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In den Tagen und Wochen nach ihrem texanischen Abenteuer machte Grace, wie sie meinte, erhebliche Fortschritte, um das Ganze hinter sich zu lassen. Es war leicht, sich selbst gute Ratschläge zu geben, aber noch leichter, zu hoffen, dass Matt Conner sie anrufen und bitten würde, es sich noch einmal zu überlegen. Das Schwerste war, der Versuchung zu widerstehen, in den Magazinen im Schwesternzimmer zu blättern, um das Neueste über ihn herauszufinden. Da sie keine Ahnung hatte, wo er war oder was er tat, galt dies für sie als eine erhebliche Leistung, eine Art Sieg.
Nach außen hin wirkte sie, als hätte sie ihren Entschluss nicht bereut, denn sie war ständig von ihren Wohngenossinnen gezwungen, sich zu verteidigen. Sie unterstützten sie zwar verbal, schienen aber dennoch von ihr enttäuscht. Zumindest waren sie enttäuscht, dass sie die Chance verpasst hatte, berühmt zu werden und bei der Oscar-Verleihung zwischen den Prominenten fotografiert zu werden. Doch beides fand Grace nicht sehr erstrebenswert. Sie war froh über ihre Anonymität und hatte sich stets über Matts Geschichten von unkontrollierbaren Paparazzi aufgeregt. Sie konnte es ihm kaum übel nehmen, wenn er ab und zu einem die Kamera zerschlug. Sicher würde sie ebenso reagieren.
Aber alle Versöhnungsfantasien, die sie vielleicht noch haben mochte, verschwanden eines Abends bei der Arbeit, als sie gerade Mrs. Ariettas Kolotomiebeutel wechselte. Es war gegen zehn Uhr, und Mrs. Ariettas Fernseher war wie üblich auf den Unterhaltungskanal eingestellt. Grace hatte sich schon lange angewöhnt, dieses Gebabbel zu ignorieren, wenn sie die Patienten versorgte, aber als sie die Latexhandschuhe überstreifte, hörte sie plötzlich den Namen Matt Conner. Sie wandte sich zum Fernseher. Ihr Herz erstarrte, als Matt Conner sie ansah.
Es war ein Foto, das mit einer Zoomlinse aus einiger Entfernung aufgenommen worden war: Matt mit nacktem Oberkörper ging Hand in Hand mit einer Bikinischönheit über einen Strand, die Grace sofort als die Frau von Michael Lavenders Handy erkannte.Verdammt. Und dann folgte noch ein Foto und noch eins, wie von einem Privatdetektiv geschossen, der Beweise für einen Ehebruch sammelte.
»Was an diesen Fotos aber besonders auffällt, Jill«, sagte der Sprecher, »ist, dass Matt Conner, der vor drei Monaten mit dem Tod rang, hier ebenso gesund und fit erscheint wie vor dem Unfall. Außerdem wirkt er viel glücklicher.«
»Das stimmt wirklich, Cory!«, sagte die Person namens Jill. Auf dem Bildschirm sah man nun eine Nahaufnahme von Matt und der Frau, wie sie sich leidenschaftlich küssten. »Sieht Tania nicht auch fabelhaft aus, gerade rechtzeitig für die Premiere von Sasparilla. Hollywoods jüngstes Paar ist sehr attraktiv. Das sollte alle Klatschtanten sehr glücklich machen. Cory?«
»In ganz Amerika werden jetzt Herzen brechen, Jill«, sagte Cory im Studio. »Glauben Sie noch an Märchen? Na, dann bleiben Sie auf Sendung.«
Grace war so aufgebracht und entsetzt, dass sie nicht weiterarbeiten konnte. Nachdem sie Mrs. Ariettas Beutel gewechselt hatte, wusch sie sich die Hände und sagte zu Anders, sie hätte schwere Monatsblutungen und müsse jetzt nach Hause gehen.
»Jaja«, meinte Anders in einem Tonfall, der Grace verriet, dass er ahnte, was ihr zu schaffen machte. Sie hatte ihm die Matt-Conner-Geschichte anvertraut. »Du solltest einfach nicht mehr fernsehen, Grace. Ich konnte es bis hierher hören. Tania St. Clair! Ehrlich gesagt ist das keine Konkurrenz für dich.«
»Danke, Anders.«
»Du weißt, was ich meine. Sie kann dir nicht das Wasser reichen. Und wenn er das nicht sieht, dann ist er deiner auch nicht wert.«
Als Grace nach Hause kam, brach sie ihre sämtlichen Regeln und suchte bei Google nach Matt Conner.
Die Nachrichten über Matt und Tania waren schlimmer, als sie befürchtet hatte. Zuerst hieß es, sie würden zusammen einen Film drehen - der ursprüngliche Hauptdarsteller war nach einem Selbstmordversuch in der Klinik, und man hatte Matt die Rolle angeboten, vermutlich, weil die Öffentlichkeit von seinem Schicksal so fasziniert war. Zweitens schien es, als würde das Pärchen jetzt zusammenwohnen. In einem Bericht wurde Matt zitiert: »Es ging mir furchtbar schlecht. Und jetzt teile ich mein Leben mit Tania. Das ist geradezu ein Wunder.« Dazu kam eine Perle an Weisheit von Miss St. Clair: »Es ist ganz unwirklich. Seit meinem zwölften Lebensjahr liebe ich Matt, und jetzt wache ich jeden Morgen neben ihm auf.« Auf die Frage, wie seine Verletzungen ihr »Privatleben« beeinträchtigten, sagte sie: »Sagen wir einfach, bisher hat er sich nicht einmal über Kopfschmerzen beklagt.« Das ging Grace durch und durch.
Beim Frühstück am nächsten Tag erzählte sie Joanne und Cherry, was sie gesehen und gehört hatte - die Fotos vom Strand, die Berichte, dass alle Körperfunktionen in Ordnung seien …
»Alles arrangiert«, sagte Joanne und stach mit der Gabel in ihr Spiegelei. »Diese Strandfotos? Ich bitte dich!«
»Hast du sie gesehen?«, fragte Grace.
»Man kann ihnen gar nicht entgehen. Sie sind überall.«
»Warum, denkst du, waren sie arrangiert?«
»Wer küsst sich denn so am Strand? Das Ganze ist für die Werbung gezinkt.«
»Dawn sagte das Gleiche«, meinte Cherry.
»Dawn?«, fragte Grace.
Cherry trank einen Schluck Orangensaft und wischte sich vornehm mit einer weißen Stoffserviette den Mund ab. »Gestern Abend«, sagte sie, »fing Dawn wieder mit Michael Lavender an - du weißt, dass er sich von ihr getrennt hat, sobald Matt entlassen war? Also, glaub mir. Dawn ist darüber gar nicht glücklich. Sie sagte, dass Lavender geplant hatte, Matt und Tania zusammenzubringen, um beiden Karrieren auf die Sprünge zu helfen.«
»Ich wette, sie sind überhaupt nicht richtig zusammen«, sagte Joanne. »Lavenders Video? Das gehörte zum Plan.«
»Aber ihr spekuliert hier bloß«, meinte Grace.
»Yeah«, gab Joanne zurück, »aber wenn ich Recht habe, dann bist du wieder im Spiel.«
»Ich will aber keine Spielchen«, sagte Grace. »Ich bin achtundreißig. Jetzt kann ich immerhin einfach mein Leben weiterleben.«
»Ich sehe nicht, dass du dein Leben lebst«, meinte Joanne. »Du sitzt jeden Abend mit einer Wolldecke auf der Veranda und starrst hinüber nach Manhattan.«
»Ich denke nach«, verteidigte Grace sich.
»Über was? Matt vielleicht?«
Grace zuckte die Achseln. »Manchmal schon«, sagte sie, »aber nicht die ganze Zeit.«
Um ihre Familie und die unvermeidlichen Fragen nach ihrem Liebesleben (oder dessen Abwesenheit) zu vermeiden, ließ Grace sich an Thanksgiving und Weihnachten zur Arbeit einteilen. An Feiertagen wurde sie oft sentimental, daher war es vermutlich am besten, zu arbeiten. Sie hatte dann keine Zeit für Grübeleien. Der Gedanke an Matt und Tania machte sie verrückt. Im letzten Jahr hatte sie die ganzen Feiertage um Gary geweint. Das war schlimm genug. Aber diese neuen Gefühle - Sehnsucht, Verlust und, am schlimmsten, Eifersucht - waren viel intensiver. Matt lebte schließlich noch.
Schicksalspfad Roman
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