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Die Krankenhausregel
schrieb vor, dass man den unverbrauchten Teil eines Medikaments
nicht aufbewahren durfte, wenn ein Fläschchen geöffnet worden war.
Man musste es fortwerfen oder »verschwenden« und man musste es
einer anderen Krankenschwester mitteilen. »Ich verschwende gerade
fünfzig Mikros Fentanyn«, musste man sagen. Mikros war ein Kürzel
für Mikrogramm, ein Tausendstel eines Gramms. Tagtäglich wurden
Millionen Milligramm Medizin - ganze Apotheken - in den Müll
geworfen. Das musste sein. Man konnte nicht das Risiko eingehen,
dass Medikamente verwechselt wurden. Es gab nur eine Möglichkeit,
völlig sicherzugehen, dass die Medizin auch das war, was sie sein
sollte, und das war, eine neue Verpackung zu öffnen. Die Regel
besagte außerdem, dass eine andere Schwester bezeugen musste, dass
das ungebrauchte Medikament tatsächlich im Müll gelandet war, aber
niemand hielt sich daran.
Joanne wusste, dass es Unrecht war, Medizin von
der Arbeit mitzunehmen (es war eigentlich kein Diebstahl, denn es
wurde ja ohnehin fortgeworfen), und die paar Mal, dass sie es für
Donny gemacht hatte - natürlich nur für Donny -, hatte sie den
heiligen Tony um Vergebung angefleht und war zur Beichte gegangen.
Doch Donny litt immer noch Schmerzen. Irgendwie wollte Joanne, dass
er von ihr abhängig war, zumindest für dies hier. Sie war immer
noch seine Frau. Und war ihre Bereitwilligkeit, ihm zu helfen, und
seine Bereitwiligkeit, sich zu demütigen
und sie um Hilfe zu bitten, nicht auch ein Beweis dafür, wie eng
sie doch aneinander gebunden waren?
Diese Gedanken beschäftigten Joannes Kopf, als
sie die Spritze an Mrs. Shavelsons welkes Bein hielt, an den
Vastus lateralis. Joanne verabreichte gerne
Spritzen - sie mochte die Präzision und die Kontrolle, die ruhige
Hand, den langsamen Druck des Daumens, die süße Verabreichung von
Gnade -, allerdings hatte sie eine Todesangst davor, selbst eine zu
bekommen. Das war auch eine Bedingung bei ihrer Abmachung mit Donny
wegen des Morphiums gewesen. Sie würde ihm die Spritze geben. Unter
keinen Umständen ließ sie ihn das selbst machen.
»Bitte«, flüsterte Mrs. Shavelson nun mit
zittriger, rauer Stimme. »Bitte.« Sie war im vierten Stadium. Ihr
letzter PET-Scan hatte, Fred Hirsch zufolge, aufgeleuchtet wie ein
Weihnachtsbaum. In wenigen Tagen würde man sie nach Hause
entlassen, damit sie in ihrem Ehebett mit Privatpflege sterben
konnte.
»Keine Sorge«, beruhigte Joanne sie. »Wir haben
die Dosis erhöht. Es wird Ihnen gleich besser gehen. Okay?«
Als sie die Nadel in den Muskel führte und auf
den Schieber drückte, spürte Joanne wie so oft ein tatsächliches
Gefühl von Erleichterung, als würde das Medikament ihr selbst
verabreicht. Sie fühlte sich zugleich erschöpft und machtvoll - wie
ihrer Vorstellung nach Jesus sich vermutlich gefühlt hatte, als er
die Hand einem fieberheißen Menschen auf die Stirn legte. Das war
ihre natürliche Berufung. Als Kind hatte sie viele kranke Verwandte
gehabt und sich immer gefreut, wenn sie sich,
wie aus einem religiösen Impuls heraus, in bescheidener,
nichtmedizinischer Weise um sie kümmern konnte. Eltern, Großeltern,
Tanten, Onkel, Kusinen - wenn jemand krank wurde oder sich einen
Knochen brach, besuchte Joanne sie und brachte ihnen Süßigkeiten,
ein Magazin oder eine selbst gemachte Karte. Abends im Bett schloss
sie sie in ihre Gebete ein.
Von dem Morphium innerlich gewärmt, schloss Mrs.
Shavelson die Augen, lächelte flüchtig und erschlaffte. Zumindest
war sie jetzt schmerzfrei, dachte Joanne. Wenn sie nach Hause käme,
würde man sie an einen Tropf mit höherer Dosierung anschließen, und
der Tod würde sich langsam in diesen Nebel einschleichen.
Joanne steckte das kleine, halbleere
Medizinfläschchen in die Tasche ihrer Uniform und ging zum
Schwesternzimmer. Mit etwas Glück würde Cherry dort sein und die
Patientenkarten ausfüllen.
»Ich werfe fünf Milligramm Morpheus weg«, rief
Joanne und benutzte den gleichen Begriff wie Fred - es war der Name
des griechischen Gottes der Träume.
»Okay«, gab Cherry nachlässig und ohne
aufzublicken von sich. Cherry war eine Krankenschwester, die immer
nur eine einzige Aufgabe mit voller Konzentration erledigen konnte,
keine wahrhaft umsichtige Kraft wie Grace. Allerdings war sie eine
viel bessere Beifahrerin auf dem Motorrad - sie hatte gesagt,
welchen Spaß es ihr machte und wie frei sie sich fühlte. Das war
echte Begeisterung. Nicht so wie Grace.Völlig verspannt hatte sie
Joanne ständig gebeten, langsamer zu fahren und auf die Straße zu
blicken, und hatte die Finger ängstlich in ihren Rücken gegraben.
Was Joanne aber am meisten geärgert
hatte, war die Vorhaltung wegen Donny. Grace, die ihren Mann nur
ein paar Monate lang gekannt hatte, bevor er starb. Was wusste sie
denn schon, was Ehe bedeutete?
»Wie geht’s Mrs. Shavelson?«, fragte
Cherry.
Joanne blickte auf. »Oh, sie ist jetzt im
Elfenland.«
»Sie will ihren Enkel sehen«, sagte Cherry. »Er
studiert Jura.« Sie legte den kleinen Finger ans Kinn. »Meinst du,
ich sollte es tun?«
Joannes Finger tastete nach dem
Morphiumfläschchen in ihrer Tasche. »Hat Grace diesen Typen
gesehen?«, fragte sie. Sie brachte das Fläschchen besser in ihren
Spind, ehe jemand die kleine Ausbuchtung bemerkte. »Sie könnte dir
sagen, ob er ein heißer Typ ist.«
»Er hat sie noch nicht besucht«, sagte Cherry.
»Er wohnt in Boston.«
»Boston? Und da hat er noch nicht seine
sterbende Oma besucht?« Joanne machte ein Geräusch wie ein Summer
bei einem Quiz, der einen Fehler anzeigt. »Nächster Teilnehmer
bitte.«
Das schien ein guter Abgang, und Joanne ging
bewusst lässig den Gang hinab zu den Spinden. Sie hoffte, dort
ungestört zu sein, aber als sie eintrat, sah sie Dawn, die
Schlampe, die gerade jemanden auf ihrem Handy anrief. Man durfte
Handys auf dieser Station eigentlich nicht benutzen, weil sie die
Monitore und die IV-Pumpen störten, daher kamen Schwestern manchmal
dazu hierher, aber es war meistens Dawn, eine Wasserstoffblondine
von Mitte vierzig, die einen Tanga mit hochgezogenen Strapsen trug
wie ein billiger Teenager. Sie war mit Abstand die faulste
Schwester der Station, und es ging das Gerücht, dass man sie von
der Tagschicht verlegt hatte,
als ein Patient fast durch eine Überdosis umgekommen war. Joanne
konnte Dawn instinktiv nicht ausstehen, nicht so sehr wegen ihrer
Faulheit, sondern wegen ihrer Schlampigkeit. Dawn schlief mit
jedermann wie eine heiße Hündin, während Joannes Promiskuität eher
eine Frage der Haltung war statt eine Lebensart. Joanne hatte nur
mit einem einzigen Mann in ihrem Leben Sex gehabt - nach ihrer
eigenen engen Definition. Tony hielt nichts von außerehelichem
Sex.
»Ich rufe dich zurück«, sagte Dawn mit einem
verächtlichen Blick zu Joanne. Dawn war zu allen anderen gemein.
Aber Joanne hatte sie besonders aufs Korn genommen, denn sie sah in
ihr die heißeste Konkurrenz um die Aufmerksamkeit der
Latino-Techniker. Sie legte ihr Telefon in den Schrank und
verschwand wortlos.
Joanne war das egal. Sie wollte bloß ihre Beute
sicher im Spind verstecken. Mit zitternden Händen fummelte sie an
dem Kombinationsschloss herum und murmelte beim Einstellen die
Zahlen. Dann öffnete sie die Tür und schob das Morphium rasch unter
einen sauberen Anzug.
Auf dem Rückweg sah sie bei Ms. Shavelson vorbei
und beschloss, auch Mr. Blanchard zu besuchen, einen riesigen
australischen Schwulen in den Fünfzigern, der ausgestopfte Frösche
sammelte. Auf der Fensterbank hockten über ein Dutzend weiche grüne
Frösche in allen Formen und Größen mit Blick nach draußen. So
wollte es Mr. Blanchard.
Dawn war Mr. Blanchards Pflegerin, und natürlich
musste er umgedreht werden. Man musste die Patienten alle zwei
Stunden umdrehen, um ein Wundliegen zu verhindern. Wenn man zu
lange flach lag, wurde der Druck
unter dem Rückgrat zu stark. Joanne rollte ständig Patienten für
andere Pfleger herum, weil sie kräftig war und es gerne tat.
Manchmal machte sie es auch, weil niemand sonst dazu kam. Mr.
Blanchard hatte vor zwei Tagen einen vierfachen Bypass bekommen,
und es ging ihm nicht sehr gut. Ihm stand eine lange Erholungsphase
bevor, und die postoperative Depression hatte noch nicht
eingesetzt. Aber er sorgte dafür, dass seine Frösche aus dem
Fenster sehen konnten, und der Fernseher lief auch ständig. Joanne
gelang es, ihn auf die Seite zu rollen, und entdeckte, dass er
geschissen hatte. Gewöhnlich hatte Joanne nichts dagegen, andere
Patienten zu säubern - man musste hier einander helfen -, aber Dawn
war ein Fall für sich. Gott sei Dank hatte die Unterlage fast alles
aufgesaugt.
Dann hörte Joanne etwas im Fernseher, das ihre
Aufmerksamkeit erregte.
»Matt Conner«, sagte die Stimme. Joanne drehte
sich um und sah eine tiefgebräunte Frau mit eisblonden Haaren und
strahlend weißen Zähnen - »soll heute Abend im Koma liegen, nachdem
ein Werbegag für seinen neuen Film ›Der letzte Zeuge‹ mit Farren
Thrush tragischerweise entsetzlich fehlschlug. Julia Cruz war
dabei. Julia?«
Joanne starrte ungläubig auf den Schirm, wo
Julia Cruz in einem glänzenden rosa Regenmantel, obwohl es nicht
regnete, mit ernster Stimme in die Kamera sprach: »Danke,
Cassandra«, sagte sie. »Nach allem, was wir wissen, hat Matt Conner
genau hier auf den Straßen von Midtown gefilmt. Er sollte ein
Motorrad über den Broadway fahren und gleichzeitig mit einem
Granatwerfer auf einen Hubschrauber zielen. Erste Berichte
erwähnen, dass
der Vorderreifen auf ein Stromkabel stieß, woraufhin der
fünfunddreißigjährige Schauspieler die Kontrolle über das Fahrzeug
verlor. Zeugen sagten aus, er sei über die Lenkstange geflogen und
auf der Straße gelandet. Er habe keinen Helm getragen. Sanitäter
seien sofort zur Stelle gewesen und hätten ihn ins Bellevue
Krankenhaus gebracht …«
»Bellevue!«, stöhnte Joanne. »Warum haben sie
ihn nicht gleich in den East River gekippt? Oh mein Gott!«
»Oh mein Gott«, murmelte Mr. Blanchard nun, der
aufgewacht war. »Was hat die denn an?«
»Ich habe ihn gestern Abend noch gesehen!«,
sagte Joanne zum Fernseher gewandt, und in ihrer Überraschung
schien es ihr wirklich so, als hätten Matt und sie mehr gemeinsam,
als dass sie sich nur gleichzeitig im selben Raum befunden hatten.
Sie musste Donny anrufen. Ob er es schon gehört hatte?
»Natürlich ist Matt Conner bekannt dafür, dass
er seine Stunts immer selbst durchführt«, sagte Julia Cruz, »und in
diesem Fall hatte man es für eine Routinesache gehalten. Wir
hörten, dass keine Sanitäter am Schauplatz waren wie sonst üblich.
Anscheinend haben sich heute Abend die schrecklichen Ereignisse
überstürzt. Cassandra.«
»Danke, Julia. Noch eins, es war kein echter
Granatwerfer, der da benutzt wurde?«
»Nein, natürlich nicht. Die Waffen in dieser
Szene waren Attrappen. Sie wirken sehr realistisch, aber es sind
Attrappen. Aber das Blut und die Wunden sind heute Abend echt.
Cassandra?«
»Danke, Julia. Wir beten für ihn.«
»Wie blöd!«, murmelte Joanne mit klopfendem
Herzen.
»Seine eigenen Stunts machen! Dazu gibt es doch andere.«
Sie verließ Mr. Blanchard und ging zum
Schwesternzimmer, wo das Telefon stand. Doch statt Cherry saß nun
Dawn dort - am Telefon! »Ich habe keine Ahnung, warum du dich mit
so was abfindest, Patricia«, sagte sie gerade in vertraulichem
Tonfall, der Aufmerksamkeit erregen sollte. »Du wirst schließlich
auch nicht jünger.« Dann sah sie zu Joanne hoch. »Brauchst du
was?«, fragte sie, aber hinter dem nur schlecht verhehlten Ärger
war eine Spur Sorge zu spüren, ob vielleicht etwas mit einem ihrer
Patienten nicht stimmte.
»Mr. Blanchard braucht dich«, sagte Joanne
kühl.
Leichte Panik blitzte in Dawns Augen auf - der
Geist von Patzern der Vergangenheit.
»Muss gehen, Trish«, sagte sie in den Hörer.
»Ich rufe dich morgen an. Kuss.« Dann stand sie auf und ging zu Mr.
Blanchards Zimmer, aber Joanne zuliebe bewegte sie sich lässig und
drehte sich leicht in den Hüften.
Joanne murmelte: »Zicke«, rannte um den Tisch
herum, schnappte sich das Telefon und wählte mit zittrigen Fingern
Donnys Nummer, verwählte sich und musste wie in einem Albtraum noch
einmal beginnen. Sie hatte vergessen, wie spät es war - fast ein
Uhr morgens. Der Ruf ging durch.
»Hallo?«, hörte sie Donnys schläfrige
Stimme.
»Ich bin’s«, sagte Joanne. »Hast du gehört, was
passiert ist?«
»Nein«, antwortete Donny. »Wovon redest
du?«
»Bist du alleine?«
»Yeah, ich bin alleine. Spielt das eine
Rolle?«
»Matt Conner«, sagte Joanne und versuchte, nicht
zu erregt zu klingen. »Er hatte einen Unfall. Einen schlimmen
Unfall. Klingt so, als würde er nicht durchkommen.« Das hatte
eigentlich niemand gesagt, aber das war auch nicht nötig.
»Willst du mich verarschen?«, fragte
Donny.
»Habe es gerade im Fernsehen gesehen. Dieser
Patient, Mr. Blanchard, der mit den Fröschen, hatte den Fernseher
an, und ich war in seinem Zimmer und habe es gesehen.«
»Jesus.«
»Er hat einen Stunt gemacht und ist dabei
verunglückt«, fuhr Joanne fort und dachte, dass Donny mit seinen
Verbindungen Zugang zum Zentrum dieser Geschichte hatte und dadurch
auch sie. »Vielleicht könntest du Farren anrufen und es ihr
sagen?«
»Stunts«, sagte Donny. »Ich habe doch gleich
gesagt, der Junge ist ein Idiot.«
Joanne presste den Hörer dichter ans Ohr, damit
sie Donny besser spürte. »Ich kann es nicht glauben«, sagte sie.
»Wir haben ihn gerade erst gesehen, so voller Leben. Und wenn er
jetzt stirbt …«
»Er stirbt nicht, Jo, reg dich wieder ab.«
»Wenn ich doch bloß mit ihm geredet hätte«,
sagte Joanne, wusste aber nicht genau, wie sie das meinte. Sie
wünschte sich nur, es könnte noch einmal gestern sein. »Gott,
Donny, warum passiert immer wieder so was?«