleinen Weg schnell im Dunkeln finden würde, aber da ich nur maximal 55 Minuten Zeit hatte, war es eindeutig der schnellere Weg hinunter und später wieder hinauf. Autofahren war nicht wirklich eine Option, denn selbst die Parkleuchte am Auto sowie die Rücklichter beim Ausparken können schon eine signifikante Lichtverschmutzung für die Belichtung meiner kostbaren Beobachtungen verursachen, die ich nicht aufs Spiel setzen wollte.
Also los – es war gegen 22 Uhr und eine Spätsommernacht in den Anden auf ca. 2500 m Höhe. Trotz einer leichten Brise war es noch relativ warm. Der Mond war nirgendwo zu erkennen. Es war zappenduster und schwarz vor meinen Augen. Nur ein paar rote und orangefarbene kleine Lichter an den Teleskopgebäuden blinkten mich wie kleine rote Augen an. Es dauerte einige Minuten, bis ich mich an die Dunkelheit gewöhnt hatte. Aber mit Hilfe meiner Taschenlampe fand ich bald den richtigen Weg.
Das kleine, ausgeklügelte Teleskop stellte sich als ziemlich interessantes »Spielzeug« heraus. Per Knopfdruck surrte es von einem Objekt zum nächsten. Dabei blinkten mehrere winzige Lichter in verschiedenen Farben, und es fehlte nur noch ein blechernes Stimmchen, wie das von R2D2, dem kleinen Roboter aus Star Wars, das Erklärungen abliefern würde. Wahrscheinlich gibt es solche Teleskop-Programme sogar schon, aber unser Teleskop schwieg brav vor sich hin. Im Menü des an der Seite angebrachten kleinen Computers konnte man auswählen, welches der vielen einprogrammierten Objekte man als Nächstes sehen wollte. Einen hübschen Kugelsternhaufen vielleicht? Einen farbigen Planetarischen Nebel? Oder doch lieber eine Galaxie? Es gibt jede Menge Interessantes am Himmel zu sehen – auch mit kleinen Teleskopen.
Wir fühlten uns alle wie richtige Stern-»Gucker« und hatten Spaß daran, das Teleskop wieder und wieder von einem Himmelspunkt zum nächsten zu kommandieren. Rrrrrsssst, rrrrrrrssst und dann gleich noch mal und noch mal und noch mal. Dann war meine Zeit auch schon wieder um, und ich musste zurück zu meinem Teleskop, um mein neues Spektrum zu inspizieren und eine weitere Belichtung zu starten. Da ich heil den Weg heruntergekommen war, nahm ich an, es auf diesem Weg auch wieder den Berg hinauf zu schaffen.
Beim Sternegucken mit den Kollegen war es bis auf ein paar gelegentlich angeknipste Taschenlampen stockfinster gewesen. Dementsprechend waren meine Augen sehr gut an die Dunkelheit gewöhnt. Trotzdem lief ich mit meiner Taschenlampe in der Hand los, um den Weg zu finden. Aber schon gleich bemerkte ich, dass ich sie gar nicht brauchte. Ich blieb stehen und holte tief Luft, als ich direkt hochschaute. Die Milchstraße prangte leuchtend über mir. Sie war so hell, dass ich den im Zickzack verlaufenden Weg zwischen jeder Menge kleinem Gestrüpp und anderen kleineren Stolperfallen vor mir erkennen konnte. Vom Mond war weiterhin nichts zu sehen. So stellte ich schnell und überrascht fest, dass ich wirklich auch ohne Taschenlampe genügend sehen konnte, um meinen Weg zurück zum Teleskop zu finden. Nur von Sternenlicht geleitet, erreichte ich kurze Zeit später staunend den Kontrollraum. Abbildung 6.B im Farbbildteil zeigt die Magellan-Teleskope »Clay« und »Baade« im Licht der Milchstraße und einem letzten bisschen rotem Sonnenlicht am Horizont. Da die Augen nicht so lange wie eine Kamera belichten können, erscheint so ein Foto natürlich um einiges heller als das, was ich in jener Nacht erkennen konnte.
Abb. 6.B
Auf meinem Weg erinnerte ich mich an Geschichten, die ich in Australien über die Ureinwohner im australischen Busch gehört hatte. Auch sie sollen über die Jahrtausende hinweg nachts viel umhergewandert sein. Natürlich ohne jegliche Lichtquellen, mal vom Mond abgesehen, der durchaus sehr hell sein kann. Aber die brauchten sie auch gar nicht. Sie hatten ja die Milchstraße über sich. Auch die alten Ägypter orientierten ihren Lebensrhythmus an den Sternen, und alle frühen Seefahrer waren bei ihrer Navigation gänzlich auf die Sterne angewiesen. In diesem Moment wusste ich nun aus eigener Erfahrung, dass das Sternenlicht in einer Gegend ohne Licht- und Luftverschmutzung tatsächlich ausreicht, um sich auch nachts ohne weitere Lichtquellen wenigstens zu Fuß umherzubewegen. Seitdem achte ich abends noch etwas mehr darauf, möglichst wenig zur Lichtverschmutzung beizutragen und unnötige Lichter einfach auszuschalten. Das spart auch Energie. Die populären »Erde bei Nacht«-Poster sehen als solche toll aus, denn man erkennt alle Großstädte und die besiedelten Kontinente. Bei genauerem Nachdenken stellt dieses Maß an Beleuchtung aber ein zunehmendes Problem dar. Die Erhaltung des dunklen Nachthimmels hat heutzutage nur wenig Priorität. Dennoch gibt es zum Glück einige Organisationen, die auf dieses Problem und die diversen negativen Auswirkungen, z.B. auf die Flugstrecken von Zugvögeln, aufmerksam machen. Denn es sind nicht nur Astronomen und Astronomiebegeisterte von diesem Problem betroffen.
Für Reisen nach Australien, Südafrika oder Südamerika sollte jeder Urlauber unbedingt »Sterne gucken« auf die Liste der attraktiven Sehenswürdigkeiten setzen. Dieses Gratis-Schauspiel kann man während einer wolkenlosen Nacht außerhalb jeder Stadt genießen. Wenn es nur dunkel ist – pechschwarz ist es heutzutage ja nur noch an wenigen Stellen auf der Erde. Aber schon nach 20 bis 30 Minuten Autofahrt aus der Stadt heraus, auf einen Berg hinauf oder auch entlang der Küste, gelangt man schnell in recht dunkle Gebiete. Bei der Planung eines solches Trips sollte man weiterhin beachten, dass die Milchstraße in der Jahresmitte, also im Winter in der südlichen Hemisphäre, direkt über einem steht und somit am schönsten ist. Zu anderen Jahreszeiten sieht man sie nur nahe am Horizont und dann auch nur zu Beginn oder am Ende der Nacht.
In unserer heutigen, oft doch sehr hektischen Welt sollten wir uns öfter erinnern, dass da ein Naturschauspiel über uns stattfindet, und ab und zu daran teilnehmen. Wer Glück hat, wird zusätzlich mit der momentanen Blitzbeobachtung einer oder sogar mehrerer Sternschnuppen belohnt. Dann darf man doch darauf hoffen, dass einem ein Wunsch in Erfüllung geht … oder? Wer möchte das nicht auch einmal ausprobieren!