24
Matt Conner hatte während des Komas fast fünfzehn Pfund abgenommen. Als Grace um vier Uhr morgens den verletzten Schauspieler am Ellbogen hielt und bei seinen ersten Schritten seit dem Aufwachen begleitete, spürte sie die seltsame Spannung zwischen seiner Schwäche und seiner Stärke. Seine volle Körperkraft würde er erst in Wochen oder Monaten wiedererlangen.
Wie viele Filmschauspieler war Matt nicht so hoch gewachsen, wie er auf der Leinwand erschien, aber die Kameratechnik hatte nichts unternehmen müssen, um ihn zu verschönern - Perfektion war einfach nicht zu verbessern. Lavender hatte mehr als einmal bemerkt, wie viel Glück Matt gehabt hatte, keinen äußeren Schaden genommen zu haben. Er konnte sich immer noch im Spiegel betrachten, seine Fans konnten ihn ansehen. Und beide würden dasselbe schöne Gesicht sehen, das sie so liebten.
Matt war nun unterwegs ins Bad. Die Schläuche waren bis auf die intravenöse Ernährung alle entfernt worden, und Grace ließ ihn selbst den Rollwagen schieben. Er trug ein blaues Krankenhaushemd über dem schlanken, gebräunten Körper und weiße Sportsocken.
»Mir ist schwindlig«, sagte er und blieb stehen.
»Möchten Sie sich setzen?«, fragte Grace.
Matt schüttelte den Kopf. Er war entschlossen, das Bad wie ein »normaler Mensch« zu benutzen. Aber als sie beim Klo ankamen, wurde er nervös.
»Ich bleibe direkt vor der Tür, falls Sie mich brauchen«, sagte Grace. »Okay?«
Matt sah sie traurig und flehend an, wie ein Junge, der Hilfe braucht, aber nicht darum bitten konnte.
»Brauchen Sie Hilfe?«, fragte Grace.
Matt Conner war nicht der Typ, der jemals um irgendwelche Hilfe bat. Jetzt senkte er den Blick und nickte kaum merklich.
Als Grace neben ihn trat, zitterte er am ganzen Körper. Er war nicht sicher, was er zu tun hatte, und das jagte ihm fürchterliche Angst ein.
Langsam hob Grace das Hemd vorn hoch. »Jetzt zielen sie auf die Schüssel«, sagte sie. »Sie können die Hand dabei benutzen.« Aber das war nicht das Problem.
»Ich habe Angst, loszulassen«, sagte Matt ganz leise.
»Ist in Ordnung«, beruhigte Grace ihn. »Sie brauchen sich bloß zu entspannen. Okay?«
Matt schloss konzentriert die Augen. Nach zwei vollen Minuten kamen die ersten zögernden Tröpfchen. Dann folgte ein kräftiger Strahl direkt in die Schüssel. Auf Matts Gesicht zeigte sich ein kleines Lächeln.
Als er wieder im Bett lag, fragte er: »Machen Sie … mich auch sauber?«
»Wie meinen Sie das?«, fragte Grace.
»Ich meine, als ich bewusstlos war, muss ich doch irgenwann geschissen haben, oder?«
»Wir sind an so was gewöhnt, glauben Sie mir.« Matt rieb sich das Kinn und schüttelte langsam den Kopf. »Das ist mir sehr peinlich.«
»Na«, meinte Grace, »haben Sie denn noch nie von den Heinzelmännchen gehört? Also, wir haben hier ganz bestimmte Heinzelmännchen für solche Fälle. Die machen alles sauber, während man schläft.«
Matt lachte, aber mit einem bitteren Ton. »Heinzelmännchen …«
»Keine Sorge«, beruhigte Grace ihn. »In ein paar Tagen können Sie sicher allein auf die Toilette gehen.«
»In ein paar Tagen?«
»Ich sehe keinen Grund, warum nicht.«
Matt dachte weiter nach. »Haben Sie mich auch gewaschen?«
Grace merkte, wie sie rot wurde. Er wirkte so ernst und ohne einen Anflug von Komik.
»Das gehört zu meinen Aufgaben«, antwortete sie.
Matt nickte, allerdings nicht sehr besorgt. In Wirklichkeit brauchte er sich für nichts zu schämen.
 
»Ich habe heute das Skript durchgearbeitet«, sagte Matt zwei Nächte später und blätterte in den Seiten. »Das Studio will mich für die Rolle von Jack Fabian. Sie fangen bald mit den Dreharbeiten an. Was bedeutet, ich muss hier raus.«
»Erinnern Sie sich noch, wie Sie zuerst aufwachten und zu mir sagten, sie hießen Jack Fabian?«, fragte Grace ihn.
»Wirklich?«
»Michael Lavender hatte Ihnen das Skript vorgelesen, als Sie noch im Koma lagen. Sie müssen das irgendwie aufgenommen haben.«
»Ich habe wirklich gedacht, ich wäre Jack Fabian?«, fragte Matt mit zuammengekniffenen Augn. »Das ist aber unheimlich.«
»Vielleicht waren Sie dazu vorbestimmt, diese Rolle zu spielen?«
Matt dachte darüber nach. »Haben Sie etwas dagegen, eine Szene mit mir durchzugehen? Die hier, auf Seite zwanzig. Sie spielen Forrester, ja?«
»Ich glaube, wir sollten erst den Arzt fragen«, erwiderte Grace, weil sie spürte, dass Matt sein Gedächtnis auf die Probe stellen wollte. Sie wollte kein Risiko eingehen, dass er sich aufregte. Solche Dinge überließ man besser den Therapeuten und Trainern, die tagsüber der Reihe nach hier auftauchten.
»Ich bin der Arzt«, antwortete Matt, »und ich sage, wenn Matt das tun will, dann sollten wir es zulassen.« Er lächelte sie dabei mit demselben gutmütigen Lächeln an, mit dem er sonst gleichermaßen Freund und Feind auf der Leinwand verführte. Er war wirklich sehr beeindruckend, und Grace spürte, wie seine Persönlichkeit langsam wieder aus der Krankheit auftauchte: sein Charisma als Schauspieler. Vermutlich war er es gewöhnt, sich durchzusetzen, denn alle Leute wollten ihm zu Gefallen sein. Aber man musste ihm auch Grenzen setzen.
»Ich bin die Pflegerin, und Sie sind der Patient«, verbesserte sie ihn. »Möchten Sie nicht lieber bloß reden? Oder fernsehen?«
»Sie verstehen das nicht. Man will, dass ich bei diesem Projekt mitmache. Aber ich muss ihnen erst beweisen, dass ich das auch kann.«
Grace seufzte. Es war wirklich sehr verlockend, mit einem wirklichen Star eine Rolle durchzugehen. Das schien ihr ungewöhnlicher, als ihn zu waschen oder ihm die Fußnägel zu schneiden, und zum ersten Mal wünschte sie sich, sie könnte ihren Wohngenossinnen von den ansonsten vorwiegend ereignislosen Nachtschichten mit Matt erzählen. Aber sie sah Joanne und Cherry kaum noch, die beide in ihre Beziehungen vertieft waren und jetzt die meisten Nächte bei ihren Partnern in der Stadt blieben. Es war, als hätten sie einen Wettbewerb begonnen, wer am verrücktesten verliebt war.
Grace blickte auf das Skript, das Matt ihr gereicht hatte. Sie begann an der Stelle, die Matt ihr anwies: »Das ist zu gefährlich, Jack. Wir können das nicht zulassen.«
»Zu gefährlich für wen?«, fragte Matt. »Für dich oder für mich?«
»Das hier ist wichtiger als du oder die Organisation, Jack. Und genau das scheinst du nicht zu begreifen. Daher entziehe ich dir den Auftrag.«
Darauf folgte eine lange Pause. Grace blickte hoch und sah, dass Matt vor Konzentration die Stirn tief gefurcht hatte.
Grace dachte, sie müsste ihm weiterhelfen. »Es ist zu spät …«
»Es ist zu spät, Dan.« Pause. »Absatz.«
»Sie kennen mich«, sagte Grace.
»Shit.« Matt holte tief Luft. »Es ist zu spät, Frank. Sie kennen mich. Wenn ich einmal etwas anfange, dann bringe ich es auch zu Ende.«
»Wir haben Ihre Hartnäckigkeit immer bewundert, Jack. Das wissen Sie. Aber Befehl ist Befehl.«
Wieder schien Matt sich nicht an den nächsten Satz zu erinnern.
Grace flüsterte: »… ich lasse mir nichts befehlen …«
»Verdammt!«, brüllte Matt sie da an. »Geben Sie mir bitte eine Chance, ja?«
»Entschuldigung«, erwiderte Grace geduldig. Sie hatte mit einem solchen Ausbruch gerechnet und sich aus genau diesem Grund nicht in das Gedächtnistraining einmischen wollen.
Matt schloss die Augen und versuchte sich zu beherrschen. »Ich lasse mir nichts befehlen«, sagte er. »Ich nehme, was ich brauche. Zwingen Sie mich nicht, mir das zu nehmen.«
»Wollen Sie mir drohen, Jack?«
Grace wartete auf die Antwort. Diesmal unterbrach sie Matts Schweigen nicht.
»Lassen Sie mich mal«, murmelte Matt nun und riss Grace das Manuskript aus den Händen. Sein Gesicht war vor Wut und Frustration rot angelaufen. Er las einen Moment und sagte dann: »Das Manuskript ist sowieso Scheiße«, und schleuderte es so heftig von sich, dass die Blätter hochflatterten. Es schlug gegen die Jalousie, verbog ein paar Lamellen und fiel auf den Boden.
Grace sah Matt an. Er legte die Hand über die Augen.
»Es tut mir leid«, murmelte er.
Am folgenden Abend kam Wade Conner vorbei und blieb eine halbe Stunde bei seinem Sohn. Nachdem er gegangen war, setzte Grace sich ans Fußende und massierte Matts Füsse. Das war ein kleines Geschenk, das sie den Patienten zukommen ließ, die sie gern mochte.
»Ihr Vater ist sehr nett«, sagte sie.
»Er hat ein gutes Herz«, erwiderte Matt diplomatisch.
»Erzählen Sie mir von ihm«, sagte Grace. Sie wollte, dass Matt redete, dass er seine verbalen Muskeln wieder trainierte. Aber sie hörte auch gern seine Stimme, die irgendwie rührend weich, demütig und klein klang. Sie erinnerte sich an die Angst in Garys Stimme in bestimmten Momenten, wie dies eine Menschlichkeit offenbarte, die so zerbrechlich und kostbar war wie nichts zuvor in ihrem Leben. Dadurch, dass sie sich zugestanden hatte, das volle Ausmaß an Schmerz bei Garys Tod zu empfinden, hatte sie für die übrigen Patienten nur wenig Mitgefühl übrig. Gary war zum Auffangbecken für all ihre angestauten Emotionen geworden, die sie im Verlaufe ihrer Karriere als Schwester aufgestaut hatte. Sie hatte sein Gesicht mit den Händen gehalten und ihm gesagt, dass sie ihn nicht verlassen würde. Sie hatte die Erleichterung in seinen Zügen gesehen und wie er daraufhin einschlafen konnte. Sie hatte ihn mit ihrer ganzen Kraft getröstet und war nach seinem Tod immun gegenüber den tagtäglichen Tragödien anderer geworden.
»Er hat ein gutes Herz, das ist alles«, sagte Matt. »Sie versuchen ja bloß, mich zum Reden zu bringen.«
Grace lächelte. »Nur, damit es Ihnen wieder besser geht«, sagte sie. Sie hatte sich kurz mit Matts Sprachtherapeut unterhalten, einem jungen Haitianer namens Noel, der Grace in seinem netten Akzent versichert hatte, am besten für Matt sei es, wenn er ständig sprach und zuhörte. Der Patient, hatte Noel gesagt, müsse wieder mit Sprache »angefüllt« werden.
»Mein Dad hat mich allein großgezogen«, sagte Matt, als wäre er nun einverstanden mit der therapeutischen Künstlichkeit dieser Unterhaltung. »Meine Mum starb, als ich dreizehn war, daher waren Wade und ich allein. Das war nicht leicht für ihn. Er hatte ja keine Ahnung, wie man mit Kindern umgeht. Das war immer Mums …«
»… Job?«
»Nein.«
»Mums Stärke? Ihre Abteilung?«
»Ihre Abteilung?«, fragte Matt.
»Sie wissen, ihr Bereich.«
»Ja. Sie war der bessere Elternteil.«
»Was geschah dann?«
»Was geschah …«, erwiderte Matt langsam, »… er hat mich zu seiner Schwester geschickt.«
»Ihrer Tante?«
Matt nickte.
»Wissen Sie ihren Namen?«, fragte Grace.
Matt biss sich auf die Lippe. Ohne nachzudenken streckte Grace die Hand aus und legte sie auf seine.
»Ist schon gut«, sagte sie. »Das fällt Ihnen wieder ein.« Matt seufzte. »Ich hatte jedenfalls Glück. Sie war gut zu mir. Sie war Lehrerin.«
»Sie mochten sie gern?«
»Ja, ich mochte sie. Sie ließ mir vieles durchgehen.«
»Sie haben sie sicherlich mit Ihrem Charme bezaubert«, meinte Grace wissend.
»Wie bitte?«
»Ich bin sicher, sie hat Sie angebetet.«
Matt nickte, aber Grace sah, dass er die Konzentration verlor. Er fühlte sich entmutigt.
Dann sagte er: »Erzählen Sie mir von sich.«
»Von mir?«, fragte Grace. »Was wollen Sie denn wissen?«
Matt dachte einen Moment nach. »Haben Sie einen … einen …«
»Einen was?«
Matt schüttelte den Kopf, weil ihm das Wort nicht einfiel. Schließlich sagte er: »Haben Sie einen … einen Menschen?«
Grace vermutete, er meinte einen Ehemann oder Freund, aber Mensch reichte völlig aus. Die Frage war ihr peinlich, doch sie versuchte das nicht zu zeigen. Sie war seine Pflegerin, eine Autoritätsfigur, und ihre Professionalität verbot ihr, allzu persönlich zu werden. Falls man zu viel von sich preisgab, verlor man die Bereitschaft des Patienten zur Mitarbeit und vielleicht sogar das Vertrauen.
»Ich lebe gerne allein«, brachte Grace selbstbewusst heraus, und sie sah, dass Matt ihre Worte verstand, obwohl er vermutlich noch nie einer Frau begegnet war, die etwas anderes als äußerste Bereitschaft gezeigt hatte, ihr ganzes Leben für ihn hinzuwerfen, nur um mit ihm zusammen zu sein. Er schien Grace’ offensichtlichen Widerstand interessant zu finden.
»Gerne allein«, sagte er, mehr zu sich selbst. Dann hellten sich seine Augen verständnisvoll auf. »Waren Sie mal verheiratet?«
»Ja«, sagte Grace. »Ich war verheiratet.« Rasch fügte sie hinzu: »Und Sie?«
Matt sah sie seltsam an. »Ich dachte, das weiß jeder?«
»Nein«, antwortete Grace. »Ehe Sie herkamen, wusste ich kaum etwas über Sie. Ich bin in Sachen Matt Conner nicht sehr bewandert.« Das stimmte nicht ganz, denn sie hatte im Internet vieles über ihn herausgefunden und wusste genauso gut wie alle anderen, dass Matt nicht nur noch nie verheiratet gewesen war, sondern auch nie eine Freundin länger als ein paar Monate lang hatte.
»Mein Privatleben?«, lachte Matt, wie über einen sehr alten Witz. »Wenn man die ganze Zeit von Fotografen umgeben ist, fällt einem so was schwer.« Er deutete auf den klinischen Raum, die Schläuche, die Geräte, die seine Hirnaktivität registrierten. »Das hier ist mein Privatleben.«
Aber Grace erkannte, dass es keine Klage war. Trotz der schlimmen Umstände genoss Matt Conner hier mehr Ungestörtheit als in all den Jahren zuvor.
Grace wollte, dass er weiterredete. »Wo haben Sie Michael Lavender kennen gelernt?«, fragte sie. Das interessierte sie.
Matts Gesicht hellte sich auf, aber nicht aus Liebe zu Lavender, sondern weil er sich fähig glaubte, eine Frage in allen Einzelheiten zu beanworten.
»Ich arbeitete in dieser Kneipe in San Antonio«, begann er. »Michael war von LA da, um bei einem Theaterfestival nach Talenten Ausschau zu halten. Er kam in die Bar, sah mich und fragte mich, ob ich jemals als Schauspieler gearbeitet hätte. Das hatte ich nicht, aber ich hatte mich schon immer gerne in Szene gesetzt. Daher fuhr ich nach LA, und Mike besorgte mir einen Job in einer Bierreklame.«
Grace unterdrückte den Wunsch, Matts ausgezeichnetes Erinnerungsvermögen und seinen Satzbau zu loben. Sie wollte ihn nicht verlegen machen. Aber sie freute sich sehr.
»Welche Bierreklame?«, fragte sie, obwohl sie sie vermutlich nie gesehen hatte.
»Das ist mir peinlich«, erwiderte Matt grinsend. »Ich bin nicht gerade stolz darauf.«
»Ist schon in Ordnung. Was mussten Sie denn tun?«
»Ich werde es Ihnen erzählen«, sagte Matt. »Aber bitte werfen Sie es mir niemals vor.«
»Natürlich nicht.«
»Also, in dieser Werbung sitze ich mit einer schönen Frau bei einem Kerzenschein-Dinner. Wir sind in einem teuren Restaurant. Sie trinkt Wein, und ich trinke Budweiser Light. Dann setzt die Kerze eine Strohblume in Brand, meine Freundin schreit, ich solle das Feuer mit meinem Bier löschen. Aber das will ich nicht, denn das Bier ist zu gut. Statttdessen gieße ich ihre Suppe darauf. Als das nicht funktioniert, reiße ich ihr den Schal ab und schlage damit auf die Flammen.«
»Wunderbar!«
»Es wurde während des Superbowls ausgestrahlt.« »Die Geburtsstunde eines Stars. Wer hätte das gedacht?«
Matt zuckte mit den Achseln. »Ich hatte Gück. Ich habe immer Glück gehabt. Bis jetzt.«
»Das stimmt nicht«, meinte Grace. »Sie haben extrem viel Glück gehabt. Das Glück, am Leben zu sein. Das Glück, noch gehen zu können. Sie müssen das positiv sehen. Würden Sie das mal versuchen?«
Matt schenkte ihr ein müdes Lächeln, wirkte aber gleichzeitig dankbar.
»Klar«, versprach er. Dann schloss er die Augen.
 
Eine Nacht am Ende der ersten Woche nach seinem Erwachen bat Matt Conner Grace um etwas, als sie gerade seinen Puls maß.
»Ich möchte ausgehen«, sagte er.
»Ausgehen?«, fragte Grace, die gerade eine ausgezeichnete Pulsrate von achtzig auf seiner Karte eintrug.
»Im Rollstuhl«, fuhr Matt fort, obwohl er sehr gut wieder gehen konnte, weil er regelmäßig Tag für Tag mit dem Physiotherapeuten trainierte.
»Um zwei Uhr morgens?«, fragte Grace.
»Das ist die beste Zeit. Die Gänge sind jetzt leer.«
Es war seltsam, erst gestern hatte Grace geträumt, Matt über die langen Krankenhausgänge zu rollen, die anschließend in einen weißen Strand übergingen. Sie erinnerte sich, wie sie ein paar Mal seinen Arm halten musste, damit er nicht fiel.
»Möchten Sie nicht lieber gehen?«, fragte Grace.
»Nein«, entgegnete Matt wie ein echter Star. »Ich möchte gefahren werden.«
»Okay«, antwortete Grace diplomatisch und überlegte, dass Matt vielleicht müde und ihm nicht nach Gehen zumute war. »Eine kleine Ausfahrt, und dann wieder ins Bett.«
Der Rollstuhl stand auf dem Gang vor der Tür. Matt hatte ihr zu verstehen gegeben, dass er ihn nicht im Zimmer wünschte, wo er ihn ständig sehen konnte. Er sagte, das würde ihn an einen unheimlichen Film von einem Kinderrollstuhl erinnern, der einen Mann durch ein großes Haus verfolgte. Grace dachte aber, der eigentliche Grund wäre Eitelkeit. Matt wusste nun, wie verletzlich er war, und musste erst noch begreifen, dass auch ihm so etwas zustoßen konnte.
Matt, der nur sein blaues Krankenhaushemd trug, stieg ohne Hilfe aus dem Bett und schlurfte zum Rollstuhl vor der Tür. Auf dem Gang war alles ruhig, abgesehen von einer gewissen Betriebsamkeit im Schwesternzimmer, wo Dawn am Telefon sprach. Matt setzte sich in den Rollstuhl und umklammerte die Armlehnen. Er zwang sich zu einem Lächeln, denn schließlich war dies keine freie Entscheidung, sondern etwas, worauf er angewiesen war.
Grace hatte nichts dagegen, Matt diesen Wunsch zu erfüllen. Gary hatte am Ende auch immer im Rollstuhl gesessen, weil er zu schwach zum Gehen war. Grace hatte ihn damals dazu überredet, den Stuhl zu benutzen, damit sie ihn hinaus auf die Terrasse rollen konnte, um den Sonnenuntergang über dem Meer zu sehen.
Grace stellte sich hinter Matt, umklammerte die Griffe und schob ihn langsam über den Gang vom Schwesternzimmer fort, dorthin, wo alles still war. Grace erinnerte sich deutlich an die Rollstuhlfahrten mit Gary und musste über sich selbst lachen. Sie hatte inzwischen eine gewisse harmlose Schwäche für Matt entwickelt, aber man konnte das auch so deuten, dass sie eine Schwäche für schwerbehinderte Männer hatte. Doch Grace wollte keinen neuen Gary, sie wollte niemanden mit ernsten gesundheitlichen Problemen. Sie konnte es sicher akzeptieren, im Alter einen kranken Partner zu haben, aber nicht jetzt, während sie noch jung war. Sie wollte einen gesunden Mann. Etwas anderes konnte sie sich gar nicht vorstellen.
Natürlich war es das, was Matt für sie »sicher« machte. Aufgrund seiner Verletzungen kam er für Grace in romantischer Hinsicht nicht in Frage. Daher riskierte sie nicht den geringsten Flirt mit ihm. Außerdem war sie älter als er und kaum so schön und jung wie seine üblichen Gefährtinnen. Sie waren beide in einer Art Zwischenphase, einer heimlichen Existenz. Das Leben nachts auf einer Intensivstation hatte nichts mit der Wirklichkeit zu tun. Selbst dieser kleine Trip in den frühen Morgenstunden fand außerhalb ihrer üblichen Sicherheitszone statt. Bisher waren sie nur innerhalb der Pavarotti-Suite zusammen gewesen, und dieser Ausflug bedeutete einen symbolischen Schritt in eine Außenwelt und logischerweise auch die unweigerliche Rückkehr in ein Normalleben. Als Grace Matt über den Gang schob, spürte sie zum ersten Mal eine Art Trauer, wenn etwas endete. Matt würde vermutlich in einer Woche entlassen.
»Können wir ein bisschen schneller fahren?«, fragte Matt, als sie den halben Gang hinter sich hatten.
Grace hatte eine Ahnung, wie Matt vielleicht als Kind gewesen war - sie stellte sich vor, wie er in einem Einkaufswagen saß und seine Mutter bat, schneller zu schieben. Grace wollte es eigentlich nicht, aber sie beschleunigte ihre Schritte ein wenig.
»Schneller«, sagte Matt. »Holen Sie mal alles aus diesem Baby heraus!«
»Dieses Baby macht genau das, was es soll«, sagte Grace. »Wir sind nicht auf dem Rennkurs.«
»Schneller!«, befahl Matt. »Los geht’s!«
Als sie um eine Ecke bogen, spürte Grace, was er fühlte, und begriff, was er wollte: ein Gefühl von Freiheit, von Entfesselung. Sie hatte nun selbst das Bedürfnis, schneller zu schieben, um ihm das zu vermitteln und mit ihm zu teilen.
»Schneller!«, rief er.
Grace ging jetzt so schnell sie konnte, und der Stuhl rollte schneller, als Kathy es jemals erlauben würde. Weiter würde sie nicht gehen.
»Schneller!«, schrie Matt.
»Nein«, sagt Grace, und dann blockierten plötzlich die Räder und brachten den Rollstuhl plötzlich zum Stillstand. Matt wurde dadurch vom Sitz geschleudert und fiel schwer auf den Boden.
»Matt!«, rief Grace und eilte zu ihm. Er war drei Meter vor dem Rollstuhl gelandet und lag nun mit ausgestreckten Armen auf dem Gang. Er hatte die Augen geschlossen und regte sich nicht. Grace glaubte, vor Schreck zu sterben. Sie kniete sich über den Mann und berührte sein Gesicht. Sie hatte nicht gesehen, ob er mit dem Kopf aufgeschlagen war, denn alles war so schnell geschehen. Sie wusste, dass sie zum nächsten Telefon eilen und Fred anrufen müsste, aber sie konnte sich nicht von Matt lösen. Nach außen hin blieb Grace ruhig, falls sie beobachtet würde, und rief leise Matts Namen. Sie forschte nach einer Reaktion, bemerkte jedoch keine, und noch ehe sie einen weiteren Gedanken fassen konnte, riss Matt die Augen auf und öffnete den Mund. Seine Zunge schoss hervor. Grace zuckte mit einem Schrei zusammen. Dann hörte sie den Laut, den der Mann von sich gab, sah seine Züge und erkannte, dass er lachte.
Ihre Wut war noch stärker als das Gefühl von Erleichterung. »Das war schrecklich!«, sagte sie. »So etwas macht man doch nicht!«
»Ach, kommen Sie, ich habe doch bloß Spaß gemacht.«
»Sie können jetzt alleine zurückgehen.«
Das gefiel Matt nicht. Er rollte sich auf die Knie und erhob sich ohne Schwierigkeiten. »Es tut mir leid«, sagte er dann leise. »Ich weiß nicht, was über mich gekommen ist.«
Grace blickte in seine grünen Augen, die sie an ihre eigenen erinnerten. Das war ihr vorher noch nicht aufgefallen.
»Verzeihen Sie mir?«, fragte Matt.
Grace hielt seinem Blick ein paar Sekunden lang stand, weil sie spürte, wie sich ein Gefühl zwischen ihnen vertiefte. Sie spürte seine Wärme, weil er dicht vor ihr stand, und plötzlich hatte sie das Gefühl, er würde sie küssen. Da wich sie zurück, weil sie nicht wusste, was er vorhatte oder wie ihre Haltung auf Außenstehende wirken würde. Sie beugte sich vor und löste die Bremse des Rollstuhls. »Okay«, sagte sie. »Setzen Sie sich. Da habe ich Sie immer noch besser unter Kontrolle.«
Matt grinste sie an und setzte sich in den Rollstuhl. Die Autorität war wie durch einen Zauber wiederhergestellt, und als Grace ihren Patienten im normalen Tempo zurückrollte, fuhr ihr der Gedanke durch den Kopf, sie hätte ein wildes Tier gezähmt.
Schicksalspfad Roman
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