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Die Super-Gemeinde ist kleiner, als es scheint. Früher oder später kennt jeder jeden.
Und so teilten sich schließlich das Schreck-Duo, Captain Saubermann und seine Tochter (ganz zu schweigen von einem Roboter-Butler, Milton und mir) einen gepanzerten SUV.
Die Flugroller auf dem Dach befestigt, bog der SUV auf die Autobahn ein.
»Soll ich den Flug-Modus einschalten, Mr Saubermann?«, fragte Stanley und schaute vom Fahrersitz aus nach hinten.
»Nein, bleiben wir ruhig auf der Straße, Stanley«, antwortete Captain Saubermann. »Es ist sicher besser, wenn wir im Moment keine Aufmerksamkeit auf uns lenken.«
Stanley nickte, und der SUV rollte weiter. Lange Zeit fuhren wir in einem unangenehmen Schweigen. Mir war klar, dass keiner wusste, was er sagen sollte. Es war erst ein paar Wochen her, dass Captain Saubermann meine Eltern daran gehindert hatte, die Welt zu zerstören. Gar nicht davon zu reden, wie oft sie sich gegenseitig beschossen, beleidigt, bedroht, gefangen und umzubringen versucht hatten.
Doch in dem Versteck unter der Erde hatten sie zusammengearbeitet, um Vex aufzuhalten. Und jetzt wusste keiner so recht, wie ihr Status war, ob sie wieder verhasste Feinde sein würden, die sich alle paar Monate umzubringen drohten … oder ob sie jetzt eine andere Beziehung hatten. Wie sollten sie zukünftig miteinander umgehen?
Im Prinzip war die Situation ziemlich heikel.
»Das, was Vex vorhin über deine Mom gesagt hat«, fragte ich Sophie. »War er …«
Ich schwieg, als ich sah, wie sich Sophies Gesichtsausdruck änderte. Sofort war mir klar, dass ich sie mit diesem Thema auf dem falschen Fuß erwischt hatte. »Tut mir leid«, sagte ich. »Ich hätte nicht davon –«
»Ist schon gut«, sagte sie. »Ich kann drüber sprechen.«
Sie schaute zwar in meine Richtung, doch sie sah mich nicht an. Es war eher so, als ob sie in der Scheibe hinter mir die vorüberziehende Landschaft beobachten würde.
»Manchmal wache ich nachts auf, und es kommt mir so vor, als wäre es erst gestern gewesen, dass ich mit meiner Mom hinten im Garten Käfer fotografiert habe. An anderen Tagen fühle ich mich so – so als könnte ich mich an gar nichts mehr von ihr erinnern.« Sie holte tief Luft.
»Meine Mom war Fotografin«, sagte sie. »Sie arbeitete für Zeitungen und Zeitschriften. Sie ist immer viel rumgereist. Nach Europa, Südamerika, Los Angeles. Meine Eltern waren nie beide gleichzeitig zu Hause. Entweder hatte meine Mom einen Auftrag oder mein Dad war unterwegs, um die Welt zu retten. Zu meinem zehnten Geburtstag hatte sich Mom ein bisschen frei genommen, und wir drei fuhren zum Skilaufen nach Colorado. Als wir zurückkamen, sollte sie eigentlich gleich zum nächsten Auftrag fliegen. Doch sie rief die Zeitschrift an und überredete ihre Chefs, ihr ein paar Tage mehr Urlaub zu geben, damit wir drei noch etwas länger zusammen sein konnten, wenigstens ein paar Tage.«
Sophie schüttelte nachdenklich den Kopf, ihr Blick war immer noch auf die Scheibe gerichtet.
»Am nächsten Tag wollte sie mich von der Schule abholen, doch sie ist nie dort angekommen. Später fand ich heraus, wieso. Jemand hatte eine Bombe in ihrem Auto versteckt.« Sophie atmete aus. »Sie starb, noch bevor sie aus unserer Einfahrt raus war …«
Ihre Stimme verlor sich.
»Mein Dad verfolgte die Spur zurück und stellte fest, dass Vex für den Mord verantwortlich war«, sagte sie nach einer langen Pause. »Er hatte es getan, um meinen Dad kleinzukriegen, ihm eins auszuwischen. Ich glaube, es war der gleiche Grund, weshalb er mir auch die Raufbolde mit Feuerhintern auf den Hals gehetzt hat.«
Ich dachte an den gepanzerten SUV, in dem wir saßen, an den Bodyguard-Roboter, die Wachtürme mit den Maschinengewehren. Das alles diente dazu, Sophie zu beschützen. Und trotzdem hätte Vex sie beinahe erwischt.
»Seit dem Tag, als meine Mom starb«, sagte Sophie, »hat mein Dad Vex verfolgt. Das ist einer der Gründe, weshalb wir ständig umziehen. Mein Dad hat ihn kreuz und quer durchs Land gejagt, und sobald er ihn irgendwo aufspürte, sind wir in die nächste Stadt gezogen. Vor ein paar Monaten fand er schließlich Hinweise, dass Vex offensichtlich in Sheepsdale an irgendwas arbeitete. An einer ganz großen Sache.«
»Deshalb seid ihr nach Sheepsdale gezogen.«
Ich spürte einen Hauch von Erleichterung. Captain Saubermann war nicht da, um meine Eltern aus der Stadt zu vertreiben. Und jetzt, wo sie sogar eine Fahrgemeinschaft bildeten, wer wusste denn schon, was noch alles zwischen ihnen geschehen würde?
»Heißt das, du musst jetzt nicht mehr ständig umziehen?«, fragte ich hoffnungsvoll. »Du und dein Dad, ihr könnt doch nach Vex’ Tod in Sheepsdale bleiben, oder?«
Sophies Gesicht zog sich nachdenklich in Falten. »Wieso glaubst du, dass Vex tot ist?«
»Äh, Moment mal … Es sind tonnenweise Stahl und Beton auf ihn runtergestürzt. Außerdem liegt er unter einem brennenden Haus begraben. Ich finde, das reicht doch wohl, um ihn abzuschreiben.«
»Doch gesehen hast du nicht, dass er tot ist.«
»Nein, das nicht, aber …« Ich spürte, wie meine Zuversicht schwand. »Selbst wenn Vex irgendwie überlebt haben sollte, das Hotel ist doch von Polizei und Feuerwehr umstellt. Die würden ihn doch sofort festnehmen, wenn er tatsächlich versuchen sollte zu türmen.«
Sophies Blick klebte immer noch wie fixiert auf der Scheibe. Ich wusste, dass sie Vex nicht aus ihrem Kopf bekam.
Weiter vorn versuchten meine Eltern eine Unterhaltung mit Captain Saubermann.
»Diese Hologramm-Waffen, die Sie haben, sind ja sehr interessant«, sagte Dad.
»Oh, vielen Dank«, antwortete Captain Saubermann.
»Bauen Sie die selbst?«, fragte Mom.
»Nein, nein. Eine Maschinenbaufirma entwickelt sie für mich. Die Armbänder werden in China zusammengeschraubt. Und am Ende überlegt sich meine PR-Abteilung den Namen.«
»Also, die Dinger scheinen ja wirklich praktisch zu sein«, sagte Dad. »Ohne diesen Schutzschirm der Ehre wären wir dort alle von den Trümmern erschlagen worden.«
»Tugend«, sagte Captain Saubermann.
»Wie bitte?«
»Ohne den Schutzschirm der Tugend wären wir dort erschlagen worden.«
»Stimmt«, sagte Dad. »Natürlich.«
Captain Saubermann räusperte sich. »Ja, gut … diese Armbänder haben mir schon aus so mancher Klemme geholfen. Aber ehrlich gesagt, Ihre Entwicklungen bewundere ich auch immer wieder. Diese Deaktomatik zum Beispiel. Wirklich sehr innovativ. Haben Sie die irgendwo eingekauft?«
»Ehrlich gesagt ist das eine von meinen eigenen Erfindungen.« Dad schaute weg und versuchte ein Lächeln zu unterdrücken.
Mom legte eine Hand auf Dads Knie. »Er erfindet fast alle Dinge, die wir verwenden.«
»Ach!« Captain Saubermann schien sichtlich beeindruckt. »Ich weiß gar nicht, wie man das nebenbei noch schafft.«
»Durch viele lange Nächte in der Garage«, bekannte meine Mom.
»Und wer kümmert sich um die Zombies?«, fragte Captain Saubermann. »Denn ich habe mehr als einmal erlebt, wie gut trainiert sie sind.«
»Also, das ist hauptsächlich meine Aufgabe«, sagte Mom.
»Das ist komplett ihre Arbeit«, bekannte Dad. »Ich versuche nur, nicht im Weg rumzustehen.«
»Also, ganz ehrlich gesagt«, antwortete Captain Saubermann, »die meisten Zombies haben bei weitem nicht so viel Disziplin. Das letzte Mal, als ich gegen den Gräuelator gekämpft habe, waren seine Zombies wirklich sehr schlecht ausgebildet und vollkommen unorganisiert. Die Hälfte von ihnen versuchte erst gar nicht, mein Hirn zu fressen.«
Ich konnte nicht glauben, was ich da gerade hörte. Sie schienen sich ganz normal zu unterhalten – also, zumindest für sie normal –, ohne jede Beleidigung oder Todesdrohung. Eigentlich hätte es mich wahrscheinlich gar nicht so überraschen dürfen. Immerhin hatten sie vieles gemeinsam. In der Vergangenheit waren sie nur viel zu sehr damit beschäftigt gewesen, den andern zu töten, als sich zusammenzusetzen und miteinander zu reden wie zivilisierte Menschen.
Ich versuchte mir auszumalen, wie sich die drei irgendwann unter weniger verrückten Umständen noch einmal trafen. Vielleicht zum Kaffee oder irgendwo zum Abendessen. Wenn sie ihre Uniformen ablegten und die Vergangenheit ruhen ließen – war so etwas möglich? Es klang ziemlich unwahrscheinlich. Aber andererseits war es bisher auch unvorstellbar gewesen, dass meine Eltern je mit Captain Saubermann im selben Auto fuhren.
Und jetzt taten sie es doch.