30
Die Nächste links«, sagte Matt. »Bei dem roten Schild. Sehen Sie das?« »Ja«, flötete Grace. Sie hatte Spaß am Steuer von Matts altem Dogde Pick-up, den er schon seit seiner Schulzeit besaß. Wade benutzte ihn gelegentlich, um Geräte zur Ranch zu befördern. Es war dunkel, und die Straße war breit, flach, gerade und lang - vielleicht waren sie schon zwanzig Meilen gefahren. Nach dem Ritt auf Pumpkin empfand Grace das Gefühl, hoch über dem Boden zu sitzen, nicht mehr als so fremd. Sie fuhr langsamer als die Einheimischen und wurde ein paar Mal von schnelleren Fahrern überholt, die ihr ärgerliche und manchmal wütende Blicke zuwarfen. »Tut mir leid, Jungs«, sagte sie Matt zuliebe. »Aber ich habe es nicht eilig.«
»Sie machen das sehr gut«, sagte Matt, der weit zurückgelehnt auf dem Beifahrersitz saß. Einen Cowboystiefel hatte er auf das Armaturenbrett gestützt. Er trug eine dunkelblaue Baseballkappe. Mit seinem rötlichen Bart konnte er seine Identität gut verleugnen, falls er von Fans erkannt würde. Grace wollte mit Matts Bewunderern nichts zu tun haben, sie waren überall. Sie wollte ihn für sich, wenn auch nur für einen Abend.
Dann verlangsamte sie das Tempo und bog auf einen kiesbedeckten Parkplatz vor Buggies Roadhouse ab, wo andere Pick-ups und ein halbes Dutzend Motorräder standen. Die rotlila Neonreklame war meilenweit zu sehen.
Sie stiegen aus und gingen auf den Eingang zu. Buggies war früher ein Rasthaus gewesen, doch jetzt war es nur noch eine Bar mit Restaurant. Es war ein zweistöckiges Gebäude aus hellen Ziegeln und wirkte mit seinem spitzen Dach wie ein Buch, dass man offen aufgeschlagen hingelegt hat. Es hatte breite Fenster mit Vorhängen und ein Fliegenschutzgitter vor der Tür.Vor den Fenstern unter dem überhängenden Dach, das von Holzbalken gestützt wurde, standen drei Holzbänke. Auf einer saß ein älterer, verwitterter Mann in einem karierten Hemd und spuckte Tabaksaft in einen Pappbecher. Neben dem Gebäude stand eine alte Eismaschine.
»Ist das lange her!«, sagte Matt, als er die Tür öffnete. »Können Sie Poolbillard spielen?«
»Nicht gut«, erwiderte Grace. Der Innenraum war stark verqualmt. Es gab eine lange, gut bestückte Bar, ein Dutzend Tische zum Essen, eine kleine Tanzfläche, die momentan leer war, und einen offenen Raum dahinter mit zwei Pooltischen und einem Dartboard. Aus der Jukebox am Ende der Bar hörte man langsame Countrymusik. Der Sänger, begleitet von Gitarren und Fiedeln, hatte eine hohe, melodische, herzzerreißende Stimme. There stands the glass, fill it up to the brim, till my troubles grow dim, it’s my first one today. An den Wänden hingen beleuchtete Bierwerbungen und geschliffene Spiegel.
»Viele neue Gesichter«, sagte Matt nach einem Blick über die Gäste an der Theke. Die meisten sahen aus, als wären sie gerade von einem Viehtrieb vorbeigekommen. Einer trug noch seinen ledernen Schenkelschutz. Die Frauen waren eisblond, hatten einen großen Busen und lachten oft, laut und herzlich. Ein paar ältere, verwittert aussehende Männer murmelten in ihr Glas. Der Barkeeper, ein stämmiger Mann mittleren Alters mit einer Drahtgestellbrille, einem karierten Hemd und einem schmalen Schlips, füllte eine Reihe Schnapsgläser mit Whiskey für eine Guppe jüngerer, weniger cowboymäßig aussehender Männer, die Baseballkappen und Fußballhemden trugen.
Grace und Matt setzten sich an die Bar. »Würden Sie mir ein Lone Star bestellen?«, bat Matt und legte eine Zwanzigdollarnote vor Grace auf die Bar. »Und etwas für Sie. Muss kurz aufs Klo.«
»Okay«, sagte Grace. »Bleiben Sie nicht zu lange.«
»Keine Sorge - ich habe das wieder gut im Griff.« Das stimmte. Matt hatte seit seiner Entlassung aus dem Krankenhaus keine Probleme mehr mit der Toilette. Auch seine motorischen Fähigkeiten und sein Gedächtnis schienen sich rapide zu erholen. Er sprach immer häufiger in vollständigen Sätzen, aber in seinem alten Texasgenöle, das er für die nächsten Filmrollen unbedingt loswerden musste.
Grace hätte nie gedacht, dass sie nach der Hälfte ihrer Vertragszeit eines Abends einfach mit Matt auf einen Drink ausgehen würde. Nach dem Tag beim Wasserfall war Matt wieder sehr distanziert gewesen. Beim Essen sah er sie kaum an. Doch Wade Conner glich das gerne für seinen Sohn aus. Grace hatte Wade für einen ruhigen, stoischen Menschen gehalten, aber in Wirklichkeit war er ein fröhlicher Unterhalter, der Grace Geschichten von Viehherden erzählte, die durchgingen und die er mit seiner Geschicklichkeit zu Pferd und mit dem Lasso wieder unter Kontolle brachte, oder von unverschämten Viehdieben, die er mit seiner rostigen alten Knarre in Schach gehalten hatte. So, wie er es geschafft hatte, ein pfundschweres T-Bone-Steak zu verspeisen und dabei ununterbrochen zu reden, ohne sich ein einziges Mal zu verschlucken. Das war seine Spitzenleistung. Und Grace hörte ihm bewundernd zu, fragte sich aber die ganze Zeit über, wann Matt, der sie gelegentlich verstohlen anblickte, noch einen Ritt mit Pumpkin vorschlagen würde, einen Kinobesuch, einen Spaziergang oder ein Kartenspiel (der Therapeut hatte Kartenspielen empfohlen). Aber er schien zufrieden, einfach ein Auge auf sie zu haben, wie er gesagt hatte. Falls das stimmte - und er hatte es ausdrücklich erwähnt, ob scherzhaft oder nicht -, dann konnte sie doch sein Geld nicht annehmen.Vor diese Wahl gestellt, würde sie den Scheck lieber zerreißen und mit ihm zusammen sein. Matt brauchte keine Krankenschwester. Es war eigentlich nicht klar, ob er überhaupt jemanden brauchte.
Meistens, wenn sie morgens in sein Zimmer trat und ihn fragte, wie es ihm ginge, antwortete er »Gut, danke«, nur knapp von dem Skript aufblickend, das er gerade las. Daher war sie höchst erstaunt und aufgeregt, als Matt heute Morgen aufblickte und sagte: »Mir ist heute irgendwie komisch.«
»Wie meinen Sie das?«, hatte Grace gefragt und war dichter zu ihm getreten.
»Ich glaube, ich habe seit einem Monat nichts getrunken. Sollen wir heute Abend auf einen Drink zu Buggies fahren? Ich gebe Ihnen den Abend frei.«
»Buggies?«
»Bin seit Jahren nicht mehr dort gewesen.«
»Ja … sicher«, hatte Grace gesagt und sich über den freien Abend gefreut. Warum hatte sie noch nie daran gedacht? Nicht, dass sie viel Arbeit hier hatte, aber ein offizieller freier Abend schenkte ihr die Freiheit, die sie bisher völlig vergessen hatte. Es veränderte auch den Charakter des Abends. Was meinte Matt mit »frei haben?« Vermutlich würde sie es herausfinden.
»Howdy, Miss«, ertönte eine Stimme neben ihr. »Neu in der Stadt?«
Grace drehte sich um. Vor ihr stand ein hochgewachsener, kräftiger Mann in den Dreißigern mit einem rötlichen Ziegenbärtchen, einer roten Nase und einem Fußballtrikot von Houston und starrte auf ihren Busen. Sie trug heute ausnahmsweise einen vorteilhaften Push-up-Büstenhalter und ein rosa Tanktop.
»Ich besuche bloß einen Freund hier«, erwiderte Grace und blickte in Richtung Toilette, ob Matt wohl auftauchte. Der Typ war offensichtlich betrunken.
»Heiße Harmon«, sagte der Typ. »Ich wohne schon immer hier. Wissen Sie, was mein Motto ist? Geh Harmon aus dem Weg. Ich bin Harmon B. Mayfield der Dritte. Und Sie heißen?« Harmon streckte ihr eine Hand entgegen, die ebenso groß und rosa war wie sein Gesicht.
»Ich heiße Grace«, antwortete sie, entschlossen, so höflich wie möglich zu bleiben. »Nett, Sie kennen zu lernen.«
»Ich finde es auch verdammt nett.« Damit setzte Harmon sich auf den Barhocker, der für Matt bestimmt war. »Was trinken Sie denn, meine Dame?«
»Wie ich schon sagte, ich bin mit einem Freund hier …«
»Einem Freund? Mit einem Jungen? Das ist aber schade.«
»Ich fürchte, doch«, sagte Grace lächelnd. Da sah sie den Griff eines Revolvers, der Harmon im Hosenbund steckte. Sie bekam Gänsehaut vor Angst.
»Na, dieser Junge hat sicherlich nichts gegen ein Tänzchen mit einem anderen Mann, oder?« Harmon stand auf, so dass er ganz dicht vor Grace stand und sein Bauch sich an sie presste. »Ein kleines Tänzchen?«
»Alles in Ordnung?«, fragte Matt, der plötzlich neben Grace auftauchte und den Arm um sie legte, während er den Rivalen ansah.
»Ist das der Junge?«, fragte Harmon und begann zu lachen. »Nett, Sie kennen zu lernen. Da haben Sie aber eine hübsche junge Dame hier. Sie haben doch sicher nichts dagegen, wenn ich mit ihr tanze, oder?«
»Doch, habe ich«, sagte Matt. »Außerdem sitzen Sie auf meinem Hocker.«
Harmon lachte Matt direkt ins Gesicht, doch dann runzelte er die Stirn. »Wer zum Teufel bist du denn, Junge, kommst hier einfach so herein und sagst mir, wo ich zu sitzen habe? Das ist meine Kneipe. Verstanden, du Würstchen?«
Grace sah, dass ein paar von Harmons stämmigen Freunden sich interessiert um sie geschart hatten.
»Hören Sie bitte auf«, sagte Grace. »Das ist doch lächerlich.«
»Schade, dass du auf Schwule stehst«, sagte Harmon zu Grace. Dann fuhr er zu Matt gewandt fort: »Kommst du mit nach draußen und trägst die Sache aus wie ein Mann? Na, Schwuli?«
Jetzt reichte es Matt. Zu Grace’ Entsetzen trat er dicht vor Harmon. Grace wollte ihn vor der Waffe warnen, aber sie hatte Angst, das würde die anderen nur noch mehr provozieren.
»Weißt du was, Mayfield?«, sagte Matt. »Du bist immer noch genauso blöd wie damals mit zehn. Und du gehst mir jetzt richtig auf die Nerven.«
»He«, meinte Harmon verdutzt. »Woher weißt du meinen Namen?«
»Wer ich bin, du Blödian? Ich habe deinem Bruder das Leben gerettet, als er in den See fiel.«
Da änderte sich Harmons Gesichtsausdruck schlagartig. Er sah Matt ungläubig an. »Matt? Matt Conner
Matt wischte sich ein Auge. »Jesus, Harm, spuck mich bitte nicht an, ja?«
»Verdammt, Matt! Wie geht’s dir? Ich habe gehört, du wärest tot.«
»Nein. Ich war nur schwer verletzt. Und wenn du jetzt bitte …«
»Verdammt«, murmelte Harmon wieder. »Du bist wirklich Matt Conner. Das muss ich meinem Bruder erzählen!«
»Kannst du mir einen Gefallen tun, Harm? Ich bin mit meiner Freundin hier, und wir wollen ein bisschen ungestört sein. Behalt’s für dich, hä? Ich bin heute Abend inkognito hier. Verstanden?«
»Klar, Matt.« Harmon wandte sich eingeschüchtert und nüchterner zu Grace. »Entschuldigen Sie, Miss. Wusste ja nicht, dass Sie mit Matt hier sind.Verzeihung.Verdammt!« Harmon wandte sich an seine Freunde, die alle nicht gemerkt hatten, dass Echo Falls’ berühmtester Sohn vor ihnen stand. »Falscher Alarm, Jungs«, sagte er. »Ist ein alter Freund von mir, der nur seine Ruhe haben will.«
Als Harm und seine Freunde sich verzogen hatten, kam der Barmann zu ihnen. Grace bestellte eine Margarita und ein Bier für Matt.
»Geht auf meine Kosten, Matt«, murmelte er diskret und zwinkerte Matt zu.
Matt grinste. »Danke, Buggie. Du bist immer noch der Beste.«
»Weiß ich, mein Sohn. Weiß ich.«
Als Buggie ihnen die Drinks brachte, prostete Matt
Grace mit der Flasche zu. »Auf das schönste Mädchen, das ich jemals gesehen habe.«
Bei diesen Worten lief Grace eine Gänsehaut über den Körper. Es war, als hörte sie kleine Glöckchen klingen.
»Danke«, sagte sie und stieß mit ihrem Glas an.
Matt schlug vor, zur Jukebox zu gehen, weiter entfernt von den anderen Gästen. Grace folgte ihm, und dann lehnten sie einander zugewandt an der Theke. Die Jukebox spielte ein Lied von Kitty Wells.
»Tanzt du gerne?«, fragte Matt.
»Ja, sehr«, erwiderte Grace. »Gary hat nicht gerne getanzt.«
»Gary?«
Grace war gar nicht aufgefallen, was sie gesagt hatte. »Gary war mein Ehemann.«
»Ehemann?«
»Ja, der Mann, mit dem ich verheiratet war.«
Matt legte den Kopf schief. »Verheiratet?«
»Verheiratet. Dann wurde er krank. Er ist vor drei Jahren gestorben.«
»Oh«, sagte Matt und fasste sich ans Kinn. »Das tut mir leid, Grace.«
»Ist schon gut«, sagte Grace. »Ich bin froh, jetzt hier bei dir zu sein.«
»Ich auch«, sagte Matt.
Dann standen sie nur da und blickten einander in die Augen.
»Stellen wir die Gläser ab«, schlug Matt vor.
Dann nahm Matt ihre Hand, zog sie an sich und begann, sich im Rhythmus des Songs mit ihr zu wiegen. »It wasn’t God who made honky tonk angels«, sang Kitty Wells.
Grace ließ sich von Matt führen und bewegte die Hüften im Takt. Ihre Körper bewegten sich ganz natürlich miteinander. Grace glaubte zu schweben, als Matt sie herumwirbelte und wieder an sich zog. Sie hatte schon jahrelang nicht mehr getanzt, aber es fühlte sich an, als wäre es nie anders gewesen: hier mit Matt, zu diesem Lied, in dieser Bar - es war wie ein Hauch Ewigkeit, ein Gefühl von Kontinuität und dass alles so sein sollte.
»Du hast einen Jungen aus einem See gerettet?«, fragte Grace. »Was war passiert?«
»Oben bei Echo Falls«, antwortete Matt. »Harmons Idiot von einem Bruder sprang ins Wasser und stellte fest, dass er nicht schwimmen konnte. Da bin ich ihm nachgesprungen und habe ihn herausgezogen. Ich war sechzehn.«
»Du bist ja ein richtiger Held«, sagte Grace.
»Nein, du bist die Heldin. Tag für Tag.«
Als das Lied endete, beugte Matt Grace zurück und zog sie wieder hoch, so dass sich ihre Lippen fast berührten.
»Es war so schön wie Fliegen«, sagte Matt.
»Genau«, sagte Grace. Küss mich, wollte sie sagen. Küss mich, denn ich gehöre nur dir.
»Ich glaube, ich halte einen Engel im Arm.«
Da spürte Grace in der Tasche ihr Handy vibrieren. Wer konnte sie um diese Zeit anrufen? Sie dachte an ihre Mutter, an die Arbeit, das Haus.
»Entschuldige«, sagte Grace und zog das Telefon aus der Tasche. Es war Joanne. »Meine Wohngenossin.«
»Geh schon dran«, sagte Matt. »Ich warte.«
»Ja … okay«, sagte Grace. »Vielleicht ist es wichtig. Das Haus und so. Ich hoffe, es hat keinen Sturm gegeben.« Sie drückte auf den Knopf. »Hallo?«
»Du glaubst es nicht«, sagte Joanne atemlos. »Donny hat mein Motorrad in Stücke zerschlagen. Ich habe mich von ihm getrennt, und da hat er mein Motorrad demoliert. Ich habe es zur Reparatur gebracht, aber ich will es gar nicht mehr. Nicht nach allem, was er getan hat.«
»Langsam, langsam«, sagte Grace. »Was ist passiert?«
»Er hat mein Motorrad völlig zerstört. Weißt du, was ich vorhabe? Ich lasse es reparieren und spende es wohltätigen Zwecken. Tony findet auch, dass es eine gute Idee ist. Ich will es nie wieder sehen. Es erinnert mich nur an dieses Arschloch! Ich schwöre, ich würde ihn am liebsten umbringen.«
»Warum hast du dich von Donny getrennt? Was ist passiert?«
»Keine Ahnung, Grace. Ich weiß es nicht. Ich glaube, mir gefällt jemand anderes.«
»Wer denn?«
»Oh, du findest mich bestimmt verrückt. Der Captain hat mich dieses Wochenende auf sein Boot eingeladen, und ich möchte wirklich mit ihm kommen. Wenn ich mit Donny zusammen bin, kann ich das nicht. Aber momentan will ich einfach niemanden.«
»Ganz ruhig, Jo. Ich bin momentan nicht zu Hause und kann nicht reden. Ich rufe dich so bald wie möglich an, ja?«
»Nein, ich will dich damit nicht belästigen. Ich musste es nur loswerden, das ist alles. Jetzt gehe ich zu Nighties und besaufe mich. Wir telefonieren morgen.«
»Genau. Ruf mich an, falls du irgendwas brauchst. Ja?«
»Ja, danke, Grace. Wie geht es dir denn?«
»Das erzähle ich dir morgen.«
Sie drückte auf den Ausknopf und wandte sich zu Matt. »Tut mir leid«, sagte sie. »Männerprobleme.«
»Tu mir leid.«
»Oh, du weißt, wie das ist. Du hast sicherlich ständig Frauenprobleme.«
»Momentan aber nicht.«
»Gut.«
»Ehrlich gesagt, habe ich nur noch Augen für eine einzige Frau.«
»Wirklich?«, sagte Grace und schmolz fast dahin. »Wer könnte das denn sein?«
Zum ersten Mal sah Grace, dass Matt errötete. »Mach mich nicht verlegen«, sagte er grinsend.
Die Antwort reichte Grace, es kam einem Geständnis gleich. »Du brauchst gar nichts zu sagen. Ich auch nicht. Wir haben jede Menge Zeit.«
Matt nickte. Dann sah er, als ob er sich an etwas erinnern würde, auf seine Uhr. »Oh … es wird langsam spät. Muss morgen früh raus für diesen Trip.«
»Einen Trip?«
»Ja, Pa und ich. Wir gehen auf die Jagd. Das machen wir immer um diese Jahreszeit.«
»Das hast du noch gar nicht erwähnt«, sagte Grace.
»Ich wollte dich nicht beunruhigen. Aber vermutlich kannst du die Wahrheit ruhig erfahren, denn du hast schon ein paar Mal Wildragout zum Abend gegessen.«
»Rehragout?«
»Genau.«
Grace wusste nicht genau, was sie davon halten sollte. Vermutlich war es eine Tradition, wie Angeln. »Sei aber bitte vorsichtig«, sagte sie. »Mir gefällt die Vorstellung nicht, du da draußen mit einem Gewehr.«
»Ich mache mir mehr Sorgen um andere Typen mit Gewehren.«
»Wie sich wohl das arme Reh fühlt?«
»Okay«, sagt Matt und legte ihr lächelnd beide Hände auf die Schultern. »Ich verspreche dir, dass ich kein Tier töten werde.«
»Ehrlich?«
Matt nickte. »Ich schwöre es bei meinem Leben. Und sage Pa, ich könne nicht mehr richtig zielen.« Er lachte. »Okay?« Grace erwiderte das Lächeln. »Okay.«
Sie rechnete in dem Moment damit, dass er sie küssen würde, war aber froh, dass es nicht pasierte. Sie wollte sich den Moment noch aufsparen. Sie hatten immer noch zwei Wochen vor sich.
 
Am nächsten Morgen machten sich Wade und Matt im Morgengrauen mit den Gewehren auf die Jagd. Grace blieb liegen und wurde erst gegen zehn Uhr von einem Geräusch im Haus wach. Waren die Männer schon wieder zurück? War Dolce da? Einer der Therapeuten? Sie konnte sich nicht vorstellen, dass es ein Einbrecher war. Wade zufolge gab es keinen sichereren Ort auf der Welt. Rasch zog sie sich an und ging in die Küche. Beim Anblick eines Mannes am Tisch verschlug es ihr den Atem. Er hatte die Beine übereinandergeschlagen und wirkte zusammengesunken.
»Hi«, sagte er. »Sind die Conner-Jungs auf der Jagd?«
»Was machen Sie denn hier?«, fragte Grace.
»Wollte nur mal sehen, wie es dem Patienten geht«, erwiderte Michael Lavender. »Könnte mir vorstellen, mit all der Aufmerksamkeit geht es ihm viel besser.«
»Wie meinen Sie das?«, fragte Grace. Sie fühlte sich in ihrer Beziehung zu Matt nun viel sicherer und konnte Lavender etwas entgegensetzen.
»Lassen Sie mich Ihnen eine Frage stellen«, sagte Lavender und zog eine Zigarette vom Ohr. Dann ließ er ein vergoldetes Feuerzeug aufschnappen und blies eine Rauchwolke an die Decke.
»Sie könnten mich fragen, ob ich nichts dagegen habe, wenn Sie rauchen«, sagte Grace.
Lavender grinste. »Wir sind hier in Texas«, sagt er. »Einer der letzten Orte, wo man noch in Ruhe seinen Tabak genießen kann.« Er bot Grace die brennende Zigarette an.
»Nein, danke«, antwortete sie kühl.
»Ich spüre da eine gewisse Abneigung«, sagte Lavender. »Das ist nicht nett, Grace, denn Sie gefallen mir. Ich finde, Sie sind ein guter Mensch. Daher will ich Ihnen helfen. Ich möchte nicht, dass Sie wie alle anderen enden.«
»Welche anderen? Was für ein Ende?«
»Oh, Sie fallen in tausend Stücke, wenn Matt das tut, was er immer tut. Ständig werfen sich ihm die Frauen an den Hals. Es ist unmöglich, von einem solchen Mann zu erwarten, dass er treu ist.«
»Er ist aber nicht so«, sagte Grace. »Das ist bloß sein Image. Aber ich weiß, dass er nicht wirklich so ist.«
Lavender stieß ein leises, selbstzufriedenes Lachen aus. »Der arme Matt. Er wird immer schrecklich ernst, wenn er eine Frau neu kennen lernt. Dann hat er nur gute Absichten, ehrlich. Aber schließlich bricht seine Natur wieder durch. Und ein Schlag auf den Hinterkopf wird das auch nicht ändern.«
»Sabotieren Sie seine Beziehungen immer so hinter seinem Rücken?«
»Nur, wenn ich mit dem Opfer Mitleid habe.«
»Opfer? Ich halte mich wohl kaum für ein Opfer.«
»Oh, das sind Sie aber, Schatz. Sie wissen es nur noch nicht.«
»Ich finde, wir sollten diese Diskussion beenden«, sagte Grace. »Falls Sie also nichts anderes hier zu tun haben, dann gehen Sie jetzt besser.«
Lavender zuckte die Achseln und schnippte die Asche auf den Boden. »Ich versuche Ihnen bloß das Herzeleid zu ersparen«, sagte er. »Sie sollten mir das nicht vorwerfen.«
Grace schüttelte angewidert den Kopf. Lavender fühlte sich eindeutig von Matts Gefühlen für sie bedroht. Na, dazu hatte er auch guten Grund. Grace war entschlossen, ihren Einfluss bei Matt geltend zu machen und ihn von Lavender zu trennen.
»Ich schätze Ihre Sorge«, sagt Grace höflich, weil sie ihn nun einfach loswerden wollte. »Gibt es sonst noch etwas?«
»Gut, dass Sie das fragen«, sagte Lavender. Er zog sein Handy aus der Tasche. »Glauben Sie mir, Spaß macht mir das hier nicht. Überhaupt nicht.« Dann zeigte er ihr das Foto auf dem kleinen Bildschirm. Es war das Gesicht einer Frau.
Grace trat näher. Es war eine junge, glamouröse Schönheit, die an einem Strand gerade aus dem Wasser trat. Ihr Haar war nass und nach hinten gekämmt. Sie strahlte eine übersinnliche künstliche Schönheit aus.
Lavender seufzte mitfühlend, ehe er auf den Knopf Play drückte.
»Na, wenn das nicht der wunderbare Matt Conner ist«, sagte die Schöne kokett. »Ich bin’s, Tania. Kann es kaum abwarten, dich zu sehen. Du musst mir das Surfen beibringen. Versprochen? Ich werde dir auch einiges beibringen.« Dabei zwinkerte sie anzüglich. »Lass mich nicht länger warten, Baby. Eine Frau wie ich braucht es einfach.« Dann drückte sie die weichen, vollen Lippen auf die Linse. »Hmmm. Ich kann deine Lippen schon spüren. Alles Liebe, Matt, Bye!«
Lavender steckte das Handy zurück in seine Tasche. »Sie werden mir später dankbar sein«, sagte er.
Grace war zu schockiert, um eine Antwort zu geben. »Das verstehe ich nicht«, brachte sie heraus. Ihre Stimme klang brüchig.
»Dann werde ich es Ihnen erklären«, sagte Lavender und lächelte freundlich und mitfühlend. »Die beiden sind Filmstars. Die sind nicht wie Sie und ich. Sie leben in einer anderen Welt. Einer Welt, die wir nicht annähernd verstehen. Ich bin sicher, dass Matt Gefühle für Sie hat. Er ist ein sehr mitfühlender Mann, aber …«
»Mitfühlend?«, brach es aus Grace heraus. »Wollen Sie etwa sagen, dass er Mitleid mit mir hat?«
»Nein, nicht gerade Mitleid. Aber Sie haben vor drei Jahren Ihren Mann verloren, stimmt’s? Nicht, dass dies für Matt einen Unterschied ausmachen würde, denn jeder weiß, wie mitfühlend er ist. Ich würde nur sagen, dass die Vorstellung, eine Witwe in den Dreißigern aus den Fängen der Einsamkeit zu reißen, einen Mann von Matts Ritterlichkeit sehr reizt. Doch egal, wie seine Gefühle für Sie motiviert sind, es reicht sicherlich nicht, um zu verhindern, dass er zurück nach LA geht und, verzeihen Sie den Ausdruck, Miss St. Clair die Seele aus dem Leib fickt. Ich denke, es ist an der Zeit, dass wir Klartext reden.«
Trotz der Übelkeit, die ihren gesamten Körper ergriffen hatte, wollte Grace Lavender nicht die Befriedigung geben, sie erschüttert zu sehen. Also holte sie tief Luft, setzte ihr tapferstes Lächeln auf und sagte: »Na, das war aber eine interessante Präsentation, Michael. Und wenn Sie mich jetzt entschuldigen wollen? Ich habe zu tun.« Während ihr Herz, wie Lavender prophezeit hatte, in tausend Stücke zerbrach, floh sie aus der Küche in ihr Zimmer und schloss die Tür.
Zitternd umklammerte sie die Stuhllehne vor dem Schreibtisch und versuchte sich zu sammeln. Sie begriff dieses Gefühl nicht, diesen Ansturm von Übelkeit. Noch nie hatte sie eine solche Intensität gespürt, wie sie sie jetzt durchfuhr. Sie war wie elektrisiert, sodass sie am liebsten mit der Faust gegen die Wand geschlagen hätte.
Es blieb ihr nur eines.
Keuchend setzte sie sich an den Schreibtisch und begann einen Brief auf dem Block zu schreiben, den man ihr hingelegt und den sie bisher noch nicht benutzt hatte.
Lieber Matt,
es scheint so, als hätte ich einen Riesenfehler begangen. Ich war so dumm zu glauben, dass sich zwischen uns beiden etwas entwickelte und wir eine Zukunft zusammen haben könnten. Aber ich habe von Ihrer Freundin in LA erfahren, und um meine Gesundheit und mein Wohlbefinden zu schützen, möchte ich nichts mehr mit Ihnen zu tun haben. Es ist einfach zu schwierig für mich. Bitte, bitte, lassen Sie mich in Ruhe. Es tut mir leid, dass ich Echo Falls, das wunderbare Echo Falls, früher als vereinbart verlassen muss.
Ich hoffe, Sie werden es verstehen.
Grace.
Dann öffnete sie die Schreibtischschublade, zog den Scheck über zwanzigtausend Dollar heraus und zerriss ihn in so kleine Fetzchen, wie sie nur konnte. In dem Moment hörte sie, wie Lavender das Haus verließ, wie draußen ein Wagen angelassen wurde und fortfuhr.
Anschließend rief sie den Taxidienst an, der sie hergebracht hatte. Lange, ehe Matt von der Jagd nach Hause kam, würde sie verschwunden sein.
Schicksalspfad Roman
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